Ein Recht auf Sein-Dürfen

Da ich es so liebe Kalender umzublättern, habe ich letztes Jahr zu meinem Geburtstag ein Exemplar geschenkt bekommen, bei dem ich jeden Tag in den Genuss komme, ganz symbolisch etwas Neues willkommen zu heißen. Außerdem habe ich eine Vorliebe für inspirierende Gedanken und so zieren diesen Kalender Zitate von Jesper Juul. Heute Morgen begrüßte mich folgender Spruch: „Das Vertrauen, das Kinder von ihren Eltern so sehr benötigen, ist die Zuversicht, dass die Kinder ihr Bestes geben, um zu dem Menschen zu werden, der sie gern sein möchten.“ Eine sehr passende Einleitung für das heutige Thema….

Das Recht auf Sein-Dürfen ist meiner Wahrnehmung nach etwas ganz Wesentliches und hat entscheidenden Einfluss darauf, mit welcher Haltung wir anderen Menschen begegnen.

Unsere letzten Wochen waren gefüllt mit Geburtstagen unserer Kinder. Sowohl für Jay als auch für Penny hat ein neues Lebensjahr begonnen. Eingeläutet wurde es von Geburtstagsfeiern mit Familie und natürlich auch jeweils einer Kindergeburtstagsparty. Als wir die Kinder von Pennys Geburtstag am Wochenende nach Hause brachten, sprach ich noch eine Weile mit einer Mutter. Sie fragte mich, ob es „okay“ gewesen sei mit ihrem Sohn. Ich erzählte ihr kurz wie ich die Zeit mit ihm erlebt hatte und dass ich ihren Sohn als sehr entspannt wahrgenommen hatte. Darauf atmete sie tief durch und sagte: „Sonst gibt es eigentlich immer Probleme auf Geburtstagen, wenn er dann aufgeregt ist und andere Kinder da sind, die er nicht kennt. Es geht nur dann entspannter, wenn er das Vertrauen hat, dass jemand ihn sieht und sein lässt, wie er ist.“

Dieser Junge kann sich entspannen, wenn er merkt, dass er gesehen wird und sein darf, wie er ist. Ich glaube, das ist kein Einzelfall, sondern etwas zutiefst menschliches. Vermutlich haben sich nur die meisten Menschen daran gewöhnt, dass man diesen Zustand nicht oft erlebt, dass man „sein-darf“. Daher spüren viele dieses Unbehagen gar nicht mehr, wenn sie bewertet, beurteilt oder einfach nicht in ihrem Selbst gesehen werden. Ein Stück unserer Lebensrealität. Und vermutlich sind es grade immer wieder genau die Kinder, die dagegen aufbegehren und zu „Problemfällen“ werden, die diese Realität in Frage stellen.

Noch ein anderer Dialog, den ich neulich mitbekam, brachte mich zum Nachdenken: Lotti und Theo unterhielten sich. Sie beschäftigte das Thema „vergleichen“ und wer, was besser kann. Sie waren sich nicht ganz einig. Schließlich sagte Lotti: „Eigentlich können wir uns gar nicht miteinander vergleichen. Wir sind ja unterschiedlich. Wenn es dich nochmal gäbe, dann könnten wir dich vergleichen.“ Theo fand den Gedanken völlig logisch und ergänzte: „Ja, stimmt! Eigentlich können wir nur Lotti mit Lotti vergleichen und Theo mit Theo. Lotti mit Theo ist unfair – wir sind ja völlig unterschiedlich.“ Von der tiefen Weisheit dieser Kinderphilosophie bewegt, beschloss ich diesen Gedanken zu bewahren, dass wir alle in unserem Sein viel zu einzigartig sind, um uns miteinander zu vergleichen!

Wenn ich eine Vision für mein Leben formulieren sollte, dann wäre es wohl die, dass ich dazu beitragen möchte, dass Menschen sich gesehen und in ihrem Sein angenommen fühlen. Im Tiefsten ist es vermutlich auch das, was mich zu vielem, was ich tue, motiviert und was mich auch immer wieder sehr berührt, wenn ich solch einen kleinen Moment erleben darf. Zum Beispiel, wenn ich in einem Gespräch spüre, dass mein Gegenüber mit ihrem Sein in Kontakt kommt und die unbeachteten Teile ihres Selbst endlich gesehen werden. Oder wenn in einer Unterhaltung mein Gesprächspartner plötzlich tief durchatmet und wieder in Berührung kommt mit sich, weil etwas in/an ihm nun wahrgenommen wurde. Dies sind meist bewegende Momente, wo nicht selten auch die eine oder andere Träne vergossen wird. Momente voller „ich sehe dich“ und „du darfst sein“. Für mich irgendwie „heilige“ Momente, in denen ein Mensch sich selbst begegnet und wir auch einander.

Solche Beziehungen zu leben wäre natürlich traumhaft. Doch, da uns allen klar ist, dass uns das nicht immer gelingt, haben wir sieben Gedanken formuliert, die ein wenig dabei helfen können, den Weg für „heilige“ Momente zu ebnen. Sie lauten:

  1. Ich habe keine Pläne für dich, wie du sein sollst! Stattdessen gebe ich dir Raum dich zu entfalten und mir dein Ich zu zeigen.
  2. Ich nehme dich an, wie du bist! Du musst dich für meinen Respekt und Annahme nicht erst verändern oder irgendetwas tun. Sie gelten dir in jedem Moment – egal wie du dich fühlst oder dich mir grade zeigst.
  3. Ich mache mir kein festes Bild von dir, sondern achte dein Geheimnis! Ich erkenne an, dass wir aneinander stets Neues entdecken und bin bereit, mein Bild von dir immer wieder los- und sich wandeln zu lassen.
  4. Ich weiß, dass ich nicht weiß, was das Beste für dich ist! Du hast deinen ganz eigenen Weg in dieser Welt. Ich will dich begleiten und unterstützen, wenn du es brauchst. Doch nur du kannst diesen Weg gehen.
  5. Ich verzichte darauf, dich zu vergleichen und zu bewerten! Stattdessen nehme ich dich an, so wie du bist.
  6. Ich verbinde mich wieder neu mit dem Vertrauen, dass du dich entwickeln möchtest. Dass du dazu nicht von mir gedrängt oder gezogen werden musst. Du gehst deine Entwicklungsschritte in deinem Tempo und auf deine ganz eigene Art.
  7. Ich will darauf achten, dass es in unserem Leben Raum gibt, um einfach zu sein. Zeiten, die dir die Gelegenheit bieten, auf deinen eigenen Herzschlag zu hören. Vielleicht helfen dir diese Zeiten des Einfach-da-seins, in Kontakt zu bleiben mit deinem Sein.
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Manchmal wähle ich mir einen dieser Gedanken aus und bewege ihn über den Tag. Vielleicht inspiriert euch der ein oder andere Gedanke ebenfalls und sei es nur ein leises „Das wäre schön!“. Auch, wenn es in seiner Fülle wohl kaum erreichbar scheint, so glaube ich doch, dass es sich lohnt, es trotzdem zu versuchen. Und jede Minute, die wir andere in ihrem Sein wahrnehmen, ist kostbar und ich glaube es ist unheimlich wertvoll, dass es diese Minute im Leben dieses Menschen gab.

Wenn das keinen Versuch wert ist…

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