Mit sich selbst liebevoll umgehen

Die Zeit meiner Schwangerschaft nähert sich langsam dem Ende. In gut 8 Wochen können wir laut Berechnung unser Kind erwarten – mal schauen, ob es sich daran hält ;-). Jedenfalls erinnere ich mich noch gut an die Schwangerschaften der anderen Kinder und habe vor allem ab der Schwangerschaft mit Fritz (3.Kind) grade die letzten Wochen immer als wirklich herausfordernd erlebt.

Alles wird beschwerlicher und man kann nicht mehr so, wie man gerne würde. Es geht einfach nicht mehr so schnell und leicht. Ein verschüttetes Glas Saft vom Boden aufzuwischen ist nicht mal eben gemacht. Die Bauklötze nicht mit Leichtigkeit eingeräumt. Ein weinendes Kind nicht mal schnell nach Hause getragen oder locker, leicht hinter dem Laufrad hergeflitzt. Meine Schwangerschaftsapp meint, ich könne ja nun bald in Mutterschutz gehen und solle es mir dann die letzten Wochen noch so richtig gut gehen lassen – ich weiß auch nicht, wie sie sich das vorstellt, denn meine Arbeit ist tatsächlich aktuell das, was mich am wenigsten herausfordernd. Nun gut…

Dennoch bin ich unendlich dankbar, dass ich diese Zeit erleben darf und will sie irgendwie „genießen“ (eben nicht nachts beim von der einen Seite auf die andere drehen oder wenn sich die Lust auf ein süßes Getränk mit Sodbrennen bemerkbar macht).

Warum schreibe ich diese persönlichen Zeilen?

Vermutlich werden sich manche Mütter gut an diese Zeit erinnern und manches nachempfinden können. Eine Zeit in der Dankbarkeit und Freude sowie Belastung und Herausforderung sich ganz nah beieinander befinden. Heute Abend, als ich den Tag für mich noch etwas revue passieren ließ, spürte ich Frustration und Trauer in mir aufsteigen, die sich in dem Satz kumulierten: „Heute war ich nicht die Mama, die ich gerne sein möchte!“

Aus diesem Grund schreibe ich den Artikel. Immer wieder geht es in anderen unserer Beiträge darum – oder wird mal so am Rande erwähnt – dass man liebevoll mit sich selbst umgehen sollte. Das klingt einfach toll! Doch in den Situationen, in denen es relevant wird, ist es „harte Arbeit“. Heute war ich nicht die Mama, die liebevoll, geduldig, emphatisch, präsent und authentisch ihren Kindern begegnet. Nein, heute durften meine Kinder erleben, dass ihre Mama sehr genervt reagiert, nachdem sie mühevoll den Boden gesaugt hat und Lotti dann beim Mittagessen ihren kompletten Germknödel in einen Knetball verwandelt, dessen kleine Teile dem Boden dann doch wieder etwas mehr Konturen geben. Auch haben sie erfahren, dass meine Geduld ausgeht, wenn ich Fritz immer wieder seine „Garage“ zusammenbauen soll, während ich versuche ein Mittagessen vorzubereiten. Das „sturmklingeln“ von Penny kann ich heute ebenfalls nicht gut vertragen, weil es mir vor Augen führt, dass ich grade nicht mehr so (schnell) kann. Und als Lotti dann noch mit mir eine Unterhaltung darüber beginnt, was wer gut kann und dann irgendwann bei mir ankommt und voller Ehrlichkeit verkündet: „Mama, ich weiß gar nicht, was du gut kannst! Ach doch, du kannst gut schlafen!“, muss ich schon zweimal schlucken.

All diese Situationen sind kein Drama und meine Kinder wissen durchaus, dass ich eben auch – ja, zum Glück – ein ganz normaler Mensch bin mit all meinen Stärken und Schwächen. Ich halte es da mit Jesper Juul, der immer wieder betont, dass es nicht darum geht eine bestimmte Rolle zu spielen, sondern authentisch zu sein und dazu gehören eben auch schlechte Momente und Tage.

Dennoch passiert hier meiner Meinung nach etwas ganz Wichtiges. Es ist ja kein Problem zu erkennen, dass ich mich heute nicht so verhalten habe, wie ich mich gerne verhalten würde. Im Gegenteil ist eine solche Selbstwahrnehmung durchaus hilfreich. Doch wie ich mit dieser Wahrnehmung weiter umgehe, macht die Sache spannend. Denn dazu habe ich zwei Optionen:

