Die Chance in enttäuschten Erwartungen

Nun liege ich schon 40 Minuten mit Neele im Bett und sie will einfach nicht einschlafen. Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass es heute Abend „schnell“ gehen würde, denn wir hatten einen aktiven Tag. Doch dies ist eindeutig nicht der Fall. Sie wirkt hellwach und stellt eine Frage nach der anderen. Es sind nicht nur irgendwelche Fragen, sondern solche, bei denen auch ich zunächst nachdenken muss. „Wie ist es im Himmel? Wann stirbt wer? Warum stirbt man überhaupt? Warum bin ich ein Mädchen? Wieso ist Fritz ein Junge? Warum gibt es Tiere? Usw.“ Nachdem ich ihr sage, dass wir darüber morgen in Ruhe sprechen, beginnt sie mir ihre Träume und Wünsche zu erzählen. Detailliert breitet sie vor mir aus wie sie mal eine Braut sein wird – nachdem sie meine Hochzeitsschuhe gefunden hat, ist dies ihr großes Thema – und was sie auf ihrer Hochzeit tragen möchte. Ich beobachte wie ich innerlich immer gestresster und langsam auch wütend werde. In 5 Minuten habe ich ein Online-Meeting an dem ich gerne teilnehmen möchte. Ich hatte mir das ganz anders vorgestellt. Zum Glück durfte ich nun bereits fast 9 Jahre diesbezüglich Erfahrungen sammeln und so war mir schnell klar, dass der Weg der Frustration und Wut nicht schneller zu einem schlafenden Kind führen wird – wie schön auch hin und wieder die eigenen Lernfortschritte zu bemerken ;-). So schrieb ich, dass ich später zu dem Meeting kommen würde und machte mich innerlich frei von meinem Termindruck. Auch meinen Ärger darüber, dass meine Erwartungen sich heute nicht so erfüllten wie ich es gedacht hatte, nahm ich wahr. Langsam beruhigte ich mich und stellte mich innerlich darauf ein, dass ich nun noch min. eine Stunde bei Neele verbringen würde (übrigens ein Trick, der für mich sehr gut funktioniert: Ich nehme an, dass es nun so ist und stelle mir vor, dass es jetzt auch erstmal so bleiben wird. Sobald ich ein Ja zu der Situation gefunden habe, werde ich ruhiger und entspanne mich zusehends). Nachdem ich meine Erwartungen losgelassen und mich entspannt habe, dauerte es noch 5 Minuten und neben mir atmet meine Tochter ganz ruhig und ist selig eingeschlafen.

Diese Situation ist kein Einzelfall!

Wie oft habe ich schon versucht mich morgens früher aus dem Bett zu schleichen, um wenigstens 15 Minuten für mich alleine zu haben, bevor der Tag beginnt. Erfolglos! Als hätten sie Antennen dafür, wacht immer irgendeins der Kinder auf, um diese 15 Minuten mit mir gemeinsam zu verbringen. Außer an so bestimmten Tagen wie etwa letzte Woche. Ich habe zeitig einen Termin beim Frauenarzt und stelle mir einen Wecker, um mich fertig zu machen. Alle Kinder schlafen friedlich. Ich bemühe mich erst gar nicht leise zu sein, weil sie ja ruhig aufwachen dürfen, denn gleich geht es sowieso los. Nichts – Stille im Haus! Ich bin sprachlos… Schließlich muss ich alle drei Kinder wecken, um pünktlich loszukommen.

Vielleicht kennt jemensch ähnliche Situationen. Für mich sind sie immer wieder ein Phänomen. Praktisch habe ich schon Verschiedenes ausprobiert und es macht leider keinen Unterschied. Ob ich in „ganz normaler“ Lautstärke mich aus dem Zimmer ins Bad und vom Bad ins Wohnzimmer bewege, dorthin schleiche oder „extra“ rücksichtslos bin als wolle ich sie aufwecken, erzielt leider alles nicht den gewünschten Effekt.

Als ich dieses Thema so bewegte, kam mir der Gedanke, dass mich meine Kinder so immer wieder daran erinnern, mich mit meinen Erwartungen an sie auseinanderzusetzen. Mir fallen nicht nur Situationen ein, die sich auf den kindlichen Schlaf beziehen, sondern auch viele andere. Zum Beispiel dann, wenn ich eine Erwartung in eine Bitte tarne wie: Kannst du mir mal grade bei XY helfen? Oft erhalte ich dann ein „Nein“ und an meiner eigenen Reaktion, merke ich schnell, dass es sich um keine Bitte, sondern eine Forderung gehandelt hat.

