„Des Glückes Tod ist der Vergleich“ (Sören Kiergegaard)

Als ich gestern Abend im Bett lag, tat mir mein ganzes Gesicht weh. Ich kam zu dem Schluss, dass es sich um Muskelkater handeln musste. Julia hatte mich besucht und wir hatten einen lockeren, heiteren Abend miteinander verbracht. Nun tat mir alles weh. Etwas erschrocken stellte ich fest, dass meine Lachmuskeln im Gesicht anscheinend die letzten Wochen ziemlich verkümmert waren und Dankbarkeit erfüllte mich, dass es Julia immer wieder gelingt Leichtigkeit in mein Leben zu bringen. Wenn man sie fragen würde, was ich in ihr Leben bringe, würde sie wohl „Tiefe“ sagen.

Da lässt sich bereits erahnen, dass wir unterschiedlicher kaum sein könnten. Ich denke vorher viel nach und bereite gerne Dinge vor, Julia macht sich wenig Sorgen und überlegt dann, wenn es soweit ist. Ich liebe Gedanken, Gefühle, Politik und Philosophie und komme an meine Grenzen – naja, ich könnte es wahrscheinlich schon, mag es aber einfach nicht – wenn ich irgendwo etwas reparieren muss. Julia renoviert ihr ganzes Wohnzimmer, plant, konstruiert und wenn die Waschmaschine zwischenzeitlich noch den Geist aufgibt, werden mal eben die Kolben getauscht.

Wir tun einander gut. Möglich wird das vermutlich, weil wir so unterschiedlich sind und die Stärken und Schwächen des jeweils anderen gelernt haben anzunehmen und zu schätzen.

Doch so einfach gelingt es mir nicht immer mich nicht zu vergleichen. Bei jemandem, der zum Beispiel genau das tut, was ich auch gerne tun würde, sehen die Dinge schon anders aus…

Ich glaube, dass es viel mit uns macht, wenn wir uns mit anderen Vergleichen und es uns letztlich schadet. Leider wird uns meist schon von klein auf beigebracht, dass man den eigenen Wert erst im Vergleich mit anderen wirklich erkennen kann bzw. die eigene Leistung. Angeblich können wir Erwachsenen ja unterscheiden zwischen unserem Sein, also unserem Wert und unserer Leistung. Manchmal erscheint mir das aber etwas zweifelhaft. Doch bei Kindern ist dies durchaus noch viel komplexer, da sie noch so sehr eine Einheit sind. Aber zurück zum Vergleichen. Wer kann sich nicht noch an die Situation erinnern, in der die Klassenarbeiten zurückgegeben wurden. Man erhält seine Arbeit und liest, dass sie mit einer 3 benotet wurde. Ja, zunächst mal eine befriedigende Leistung. Nun kommt allerdings der Notenspiegel und schnell wird klar, dass diese Klausur sehr gut ausgefallen ist. Es gibt 5 Einsen, 18 Zweien und lediglich 2 Dreien. Nun wird man plötzlich im Vergleich mit seiner 3, mit der man ohne Vergleich vielleicht ganz zufrieden gewesen wäre, zu einem der beiden, die in dieser Klausur am schlechtesten abgeschnitten haben.  Durch den Vergleich mit den anderen ordnet man sich neu ein. Es steht nicht mehr im Mittelpunkt wie zufrieden man selbst mit dem ist, was man getan hat, sondern wie man im Bezug zu den anderen abgeschnitten hat. Mich wundert es nicht, dass es dann irgendwann gar nicht mehr um die Freude an Inhalten und dem Lernen an sich geht, sondern lediglich darum, möglichst gut abzuschneiden bzw. besser zu sein als die anderen.

