Vom Spielen und Lernen

Seit einigen Wochen hat unsere Kinder die Begeisterung für Dragons erreicht. Und dank Julias Fähigkeiten, besitzen nun Penny und Kai bereits Flügel, mit denen sie sich schnell in einen Tag- und einen Nachtschatten verwandeln können. Gestern Nachmittag machten die Schatten mit ihren beiden Drachenzähmern Theo und Lotti den Spielplatz unsicher. Ich beobachtete Penny wie sie sich auf allen Vieren fortbewegte und schob den Gedanken beiseite, dass es vermutlich sinnvoll gewesen wäre, dass Julia nicht nur Flügel näht, sondern, nachdem diesem Spiel in den letzten Wochen schon einige Hosen zum Opfer gefallen sind, direkt auch Hosen mit stabilem Kniebesatz.

Penny bewegte sich unheimlich grazile und imitierte konzentriert die Posen, den Gang sowie Mimik und Gestik des Tagschattens, den sie verkörperte. Ich versuchte ihr etwas zu sagen und sprach sie von Weitem an, aber ich erhielt keine Reaktion. Sie war völlig in ihr Spiel vertieft. Gemeinsam hatten sie sich eine Welt kreiert, zu der ich momentan keinen Zugang hatte – es sei denn ich käme vielleicht als Fleischklops angeflattert. Da mir aber grade irgendwie nicht danach zumute war, beobachtete ich die vier weiter in ihrem Spiel. Ich sah wie sie rannten, flogen, etwas Neues kreierten, Absprachen trafen, diskutierten, Lösungen suchten, kletterten und vieles mehr. Als ich dies alles so verfolgte, wurde mir nochmal deutlich, welche Anstrengungen sie grade vollbrachten. Wenn ich einen erwachsenen Menschen beschreiben sollte, der all das tut, was die Kinder dort taten, um dieses gemeinsame Projekt (Spiel in diesem Falle) zu realisieren, würde ich sagen, dass dieser Erwachsene unheimlich hart arbeitet. Vor mit spielten vier junge Menschen, die sich mit vollem Einsatz ihrem Spiel hingaben. All das schien aber für sie nicht als sonderliche Anstrengung wahrgenommen zu werden, sondern als purer Genuss. Das so zu sehen, rief mir drei Dinge ins Bewusstsein, die wir gerne heute hier teilen wollen:

1. Die Trennung von Lernen und Spielen ist unnatürlich

Dass Kinder spielerisch lernen, würde heute wohl niemand mehr bestreiten. So erobern sie ihre Welt. Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als es Lotti geglückt war, sich auf dem Boden auf alle Viere zu stützten und sie begann in ihrem Vierfüßlerstand hin und her zu schaukeln. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie quiekte und juchzte vor Glück und Freude. Dass sie bei diesem Schauckelspiel direkt ihre Muskeln, Gleichgewicht, Koordination etc. für den nächsten Entwicklungsschritt, nämlich sich krabbelt fortzubewegen, trainierte, war ihr nicht bewusst. Für sie war es ein Spiel, was ihr Freude bereitete und sie gleichzeitig ganz automatisch für den nächsten Schritt befähigte. Auf diese Art vollbringen Kinder ihre Entwicklung und Lernen ständig neue Dinge. Sie tun dies mit Freude, Leichtigkeit und in einem spielerischen Fluss, der sie von Einen zum Nächsten führt. Sie brauchen niemanden, der mit ihnen einen Plan verfolgt und sie Punkt für Punkt lehrt und trainiert wie sie das Krabbeln erlernen können. Ihr Forschungsdrang und ihre Begeisterung, die sich im Spiel vereinen, leiten und lehren sie.

Ab einem bestimmten Punkt im Leben von Kindern – meist im Vorschulalter – eröffnet man ihnen, dass sie in ihrem bisherigen Leben, nach Sicht vieler Erwachsener, einem Missverständnis aufgesessen seien. Spielen sei nicht dasselbe wie Lernen. Nein, Lernen ist ernst und wichtig, um es mal etwas zu zugespitzt zu formulieren. Wohingegen Spielen lediglich zum netten Zeitvertreib degradiert wird. So lösen wir eine für die Kinder untrennbar miteinander verbundene Einheit auf. Andre Stern, der sich intensiv mit dem Thema Spielen und Lernen auseinandersetzt, verwendet oft den Vergleich, dass man einen Menschen auffordern würde zu Atmen ohne Luft zu holen. Ebenso verstörend mögen Kinder unsere willkürliche Trennung zwischen Spiel und Lernen wahrnehmen. Haben sie sich doch in ihrem gesamten bisherigen Leben anhand dieses Prinzips entwickelt.

Interessanterweise nehmen wir durch diese Trennung auch Beidem etwas. Das Spiel verliert an Bedeutsamkeit, Respekt und Raum. Das Lernen büßt in der Regel die Emotionen ein, sowie Leichtigkeit und Experimentierfreude. Tragisch, da wir ja mittlerweile aus der Hirnforschung wissen, dass wir nur die Dinge wirklich lernen, d.h. auch verinnerlichen und unser Leben lang zur Verfügung haben, bei denen unsere emotionalen Zentren im Gehirn beteiligt sind.

Ich glaube wir könnten uns viel Mühe, Anstrengungen, Druck und Stress auf allen Seiten ersparen, wenn wir diese Einheit von Spiel und Lernen erhalten würden. Ich bin optimistisch, dass die Menschen, die sich diese Einheit bewahren, zu grandiosen Leistungen imstande sind, die ihnen aber nicht anstrengend vorkommen, sondern sie begeistern und weiter anspornen.

