Ein Recht auf meine eigenen Lernerfahrungen

Julia und ich treffen uns, um abends gemütlich ein Glas Rotwein zu trinken. Ich habe extra vom Einkauf ein paar Leckereien mitgebracht, von denen ich weiß, dass Julia sie mag. Wir machen es uns gemütlich, snacken, genießen den Wein und unterhalten uns. Als Julia vom anderen Ende des Tisches ihr Handy holen möchte, sehe ich, dass sie beinahe ihr Weinglas umstößt. Ich rücke es mit den Worten „Oh, Vorsicht!“ ein wenig zur Seite. Dann erzählt mir Julia ein spannendes Erlebnis, was sie heute hatte, greift zur Schokolade, stößt dabei mein Weinglas um, und alles fließt auf meine Hose und unseren cremefarbenen Teppich. Julia schaut mich erschrocken an. Ich hole tief Luft und sage zu ihr: „Kannst du nicht besser aufpassen?! Oh man, dass ist meine Lieblingshose und unser Teppich ist auch noch dreckig geworden. Immer bist du so hektisch! Konzentrier dich doch mal. Es isst dir doch keiner die Schokolade weg – meine Güte.“ Während ich einen Lappen hole, schimpfe ich noch weiter vor mich hin: „Immer das gleiche mit dir und deiner Ungeschicktheit! Wie oft hab ich dir das schon gesagt!

Zum Glück musste Julia sich noch keine solche Szene von mir anhören und ich weiß nicht, ob wir sonst noch befreundet wären. Falls Julia so etwas passieren würde, käme mir sicher schon ein Gedanke wie „Oh, Mist!“. Mir wäre aber sogleich bewusst, dass sie das nicht absichtlich gemacht hat, es ihr selbst unangenehm ist und ich würde sie vermutlich schnell versuchen zu beruhigen mit Worten wie „Ist nicht so schlimm. Das bekommen wir schon irgendwie wieder hin. Kann doch jedem passieren…“

Leider gelingt mir so ein freundliches Verhalten bei meinen Kindern nicht immer. Naomi Aldort sagt über den Umgang mit „Fehlern“ folgendes: „Ein Missgeschick ist keine Aufforderung zu Kritik, sondern zur Hilfe, es wieder in Ordnung zu bringen.“ Hier ertappe ich mich oft selbst, dass mir das nicht so einfach gelingen mag. Und neulich wurde mir mal wieder deutlich, womit dies wohl zusammenhängen mag…

Wie wir mit Missgeschicken oder „Fehlern“ anderer umgehen, hat sehr viel damit zu tun, welche Haltung wir allgemein zu „Fehlern“ haben und inwieweit wir uns selbst zugestehen „fehlerhaft“ zu sein (ich setze Fehler bewusst in Anführungsstriche, weil es ja bereits eine Wertung beinhaltet, die ich nachher noch ein wenig in Frage stellen möchte).

Wir haben in unserem Garten einen Apfelbaum, der dieses Jahr reichlich Früchte trägt. Leider ist der Apfel zum Essen nicht so gut geeignet. Zum Kochen oder Backen lässt er sich hingegen vorzüglich verwenden. Ich beschloss auszutesten, ob sich aus diesen Äpfeln auch Apfelsaft gewinnen lässt. So machte ich mir einen Vormittag zu schaffen, reinigte und entkernte viele – um nicht zu sagen sehr viele Äpfel, füllte sie in unseren Entsafter und ließ sie kochen. Noch der angegebenen Zeit wollte ich den Apfelsaft ablassen und sah enttäuscht zu, wie aus dem Schlauch ein wenig herauströpfelte und lediglich 1/3 eines Glases füllte. Diese Ausmaße hatte ich mir anders vorgestellt. Ich kostete das Ergebnis und stellte fest, dass mein Projekt nicht nur sehr unergiebig, sondern auch nur schwer zu genießen war. Nachdem ich übrigens schon am Abend zuvor versucht hatte, Apfelmarmelade mit Agar Agar zu kochen, was ebenfalls nicht erfolgreich war und von streichzart ganz weit entfernt war, beschloss ich, dass meine Motivation an Experimenten mit unseren Äpfeln für dieses Jahr abgearbeitet war.

Als ich beim Aufräumen beobachtete, was in mir vorging, konnte ich vor allem zwei Dinge wahrnehmen. Da gab es wohl den Anspruch an mich und die Überzeugung, dass „man eigentlich versuchen sollte keine Fehler zu machen“. Am besten effektiv, erfolgreich und gelingen sollte es. Und dann war da noch ein leiser Gedanke, der flüsterte: „Toll, nun habe ich eine Lernerfahrung gemacht! Ich weiß nun, wozu diese Äpfel sich nicht eignen und kann jetzt ganz sicher sein, dass ihr Einsatz beim Backen und Kochen wirklich der Geeignetste ist. Wie schön, dass ich das nun herausgefunden habe!“

Leider werden in Stresssituationen diese leisen Gedanken oft in den Hintergrund gerückt und man greift auf Altbewährtes zurück. Das ist wohl auch der Grund, dass sich viele Eltern wundern, wenn sie sich auf einmal Sätze sagen hören, die ihnen doch eigentlich nie über die Lippen kommen sollten. Doch es besteht Hoffnung! Nämlich, indem wir den leisen Gedanken im Alltag immer mehr Raum geben. So kann aus dem Trampelpfad in meinem Gehirn „Es sind alles Lernerfahrungen“ bald ein Landstraße, dann eine Hauptstraße und vielleicht irgendwann eine Autobahn werden, während die Autobahn „Man darf keine Fehler machen!“ zunehmend weniger befahren und schließlich still gelegt wird.