Ich glaube, dass dieses gegenseitige Vergleichen etwas mit unserem Blick auf uns selbst und auch aufeinander macht. Wenn Kinder in diese Welt hineinkommen, ist ihnen dies noch fremd. Für sie ist es faszinierend, wenn andere mehr können als sie selber. Sie lassen sich davon inspirieren und begeistern. Sie erleben andere als Bereicherung, haben keine Angst, dass sie nun plötzlich schlechter dastehen, weil zum Beispiel Hugo mit seinen 10 Monaten schon laufen kann. Sie staunen und schauen genau hin und sich in der Regel einiges ab. Kinder fühlen sich durch die Stärken und Begabungen von anderen nicht „in den Schatten oder in Frage  gestellt“ und sie empfinden andere Menschen als Bereicherung. Leider ändert sich das wie vorhin beschrieben mit der Zeit. Die Leistungen oder das Leben anderer ist nur noch selten freudige Inspiration, sondern fördert eher Selbstzweifel oder den Wunsch nach Selbstoptimierung. Die anderen werden leider oft eher zu Mitstreitern, mit denen man sich misst.

Immer wieder lese ich Berichte, in denen die Autoren die Meinung vertreten, dass das aneinander Messen und in Wettbewerb treten ein zutiefst menschliches Bedürfnis ist und vor allem Jungen oder auch Männer dies einfach bräuchten. Ich teile diese Meinung nicht und weigere mich das zu glauben. Ich bin viel mehr überzeugt, dass nach wie vor die Menschen die grandiosesten Leistungen bringen, die das lieben, was sie tun und es aus Freude, Leidenschaft und Begeisterung machen. Aber auch dies ist wohl ein eigenes Thema wert…

Aber zurück zum Vergleichen an sich. Im Folgenden möchte ich ein Modell aus der Transaktionsanalyse vorstellen, welches meiner Meinung nach verständlich macht, was beim Vergleichen mit uns passiert.

Die Transaktionsanalyse nach Eric Berne ist ein psychologische Theorie der menschlichen Persönlichkeitsstruktur. Sie hat viel Spannendes zu bieten und unter anderem eben auch die Theorie des sogenannten „Lebensskriptes“. Dieses Konzept macht Aussagen über einen unbewusst verfassten Lebensplan, den sich jeder Mensch in seiner Kindheit anlegt. Ein Unterkonzept des Lebensskripts sind die sogenannten Lebensgrundpositionen. Sie beschreiben, wie Menschen sich selbst und andere erleben. Hier geht man von folgenden vier Grundpositionen aus:

  1. Ich bin ok – du bist ok
  2. Ich bin ok – du bist nicht ok
  3. Ich bin nicht ok – du bist ok
  4. Ich bin nicht ok – du bist nicht ok

Der Theorie nach neigen alle außer der ersten Position dazu, sich selbst oder andere ständig zu bewerten. Und hier wird bereits deutlich, dass diese psychischen Grundpositionen natürlich zu vergleichen regelrecht einladen.

Dieses Modell macht manches nochmal verständlich. Doch es bleibt die Frage, was uns nun im Alltag dabei helfen kann, uns etwas weniger mit anderen zu vergleichen?

Wahrnehmen und annehmen

Grundsätzlich gilt zunächst einmal, dass wir das eigene Vergleichen liebevoll wahrnehmen dürfen. Ich glaub, dass die meisten Menschen sich hier oder dort vergleichen, sich selbst bewerten, andere bewerten und sich oder andere irgendwie „einsortieren“. Was nicht hilfreich ist, ist sich deshalb zu verurteilen. Denn dadurch wird das eigene Bedürfnis nicht gesehen und was nicht sein darf, wird sich meiner Erfahrung nach auch nicht verändern. Das heißt, wenn wir auf ein Klassentreffen nach 20 Jahren Schulabschluss gehen und währenddessen oder danach merken, wie wir innerlich einen Vergleich ziehen zwischen dem, was andere aus ihrem Leben gemacht haben und unserem eigenen, dann dürfen wir dies zunächst einmal einfach wahrnehmen.

