Bedürfnisorientierte Begleitung von Kindern

Heute wollen wir uns einer ersten Frage annähern. Sie wurde und eingereicht von Maria (Name darf genannt werden). Maria beschreibt folgende Situation, die wir hier freundlicherweise veröffentlichen dürfen.

Mein Sohn ist 3 Jahre alt und noch nicht im Kindergarten. Ich möchte ihn gerne bindungs- und bedürfnisorientiert erziehen. Ich versuche stets achtsam und respektvoll mit ihm umzugehen. Je älter mein Sohn wird, umso öfters kommt es zu Konflikten zwischen uns. Ich versuche dann die Bedürfnisse meines Kindes zu verstehen und mich darum zu kümmern. In letzter Zeit merke ich, dass ich immer frustrierter werde. Ich bemühe mich den ganzen Tag, dass es meinem Sohn gut geht und empfinde dies zunehmend als anstrengend. Meinen Sohn, der ein sehr entspanntes Baby war, erlebe ich zunehmend als fordernd, unausgeglichen und schnell wütend. Wenn er etwas nicht bekommt oder machen kann, wie er es möchte, dann wird er ungehalten und wütet solange herum, bis ich eine Alternative gefunden habe, die ihm gefällt. Ständig seine Bedürfnisse zu erfüllen,  lässt mich langsam auf dem Zahnfleisch gehen. Wir wünsche uns eigentlich noch ein weiteres Kind, doch ich weiß nicht, wie ich das noch schaffen soll.

Ich will meinen Sohn gerne so erziehen (bedürfnis- und bindungsorientiert) und eine gleichwürdige Beziehung zu ihm haben. Aber ehrlich gesagt, ist es super anstrengend und mir geht die Freude an unserem Miteinander immer mehr verloren. Das macht mir Angst!

Kann diese Art zu erziehen auch leicht gehen? Oder ist es einfach so anstrengend ein Kind zu erziehen? Oder mache ich etwas falsch?

Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen.

Liebe Maria,

danke für das Schildern deiner Situation und deine ehrlichen Fragen. Ich höre dein Engagement und dass dir die Beziehung zu seinem Sohn sehr wichtig ist. Ja, es ist auf jeden Fall kein Spaziergang ein Kind in seinen Wachstums- und Entwicklungsprozessen zu begleiten – das stimmt. Manchmal ist es sehr anstrengend.

Du schreibst, dass du es zunehmend anstrengend findest und du auch in eurem Miteinander eine Veränderung merkst. Das klingt für mich nicht nach hin und wieder einem anstrengenden Tag, sondern einem stetigen Prozess, den du aktuell beobachtest. Du befürchtest die Freude an eurem Miteinander zu verlieren. Bei mir kommt an, dass dich das besorgt und auch betrübt.

Im Alltag mit Kindern entstehen häufig Bedürfniskonflikte. Ich brauche das – du brauchst das. Gemeinsam eine Lösung zu finden ist nicht immer einfach. Die eigene Strategie, mit der man sein Bedürfnis erfüllen wollte, loszulassen, fällt meist sehr schwer und ist oft mit Wut und Trauer verbunden. Diese emphatisch zu begleiten ist intensiv, führt gleichzeitig aber auch zu einer tiefen Verbundenheit, was von den meisten Menschen als freudvoll erlebt wird. Danach geht es dann oft erstmal wieder leichter – bis zum nächsten Konflikt. Wenn es zunehmend anstrengender wird, könnte es sein, dass es sich um ein „Missverständnis“ handelt. Nicht im Sinne, dass du etwas falsch machst, sondern vielleicht einen Anspruch hast, der zu dem führt, was du grade bei euch beobachtest. Ich komme unter anderem darauf, weil du schreibst, dass du ständig versuchst die Bedürfnisse deines Sohnes zu erfüllen. Daher möchte ich heute drei Ermutigen aussprechen und hoffe, dass sie etwas Befreiendes für dich haben. Ich schreibe es mal etwas „allgemeiner“, damit sich die ein oder andere hineingenommen fühlen kann:

  1. Bedürfnisorientiert heißt nicht „always happy“

Sein Kind bedürfnisorientiert zu erziehen, bedeutet nicht ihm jeden Wunsch zu erfüllen oder seine Probleme zu lösen. Kinder, die bindungs- und bedürfnisorientiert begleitet werden, sind nicht immer glücklich. Das ist nicht das Ziel! Natürlich wünschen sich Eltern, dass ihre Kinder glücklich sind. Doch glücklich werden Kinder nicht, indem alle unangenehmen Situationen und Empfindungen von ihnen fern gehalten werden. Grade durch das Erleben der Polarität und den Gegensätzen des Lebens empfinden wir Lebendigkeit, die mit einem Glücksgefühl gekoppelt ist. Das heißt um diese Lebendigkeit zu spüren, benötigen wir einen Umgang mit allen Emotionen. Wenn wir versuchen, dass es unseren Kindern immer „gut“ geht, ist das sehr anstrengend.

