Ein Recht auf meine Gefühle

Gestern traf ich mich mit meiner Freundin zum Früstück. Ich begann ihr zu erzählen, dass ich grade ganz traurig bin, dass eine bestimmte Beziehung sich verändert. Beim Berichten kamen mir die Tränen. Meine Freundin meinte es gut mir und sagte: „Ach, da brauchst du doch jetzt nicht traurig sein! Du hast doch noch ganz viele andere Freunde!“ Ich wechselte das Thema und wir kamen darauf zu sprechen, dass ich noch unsicher bin, ob ich zu einem Termin nächste Woche gehen möchte. Meine Freundin äußerte, dass sie finde, dass ich mich doch nun endlich mal entscheiden müsse und nicht immer so unentschlossen und passiv sein solle. Als ich darauf nichts mehr zu sagen wusste, beschlossen wir noch eine Runde spatzieren zu gehen. Sie zog ihre Jacke an und als sie bemerkte, dass ich wohl im T-Shirt hinausgehen wollte, sagte sie zu mir: „Du willst jetzt nicht wirklich im T-Shirt rausgehen?! Jetzt zieh dir noch etwas an. Das ist doch viel zu kalt! Du erkältest dich noch!“

Zum Glück handelt es sich hier nur um ein fiktives Beispiel! Falls ich eine solche Freundschaft hätte, bin ich sicher, dass ich nach diesem Morgen den Kontakt nicht weiter suchen würde. Ich möchte keine Kontakte haben, wo Menschen mir sagen wie ich zu fühlen habe! Hierbei handelt es sich meiner Wahrnehmung nach um einen gravierenden Eingriff in unsere Selbstbestimmung mit massiven Auswirkungen auf unser Selbstbewusstsein.

Leider ist es etwas, was viele Menschen erlebt haben und Kinder auch heute noch häufig erleben. Neulich wurde ich zum Beispiel Zeuge einer Interaktion eines Kindes mit einer erwachsenen Bezugsperson. Es war ein ziemlich heißer Tag. Das kleine Mädchen war beim Spielen von einem anderen Kind nass gespritzt worden und begann bitterlich zu weinen. Das Mädchen hatte das andere Kind mehrmals aufgefordert sie nicht nass zu spritzen, was aber ignoriert worden war. Nun stand sie da mit einem nassen Fleck auf ihrem Kleid und weinte ihren Ärger und Schmerz darüber hinaus, dass ihr Stopp nicht gehört worden war. Ich ging zu ihr, weil ihre Bezugsperson grade nicht da war. Sie drückte ihren Ärger nochmals aus und meinte, dass sie gerne etwas Trockenes anziehen möchte. Ich hatte zufällig gesehen, dass sie Kleider zum wechseln mitgebracht hatte. So machten wir uns auf den Weg, dass sie sich umziehen konnte, als ihre Bezugsperson zu uns stieß. Ich erklärte ihr kurz die Situation. Daraufhin meinte sie: „Ach nein, nein, du brauchst dich doch nicht umziehen. Komm, die Sonne trocknet das wieder!“. So nahm sie das etwas irritierte Mädchen und ging mit ihr zurück zum Spielplatz.

Mich hat diese Begegnung traurig zurückgelassen und ich konnte mich gut hineinversetzen in diesen Zwiespalt zwischen „ich empfinde so“ und „jemand sagt mir, wie ich empfinden soll“. Dieser Zwiespalt wird von Kindern eigentlich immer in Richtung Bindung aufgelöst. Sie passen sich dem an, wie sie empfinden sollen, weil sie damit versuchen die Beziehung zu sichern. Irgendwann fühlen sie dann bestimmte Emotionen nicht mehr, die eben nicht erwünscht waren. In meiner Beratungspraxis geht es häufig darum, Menschen dabei zu unterstützen, wieder in Kontakt mit ihren abgespaltenen Gefühlen und inneren Anteilen zu kommen. Da merken dann zum Beispiel Menschen, dass ihre Traurigkeit nie da sein durfte, weil Mama oder Papa eben nicht damit umgehen konnten. Durch die Traurigkeit des Kindes, wurden die Eltern verunsichert und versuchten sie schnell „weg zu machen“, damit es dem Kind wieder gut geht. So wurde die Traurigkeit aber nicht „entladen“, sondern lediglich verdrängt und meldet sich heute in anderer Form (wie z. B. Despressivität, Ängsten, körperlichen Beschwerden, Schlafstörungen etc.), weil sie endlich gesehen werden möchte. Andere Menschen mussten ihre Unsicherheit, Sensibilität, Lebendigkeit, Bewegungsfreude, Wut, Schüchternheit etc. abspalten, weil sie so eben nicht gewünscht bzw. von den Eltern nicht „gehalten“ werden konnten. Die Heilpädagogin Cornelia Pfeiffer schreibt in einem ihrer Artikel „Das, was mir im anderen fremd ist, ist nach Martin Buber mein eigenes Fremdes. Das Fremde in sich zulassen heißt Person werden, heißt menschlich sein.“ Hier handelt es sich um einen wichtigen Punkt, denn die Erwachsenen handeln nicht so, um ihren Kindern Schaden zuzufügen. Ganz und gar nicht. Oft ist es ihnen sogar selbst so ergangen und sie haben nie gelernt mit bestimmten Gefühlen umzugehen. So setzt sich manches von Generation zu Generation fort. Hierzu könnten unsere Artikel „Ganz bei Trost“ sowie „Meine Kinder und mich selbst trösten lernen“ interessant sein. Gefühle abzuspalten oder auch als Gesellschaft Menschen mit der ganzen Pracht ihrer Emotionalität nicht annehmen zu können, hat sowohl mit der individuellen Geschichte jedes Einzelnen als auch mit der Geschichte eines Volkes zu tun. Wer sich hierfür interessiert, sei verwiesen auf die Bücher von Sabine Bode. In ihren Büchern wird deutlich, welche Auswirkungen das Trauma des zweiten Weltkrieges auf die nachfolgenden Generationen hat und inwieweit dies auch Folgen für die emotionalen Kompetenzen dieser Generationen hatte und bis heute nach wirkt.

Als praktische Anregung für die nächste Woche, wollen wir euch einladen, hin und wieder auf den eigenen Umgang mit Gefühlen zu achten – sowohl bei anderen Menschen als auch bei sich selbst.

Hier ein paar Fragen zur Reflexion:

  • Welche Gefühle kann ich bei mir selbst gut wahrnehmen? Welche Gefühle in mir machen mir Not?
  • Bei welchen Gefühlen, die mein Kind äußert, habe ich den Impuls, dieses Gefühl „weg“/“wieder gut“ machen zu müssen (häufig finden sich hier Wut, Angst, Trauer, Einsamkeit, Unsicherheit…)? Was ist meine eigene Geschichte mit eben diesem Gefühl?
  • Gelingt es mir die Deutungsmacht der eigenen Emotionen meinem Gegenüber zu überlassen? Oder gibt es Situationen wo ich definiere, wie andere sich zu fühlen haben? (Hinweise dafür sind Sätze wie: „da muss man doch…, da muss man doch nicht…, du brauchst doch… , du brauchst doch nicht…, ist doch nicht so schlimm…, etc.)

Wir glauben, dass es sich hier um ein sehr wichtiges Thema handelt. Geht man diesem etwas auf dem Grund, bieten sich Möglichkeiten des persönlichen Wachstums. Denn, indem ich mich darin übe die Gefühle anderer Menschen anzunehmen, sie alle da sein zu lassen so wie sie der andere empfindet, kann ich mich auch selbst dahin weiter entwickeln, meine bisher vielleicht ungelebten Emotionen zu integrieren. Dies ist wohl eines der größten Geschenk, die uns unsere Kinder machen, wenn wir sie zu nehmen wissen. Nämlich die Einladung, Dinge, die im Laufe unseres Lebens zu Bruch oder verloren gegangen sind, wieder zu heilen und zu integrieren. Kinder leben in der Regel noch die ganze Bandbreite von Gefühlen völlig selbstverständlich und wertfrei. Anstatt sie bestimmter Emotionen zu „beschneiden“, können wir uns auf den Weg machen, dort, wo wir einst „beschnitten“ wurden, wieder neue Triebe wachsen zu lassen.

Wir hoffen dieser Artikel macht euch ein wenig Lust, dieser Einladung zu folgen?!

Letztlich ist es eine Einladung zur bedingungslosen Liebe. Dort, wo alles sein darf wie es ist und wo ich sein darf wie ich bin. Genau so angenommen und geliebt in meiner Einzigartigkeit, Würde und Schönheit. Kinder leben es uns vor. Also: achten wir ihr Recht auf ihre Gefühle und machen von diesem Recht selbst auch wieder Gebrauch!

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