Inklusiv leben lernen

Vor einigen Jahren habe ich diesen Artikel für ein Buchprojekt verschiedener Autoren zum Thema „Inklusion“ verfasst. Anlässlich des Welt-Down-Syndrom-Tages, der in dieser Woche stattgefunden hat, haben wir überlegt ihn nochmal hier auf dem Blog zu veröffentlichen.

Ein Wichtiges Thema und wir glauben für alle ein Gewinn, wenn wir inklusiv leben lernen…aber lest selber…

Persönliche Betroffenheit:

Seit über 8 Jahren besteht eine Hauptaufgabe meiner Arbeit darin, mich für Integration einzusetzen. Der Wunsch nach Inklusion und die begonnene Umsetzung freut mich sehr. Ich wünsche mir, dass der Inklusionsgedanke sich immer weiter auswirkt und seine Folgen sicht- und spürbar werden. Ganz so wie Richard Weizsäcker sagt: „Was im Vorhinein nicht ausgegrenzt wird, muss hinterher auch nicht wieder eingegliedert werden!“ Eine wunderbare Vorstellung.

Gleichzeitig beschleichen mich Zweifel. Inklusion, die Zugehörigkeit aller Menschen. Die Chance jedes Menschen an allen Bereichen des gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Verschiedenheit als Normalzustand. In der UN-Behindertenrechtskonvention als Menschenrecht festgeschrieben. Vor meinem inneren Auge sehe ich Schulen, Arbeitsplätze, Wohnviertel etc. in denen die unterschiedlichsten Menschen miteinander lernen, arbeiten und leben. Menschen mit offensichtlicher Behinderung und Menschen, die gut gelernt haben, ihr Handicap zu verbergen oder gesellschaftlich anerkannt zu tarnen. Das flaue Gefühl in meiner Magengegend bleibt, trotz dieser schönen Vorstellungen. Mich treibt etwas um. Die Befürchtung, dass all die guten Ziele und tollen Modelle letztlich doch zu kurz greifen. Eine Inklusion, die nur das Ergebnis bedenkt und fokussiert, ist gut gemeint, aber möglicherweise nur von geringer Halbwertszeit.

Wo beginnt eine nachhaltige Veränderung? Wo muss Inklusion ansetzen, damit sie nicht nur ein nett anzusehendes, schnell wachsendes Pflänzchen ist, sondern ein solides Wurzelwerk besitzt, so dass sie so manchem Unwetter trotzen kann?

Ausweitung des Inklusionsbegriffes:

Ich bin davon überzeugt, dass wir für eine nachhaltige Veränderung Inklusion nicht nur von Ergebnis, Methode, Rahmenbedingungen und Veränderungsplänen her denken dürfen.

Inklusion hat etwas mit unserer Haltung, unserem Denken und alltäglichen Handeln zu tun. Etwas mit mir – ganz persönlich. Mit meinem Umgang mit mir selbst, meiner Familie, meinen Nachbarn, den Menschen, die mir privat oder beruflich anvertraut sind. „Inklusiv leben lernen“ lautet die Devise.

Sicherlich beinhaltet Inklusion, meinen Kontakt – sprich mein Denken, Fühlen und Handeln – mit Menschen mit offensichtlicher Behinderung zu reflektieren. Aber auch der Umgang mit Menschen, deren Behinderung zunächst nicht erkennbar ist, schließt ein inklusiver Lebensstil mit ein.

In unserem diesjährigen Familienurlaub wurde ich darüber von einer intelligenten Frau belehrt. Sie ist Mutter dreier Kinder. Eines der Kinder war für jeden erkennbar behindert. Wir unterhielten uns, welche Auswirkungen diese offensichtliche Behinderung auf ihr Leben hätte. Sie erklärte mir, dass sie zu der Einsicht gekommen sei, dass jeder Mensch dieser Welt ein Handicap mit sich trage. Bei ihrer Tochter sei es zunächst offensichtlich. Aber auch sie habe eine Behinderung. Sie könne kaum „Nein“ sagen. Ihr Mann habe das Handicap sich über seine Arbeit zu definieren, worunter sein Körper immer wieder leidet. Ihre beste Freundin habe die Behinderung der Perfektion, die ihren ganzen Alltag beherrscht. „Können Sie mir sagen, wer hier nun behindert ist und wer nicht?“, fragte sie mich.

Eine interessante Sichtweise.

Ein exklusiver Lebensstil:

Wie bereits erwähnt, ist ein Hauptaufgabenfeld meines Berufes das Leisten von Integrationshilfe. Ich arbeite seit mehreren Jahren selbstständig als psychologische Beraterin. Die meisten Menschen, die ich in dieser Zeit kennen lernen durfte, lebten in einer Haltung der Exklusion. Schon früh haben sie gelernt, dass bestimmte Gefühle und Bedürfnisse keinen Platz haben sollten. Durch ihre weiteren Lebenserfahrungen und gesellschaftliche Vorstellungen unterstützt, wurden diese Gefühle und Bedürfnisse immer mehr separiert, exkludiert und abgespalten. Sei es Trauer, Angst, Schwäche, etwas Fehlerhaftes o.ä.. Die Abspaltung ist anstrengend, da man stets sehr bedacht sein muss, dass diese Gefühle separiert bleiben. Ein Mensch, der so lebt, ist nicht „ganz“. Ihm fehlen wichtige Teile seiner Persönlichkeit bzw. des grundsätzlichen Menschseins.

