Zuhören und präsent sein

Wir sitzen mit Fritz und Nele im Auto. Plötzlich ruft Fritz ganz aufgebracht: „Julia, Julia, halt mal an!“ Da wir auf einem Feldweg unterwegs sind, weit und breit kein Auto in Sicht ist, wechseln wir kurz einen Blick und Julia stoppt das Auto. Alle schauen Fritz an, der ganz elektrisiert zu sein scheint. Es ist ersichtlich, dass das, was er uns sagen möchte, für ihn von großer Bedeutung ist. Schließlich deutet er nach draußen und verkündet: „Hier bin ich morgen hingezaubert worden!“ Mit großen Augen schauen wir einander an. Nach einem staunenden „Ok, hier bist du gestern hingezaubert worden“ von unserer Seite, entbrennt eine angeregte Diskussion zwischen Nele und Fritz übers Zaubern und Julia setzt das Auto wieder in Bewegung.

Heute beschäftigen wir uns in unserem ersten Impuls zum „Umgang mit Kindern“ mit den Themen Zuhören und präsent sein. Die Situation mit Fritz dauerte nur wenige Minuten und dieser Moment, in dem wir uns anschauten, nachdem er uns an seinem Erleben hatte teilhaben lassen, war fast flüchtig. Und doch war er von einer besonderen Qualität. Es war einer dieser Momente, von denen man meint, sie würden direkt das Herz des anderen berühren und einen Augenblick der Verbundenheit herstellen. Fritz hatte uns durch seine Worte und Euphorie aufgefordert, ihm ganz präsent zuzuhören. Als wir ihm diesen Gefallen taten, wurden wir alle mit einer Erfahrung der Nähe und Verbundenheit beschenkt.

Wenn ich meinen Alltag anschaue, ist wohl eines der Worte, die ich häufig verwende, das Wort „gleich“. Ich komme gleich, bin gleich bei dir, ich mache das nur schnell zu Ende, warte kurz, einen Moment… Das zeigt, dass mein Alltag gut gefüllt ist.

Neulich hatte ich ein Telefonat mit einer Freundin. Für sie war es irgendwie ein stressiger Morgen und so wurde sie während unseres Telefonats fortwährend von ihrem Sohn unterbrochen. Immer wieder sagte sie zu mir: „warte mal kurz, ich muss nochmal schnell gucken“ oder „ich bin gleich wieder da“. Nachdem sich dieses Muster immer weiter fortsetzte, merkte ich, dass ich langsam frustriert und immer genervter wurde. Natürlich hatte ich Verständnis für sie und ihre Situation. Gleichzeitig spürte ich meinen Frust, dauernd vertröstet zu werden und kein wirkliches Gehör zu finden. Mein Interesse, über persönliche Themen zu sprechen, schwand dahin. Wir tauschten noch ein paar Oberflächlichkeit aus und verschoben unser Gespräch auf einen anderen Zeitpunkt. Als ich aufgelegt hatte, dachte ich noch eine Weile über die Situation und das Thema Zuhören und präsent sein nach. Ich blieb hängen bei der Frage, ob es sich für meine Kinder wohl oft genauso anfühlt, wenn sie – auch aus nachvollziehbaren Gründen – vertröstet oder unterbrochen werden bzw. ich innerlich bei ganz vielem anderen bin als dem jetzigen Moment.

So möchten wir euch heute drei Fragen mit in die nächste Woche geben, die eine Hilfe dabei sein können, sich selbst zu reflektieren und gegebenenfalls neue Schritte zu gehen:

  • Gibt es Momente im Alltag, wo mich meine Mitmenschen/Kinder antreffen (ich bei mir Zuhause bin, präsent im Augenblick)?
  • Wenn meine Kinder mit mir reden, wie präsent bin ich dabei? Schweifen meine Gedanken ab zu anderen Themen? Oder gelingt es mir auch immer mal wirklich ganz bei meinem Gegenüber zu sein und ihm zuzuhören ohne mich ablenken zu lassen?
  • Wieviel rede ich am Tag auf meine Kinder/Mitmenschen ein und wieviel höre ich ihnen zu? (Hierzu passt der interessante Spruch: Wir haben nur einen Mund und zwei Ohren bekommen, was darauf hindeutet, dass wir weniger sprechen und mehr zuhören sollten.)

