Dankbarkeit – ein Perspektivwechsel

Ich liebe es morgens ganz entspannt in den Tag zu starten und normalerweise ist dies auch gut möglich. Doch anders gestern Morgen. Als der Wecker noch eine 6 anzeigte, wurde ich schon beharrlich geweckt. Fritz wollte etwas trinken. Schnell erledigt, hoffte ich noch auf ein kurzes Nickerchen. Doch grade als Fritz die Augen wieder zufielen, rief Lotti aus dem Bad nach meiner Hilfe. Die Augen gingen wieder auf und Fritz war hellwach. Schließlich standen wir auf und schnell stellte sich heraus, dass Fritz noch ein weiteres Stündchen Schlaf sehr gut getan hätte, denn seine Stimmung war alles andere als entspannt. Meine leider ebenfalls nicht und mich suchte immer wieder hartnäckig die Frage heim: Warum schläfst du nicht einfach länger, wenn du noch so müde und schlecht gelaunt bist? Diese Frage wurde allerdings durch folgende an mich selbst ergänzt: Warum gehst du nicht abends einfach ein wenig früher schlafen, dann wärst du auch jetzt nicht so müde und schlecht gelaunt?

Na, das konnte ja heiter werden!

Lotti teilt leider nicht die Vorliebe aller anderen Familienmitglieder langsam in den Tag zu starten, sondern ist, sobald sie die Augen aufschlägt, voller Energie. So ging ihr heute Morgen wieder alles viel zu langsam, denn sie wollte los und sich mit Theo verabreden. Mittlerweile hatte sich auch Penny aus dem Bett geschält und tat überaus deutlich ihren Unmut kund, dass heute wieder Homeschooling angesagt war. Diese Stimmung zog sich durch den Tag und hatte sogar noch Steigerungspotential, bis sie schließlich ihren Höhepunkt erreichte…

Während mich eigentlich an diesem Morgen kontinuierlich ein „Mama, komm mal!“ zurück an den Tisch rief, um bei irgendeiner der Schulaufgaben zu schauen, versuchte ich Lotti ihre Inliner anzuziehen, deren Geduld aber leider bereits völlig aufgebraucht war und sie so den ganzen Akt schreiend vollzog. Währenddessen versuchte ich Fritz davon abzuhalten meine frisch geputzten Fenster mit seiner Spucke anzumalen und lief immer wieder von Lotti im Flur zu Fritz in die Wohnung. Als ich grade wieder bei Fritz eingriff, kam eine schreiende Lotti mit ihren dreckigen Inlinern in die Wohnung gedüst, weil ich ihr jetzt endlich die Knieschoner anlegen sollte. Mittlerweile war ich schon in einem Stadium angekommen, wo meine Wut in eine Form Galgenhumor umschlug. Ich hörte mich zum abertausendsten Mal in meinem „Mama-Sein“ sagen, dass ich möchte, dass dreckige Schuhe oder Inliner nicht die Wohnung betreten und fragte mich, ob das alles hier wahr sein konnte? Dieses ganze Szenario wurde – nur nochmal zur Erinnerung – dauerhaft von einem „Mama, kannst du mal gucken?“, „Maaaaama?“, „Mama, wann kommst du denn endlich?“ begleitet.

Während ich gefühlt dauernd einem anderen Kind erklärte, dass es „mal kurz“ warten müsse und knapp davor war endgültig die Fassung zu verlieren, ereignet sich „unsere Rettung“. Lotti benötigte ihre Jacke, die sich noch in der Waschmaschine befand. So ging ich kurz in die Waschküche, um sie zu holen. Als ich mich die wenigen Schritte von dem Szenario entfernte, kam mir plötzlich ein Gedankenblitz, der mich inne halten lies.

Ist es nicht genau das, was ich wollte? Ist in dem, was für mich grade so nervenaufreibend ist, nicht genau das verborgen, wofür ich mich die letzten Jahre investiert habe?