Angenommen du bist mit deinem Sohn auf dem Spielplatz und er möchte genau den Bagger haben, den grade ein anderes Kind benutzt. Nun geht es ihm „nicht gut“ und er bringt dies vermutlich auch zum Ausdruck. Jetzt könnte man in Versuchung kommen schnell dafür zu sorgen, dass es ihm wieder „gut“ geht. Ihm einen anderen Bagger anbieten, etwas Leckeres zu Essen oder ein gemeinsames Spiel. Wahrscheinlich wird die Situation nun stressig werden. Denn selbst, wenn sich dein Sohn auf eines deiner Angebote einlassen würde, könnte es gut sein, dass es nach kurzer Zeit schon zu der nächsten Situation kommt, die nicht so gelaufen ist wie er sich das vorstellt. Die Schaukeln zum Beispiel sind alle besetzt. Umgehend steigt Frust in ihm auf. Mal angenommen du würdest wieder „einspringen“ und durch ein interessantes Angebot dafür sorgen, dass er sich schnell besser fühlt, wäre auch das wahrscheinlich nicht von Dauer. Zuhause geht es dann eventuell weiter und so schaukelt sich die Situation hoch, bis deine Nerven irgendwann vermutlich blank liegen und du ganz und gar nicht mehr, deinen Werten entsprechend, auf ihn reagieren kannst, weil deine persönliche Grenze einfach überschritten ist. Daher zunächst die Ermutigung: dein Sohn darf sich durchaus auch mal „nicht gut“ fühlen. Er darf ruhig auch Gefühle spüren, die wir gemeinhin als „negativ“ bewerten. Ich denke sogar, dass es ein großes Geschenk ist, welches wir unseren Kindern machen, wenn wir sie in diesen Emotionen begleiten. Wäre es nicht fahrlässig, wenn wir als Eltern uns ständig darum kümmern, dass unsere Kinder nur „gute“ Gefühle haben und sie dann später mit anderen Emotionen völlig überfordert sind? Oder das sie ihnen gar Angst machen, weil sie ja nie sein durften? Von daher, liebe Maria, ist vielleicht die erste Botschaft, dass du dich ein wenig entspannen darfst. Du musst dich nicht darum kümmern, dass dein Kind sich immer gut fühlt. Du darfst hingegen mit ihm in Kontakt sein und ihn in seinen Erfahrungen begleiten. Und damit wären wir bei der – hoffentlich – 2. Entlastung

2. Du darfst die Begleiterin deines Kindes sein

Du darfst dein Kind in seinen Prozessen begleiten. Du musst weder seine Probleme lösen noch all seine Wünsche erfüllen.

Wenn man diesen Satz liest, denkt man vielleicht „Ja, klar! Das ist doch keine Frage!“. Beobachtet man sich dann aber mal im Umgang mit einem frustrierten Kind, bemerkt man unter Umständen wie schnell man dabei ist, ihm irgendwelche Lösungsvorschläge zu machen oder Alternativen anzubieten. Bedürfnisorientiert bedeutet nicht, dass Eltern alle Bedürfnisse ihrer Kinder erfüllen (bei einem Säugling ist das natürlich etwas anderes). Zunächst einmal bedeutet es, dass ich die Bedürfnisse meines Kindes wahrnehme. Ich sehe sie, achte sie und wir überlegen gemeinsam welche Strategien sie erfüllen konnten. Ähnlich dem Motto von Maria Montessori „Hilf mir, es selbst zu tun!“, könnte es lauten „Hilf mir, selbst kompetent darin zu werden!“. Das geschieht aber nicht, indem ich die Probleme meines Kindes löse oder dafür Sorge, dass sie gar nicht erst entstehen, wie oben im Beispiel beschrieben.

Was würde das ganz konkret bedeuten?

Bleiben wir mal bei dem obigen Beispiel. Du gehst also mit deinem Sohn auf den Spielplatz und er möchte den Bagger haben. Nun beruhigst du dich zunächst erstmal selbst und nimmst drei tiefe Atemzüge. Dann gibst du ihm und auch dir innerlich die Erlaubnis, dass er sich jetzt so fühlen darf wie er sich grade fühlt. Du musst das  nicht „weg“ oder „wieder gut“ machen. Als nächstes stimmst du dich emphatisch auf deinen Sohn ein. Du bleibst bei ihm in seinem Schmerz, Wut, Trauer, dass er jetzt diesen Bagger nicht haben kann. Das kann eine Weile dauern. Wenn alle Wut verraucht und alle Tränen erstmal geweint sind, ist er vielleicht bereit mit dir auf Bedürfnissuche zu gehen. Oft ist dies aber gar nicht mehr nötig. Viele Kinder kommen von ganz alleine auf die nächste Idee, wenn ihre Frustration gehört wurde.