Nicht ok sein

Wenn wir uns dann dabei beobachten, werden wir wahrscheinlich merken, dass wir uns grade in einer der drei „nicht ok“-Grundpositionen befinden. Wir kommen selbst in diesem Vergleich „schlecht weg“ und sind „nicht ok“ oder wir müssen an den anderen irgendwelche Dinge finden, die eben doch „nicht so ok“ sind. Diese Position ist ein liebevoller Hinweis, dass es hier Wachstumspotenztial gibt. Ein Hinweis, sich selbst etwas mehr zu lieben und anzunehmen – dazu gleich mehr…

Reflektion

Nun kann man genauer hinschauen, was einen zu der eigenen „nicht ok“-Bewertung treibt oder eben auch dazu, andere als „nicht ok“ bewerten zu müssen (im Grunde genommen auch nur ein versuch das eigene ok irgendwie zu sichern, indem die anderen es nicht sind).

Hierfür will ich mal drei häufige Grunde nennen:

  1. Eigene verdrängte Wünsche und Bedürfnisse

Gibt es unerfüllte Wünsche und Träume, die ich mich nicht traue zu erfüllen? Wo kann ich einen anderen vielleicht nicht „sein“ lassen, weil ich mir selbst das auch nicht erlaube? Zum Beispiel treffe ich bei dem Klassentreffen auf Hans Georg. Er war früher immer eher schüchtern und unscheinbar. Im Gespräch erfahre ich, dass er seinen Traum zum Beruf gemacht hat. Er erforscht Möglichkeiten die Wasserqualität zu verbessern und ist immer wieder in Entwicklungsländern unterwegs, um dort mit seinen Projekten einen Beitrag zu leisten.

Hans Georg hat seinen Traum verwirklicht. Was hindert mich meinen Traum zu verwirklichen? Was gibt es da vielleicht noch an „ungelebtem Leben“ in meinem Herzen, dass endlich fordert Raum zu bekommen, sich entfalten zu dürfen? Anstatt bei mir selbst zu schauen und Veränderungen vorzunehmen, werte ich nun Hans Georg ab, suche das Haar in der Suppe, damit ich mich mit meinem Leben wieder „ok“ fühle.

2. Wo ich mich selbst nicht lieben kann

Die nächsten zwei Punkte hängen sehr eng zusammen. Hier geht es vor allem um ein Annehmen und Versöhnen mit den eigenen Unzulänglichkeiten, verpassten Chancen und Lebensvorstellungen, die sich nicht erfüllt haben. Das Leben lässt sich (zum Glück) nicht planen und je älter man wird, umso öfter wird man auch mit dem Thema „Loslassen“ konfrontiert (das klingt jetzt irgendwie als wäre ich schon sehr alt 😉 – naja…). Manche Vorstellungen vom Leben haben sich nicht so erfüllt, wie wir es uns vielleicht gewünscht hätten. Einen Partner zu finden, eine Familie zu gründen, gesund zu sein, von Schicksalsschlägen weitgehend verschont zu bleiben, all das liegt zum größten Teil nicht in unserem Einflussbereich. Daher kann der Vergleich mit Menschen, die das leben, was ich mir vielleicht immer gewünscht hätte, auch stets den eigenen Schmerz wieder berühren. Dann heißt es sich diesem Schmerz wieder zuwenden – ich schreibe bewusst „wieder“, weil viele dieser Wunden oft ein Leben lang spürbar sind, aber irgendwann dann eben nicht mehr so schmerzen. Den eigen Schmerz versorgen, Trost erfahren, sich aussöhnen mit dem eigenen Leben, Sinn finden und irgendwann möglicherweise sogar zu erleben wie, ähnlich der Geschichte von Jim Knopf, sich der Drachen des Leides und der Qual in einen goldenen Drachen der Weisheit verwandelt (übrigens eine Geschichte, die sich sehr lohnt mal mit dem Fokus auf Trauma- bzw. innere Heilung zu lesen oder zu hören).

