Von der Enge in die Weite

Unsere Welt hat sich verändert. Das tut sie ständig. Leben ist Wandel. Doch erscheint mir der Wandel, den die Coronakrise in diesem Jahr ausgelöst hat, ein Drastischer zu sein. Immer wieder wird von politischer Seite betont, dass wir uns in der größten Krise seit dem 2. Weltkrieg befinden. Das mag ja schon etwas heißen…

Ich habe mich die letzten Wochen intensiv mit dieser Krise beschäftigt und den psychischen Folgen, die sie möglicherweise für uns, aber vor allem unsere Kinder, haben kann. Wie können wir uns „richtig“ verhalten? Welche Maßnahmen und welches Verhalten wendet sowohl gesundheitlich als auch emotional die größten Schäden ab?

Ich glaube es gibt eine Tatsache, die wir definitiv festhalten können: Niemand weiß es! Keiner weiß wie es weitergehen wird und wie wir unser jetziges Verhalten in 5 Jahren beurteilen werden.

Wir Menschen in Deutschland, aber auch fast überall anders auf der Welt, erleben aktuell einen riesigen Kontrollverlust. Das macht vor allem eins: Angst. Wenn Menschen Angst haben, sind sie zu vielem bereit und suchen nach Sicherheit. Das erklärt vielleicht auch, warum aktuell noch mehr Menschen Anhänger von sehr speziellen Theorien werden, die aber alle eines bei ihnen bewirken: Sicherheit und Kontrolle. So sind es bei den Coronaleugnern gefälschte Studien, Falschmeldungen, böse Absichten der Politiker etc.. Bei den fundamentalen Christen ist Corona eine Strafe Gottes, der man entgehen kann, indem man Buße tut und sich „richtig“ verhält. Andere Menschen, von denen ich kürzlich las, gehen gar nicht mehr aus dem Haus und tragen selbst im Haus nur noch Maske, weil sie eine Ansteckung so sehr befürchten. All diese Maßnahmen sollen irgendwie Sicherheit und Kontrolle wieder herstellen.

Wenn ich diese Zeilen schreibe, berührt es mein Herz, denn ich erahne nur wie groß die Angst sein muss, die manche Menschen treibt.

Von einem Psychologen hörte ich gestern den Ausspruch: Angst macht dumm! Natürlich macht Angst nicht wirklich dumm. Gemeint ist damit viel mehr, dass Angst unsere Bemühungen kreative Lösungen für Probleme zu finden, blockiert. Wir geraten in einen Tunnelblick, versuchen die Realität zu bekämpfen oder fliehen vor ihr in irgendwelche Theorien, die uns scheinbar Sicherheit versprechen, um nicht völlig vor Angst zu erstarren und uns dem Tod zu weihen.

Je länger diese Krise anhält, umso mehr wünsche ich mir, dass wir unserer Angst nicht das Ruder überlassen. Sie ist wichtig, meint es gut mit uns und will uns dabei unterstützen, unser Leben zu sichern. Dennoch befinden wir uns grade nicht von Angesicht zu Angesicht mit einem hungrigen Säbelzahntiger, sondern stehen einem komplexeren Problem gegenüber.

Was hilft uns nun in dieser Situation weiter?

Die Coronakirse betrifft uns alle. Dennoch glaube ich, dass wir in unserem Leben bestimmt schon viele Male mit Situationen konfrontiert waren, die uns Angst gemacht oder denen gegenüber wir uns hilflos gefühlt haben.

Ich hatte neulich mit einer Freundin, die außerdem auch eine sehr begnadete Therapeutin ist, ein Gespräch über dieses Thema. Es ging um eine Situation in meinem Leben, in der ich mich hilflos fühlte. Ich wusste, ich kann die Situation an sich nicht verändern und fühlte mich ohnmächtig.

Meine Freundin erzählte mir eine Geschichte und sagte folgendes: Stell dir vor du bekommst ein Haus geschenkt. Du darfst dieses Haus bewohnen und nach deinen Vorlieben umgestalten. Es gibt nur eine einzige Bedingung. In dem Raum, wo das Wohnzimmer sein soll, hängt ein riesiges Bild von einem röhrenden Hirsch. Dieses Bild muss genau dort hängen bleiben. Die Frage ist nun: Wie möchtest du dich verhalten? Was kannst du tun, dass dieses Bild zu einem Kunstwerk wird? Wie kannst du es so verändern, in Szene setzen etc., dass du gut damit leben kannst?

Diese Geschichte mit ihren Fragen ist mir noch lange nachgegangen…

Ich glaube ein jedes Lebenshaus hat ein solches Bild oder vielleicht auch mehrere. Bilder, die für schwierige Zeiten oder Situationen in unserem Leben stehen. Die uns erinnern an erlebtes Leid, Krisen, Trauer oder andere Grenzerfahrungen. Neben diesen Bildern der dunklen Stunden und dem, was es uns oft schwer macht, hängen auch viele andere Bilder. Bilder der Liebe, Geborgenheit, Freude, Freiheit, Frieden und ähnlicher Erfahrungen.

Für mich ist die Frage: Wie gehen wir mit all diesen Bildern um? Es beginnt schon damit, welche wir überhaupt aufhängen und welche nicht? Welches Bild hängen wir in die Mitte? Wie groß wählen wir die Rahmen, die wir den Bildern geben? Und wie setzen wir sie in Szene? Im Angstmodus ist vermutlich ein Spotlight im Raum auf das entsprechende Bild gerichtet. Oder man hängt vor bestimmte Bilder, die man nicht sehen mag, eine Decke. Manche Menschen entscheiden sich auch für eine Lightshow, die immer wieder ganz bestimmte Bilder auf ihrer Lebenswand anscheint und andere nie beleuchtet.

Ich befinde mich grade in einer Situation, die viele Erinnerungen an eine Parallelsituation in mir wachruft. In dieser Parallelsituation vor einigen Jahren, habe ich mehrere Ohnmachtserfahrungen erlebt und ich merke, wie die Angst sich meldet. Angst, dass ich auch diesmal wieder Ähnliches erfahren könnte. Und schon geht der Spot an und das Bild mit der alten Erfahrung wird angestrahlt. Ich schaue auf meine Wand und sehe nur noch dieses Bild. Wohlgemerkt, habe ich diese Situation auch schon mehrfach erlebt und KEINE Ohnmachtserfahrungen gemacht. Das heißt es gibt auch Bilder, die zeigen, dass alles gut gehen kann. Nun ist die Frage, was ich mir anschaue. Ob ich nur ein bestimmtes Bild sehe, oder meinen Blick immer wieder weite auf all die anderen Bilder, die zusammen meine Lebenswand bunt und lebendig machen?

Ob die Coronakrise oder eine andere Erfahrung, die sich unserer Kontrolle entzieht. Für mich bleibt die Frage, wie ich diese Krise und Erfahrung in meiner Lebenswand positioniere. Durch eine ständige Beleuchtung dieser Bilder, sitzen wir irgendwann wie das Kaninchen vor der Schlange, verlieren unsere Handlungsfähigkeit und erstarren. Von daher möchten wir euch heute Mut machen, eure Lebensbilder nochmal anzusehen. Falls ihr merkt, dass ihr immer wieder an einem Bild hängen bleibt, sich vielleicht nochmal damit auseinanderzusetzen. Ihm einen neuen Rahmen zu geben oder eine andere Position. Dieses möglicherweise hässliche Bild mit einem Rahmen zu versehen, der einzigartig und wunderschön ist. Das Bild lässt sich nicht (mehr) ändern, doch den Rahmen, Beleuchtung etc. können wir selbst kreieren. Indem wir nicht nur noch das eine Bild sehen oder beleuchten, nehmen wir unsere Möglichkeiten wieder mehr war. Unsere Perspektive verändert sich.

Neulich habe ich einen Text von C.S. Lewis gelesen, der sich der Gefahr eines möglichen Atomkrieges ausgesetzt sah. Er schlug folgendes vor:

„Wenn diese Atombombe uns zerstört, dann soll sie uns dabei erwischen, wie wir sinnvolle und gütig Dinge tun – beten, arbeiten, unterrichten, lesen, Musik hören, die Kinder baden, Sport treiben oder mit unseren Freunden bei einem Schoppen plaudern. Wir sollen nicht zusammengekauert wie verängstigte Schafe über die Atombombe nachdenken.“[1]

Mich inspiriert diese Aussage und sie ermutigt mich, mich nicht blockieren zu lassen von meinen Ängsten und Befürchtungen. Sie auch nicht zu verdrängen oder fragwürdige Sicherheiten zu suchen. Stattdessen meine „dunklen Bilder“ anzunehmen als ein Teil meines Lebens und meiner Realität. Sie aber nicht zum Mittelpunkt meines Lebens zu machen und sie ständig zu fokussieren, sondern zu LEBEN.

In diesem Sinne wünschen wir euch einen lebendigen 1. Advent…


[1] .S. Lewis, „On Living in an Atomic Age“, 1948, neu erschienen in: Present Concerns: Journalistic Essays, New York: HarperOne, 2017, S. 91–102.

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