Dieser Prozess ist zwar intensiv, jedoch nicht anstrengend in dem Sinne, dass du etwas tun musst außer präsent sein. Du musst keine Lösungen finden. Du musst seine Gefühle nicht verändern. Du darfst lediglich bei ihm bleiben, seine Gefühle sehen, eventuell verbalisieren, mit ihm durchleben und ihn dann wieder loslassen zu seinem nächsten Abendteuer. Je älter dein Sohn werden wird, umso mehr kommt vermutlich das Finden des Bedürfnisses zu diesem Prozess hinzu. Zu bemerken, was man eigentlich braucht und lediglich die Strategie, wie man sich dieses Bedürfnis erfüllen wollte, nicht funktioniert, schafft Raum für neue, kreative Ideen.

Als letztes noch eine Ermutigung, wo du mal schauen kannst wie es dir damit geht:

3. Du darfst dich auch um deine Bedürfnisse kümmern

Bedürfnisorientierte Erziehung, die sich lediglich auf die Bedürfnisse des Kindes konzentriert, ist aus dem Gleichgewicht geraten. Es steht außer Frage, dass ich meinen Säugling nicht sagen kann: Jesse, ich brauche grade etwas Schlaf, ich möchte dich grade nicht stillen! Hier stehen die Bedürfnisse meines Babys natürlich an erster Stelle. Je älter Kinder werden, umso mehr können wir bei Konflikten unsere gegenseitigen Bedürfnisse sehen lernen. Letztenendes lebe ich meinem Kind vor wie man mit seinen Bedürfnissen umgeht. Es sieht an mir, ob ich mich ernst nehme und für mich sorge oder nicht. Gehe ich immerzu über meine persönlichen Grenzen, sage nicht Nein, schaue nur, dass es den anderen gut geht, prägt sich dieses Verhalten bei meinem Kind ein. Wenn ich meinem Kind vermitteln möchte, dass man seine Bedürfnisse wichtig nehmen sollte, dann tue ich gut daran, es selbst auch zu tun.

Liebe Maria, ich hoffe diese Gedanken helfen dir ein Stück weiter in deiner momentanen Situation. Ich wünsche dir, dass du die Freude an eurem Miteinander wieder in aller Fülle spüren kannst.

(Da wir Maria die Antwort vorab gesendet haben, um ihre Erlaubnis zur Veröffentlichung zu erhalten, möchten wir ihre Reaktion auch kurz wiedergeben)

Hallo,

ich danke euch für eure Antwort. Das Beispiel mit dem Spielplatz hätten tatsächlich wir sein können.  In unserem Miteinander hat sich mittlerweile bereits einiges geändert. Seit ich mir vor Augen führe, dass ich die Probleme meines Sohnes nicht lösen muss und er sich auch mal schlecht fühlen darf, scheint ein Knoten geplatzt zu sein. Oft haben wir einen Konflikt, in dem ich ihn dann begleite wie ihr es beschrieben habt (nicht mehr seine Probleme lösen oder Gefühle „weg machen“, sondern Empathie). Das dauert länger als früher, wenn ich schnell eine Alternative angeboten habe. Trotzdem empfinde ich es nicht als so anstrengend, denn ich muss ja nur bei ihm sein und ihn begleiten. Das entspannt mich und ist eine große Erleichterung für mich. Ich wollte einfach, dass er glücklich ist. Jetzt erst habe ich gemerkt, dass dieses Glück sehr kurzfristig gedacht ist. Außerdem ist mir aufgefallen, dass dieses „Glücklichmachen“ anderer wohl auch etwas mit meiner eigenen Geschichte zu tun hat. Naja, jedenfalls dauert es wie gesagt oft etwas länger, dafür ist die Luft danach aber auch wirklich rein und unser Miteinander sehr harmonisch. Wie wenn es endlich mal raus dürfte und ich es früher unter dem Deckmantel der Bedürfnisorientierung einfach unterdrückt hab. Natürlich gelingt es mir nicht immer, aber in der Regel fällt es mir zumindest auf, wenn ich mich wieder anstrenge. Ich bin so froh, denn dieser neue Umgang fühlt sich völlig anders an und wesentlich leichter. Es macht mir wieder Freude mit meinem Sohn zusammen zu sein. Ich fühle mich ihm nahe und gleichzeitig hat jeder seinen Raum. Mit dem um meine Bedürfnisse kümmern bin ich noch am Üben. Habt vielen Dank! Ich hoffe meine Erfahrung hilft noch anderen weiter….

Ja, das hoffen wir auch und bedanken uns nochmal herzlich bei Maria für ihre Erlaubnis dies hier so weitergeben zu dürfen.

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