Bis eben hatte ich lediglich meine Müdigkeit, Frustration über die Situation und Wut darüber gespürt, dass hier grade alles nicht so lief, wie ich es heute Morgen gebraucht hätte. Wir befanden uns in einem Teufelskreis der Frustration, der sich immer schneller drehte.  Doch auf diesem Weg zur Waschmaschine vollzog sich ein kleiner Perspektivwechsel:

Ist es nicht wunderbar, was mir meine Kinder alles zutrauen? Das sie scheinbar glauben, dass ich sie und das, was sie tun so sehr kenne, dass ich sogar in der Küche, ohne zu sehen um was es geht, ihre Fragen beantworten kann? Zeigt es nicht auch, dass sie es für ganz „selbstverständlich“ halten, dass sie jemand in ihren Nöten sieht und ihnen zur Seite steht? Machen ihre Fragen nicht deutlich, dass sie wissen, dass sie gehört und ernst genommen werden? Dass sie sich trauen, um Hilfe und Unterstützung zu bitten? Dass sie es wagen ihre Gefühle wie Wut und Verzweiflung zu zeigen ohne dafür abgelehnt oder ausgeschimpft zu werden?

Als ich diesen Gedanken ein wenig nachhing, überkam mich ein Gefühl der Dankbarkeit. Wieder zurück bei meinen Kindern hatte sich an der Situation nichts verändert – aber in mir hatte sich etwas bewegt und es schien einen Ausweg zu geben aus dem Teufelskreis, in dem wir uns den ganzen Morgen gedreht hatten bis uns allen schwindelig geworden war. So wurde aus einem schrecklichen Montagmorgen dank einem kleinen Perspektivwechsel noch ein ganz passabler Montagnachmittag.

Vielleicht kennt jeder Mensch auch solche „Teufelskreise der Frustration“, in die wir im Alltag immer mal wieder einsteigen und kaum noch einen Ausweg sehen. Ob in Situationen mit Kindern oder auch ohne, wenn einfach alles so ganz anders läuft als man es sich vorgestellt hat oder die eigenen Bedürfnisse grade schmerzlich unerfüllt sind.

Ich muss sagen, dass ich mich mit Dankbarkeit immer etwas schwer getan habe. Da ich gerne den Dingen auf den Grund gehe und sie verändere, hatte Dankbarkeit in meiner Bewertung etwas von Leugnung der Realität. So als würde man sich lediglich auf das Positive konzentrieren und alles andere nicht sehen wollen. Ja, in mir gab es bezüglich Dankbarkeit die Befürchtung sich mit ihr das Leben einfach nur schön zu reden. Wenn ich gestern jemand mein Leid geklagt hätte und derjenige hätte mir dann etwas Ähnliches geantwortet wie, ich solle doch dankbar sein, dass ich überhaupt drei gesunde Kinder habe, hätte das meine Vorurteile gegenüber Dankbarkeit komplett bestätigt.

Dieses Jahr habe ich trotz, oder vielleicht auch grade wegen meiner Bewertungen, beschlossen die Fastenzeit zu nutzen, um der Dankbarkeit etwas mehr auf den Grund zu gehen. Zu schauen, ob sich meine Vorurteile bestätigen und vor allem es einfach mal auszuprobieren. Daher habe ich nun täglich eine Seite in einem Buch reserviert, um Dinge festzuhalten für die ich dankbar bin und bisher habe ich dabei zwei Sachen gelernt:

1.Empathie macht Dankbarkeit möglich

Ich habe die Aufforderung dankbar zu sein oft mit Situationen verbunden, wo ich eigentlich Empathie gebraucht hätte. Wenn man mit dem eigenen Leben hadert, frustriert ist über eine aktuelle Situation, mit Enttäuschungen zu kämpfen hat etc., braucht man meiner Erfahrung nach alles andere als die Empfehlung zu mehr Dankbarkeit. Empathie ist in solchen Situationen das, was mein Herz erreicht. Das Spannende ist, dass sich manchmal die Dankbarkeit und ein positiverer Blick dann ganz von alleine einstellen, wenn es an der Zeit ist. Bei Kindern beobachte ich ab und an wie sie über etwas tief traurig oder rasend wütend sind. Bekommen sie dann die Präsenz eines ihnen zugewandten Menschen und Empathie für ihre Situation und die damit verbundenen Gefühle, kommen sie irgendwann an den Punkt an dem sie wieder zu Liebe, Glück und Freude durchdringen können. Oft kommt es dann zu Umarmungen, Bekundungen der gegenseitigen Liebe oder Aussagen über die schönen Seiten des Lebens.

Mein Experiment hat mich bisher gelehrt: Wenn man zu Dankbarkeit noch nicht bereit ist, bedarf es noch Empathie. Sich zu Dankbarkeit zu „zwingen“ lehnt möglicherweise nur die „negativen“ Emotionen ab. Doch gerade das Annehmen und Durchleben dieser, schafft Raum für tief empfundene Dankbarkeit. Wer die Schattenseiten des Lebens ablehnt oder verdrängt, nimmt damit den Sonnenseiten ihren Glanz.

2. Eine Frage des Blickwinkels

Ich habe den Gedanken gestern als Geschenk erlebt. Vielleicht hat er aber auch etwas damit zu tun, dass ich mich die letzte Zeit täglich darin übe, meinen Blick auch auf die Dinge zu lenken für die ich dankbar bin (und ich schreibe wirklich nur das auf, was in meinem Inneren Resonanz erzeugt und worüber ich mich wirklich freue). Manchmal will mir nach einigen Punkten nichts mehr einfallen. Dann schaue ich mir an, womit ich grade kämpfe und „schenke“ mir Mitgefühl. Oft merke ich, wie sich dieser Gedanke, mit dem ich eben noch gekämpft habe, schließlich in meinem Kopf dreht – so wie eine Münze, nachdem ich ihre eine Seite angeschaut habe, sie auch ihre andere Seite preisgibt – ganz ähnlich der Situation gestern. Als ich zum Beispiel vor einigen Tagen in meiner „Dankbarkeits –aufschreib –Zeit“ über einen Konflikt mit meinem Mann nachdachte und mit mir arbeitete, merkte ich wie sich mein Inneres begann zu beruhigen und die Münze sich drehte. Plötzlich spürte ich einen Hauch von Dankbarkeit: Ist es nicht wunderbar, dass wir eine Beziehung haben, die solche Konflikte aushält? Der Hauch wurde zu einer frischen Prise und über die Dankbarkeit kam ich wieder mit der Liebe in Kontakt, die uns trägt. Die Situation hatte sich nicht verändert, aber nun konnten wir sie mit einer ganz anderen Haltung klären.

Mein Experiment hat mich gelehrt: Es verändert mich, wenn ich mich täglich kurz mit diesem Thema auseinandersetze. Es hat Einfluss sowohl auf mein Glücksempfinden als auch auf meine Bewertungen von dem, was ich erlebe.

Ja, die Dankbarkeit… Ich bin gespannt, was die Tage bis Ostern noch mit mir machen werden…

Auf jeden Fall bin ich „dankbar“ für die neuen, manchmal auch recht herausfordernden Erfahrungen 😉

Wir hoffen, dass euch dieser Artikel zum einen ermutigt, dass es diese Tage einfach gibt, wo man sich fragt, ob man im falschen Film ist. Und zum anderen wollen wir euch ein wenig Lust machen hin und wieder die Perspektive etwas zu verschieben und die Dankbarkeit vielleicht (neu) für sich zu entdecken. Ich erahne, dass es sich lohnt…

Und weil das Thema der Selbstregulation und Wut in Stresssituationen so relevant ist, schauen wir es uns in einem unserer nächsten Artikel nochmal etwas ausführlicher an.

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