Kindermund tut Wahrheit kund

Auf meinem bisherigen Weg mit unseren Kindern, habe ich schon oft darüber gestaunt, mit welcher Präzision sie mein Verhalten spiegeln und immer wieder genau meine wunden Punkte berühren. Auch die letzten Wochen kam ich öfters in Situationen, wo ich über diese Fähigkeit gestaunt habe.

Wenn ich in Coachingprozessen Pferde einsetze, tue ich das ebenfalls genau aus diesem Grund. Denn auch Pferde besitzen die Fähigkeit das Verhalten von uns Menschen und auch unser emotionales (Geworden-)Sein perfekt zu spiegeln. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Frau, die mit mir einen Termin zum Coaching mit Pferd vereinbart hatte. Ich wusste von der Frau noch nicht wirklich etwas und wir begegneten uns zum ersten Mal in unserem Leben. Für diese Arbeit ist es zum Glück auch nicht relevant zuvor eine Menge Informationen zu sammeln, da die Pferde genau das zeigen werden, was aktuell eine Bedeutung hat. Wie gewohnt lies ich die Frau ein Pferd auswählen. Sie entschied sich für Sylvester und nahm mit ihm Kontakt auf. Sie berührte seine Nase. Er hielt völlig still und rührte sich keinen Millimeter. Die Frau lies ihre Hand einfach auf dem Kopf von Sylvester liegen. Dann atmete sie tief aus. Da ich meinen Fokus, neben meiner Klientin, immer auch stark auf dem Pferd habe, da dieses mir die entscheidenden Rückmeldungen gibt, schaute ich Sylvester an. Plötzlich sah ich wie sich in seinem Auge eine Träne formte und begann seine Wange hinunter zu rollen. Ein wenig irritiert, denn sowas hatte ich bisher noch nie erlebt, wartete ich zunächst ab. Doch da rollte schon die nächste Träne aus seinem Auge. Die Hand der Frau lag immer noch auf seinem Kopf und aus dem Auge auf deren Seite quollen die Tränen. Ich machte meine Klientin darauf aufmerksam. Als sie ihren Blick hob und Sylvesters Tränen sah, begann sie bitterlich zu weinen. Die Tränen liefen und eine tiefe Trauer bahnte sich endlich ihren Weg aus ihrem Inneren in die Freiheit. Der Bann war gebrochen und ein Trauerprozess eingeläutet, der, wie ich später erfuhr nun endlich Raum haben durfte. Ab dem Moment, wo meine Klientin zu weinen begann, vergoss Sylvester übrigens keine Träne mehr. Er wurde wieder ganz „zum Alten“ und es erschien mir, als habe er die Frau lediglich wieder mit sich selbst in Kontakt gebracht, um dann wieder seelenruhig zu seinem Tagesablauf zurückzukehren.

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Diese Frau war extra gekommen, weil sie sich einem Wesen aussetzen wollte, was die Fähigkeit besitzt, sich nicht von unserem äußeren Erscheinungsbild und Auftreten „blenden“ zu lassen. Sie war bereit für ein heilsames Feedback und die Begegnung mit Wesen, die sie sehen, wie sie ist und keinerlei Bewertungen und Ansprüche an sie haben. Wobei ich nicht sicher bin, ob sie geahnt hat, was auf sie zukommen würde. Die Coachings laufen auch nicht immer auf diese Art und Weise ab, sondern sind ganz individuelle Prozesse, wobei jedoch der Kontakt mit sich selbst und Momente der Berührung in der Regel dazugehören.

Ich glaube, dass uns durch Kinder fast täglich ein ähnliches Coaching zuteil werden könnte. Denn auch sie spiegeln uns und berühren unsere oft so gut beiseite geschobenen Erfahrungen, Gefühle und Themen. Ich denke, wenn es uns gelingt, diese Fähigkeit von Kindern als Geschenk anzunehmen, kann unser Weg mit ihnen unheimlich herausfordernd, heilsam und inspirierend zugleich werden. Manchmal kommt es mir fast so vor, als bekämen wir mit unseren Kindern, genau die für uns zugeschnittenen Entwicklungsaufgaben mitgeliefert.

Da ist zum Beispiel eine Mutter, deren Sohn von klein auf seine Wut ganz frei äußert. In ihr löst das viel aus, denn genau mit diesem Gefühl hat sie eine lange Geschichte und aufgrund vieler Erfahrungen in ihrer Kindheit, gehört es heute nicht mehr zu ihrem Gefühlsrepertoire. Nun hat sie einen Sohn bekommen, der sie in diesem Punkt einlädt, ihn in seinem Prozess zu begleiten und gleichzeitig in ihrem eigenen Entwicklungsprozess weiter voranzuschreiten. Dann denke ich an eine Frau, die durch den Streit mit ihrer Tochter immer wieder ausgelöst wird. Sie fühlt sich dann so provoziert, dass sie sich kaum noch unter Kontrolle hat. Diese Situation mit ihrer Tochter katapultiert die längst Erwachsene Frau in ihre Kindheit zurück, in der sie sich häufig mit ihrem Vater gestritten hat. Alles, was sie in diesen Konflikten zu ihrem Vater sagte, prallte an diesem völlig ab und sie stand hilflos und ohnmächtig da. Wenn sie nun mit ihrer pubertierenden Tochter versucht zu diskutieren und diese aber für ihre Sicht nicht mehr zugänglich ist, fühlt sie sich genau wie damals. Ihre Tochter berührt durch ihr Verhalten genau den Punkt, der für sie noch wund ist. Nun darf sie zum einen lernen, ihre Tochter zu begleiten und zum anderen ist sie eingeladen, sich endlich um dieses hilflose und ohnmächtige Mädchen zu kümmern, dass bei seinem Vater einfach kein Gehör finden konnte.

Sowohl das spezielle Verhalten unserer Kinder, kann uns besonders berühren und bestimmte Erfahrungen, Gefühle und Erlebnisse auslösen, als auch die ganz „normale“ Entwicklung unserer Kinder. Da wird mein Kind vielleicht nicht zu einem Kindergeburtstag eingeladen und in mir kommt die Erfahrung hoch, wie es war ausgeschlossen zu sein. Oder mein Sohn beschwert sich darüber, dass alle anderen immer die tollen Sachen haben, nur er nicht und ich erinnere mich daran, dass dieses Gefühl auch meine Kindheit stetig begleitet hat. All diese Situationen sind wunderbare Gelegenheiten gemeinsam mit unseren Kindern zu wachsen – ein jeder in seinem Entwicklungsprozess.

Oft passiert es im Alltag und in herausfordernden Situationen, dass wir diese Einladung nicht sofort erkennen, weil sie uns nicht sofort bewusst ist oder sie sich vorerst als „Problem“ tarnt. Um hilfreiche Bedingungen dafür zu schaffen, mit Kindern zu wachsen, sind vor allem die Situationen interessant, die stärkere Gefühle bei uns auslösen. Wenn ich merke, dass mich eine Situation mit meinen Kindern sehr wütend, traurig, niedergeschlagen, ängstlich macht oder mich besorgt und aufwühlt, dann lohnt es sich, etwas genauer hinzuschauen. Oft ist dann eine alte Geschichte mit an Bord. Das war zum Beispiel auch bei einer Mutter der Fall, die erzählt, dass sie gestern völlig „ausgerastet“ sei. Sie sei so unheimlich wütend auf ihren dreijährigen Sohn geworden, dass es sie selbst erschrocken hat. Sie berichtet, dass ihr Sohn sie aus Ärger an den Haaren gezogen habe. Auf die Frage hin, ob sie die Situation an etwas erinnert hat, denkt sie eine Weile nach, bis sich plötzlich eine Erinnerung zeigt. Sie erzählt, dass sie als Jugendliche gerne in die Disco gegangen sei. Einmal hatte sie ein Outfit ausgewählt, was ihr sehr gut gefiel. Doch leider war ihr Vater nicht so angetan davon wie sie selbst. Er wurde sehr ärgerlich und behaarte darauf, dass sie das Haus so nicht verlassen sollte. Als sie seinem Befehl keine Folge leisten und grade aus der Tür heraustreten wollte, schnappte ihr Vater seine Tochter an ihren langen Haaren und zog sie darin in ihr Zimmer, welches sie dann diesen Abend auch nicht mehr verlassen durfte.