Nur am Rande sei erwähnt, dass die Folgen dieses exklusiven Lebensstils, den wir persönlich leben, auch gesamtgesellschaftlich im Laufe der Geschichte nachzuvollziehen sind. So ist es fortwährend das Bemühen der Menschen gewesen, alles in ihren Augen „Arme, Schwache, Unnormale, Nicht-Funktionsfähige, Behinderte“ zu verstecken, zu separieren, ja, in den dunkelsten Zeiten unserer Geschichte sogar zu töten. Gott sei Dank hat sich hier eine Veränderung vollzogen.

Dennoch lässt sich nicht nur gesamtgesellschaftlich, sondern auch ganz individuell auch weiterhin eine gewisse Furcht vor allem „Armen, Schwachen, Unnormalen, Nicht-Funktionsfähigen, Behinderten“ beobachten. Der erste Impuls bleibt oft der, auch vor diesen eigenen inneren „Schatten“ wie der Psychiater C.G.Jung sie nennt, zu fliehen oder sie zu bekämpfen. Sehr mutige Menschen machen sich dann nach einer oft kräftezehrenden Flucht oder einem zermürbenden inneren Kampf auf die Suche nach „Integrationshelfern“. Sie öffnen sich einem Freund, Seelsorger, Berater oder Therapeuten. Und ein Weg der Überwindung der Exklusion beginnt. Der Mensch integriert seine abgespaltenen Anteile, wird „ganz“ und in diesem Sinne „heil“. Er ist nun eingeladen zu einem inklusiven Lebensstil.

Ein inklusiver Lebensstil:

Menschen, die inklusiv leben, verzichten darauf Gefühle als „richtig“ und „falsch“ zu bewerten. Sie nehmen das an, was ist und sehen die Bedürfnisse, die hinter den Gefühlen stecken. Sie setzen sich mit dem eigenen Gewordensein und den damit verbundenen „persönlichen Schatten“ auseinander. Sie wissen um das „Verletzte und Schwache“ in sich und leben dies als einen Teil ihrer vielfältigen Persönlichkeit. Diese Menschen wissen sich angenommen und geliebt in ihrem ganzen Sein. So muss sie nicht mehr die Furcht dazu treiben, vermeintlich unliebsame Anteile ihres Selbst, abzuspalten. Die liebevolle Annahme, hat diese Furcht ausgetrieben. Das schenkt ihnen die Freiheit nicht nur sich selbst anzunehmen. Es schafft auch die Bereitschaft, anderen Menschen in ihrem So-sein zu begegnen. Es besteht keine Not mehr das „Fremde“ im Anderen zu bekämpfen oder davor zu fliehen, da man um das eigene „Fremde“ weiß.

Mir ist durchaus bewusst, dass es sich hier um einen idealisierten Zustand handelt, den vermutlich kein Mensch je in dieser Vollkommenheit zu erreichen vermag. Dennoch schafft es Orientierung auf unserem Weg. Eine solche Haltung stärkt das Fundament auf dem Inklusion nachhaltig gewinnbringend sein kann.

Ein paar praktische Anregungen:

Die Basis für einen inklusiven Lebensstil ist demnach die personale Integration, sprich das „heil“ und als Person stimmig werden. Das zu integrieren, was bisher exkludiert war. Dazu ein paar Gedankenanstöße.

„Das Fremde im Anderen“:

  • Gibt es bestimmte Verhaltensweisen, die mich an anderen stören?
  • Kenne ich dieses Verhalten auch von mir? Bzw. würde ich mir erlauben mich so zu verhalten?
  • Welches Gefühl oder Bedürfnis steht vielleicht hinter dem Verhalten?
  • Wie bewerte ich dieses Gefühl/Bedürfnis für mich persönlich?

„Das eigene Fremde“:

  • Welche Eigenschaften von mir würde ich gerne ablegen?
  • Gibt es bestimmte Gefühle, die ich nicht an mir mag?
  • Für welches Verhalten wurde ich in meinem bisherigen Leben anerkannt? Für welches nicht?
  • Welche Bereicherung könnte in den unliebsamen Gefühlen verborgen sein?

Noch ein paar abschließende Gedanken:

Ein persönliches Umdenken hin zu einem inklusiven Lebensstil bietet ein festes Fundament für die praktische Umsetzung des Inklusionsgedankens. Darüber hinaus haben Menschen, denen privat oder beruflich Kinder anvertraut sind, eine entscheidende Möglichkeit: sie können durch ihr eigens Vorbild und ihre ganz konkrete Beziehungsgestaltung dazu beitragen, dass Kinder von Beginn an einen inklusiven Lebensstil erlernen. Es ist erschreckend wie man seine abgespaltenen Anteile v.a. im Umgang mit kleinen Kindern quasi direkt weitergibt und sie zu ebensolcher Exklusion einlädt. Zum Beispiel: „Du brauchst keine Angst haben! Jetzt hör doch mal auf zu jammern! Sei schön lieb! Stell dich nicht so an! Ein Indianer kennt keinen Schmerz! Wenn du dich „so“ verhältst, wollen die anderen Kinder nicht mehr mit dir spielen! Deshalb braucht du doch jetzt nicht so wütend zu sein! Es gibt gar keinen Grund jetzt traurig zu sein!“ All diese oder ähnliche Formulierungen können Kinder dazu einladen, bestimmte Gefühle und Bedürfnisse zu separieren. Demnach gilt ganz besonders für Menschen mit dieser Verantwortung die Einladung zur personalen Integration. Sich auf den Weg zu machen zu einem inklusiven Lebensstil. Damit diese Haltung sich auch im Umgang mit den Kindern zeigen kann und ihnen exklusive Überzeugungen und somit später zumindest ein Teil der Integrationsarbeit erspart bleiben. So gesehen bietet die Entwicklung eines inklusiven Lebensstils neben einem ganz persönlichen Gewinn auch die große Chance Kinder auf diese Art zu unterstützen Inklusion bereits von klein auf leben zu lernen.

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