Gestern fragte ich Penny, ob sie die Blumen im Treppenhaus für mich gießen könne, weil mir das Treppensteigen schwer fiel. Sie bejahte, wandte sich dann aber noch etwas anderem zu. Ich ging daraufhin schonmal zum Waschbecken, um die Gießkanne zu füllen und dachte: „Ach, ich kann es ja auch eben schnell selbst machen, sie ist ja jetzt beschäftigt.“ Grade als ich losgehen wollte, trat Penny neben mich und meinte: „Aber Mama, du hattest mich doch gefragt, ob ich die Blumen gießen kann.“ „Ja, das stimmt. Irgendwie dachte ich, du hast vielleicht doch grade keine Lust dazu.“ Sie schaut mich groß an und entgegnet: „Aber es ist dir doch eine Hilfe, wenn ich das mache.“ Da hatte sie wohl Recht. Also nahm sie die Gießkanne aus meiner Hand und stiefelte die Treppen hoch…

Penny ist wohl unser Familienmitglied, was am ehesten ein Ja zu sich und dementsprechend ein Nein zu anderen ausdrücken kann. Ich glaube, dass sie gestern genau gemerkt hat, dass ich keine Erwartungen hatte. So musste sie sich nicht „schützen“, sondern war frei zu überlegen, ob sie grade etwas geben möchte oder nicht. Schließlich hat sie sich entschlossen mich aus freien Stücken zu beschenken und ich konnte sehen, dass sie mir etwas Gutes tun möchte, was wiederum mein Herz berührt hat.

Schauen wir uns das Thema Erwartungen also etwas genauer an, treten für mich zwei Punkte besonders hervor:

  1. Unsere Sehnsucht nach bedingungsloser Annahme

Ich glaube, dass wir Menschen uns alle danach sehnen bedingungslos angenommen, akzeptiert und geliebt zu werden. Sobald an diese Liebe bestimmte Erwartungen geknüpft werden, macht dies Angst. Das geschieht manchmal ganz unbewusst, aber ich glaube wir spüren von Anfang an ganz genau, dass dann die Sicherheit unserer Beziehung gefährdet ist. Wenn ich angenommen bin, wie ich bin und mich auch so zeigen darf, ist die Beziehung zu meinen Bezugspersonen zutiefst sicher. Es kann sie nichts ins Wanken bringen. Ich kann aus dieser Beziehung nicht „herausfallen“ und die Beziehung nimmt auch keinen Schaden, wenn ich die Erwartungen meiner Bezugsperson nicht erfülle.

Hier empfinde ich es als äußerst hilfreich mit dieser Sehnsucht regelmäßig in Kontakt zu kommen. Dies fängt zunächst bei mir selber an. Auch ich sehne mich nach dieser bedingungslosen Annahme und fühle mich erst dann wirklich verbunden und frei zugleich. Bei mir sind es allerdings in der Regel nicht mehr nur „die anderen“, deren Erwartungen mich möglicherweise unter Druck setzen, sondern oft auch meine Eigenen. Entspreche ich meinen Erwartungen? Bin ich so, wie ich gerne sein möchte? Körperlich? Emotional? Intellektuell? Kann ich mich so annehmen und lieben wie ich bin? In unserem letzten Artikel ging es bereits um die Barmherzigkeit mit sich selbst. Ich gehe davon aus, dass es uns nicht gelingen wird, unsere Kinder bedingungslos zu lieben, wenn wir mit uns selbst nicht ebenfalls liebevoll umgehen. Von daher lädt mich der Wunsch meine Kinder zu lieben wie sie sind, zunächst zur Selbstliebe ein. Ich nehme mich an wie ich bin – lasse mich sein, urteile nicht, sehe mein Gewordensein und schaue liebevoll auf mich.

Nachdem ich mich „versorgt“ habe, kann ich mich in gleicher Weise meinen Kindern zuwenden (wem es leichter fällt seine Kinder anzunehmen wie sie sind, der kann natürlich auch versuchen, mit demselben liebevollen Blick auf sich zu schauen – vielleicht ist es genau der Blick, den man sich immer gewünscht hätte). Ich finde es hilfreich sich regelmäßig Zeit zu nehmen, um mit meiner eigenen Sehnsucht und auch der meiner Kinder in Kontakt zu gehen.

Dabei kann man sich zum Beispiel das eigene Kind vor Augen führen und Erlebnisse mit ihm vor dem inneren Auge aufsteigen lassen, die man mit dem Satz begleitet: „Und genau so liebe ich dich!“ oder „Ich liebe dich so wie du bist!“ Bei dieser Übung merkt man sehr schnell bei welchen Erlebnissen oder Eigenschaften der Satz einem sehr leicht fällt und wo er einem Mühe bereitet. Hier lohnt es sich dann nochmal der dahinterliegenden Erwartung an mein Kind nachzuspüren. Was erwarte ich eigentlich? Woher kommt diese Erwartung? Ist es meine eigene oder wurde sie bereits an mich gerichtet? Möchte ich wirklich, dass mein Kind diese Erwartung erfüllt? Welches eigene Bedürfnis verbirgt sich hinter dieser Erwartung (siehe 2.)? Wie kann ich dafür die Verantwortung übernehmen?