2. Das kindliche Spiel verdient Respekt und sollte geschützt werden

Wenn ich zum Beispiel an meinem Laptop sitze und einen Text schreibe, werde ich ungern gestört. Es bringt mich raus – ich habe Angst meinen Gedanken zu verlieren und aus dem Schleibfluss aussteigen zu müssen. Auch wenn ich ein wichtiges Gespräch führe, werde ich nicht gern unterbrochen, sondern möchte dies zunächst zu Ende bringen. In dem Beispiel am Anfang habe ich schon beschrieben, dass man das Spiel des Kindes in einer erwachsenen Welt vermutlich mit harter, wichtiger Arbeit umschreiben würde. Ich selbst werde bei einer solchen Arbeit wie gesagt nicht gern unterbrochen oder gestört. Auf dem Spielplatz hat Penny mir gezeigt, dass es ihr ebenso geht und mir wurde deutlich, dass ich mir wieder bewusst machen möchte, ihr dies auch zuzugestehen und ihrem Spiel/ihrer Arbeit mit Respekt zu begegnen. Sie tut dort etwas für sie äußerst Wichtiges und Relevantes. Wenn ich sie frage, bewertet sie das, was ich tue, oft als nicht so wichtig. Ihrer Einschätzung nach hätte das Telefonat oder mein nächster Satz sicher auch noch Zeit bis abends. Trotzdem wünsche ich mir von ihr Respekt, auch wenn sie meinem Tun eine andere Bedeutung und Priorität beimessen würde.

Ich glaube, dass ich oft auch nicht sehe, was meine Kinder tun und wie wichtig dies grade für sie ist. Als ich Fritz neulich zum Beispiel antrieb, sich bitte schnell anzuziehen, damit wir Lotti aus der Kita abholen könnten, erklärte er mir todernst: „Aber Mama, es ist ein Notfall, es brennt – wir müssen erst das Feuer löschen!“ Tja, was sollte ich dazu sagen? Vielleicht: Fritz, das ist doch nur ein Spiel! Das, was ich jetzt vorhabe ist wichtig!“ Ich habe es mich nicht getraut, denn seine fest auf mich gerichteten Augen, ließen keinen Zweifel daran, dass er als Feuerwehrmann – wie Papa – bei einem Notfall alles stehen und liegen lassen und das Feuer löschen muss. So ging es dann mit Ausrüstung im Einsatzwagen in die Kita, wo wir das Feuer löschten und gleichzeitig noch Lotti aus den lodernden Flammen befreien  und rechtzeitig (zum Glück auch vor Kitaschluss) in Sicherheit bringen konnten – puh, nochmal Glück gehabt.

Jedenfalls habe ich mir vorgenommen, wieder vermehrt darauf zu achten, wann ich das Spiel meiner Kinder störe oder unterbreche. Ich will ihnen und ihrem Tun gerne Respekt entgegenbringen und es als das würdigen, für das ich es halte: ein unheimlich wichtiger, notwendiger und effektiver Entwicklungsraum. Und vieles von dem, was ich will, kann auch noch einen Moment warten – so wie ich es mir auch wünschen würde, wenn ich etwas für mich Wichtiges tue.

3. Spielerisch geht es leichter

Wenn ich mit Erwachsenen spreche, klingt manchmal die Sehnsucht an, das Leben oder bestimmte Dinge mit mehr kindlicher Leichtigkeit anpacken zu können. Mit Entdeckerfreude. Unvoreingenommen experimentieren. Ohne Angst vor Fehlern. Frei. Leicht. Begeistert. Auf diese Art geht es leichter. Menschen die begeistert sind, erlernen neue Fähigkeiten wesentlich schneller und müheloser. Ich habe keines meiner Kinder die deutsche Grammatik explizit beibringen müssen. Sie haben sie sich erobert, mit ihr experimentiert und sie entdeckt. Mit Neele zum Beispiel kann man grade hervorragend ma-stecken spielen oder sie ist ma-geistert. Manchmal fürchtet sie sich auch vor ma-benstern oder wird nach von Löwen ma-fressen. Allerliebst – ich bin sicher es dauert noch ein wenig und dann hat sie genug damit experimentiert und gespielt und es „ma-lernt“.

Da ich selbst diese Sehnsucht nach spielerischer Leichtigkeit kenne, versuche ich sie meinen Kindern so gut wie möglich zu erhalten. Außerdem will ich mich wieder von ihnen anstecken lassen: neugierig zu sein, mich begeistern zu lassen, mich an diese Begeisterung hinzugeben und das Leben zu entdecken. Ich glaube, dass wir auf diesem Weg verändert werden. Den Kindern geht es beim Spielen nicht um ein bestimmtes Ziel, was es zu erreichen gilt. Sie sind begeistert von dem Spiel, lassen sich mit hineinnehmen und von ihm leiten. Staunend lassen sie es sich entfalten, überschreiten Grenzen, betreten neue Wege und stellen freudig fest, wohin es sie geführt hat. Ich glaube hier gibt es noch viel für uns Erwachsene (wieder-) zu entdecken. Vielleicht indem wir nicht versuchen Kinder uns anzupassen, sondern genau hinschauen, was wir von ihnen lernen können…

So – ich glaube das war jetzt vorerst genug gespielt, Gedanken bewegt und mit Worten jongliert. Wir sind nun für heute angekommen und ich hoffe, dass es auf dem Weg dorthin, den ein oder anderen inspirierenden Gedanken zu entdecken gab…

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