Das ihr wütender Sohn sie nun an den Haaren zieht, löst in ihr die alte Geschichte wieder aus und die dazugehörigen, unverarbeiteten Gefühle. Die vermischen sich nun mit der aktuellen Situation und plötzlich entlädt sich die alte Wut, die eigentlich ihrem Vater gegolten hatte, auch an ihrem Sohn.

Nicht immer ist es so leicht, dass wir uns sofort an bestimmte Situationen erinnern können. Manchmal haben die Situationen anders als hier das Haareziehen, gar keine offensichtliche Gemeinsamkeit, sondern lösen lediglich die gleichen Gefühle aus. Die gleiche Hilflosigkeit, Ohnmacht, Wut, Angst, Trauer. Im Positiven kennen wir das natürlich auch. So löst die nahende Advent- und Weihnachtszeit mit ihren Düften, Leckereien und ihrer Gemütlichkeit bei vielen Menschen ein wohliges und feierliches Gefühl aus. Und die Freude der Kinder über die Geschenke unterm Weihnachtsbaum, erinnert uns an unsere eigene fröhlich Erwartung. Eine Freundin von mir hat die Vorweihnachtszeit in keiner guten Erinnerung. In ihrer Familie war diese Zeit von besonders vielen Streitigkeiten der Eltern geprägt. So meldet sich bei ihr in der Vorweihnachtszeit oft noch ein flaues Gefühl im Bauch, da diese Zeit sie an die damaligen Erlebnisse erinnert. Also dies würde man fachlich als Trigger bezeichnen. Dinge, Erfahrungen, Personen etc., die in uns wieder die Gefühle auslösen, die wir in einer ähnlichen Situation hatten.

Unsere Kinder und natürlich auch unser Partner und andere enge Beziehungen, stehen uns sehr nahe und geben uns oft die Gelegenheit angetriggert zu werden. Dieses Ausgelöst-Sein, bietet die Gelegenheit dort nochmals genauer hinzuschauen. Doch die Voraussetzung ist, dass wir inne halten und mit uns oder einem vertrauten Menschen ins Gespräch gehen, was hier grade in uns passiert. Auf diesem Weg können die Reaktionen und Gefühle auf das ursprüngliche Erleben von der aktuellen Situation getrennt werden. Dann dürfen wir uns um uns selbst kümmern und das, was noch nicht befriedet ist, nachversorgen. Das versetzt uns schließlich in die Lage, dass wir unsere Kinder in ihrem Prozess sehen und sie darin begleiten können.

Also, nehmen wir die Herausforderungen mit unseren Kindern oder anderen nahestehenden Menschen als Gelegenheiten gemeinsam zu wachsen. Schauen wir genau hin, wenn andere starke Gefühle in uns auslösen und lassen uns von ihnen dorthin leiten, wo noch Schritte der Heilung und Integration möglich sind. Damit machen uns diese Menschen letztlich ein Geschenk. Sicher ist dieses zunächst ganz und gar nicht angenehm und manch eines würde man vermutlich lieber ablehnen – zumindest geht es mir so. Doch auf lange Sicht, entdeckt man ihre Kostbarkeit und ihren Anteil an dem eigenen Entwicklungsweg. Von daher: Nehmen wir die Geschenke der Menschen, die mit uns in Beziehung stehen an und entdecken, wie sie unser Leben bereichern können.*

*Schon während ich diesen Satz tippe, erahne ich, dass ich vermutlich schon in kürzester Zeit, wenn mir wieder ein Geschenk zuteil wird, an meine eigenen Worte denken werde, und daran, dass sie sich so leicht und schön schreiben lassen, sie aber so viel herausfordernder zu leben sind. Daher: Memo an mich selbst 😉

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