3. Wo ich nicht geliebt wurde

Schließlich gibt es noch die Vergleiche, die unsere/n „innere/e Kintiker/in“ auf den Plan rufen. Plötzlich nimmt die eigene Abwertung seinen Lauf, wenn man beim Klassentreffen zum Beispiel auf Nadine trifft. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Berlin. Arbeitet dort erfolgreich als Journalistin. Ihr Mann ist als Politiker und sie engagiert sich noch ehrenamtlich in verschiedenen sozialen Projekten. Die Kinder sind natürlich Musterschüler, haben zahlreiche Hobbies und einen großen Freundeskreis. Eventuell ruft der eine oder andere Punkt bereits deine innere Kritikerin wach. Vielleicht müsste die Geschichte auch ganz anders klingen, um sie/ihn bei dir anspringen zu lassen. Fakt ist, dass diese innere Instanz all die Botschaften und Werte verkörpert, die bedeutsamen Bezugspersonen wichtig waren. Trifft man dann auf die passenden Menschen oder Situationen, geht der innere Dialog los. „Guck mal, wie die mit ihren Kindern umgeht!“, „Ach, wie sie ihre beruflichen Ziele verfolgt hat!“, „Du hättest…“ , „Du müsstest auch…“, „Aber bei dir…“ Die inneren Dialoge sind natürlich ganz individuell. Gemeinsam haben sie, dass hier Punkte deutlich werden, an denen wir uns „nicht ok“ fühlen. Vermutlich bereits als Kind nicht das Gefühl hatten „ok“ zu sein. Vielleicht hätten die eigenen Eltern uns lieber intelligenter, sportlicher, mutiger, kommunikativer, extrovertierter, sprachbegabter, handwerklich begabter, musikalischer etc. gesehen. Vergleichen wir uns jetzt mit Personen, die diese Eigenschaften haben (und meist vergleicht man sich ganz gezielt mit genau diesen), wird der „alte Schmerz“ des Nicht-so-geliebt-seins-wie-man-ist wieder fühlbar. Damals hatten wir leider keine Möglichkeiten außer denen, dieses „nicht ok“ zu glauben, zu resignieren, zu kämpfen oder uns noch mehr anzustrengen. Heute sieht dies anders aus. Nun dürfen wir diesem „inneren Kritiker“ freundlich danken, dass er sich so angestrengt hat, dass wir die Liebe unserer Bezugspersonen nicht verlieren und noch heute versucht uns zu optimieren. Seine Bemühungen werden gewürdigt. Schließlich dürfen wir ihn aber auch darauf hinweisen, dass dieses „innere Kind“ von damals, jetzt ganz sicher angenommen und geliebt ist von unserem „erwachsenen Anteil“. Etwas weniger psychologisch ausgedrückt, weißt uns das Vergleichen darauf hin, wo wir früher vielleicht nicht angenommen und geliebt waren und uns heute auch in diesen Punkten annehmen und lieben dürfen.

Allgemein kann man sagen, dass uns das Vergleichen immer einlädt zu einem Stück mehr Selbstannahme und –liebe. Das es und eine Chance bietet zu etwas mehr Liebe und Freiheit, denn wo man sich völlig geliebt fühlt, da ist man frei.

Zum Abschluss will ich noch eine kleine Anekdote erzählen, deren tiefe Wahrheit mich berührt hat. Als ich Lotti abends ins Bett lege, beginnt sie zu philosophieren wer wohl verschiedene Sachen besser kann: sie oder Theo. Sie spielt einige Dinge durch – ich höre zu. Schließlich sagt sie: „Ach, Mama, ich glaub man kann das gar nicht sagen, wer von uns beiden besser ist, weil ich bin ja Lotti und Theo ist Theo, das kann man nicht vergleichen!“

Recht hat sie: Ich bin ich und du bist du – das kann man nicht vergleichen!

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