Noch ein paar abschließende Gedanken:

Wenn ich bei einem Freund*in zu Besuch bin und ihm etwas von mir berichten, sprich mich innerlich zeigen möchte, mit dem, was mich beschäftigt, dann wünsche ich mir:

  • dass er/sie ganz präsent ist und falls nötig seine/ihre anderen Tätigkeiten unterbricht
  • mich anschaut
  • eventuell noch Rahmenbedingungen schafft, die ihm/ihr das Zuhören ermöglichen (z.B. noch schnell den Topf vom Herd nehmen, den Backofen anstellen etc.)
  • Handy und Telefon ausschaltet bzw. ignoriert
  • mich über die Zeit und die Art wie ich erzähle bestimmen lässt (bei Aussagen wie „ach, jetzt komm doch mal zum Punkt!“ oder „ich hab es eilig, kannst du mal schnell erzählen“, würde ich mich nicht weiter öffnen)

Vielleicht unterscheiden sich die Bedürfnisse hier in dem einen oder anderen Punkt von Mensch zu Mensch. Jedoch glaube ich, dass zwei Dinge bleiben:

1.Präsent sein

Hierzu gibt es eine schöne Geschichte, die mir immer wieder vor Augen führt, was Präsenz und Achtsamkeit bedeuten können:

Es kamen einmal ein paar Suchende zu einem alten Meister. „Meister“, fragten sie „was tust du, um glücklich und zufrieden zu sein? Wir wären auch gerne so glücklich wie du.“ Der Alte antwortete mit mildem Lächeln: „Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf. Wenn ich gehe, dann gehe ich und wenn ich esse, dann esse ich.“ Die Fragenden schauten etwas betreten in die Runde. Einer platzte heraus: „Bitte, treibe keinen Spott mit uns. Was du sagst, tun wir auch. Wir schlafen, essen und gehen. Aber wir sind nicht glücklich. Was ist also dein Geheimnis?“ Es kam die gleiche Antwort: „Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf. Wenn ich gehe, dann gehe ich und wenn ich esse, dann esse ich.“ Die Unruhe und den Unmut der Suchenden spürend, fügte der Meister nach einer Weile hinzu: „Sicher liegt auch Ihr und Ihr geht auch und Ihr esst. Aber während Ihr liegt, denkt Ihr schon ans Aufstehen. Während Ihr aufsteht, überlegt Ihr wohin Ihr geht und während Ihr geht, fragt Ihr Euch, was Ihr essen werdet. So sind Eure Gedanken ständig woanders und nicht da, wo Ihr gerade seid. In dem Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft findet das eigentliche Leben statt. Lasst Euch auf diesen Augenblick ganz ein und Ihr bekommt die Chance, wirklich glücklich und zufrieden zu sein.“  (aus dem Zen)

2. Zuhören, um mich mit dem anderen zu verbinden und ihn wirklich zu verstehen (nicht nur, um danach meine eigene Meinung kundzutun)

Beim Nachdenken, fiel mir Eine ein, die diese Fähigkeit beherrscht, und die Michael Ende in seinem Buch beschreibt:

Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war das Zuhören. Das ist doch nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur recht wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig. Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte – nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme. Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen, dunklen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie in ihm plötzlich Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten. Sie konnte so zuhören, dass ratlose, unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf denen es überhaupt nicht ankommt, und er ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf – und er ging hin und erzählte das alles der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war. So konnte Momo zuhören!

Ich glaube, dass Zuhören eine regelrechte Kunst ist. Eine Kunst, nach der sich viele Herzen sehnen, die gut tut und Liebe, Nähe und Verbundenheit spür- und erfahrbar werden lässt. In diesem Sinne wünschen wir euch eine spannende Woche mit so manchem kostbaren Herz-zu-Herz-Moment. Nächste Woche einen neuen Impuls zur Reflektion und Inspiration zum Thema „Ein Recht auf meine Gefühle“…

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