2. Die liebe Verantwortung

Der zweite Punkt, der mich bei dem Thema Erwartungen sofort anspringt, ist Verantwortung. Wenn ich unausgesprochene Erwartungen an andere Menschen habe, gebe ich ihnen damit auch die Verantwortung sich um meine Bedürfnisse zu kümmern. Zum Beispiel sollte Neele einschlafen, damit ich an meinem Meeting teilnehmen konnte. Damit hatte ich ihr die Verantwortung übergeben. Erst als ich sie wieder selbst übernahm und meine Verspätung ankündigte (hier hätte es sicher noch viele andere Strategien gegeben), schlief sie friedlich ein. Wenn wir merken, dass wir uns über unsere Kinder oder andere Menschen ärgern, zeigt uns das in der Regel ein unerfülltes Bedürfnis. Mit diesem Bedürfnis sind wir allerdings selten ganz in Kontakt. Eher tritt es zunächst in der Form von Erwartungen in Erscheinung. Ein Beispiel:

Penny hat mir zugesagt, dass sie um 18 Uhr zum Abendessen zuhause sein wird. Jetzt ist es 18 Uhr und sie ist nicht da. Ich beginne mich zu ärgern, weil mir Zuverlässigkeit wichtig ist. Außerdem habe ich ein Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung und sehe dieses in meinen Gedanken schwinden, wenn ich Penny dann, wenn sie irgendwann kommt, das Abendessen nochmal warm machen muss. Ich bin wütend und merke zunächst die unerfüllten Erwartungen. Bei näherer Auseinandersetzung führen sie mich dann zu meinen beschriebenen, unerfüllten Bedürfnissen. Nun kann ich Penny, wenn sie nach Hause kommt, ausschimpfen und ihr die Verantwortung für meine schlechten Gefühle und unerfüllten Bedürfnisse geben. Dies würde unsere Beziehung vermutlich nicht dienlich sein. So schlägt die gewaltfreie Kommunikation vor, die Verantwortung für meine Gefühle und Bedürfnisse zu übernehmen. Wenn Penny kommt, kann ich mit ihr darüber sprechen, dass mir Zuverlässigkeit wichtig ist und wir können überlegen wie ich mir dieses Bedürfnis erfüllen kann (sie hat sich ja mit ihrem „Zuspätkommen“ ebenfalls ein Bedürfnis erfüllt und hier hieße es zu schauen, wie wir diese beiden Bedürfnisse überein bekommen könnten wie z.B. sie kommt kurz nach Hause und gibt mir Bescheid, dass sie nicht zum Abendessen kommen wird und sich später alleine etwas zubereitet). Auch für mein anderes Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung darf ich die Verantwortung übernehmen. Hier habe ich es allerdings mit einer Erwartung an mich selbst zu tun, nämlich meinen Kindern Abendessen zuzubereiten. Meine Strategie um Fürsorge auszudrücken. An diesem Punkt darf ich nun kreativ werden und mir überlegen wie ich mein Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung erfüllen kann und gleichzeitig eine andere Strategie finde, Penny meine Fürsorge zu zeigen. So könnte ich zum Beispiel beschließen mich heute nicht mehr um ihr Abendessen zu kümmern und sie es selbst aufwärmen oder kalt essen zu lassen, um keine Arbeit mehr damit zu haben. Stattdessen könnte ich mich, wenn sie einverstanden ist, beim Essen zu ihr setzen und mich mit ihr über unseren Tag austauschen.

Dieses Beispiel macht deutlich: unerfüllte Erwartungen können uns zu unseren Bedürfnissen führen. Indem wir für diese Bedürfnisse wieder selbst die Verantwortung übernehmen, lösen wir „die Fesseln“ um uns selbst und den anderen. Wir können wieder frei miteinander in Kontakt gehen und unsere Bedürfnisse verhandeln. So kommen wir aus der Gefangenschaft der Erwartungen („du musst/du sollst“) wieder in die Freiheit, Annahme und persönliche Verantwortung („ich fühle/ich brauche“).

Nachdem ich dies nun niedergeschrieben habe, erfüllt mich Dankbarkeit. Sind unsere unerfüllten Erwartungen vielleicht irgendwie auch Geschenke des Lebens oder anderer Menschen an uns, um wieder mehr mit dem in Kontakt zu treten, was wir eigentlich brauchen und der bedingungslosen Liebe erneut auf die Spur zu kommen? Ist es nicht besonders wertvoll, wenn sich unsere Kinder trauen, sich uns zu zeigen wie sie sind (und vielleicht anders als wir sie gerne sehen wollen)? Zeigt es nicht ihre Liebe zu sich selbst und auch ihr Vertrauen in uns?

All das macht mir Lust mich mit meinen Erwartungen immer wieder auseinanderzusetzen. Natürlich ist es nicht schön, wenn etwas nicht so läuft wie man möchte – doch darin liegt möglicherweise auch eine Einladung zu Entwicklung, Heilung und bedingungsloser Annahme.

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