  1. Selbstkritik

Ich kann nun meinen „inneren Kritiker“ eine Bühne anbieten. Diesen oder diese Kritikerin haben wir wohl alle. Sie sind sofort bereit auf den Plan zu treten, wenn die eigenen Ansprüche nicht erfüllt werden. Sie helfen dann fleißig mit die Situationen zu analysieren und führen nochmal deutlich vor Augen, wo man „versagt“ hat. Manchmal empfinden sie es auch als hilfreich andere Menschen zum Vergleich heranzuziehen, denen alles doch viel besser zu gelingen scheint. Die Motivation dieses inneren Kritikers ist an sich eine Gute, denn er glaubt, indem wir deutlich vor Augen geführt bekommen wie oder wo wir uns nicht ideal verhalten haben, würde dies unsere Motivation erhöhen uns noch mehr anzustrengen. Etwas härter zu uns zu sein, sich noch mehr Mühe zu geben, doch anders zu reagieren – nämlich so wie es XY macht oder in einem Artikel/Buch beschrieben wurde (und das schreibt sich wirklich immer sehr leicht dahin). Im Grunde das Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche: „Streng dich mehr an, damit du deine Ideale erreichst!“ Mit Authentizität hat das wenig zu tun. Doch auch dieser Weg kann erfolgreich sein und man perfektioniert sich selbst in seiner Persönlichkeit oder in seiner Mutter-/Vaterrolle. Die Gefahr besteht jedoch, dass die jeweiligen Gegenüber dem wahren Selbst des anderen nicht begegnen, sondern lediglich einer nahezu perfekten „Hülle“.

Ihr merkt schon, dass ich euch zu dieser Option nicht einladen möchte, da ich in meinen Beratungen ständig mit den verheerenden Folgen konfrontiert werde, wenn Menschen zu lange diesem inneren Kritiker Gehör und Glauben schenken. Aber es gibt noch eine weitere Option und das ist der Weg der Barmherzigkeit, der wie folgt aussehen kann:

2. Barmherzigkeit

Wenn ich merke, dass ich heute nicht so gelebt habe, wie ich es eigentlich möchte, biete ich dem „inneren Kritiker“ keine Bühne. Stattdessen lade ich einen fürsorglichen und verständnisvollen Anteil ein, den Tag mal aus seinen Augen mit ansehen zu dürfen. Wem diese Arbeit mit inneren Anteilen nicht so vertraut ist, dem hilft vielleicht die Vorstellung, dass man mit einer Person über den Tag spricht, die ebendiese Eigenschaften verkörpert. Das muss keine real existierende Person sein, denn ich kenne einige Menschen die sagen, dass ihnen solche Menschen in ihrem Leben bisher nicht begegnet sind. Die die Erfahrung nicht machen durften, dass jemand mitfühlend und verständnisvoll auf die Punkte an sich oder in ihrem Leben blickt, mit denen sie selbst hadern. Gelingt es nicht auf eine real existierende Person zurückzugreifen, hilft manchmal eine „gute Fee“, ein Engel, eine Figur aus einem Film oder ein anderes Tier- oder Phatasiewesen. Auf diese Weise, d. h. gemeinsam oder mit den Augen des ausgewählten, liebevollen Wesens auf meinen Tag zu blicken, führt mich hin zu meinem Inneren. Ich werde eingeladen ebenfalls liebevoll auf mich und mein Unvermögen zu schauen sowie Verständnis und Mitgefühl für meine Situation zu entwickeln. Dies hilft mir, mich „auch so“ anzunehmen. Ich muss nicht gegen mich kämpfen, denn genau das Annehmen meiner Selbst – auch und genau so – bindet nicht noch die letzten Kräfte und richtet sie gegen mich. Stattdessen setzt es diese Kräfte frei und indem ich geduldiger, verständnisvoller, klarer, emphatischer mit mir selbst und letztlich wieder authentischer sein kann, gelingt es mir vielleicht auch morgen wieder mit meinen Mitmenschen etwas anders umzugehen.

Indem ich liebevoll auf mich schaue, kümmere ich mich um meine Bedürfnisse. Ich schenke mir Verständnis und sehe, was ich grade brauche. Das ist die Voraussetzung um mich auch ganz praktisch für meine Bedürfnisse einzusetzen. Sich liebevoll anzuschauen anstatt sich weiter zu geißeln und anzustreben. Es kann wirklich erhellend sein, seine inneren Dialoge diesbezüglich mal zu beobachten.

Daher will ich heute Mut machen zu einem liebevolleren Blick auf sich selbst – grade dann, wenn es schwer fällt. Und ich glaube, dass dies auch etwas sehr kostbares ist, was wir natürlich zunächst uns selbst, aber auch unseren Kindern oder Mitmenschen schenken können. Das, was inspiriert und prägt, sind ja selten die „perfekten“ Menschen, denen alles mit scheinbarer Leichtigkeit gelingt. Gehen wir liebevoll mit uns selbst um, laden wir andere möglicherweise zu ebendiesem Blick ein und geben unseren Kindern die Gelegenheit an uns zu sehen wie wir mit unseren Schwächen, Unzulänglichkeiten und all dem umgehen, was uns eben nicht so leicht fällt.

Ich glaube, dass ist ein Geschenk fürs Leben. Darum: beschenken wir uns selbst mit Barmherzigkeit und schauen grade an den „schlechten Tagen“ besonders liebevoll auf uns.

%d Bloggern gefällt das: