Drei Gedanken aus der Quarantäne

Nun ist es soweit. Der Landkreis in dem wir wohnen hat seit geraumer Zeit immens hohe Infektionszahlen zu verzeichnen. Und seit 5 Tagen hat es auch uns erwischt. Teile unserer Kinder befinden sich bereits in Quarantäne, weil sie Erstkontakt zu einer infizierten Person hatten. Andere sind seit dem Wochenende krank und warten nun auf die Testergebnisse, was für die restliche Familie nun auch erstmal sozusagen freiwillige Quarantäne bedeutet. Neben der gesundheitlichen Beeinträchtigung, die sich grade noch im Rahmen hält, könnte ein positives Ergebnis für uns alle weitere Wochen Quarantäne nach sich ziehen. Zum Glück haben wir einen kleinen, Julia einen etwas größeren Garten, so dass wir wenigstens nach draußen können. Dennoch bleibt es herausfordernd den Kindern zu erklären, dass sie, obwohl sie zum Teil eben völlig gesund sind, unser Grundstück nicht verlassen dürfen.

Nicht nur die ganz praktische Alltagsgestaltung wird in dieser Quarantänezeit besonders, auch innerlich ist bei uns und den Kindern so einiges los. Dass es sich dabei um sehr ambivalente Gefühle handelt, ist wohl aktuell die passendste Beschreibung.

Unser Leben bewegt sich im Grunde ja ständig in verschiedenen Spannungsfeldern: Denken und Fühlen, Veränderung und Beständigkeit, Aktivität und Ruhe, Wirklichkeit und Möglichkeit, der Einzelne und das Gesamte usw.. Diese Quarantänezeit wirft in mir nochmal deutlich ein Spannungsfeld auf, was mich momentan wohl am meisten beschäftigt: meine Bedürfnisse und die der anderen. Ich möchte gerne Infektionsketten unterbrechen und dadurch andere, vor allem Menschen mit erhöhtem Risiko, schützen. Darum ist da ein Teil in mir, der die Vorschriften der Quarantäne bereitwillig akzeptiert und auch nachvollziehen kann. Dann habe ich aber auch immer wieder mit einem Teil in mir zu tun, der sich sehr eingeschränkt fühlt. Der seine Selbstbestimmung und Freiheit schmerzlich vermisst. Dieser Teil lässt sich auch nicht davon beruhigen, wenn man ihm erklärt, dass er im schlimmsten Fall doch nur drei Wochen in Quarantäne sein muss und es wohl Schlimmeres gibt als drei Wochen sein Grundstück nicht verlassen zu dürfen. Ich merke, wie sehr ich gerne selbst über mich entscheiden möchte und nicht bestimmt werden will.

Mir zeigt dies: In uns sind immer verschiedene Anteile mit ihren Gefühlen aktiv. Um ganz (-heitlich), im Sinne von heil, zu leben, will ich alle diese Anteile wahrnehmen. Ich will sie annehmen und mich von ihnen auf meine unerfüllten Bedürfnisse hinweisen lassen, für deren Erfüllung ich dann Strategien entwickeln kann.

Vermutlich wäre ich eine der ersten Menschen, die sich selbst auch freiwillig in Quarantäne setzen würden, wenn ich dadurch jemanden schützen könnte. Doch die Tatsache, dass ich es nun muss und keine andere Wahl habe, mir sogar 500 Euro Strafe drohen, falls ich den Quarantänevorschriften zuwider handle, weckt in mir einen inneren Widerstand. Ich merke, dass ich es nicht mehr gerne tue. Wie gesagt habe ich eher die Tendenz zu viel Verantwortung für andere zu übernehmen. Die letzten Tage in Quarantäne, bemerke ich nun, dass ich kaum den Eindruck habe, dass ich etwas Wesentliches beitrage, sondern lediglich eine Anweisung zu befolgen habe. Auch in den Köpfen der Kinder ist deutlich präsenter der Aspekt, dass es „verboten“ ist, anstatt der, dass wir uns grade für andere Menschen einsetzen, diese zu schützen und uns daher einschränken.

Mir zeigt dies: Ich tue sehr gerne etwas für andere, solange ich dazu nicht gezwungen werde. Ich will gerne aus freien Stücken das Leben anderer Menschen bereichern. Forderungen oder Anordnungen wecken in mir Widerstand und ich kann nicht mehr von Herzen geben.

Mir ist klar, dass dies in der aktuellen Situation nicht umsetzbar ist und ein Experiment der freiwilligen Quarantäne möglicherweise einigen Menschen das Leben kosten würde. Daher will ich mich wieder damit verbinden, für wen ich dies tue. Da mir einige Menschen sehr am Herzen liegen, die eine Infektion wahrscheinlich nicht überlegen würden, kann ich mit meiner persönlichen „wozu-Antwort“ emotional wieder mehr in Kontakt kommen.

Wer den Blog schon etwas verfolgt, hat vielleicht schon mitbekommen, dass Geduld und in Situationen auszuharren nicht meine Stärken sind. Sobald ich merke, dass es mir oder einem anderen Menschen nicht gut geht, meldet sich in mir der Impuls etwas zu verändern. Selten nehme ich die Dinge einfach so wie sie sind, sondern bemühe mich darum Alternativen und Lösungen zu finden. Das gelingt auch oft. Aber manchmal – und das durfte ich auch schon mehrmals erleben – kommt man im Leben in Situationen, die man eben nicht verändern kann. Diese Situationen haben mich gelehrt, dass ich mich selbst bzw. meine Einstellung zu der Situation verändern darf, wenn sich diese nicht verändern lässt. Und so sehe ich in der Quarantänezeit auch eine Entwicklungsaufgabe. Durch mein Hadern verwende ich viel Kraft, anstatt sie in das Gestalten einer unveränderbaren Situation zu investieren. Mein Mann beschreibt mich dann freundlicherweise als „blockiert“ und weiß, dass ich diesen Punkt zunächst überwinden muss. Diesen Punkt, in dem ich die Situation annehme wie sie ist. Interessanterweise besitzt mein Mann genau diese Fähigkeit. Einer der Sätze, die er wohl regelmäßig in unseren Gesprächen ausspricht, lautet: „Darum machen wir uns dann Gedanken, wenn es soweit ist.“ In mehr als 50% der Fälle kommt es nie zu einem „soweit“ und wenn es dann doch mal „soweit“ kommt, lebt er nach der Devise: „Das können wir doch jetzt eh nicht mehr ändern. Jetzt schauen wir, was wir daraus machen können!“ So haben wir wohl beide unsere Stärken, die uns manchmal sehr herausfordern und sich dann auch wieder perfekt ergänzen (was wohl auch nochmal ein eigenes Thema wert wäre).

Mir zeigt dies: Ich will mich wieder darin üben, Dinge, die ich nicht ändern kann, anzunehmen. Anstatt mich an den Unmöglichkeiten aufzureiben, will ich meine Möglichkeiten wieder in den Blick bekommen. Dies alles jedoch, indem ich meine Frustration, Trauer, Wut etc. über die Situation nicht „wegdrücke“, sondern sie liebevoll anschaue und annehme. So können sich diese Gefühle verwandeln und meiner Erfahrung nach, entwickelt sich dann eine neue Kreativität zum Umgang und Gestaltung von unausweichlichen Situationen.

Soweit heute mal drei kurze Gedanken, die aufgrund unserer aktuellen Situation entstanden sind. Vielleicht ja auch nicht nur für die Quarantänezeit relevant, sondern auch für manch andere Lebenssituation, die sich grade eben nicht schnell verändern lässt…

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