Ein Recht auf Selbstbestimmung

Nach unserem Frühstuck bitte ich Nele sich anzuziehen. Fröhlich läuft sie zu ihrem Schrank und wählt sich ihre Kollektion aus, die dann aus mehreren ihrer Lieblingsröcke und einem farbenfrohen Pullover besteht. Sie ist ganz glücklich mit ihrem Outfit und an der Art wie sie sich bewegt, merkt man deutlich, dass sie ihre Schönheit genießt. Da wir zur Schule müssen, setzte ich meine „Zessin“, wie sie sich nennt ins Auto und hole die anderen Kinder noch schnell ab. Da öffnet mir die nächste „Zessin“ die Tür. Fritz ist mit seinen Glitzerschuhen und blauem Kleid schnell zur Tür geflitzt, um mir sein Outfit zu präsentieren. Ich teile kurz Fritzs Begeisterung für seine Schuhe . Lotti steigt zügig ins Auto und ist etwas traurig. Sie will gerne in den Kindergarten, gleichzeitig fällt ihr grade der Abschied schwer. Sie will noch ein bisschen weinen. Penny, beschließt derweil sich noch eine Mütze und Handschuhe anzuziehen, weil ihre Hände frieren. Im Auto warten Kai, Theo und Jay, der seit gestern eine eigens kreierte Frisur hat, mit der er sich sichtlich wohl fühlt. Kai wartet ebenfalls im Auto. Er trägt sein komplettes „Arbeitsoutfit“ inklusive dickem Kapuzenpulli. Ich bin sicher, dass ich ihn trotz sommerlichen Temperaturen heute Nachmittag genau in diesem Outfit wieder von der Schule abholen werde. Außerdem werden er, sowie Penny und Kai heute sehr hungrig nach Hause kommen, weil sie den Tag über nur Rohkost und Obst essen werden, da es heute Mittag Vollkornnudel gibt, wo sie sich für Spielen statt Essen entscheiden werden – alles andere würde mich zumindest sehr wundern. Auch Theo sitzt in seinem Sitz und ist wütend. Er hatte heute Morgen Streit mit Kai. Trotz mehrmaliger Angebote über die Situation zu sprechen, ist er (noch) nicht bereit dazu und entscheidet sich (noch etwas) wütend zu sein.  Nachdem dann endlich alle im Auto gelandet sind, machen wir uns auf den Weg in die Schule…

Einer dieser „ganz normalen“ Morgende, der mir in den Sinn kam, als ich über das Thema Selbstbestimmung nachgedacht habe. Menschen haben ein Recht auf Selbstbestimmung, das steht nicht zur Debatte. Bei Kindern befindet sich dieses Recht manchmal im Spannungsfeld mit ihren Fähigkeiten und Kompetenzen. So kommt es immer mal wieder zu Situationen, wo ich zum Schutz die Selbstbestimmung meines Kindes unterbinde wie zum Beispiel, wenn Fritz über die Straße rennen möchte, obwohl ein Auto angefahren kommt.

Ebenso kommt es bei uns im Alltag oft zu Situationen, wo unsere Strategien wie wir grade selbstbestimmt sein wollen, miteinander in Konflikt geraten. Fritz zum Beispiel möchte manchmal sein Essen gerne durch die Wohnung werfen. Ich möchte aber eine saubere Wohnung und nicht nachher sein Essen überall wegputzen müssen, weil ich sonst darauf trete. Hier gibt es wohl Klärungsbedarf. Lotti will öfters so lange aufbleiben wie Penny, die dann einfach selbstständig ins Bett geht. Sie will aber auch nicht alleine einschlafen. Das heißt für mich, dass ich in meiner Abendgestaltung irgendwann unterbrochen werde und sie ins Bett legen müsste. Das wiederrum gefällt mir nicht, da ich diese Zeit in der ich „meine Sachen“ machen kann, sehr genieße. An diesem Punkt und noch vielen anderen überlappen sich die Strategien wie wir uns Selbstbestimmung erfüllen.

Ich glaube, wenn wir mit unseren Kindern eine gleichwürdige Beziehung leben wollen, ist es wichtig, dass wir dieses Recht auf Selbstbestimmung achten und respektieren. Mit meinem Gegenüber in Kontakt zu gehen und über unser Bedürfnis zu sprechen, ist für mich ein Ausdruck dieser Achtung.

Noch ein kurzes Beispiel: Lotti findet das, was ich esse oft sehr eklig. Sie mag es nicht sehen und am liebsten auch nicht riechen. Natürlich war mein erster Gedanke, dass sie sich nicht so „anstellen“ sollte. Ich bin dankbar für diesen Gedanken, weil er mir zeigt wie ich oft mit mir selbst umgehe. Letztlich sagen unsere Bewertungen von anderen Menschen oft mehr über uns selbst aus. Zum Beispiel was uns wichtig ist oder was wir uns selbst erlauben bzw. verbieten. So auch in meinem Fall mit Lotti. Mir wurde nochmal deutlich, wie oft ich versuche, mich eben nicht so „anzustellen“ und nicht auf das achte, was mir eigentlich wichtig ist. Also habe ich versucht, nicht meinen ersten Impuls in die Tat umzusetzen, sondern einen kleinen Moment zu verweilen und mir kurz Zeit zu gönnen für einen zweiten Gedanken 😉 Der kam dann auch tatsächlich und erinnerte mich daran, dass Lotti gerne über sich selbst bestimmen möchte und entscheiden will, was ihr angenehm ist und was nicht. Als ich dann mit ihrem Bedürfnis in Kontakt war, konnte ich mit ihr sprechen und eine Lösung für uns beide finden (denn ich mag mein Essen, finde es riecht lecker und will es gerne essen).

Das Recht auf Selbstbestimmung ist wirklich ein sehr spannendes und kontroverses Thema. Hierzu gehören sicher auch die Fragen, ob mein Kind über seine Kleidung, Nahrung, Schlaf, Emotionen, Beziehungen, Freizeitgestaltung, Entfaltung seiner Persönlichkeit etc. bestimmen darf.

Uns geht es heute nicht um diese einzelnen Fragen und schon gar nicht darum, zu sagen, was „richtig“ ist. Ob man es zulassen sollte, dass sein Kind sich hauptsächlich von Chips und Schokolade ernährt, Medien frei und selbstbestimmt nutzt oder andere strittige Fragen. Wir wollen gerne die Freiheit lassen auf diese Fragen selbst Antworten zu finden. Uns geht es heute lediglich darum, anzuregen über das Thema Selbstbestimmung nachzudenken. Wir wünschen uns, dass dieses Nachdenken und Reflektieren, wo man die Selbstbestimmung eines Menschen oder seines Kindes achtet und wo nicht, zu vermehrtem Kontakt führt. Sowohl mit sich selbst und wie in der eigenen Biographie mit der individuellen Selbstbestimmung umgegangen wurde. Als auch zu mehr Kontakt zu Mitmenschen und Kindern, indem wir ihr Bedürfnis nach Selbstbestimmung wahrnehmen und das Gespräch zu suchen.

Dazu ein paar Impulse zur persönlichen Reflektion in der nächsten Woche:

  • Wo lasse ich meinem Kind seine Selbstbestimmung?
  • In welchen Bereichen gelingt es mir leicht? Wo fällt es mir sehr schwer?
  • Wo ist das Verhalten meines Kindes (Wutanfälle etc. ) vielleicht eine Reaktion auf die Einschränkung seiner Selbstbestimmung?
  • Wie selbstbestimmt lebe ich? Wo fällt es mir leicht? In welchen Bereichen lebe ich so wie „man muss“, andere es erwarten oder ich mich selbst dazu zwinge?

Selbstbestimmung hat sehr viel mit dem Thema Verantwortung zu tun. Ich sehe in Selbstbestimmung im Grunde den Wunsch, Verantwortung für mich selbst zu übernehmen und ich glaube, dass es sehr kostbar ist, dies zu schützen oder wieder neu zu lernen. Denn, wenn ich für mich Verantwortung übernehmen kann und dem anderen die Verantwortung für sich überlassen kann, kann Nähe und Beziehung gelingen. Dann gerät man nicht in Verstrickungen, wo jeder sich um die Bedürfnisse des anderen kümmert. Oder Beziehungen wo der eine vom anderen erwartet, dass er/sie einen glücklich macht. Das macht das Leben und Beziehungen um einiges leichter, wenn man dazu in der Lage ist. Doch es ist gar nicht so einfach anderen Menschen oder auch seinen Kindern die Verantwortung für ihr Leben zu lassen und sie selbstbestimmt ihren ganz eigenen Weg gehen zu lassen.

Dazu noch zwei kurze Beispiele, weil die es oft greifbarer machen. Die beiden Beispiele beschreiben beide Seiten – einmal die eines (zwar erwachsenen) Kindes und einmal die einer Mutter. Bewusst handeln die Beispiele nicht von den klassischen, strittigen Themen (Nahrung, Schlaf, Medien), sondern sollen die Haltung deutlich machen, um die es uns geht.

Eine Freundin hat einen Konflikt mit ihrer Mutter. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat sie eine sehr wichtige Entscheidung getroffen, die ihre Mutter anders getroffen hätte. Die Reaktion ihrer Mutter macht sie sehr traurig. Sie weiß, dass ihre Mutter es gut meint. Ebenso weiß sie, dass der Weg den ihre Mutter vorschlägt, für diese passend gewesen wäre, aber eben nicht für meine Freundin. Sie ist anders und will ihren ganz eigenen Weg finden. Ihre Mutter will sie eigentlich nur schützen und vor Enttäuschungen bewahren. Meine Freundin wünscht sich, dass zwischen ihr und ihrer Mutter eine liebevolle Verbindung bleibt, auch und vielleicht gerade, wenn sie ihre eigenen Entscheidungen trifft. Sie will selbstbestimmt leben und gleichzeitig mit ihrer Mutter verbunden sein. Ich frage mich, was diese Situation mit der Beziehung von Mutter und Tochter machen wird. Meine Freundin wünscht sich jedenfalls, dass ihrer Mutter diese Achtung vor ihrem Leben und ihrer Selbstbestimmung gelingt. Dass ihre Mutter einfach da ist, ihr die Verantwortung für ihr Leben überlässt und ihr vertraut, dass sie ihren Weg gehen wird. (Und ihre keine Vorhaltungen macht, wenn sie ihren Weg nochmal korrigieren sollte – dazu aber mehr in der nächsten Woche.)

Das Thema Selbstbestimmung und Verantwortung beschäftigt mich schon viele Jahre. In den letzten Wochen durfte ich mich nochmal ganz intensiv damit auseinandersetzen und es für eine konkrete Situation mit Lotti erneut durchbuchstabieren. Lotti fiel es nicht leicht nach der Coronapause wieder in den Kindergarten zu gehen. Gleichzeitig wollte sie aber auch gerne hingehen. Ich kann es aufgrund meiner eigenen Biographie schwer aushalten, wenn Menschen in Lebenssituationen verharren, in denen es ihnen nicht gut geht. Sobald ich merke, dass es jemandem nicht „gut“ geht, kommen mir verschiedene Möglichkeiten und Ideen, „was man da doch mal machen könnte“. Zum Glück weiß ich um diese Fähigkeit, die ich entwickelt habe. Oft ist sie auch ganz wunderbar und eine große Stärke, wenn es gewünscht ist. Manchmal ist es aber auch wichtig, mich auf meine Verantwortung zu besinnen, um den anderen in seiner Verantwortung, Selbstbestimmung und letztlich seiner Würde zu achten. Lotti in dieser Situation zu erleben, hat in mir auch den Impuls ausgelöst, die Situation zu gestalten und nach Lösungen zu suchen. Aber da hatte ich meinen Plan ohne meine kleine Lotti gemacht. Die hielt nämlich ganz und gar nichts von meinem Weg. Im Gegenteil verunsicherte es sie noch viel mehr. Wir hatten uns beide etwas festgefahren. Zum Glück gibt es dann solche Menschen, die in einem sehen, wozu man in der Lage sein kann (siehe den Artikel „Ich glaub an dich“). Mithilfe meiner weisen Freundin konnte ich erkennen, warum ich mich so verhielt und was die Situation mit mir machte und welche „alten Geschichten“ sie in mir auslösten. Ich konnte Schritte gehen zu der Haltung, die ich gerne leben möchte. Ich veränderte mich (und versuche es immer wieder) und Lotti tat es ganz automatisch auch. Der Schlüssel für mich war das Vertrauen, dass sie ihren Weg gehen wird! Sie hat alle Möglichkeiten und sie darf nun ausprobieren, was für sie passt. Ja und sie darf auch Erfahrungen machen, die sich für sie nicht angenehm anfühlen und daraus lernen, was sie anders braucht. Sie darf ihre Lernprozesse gehen und selbstbestimmt ihre Entwicklung gestalten.

Im Prinzip waren das alles keine neuen Erkenntnisse für mich, sondern etwas, was mir schon immer wichtig ist. Doch durch diese Situation war die Zeit scheinbar reif, dass es noch etwas mehr verinnerlicht werden konnte und wieder etwas mehr vom Kopf ins Herz zu rutschen. Und seit ich Lotti in diesem Bereich ihre Verantwortung lasse, nimmt sie sie, aber nicht so wie ich es will oder für gut halten würde, sondern wie es ihr entspricht. Und genau so ist es gut!!!

In diesem Sinne – ich formuliere es mal für mich, vielleicht mag sich ja die/der eine oder andere anschließen – will ich Menschen einladen ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten. Verantwortung für mich übernehmen und den anderen ehren und respektieren, indem ich ihm seine Verantwortung lasse. Ich will Vertrauen, dass jeder Mensch seinen ganz eigenen Weg gehen darf, wo nur er wirklich weiß, was gut für ihn ist. Zu dem ganz eigenen Weg will ich ermutigen und da sein, wenn ich gebraucht werde. Verbunden und autonom – selbstbestimmt eben…

Wir wünschen euch eine Woche voller interessanter Erfahrungen und Erkenntnisse rund um das Thema Selbstbestimmung. Nächste Woche dann mehr zu dem Thema „Wenn etwas schief läuft…“ – Selbstreflektion zum Umgang mit Fehlern und Missgeschicken…

Ein Kommentar zu “Ein Recht auf Selbstbestimmung

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