Daher wollen wir euch heute dazu ermutigen, etwas nachzuspüren wie es euch geht oder ihr euch verhaltet, wenn ihr etwas tut oder euch etwas passiert, dass ihr rückblickend als „Fehler“ oder Missgeschick bezeichnen würdet. Dazu, wie auch in den letzten Wochen ein paar Fragen:

  • Wie fühle ich mich, wenn mir etwas nicht gelingt?
  • Begebe ich mich an Dinge heran, deren Ausgang noch ungewiss ist?
  • Sehe ich im Alltag bei mir eher „Fehler“ oder eher „Lernerfahrungen“?
  • Wie wurde in meiner Kindheit mit „Fehlern“ und Missgeschicken umgegangen?

Mein Apfelsafterlebnis war für mich ein wieder Schritt mehr zu der Erlaubnis, dass ich und auch meine Kinder Lernerfahrungen machen dürfen. Und dies eben auch mit Dingen oder Erlebnissen, wo etwas nicht funktioniert (bekanntlich lernt man ja dadurch sogar am meisten). Im Alltag verspüre ich immer noch oft den Impuls, dass ich irgendwie eingreifen möchte. Doch zunehmend öfter kann ich mich stoppen und mir selbst und auch meinen Kindern noch mehr Lernerfahrungen ermöglichen.

Kurz zwei Beispiele:

Penny hatte letzte Woche ihren Schulranzen aus der Schule mit nach Hause genommen, weil sie mit Kai an einem Projekt weiterarbeiten wollte. Am nächsten Morgen vergaß sie allerdings ihren Rucksack mit in die Schule zu nehmen (und ich auch – zum Glück!). Nach den ersten Anflügen von Vorwürfen, die in mir aufstiegen, gelang es mir, ihr diese Lernerfahrung zuzugestehen, dass sie den Tag heute eben ohne ihre Schulisachen verbringt und die Erfahrung machen darf, wie das so ist und welche Lösungen man in einer solchen Situation entwickeln kann.

Oder Lotti, sie hat letzte Woche ihre Oma besucht und sich etwas kaufen dürfen. Ihre Wahl fällt eigentlich meist auf etwas, was irgendwie schleimig ist. So auch diesmal – sie entschied sich für klebrige Spinnen, die wirklich sehr echt aussehen und an glatten Flächen hinunterkrabbeln können (schon faszinierend). Am nächsten Morgen war sie mit ihren 10 Spinnen zu Gange und ich bemerkte, wie sie sich so langsam in unserer Wohnung verteilten. Ich wollte grade Luft holen, um ihr zu sagen, dass die Spinnen so irgendwann nicht mehr kleben bla bla… als ich mich besann. Sie war bereits darüber informiert, was den Spinnen nicht gut tut, die Spinnen gehörten ihr und ich gestand ihr zu, dass sie nun die Erfahrung machen durfte, was mit ihren Spinnen passierte, wenn sie staubig würden, sich in der Wohnung verteilen etc..

An dieser Stelle auch noch ein paar Fragen zur Reflexion:

  • Wo gelingt es mir, meinen Kindern ihre Lernerfahrungen zuzugestehen? Wo noch nicht? (Was übrigens ja auch eng mit unserem letzten Artikel über Selbstbestimmung korrespondiert)
  • Wie reagiere ich, wenn meinen Kindern etwas nicht gelungen ist?
  • Wenn meinem Kind ein Missgeschick passiert, welche Sätze kommen mir dann in den Sinn bzw. auch über die Lippen?
  • Wie verhalte ich mich, wenn etwas eintritt, was ich zuvor bereits vermutet habe, mein Kind sich aber entschieden hat, es selbst herauszufinden?

Wir hoffen, dass die Fragen herausfordern, sich selbst zu beobachten. Zu entdecken, was stimmig ist mit dem, wie man leben möchte und falls Punkte deutlich werden, die dem nicht entsprechen, Wege zu suchen dies zu verändern.

Wir wollen heute zum einen dazu ermutigen auf die Lernerfahrungen und Missgeschicken von anderen mit Hilfe und Annahme, anstatt Kritik zu reagieren – und dies nicht nur bei Fremden, sondern eben auch bei uns selbst oder nahestehenden Menschen. Zum anderen wollen wir einladen, freundlicher mit sich zu sein und die befreiende Erfahrung zu machen, dass das Leben wesentlich weiter wird, wenn man sich und seinen Kindern erlaubt Dinge auszuprobieren und Lernerfahrungen zu sammeln.

Damit geht der vorletzte Teil unserer Check-ups „Umgang mit Kindern“ zu Ende. Nächste Woche beenden wir die Reihe mit dem „Recht auf Ich-sein dürfen“. Bis dahin, allen eine fehlerfreundliche Woche….

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