Eingewöhnung

In unserem Artikel „Übergänge gestalten“ haben wir angekündigt, dass zum Ende der Sommerferien ein Blogeintrag erscheint, der sich nochmal intensiv mit dem Thema Eingewöhnung in Krippe oder Kindertagesstätte beschäftigt. Nun ist es soweit….

Die Ferien hier in Hessen gehen dieses Wochenende zu Ende und ab der nächsten Woche startet dann wieder der reguläre Schulalltag. Für viele Kinder und auch Eltern beginnt dann ein neuer Lebensabschnitt. Und nicht nur die Schulen werden von neuen Kindern besucht, sondern auch in vielen Krippen und Kindertagesstätten findet zu diesem Zeitpunkt die Eingewöhnung der neuen Kinder statt. Ein sehr aufregender Prozess – sowohl für die Kinder als auch die Eltern, denn beide begeben sich auf einen Weg des Loslassens und Entdeckens von neuem. Bei den Kindern ist uns das oft bewusster, doch auch die Eltern haben diesen Übergang für sich zu bewältigen. Sie lassen ihre Kinder ein Stück mehr los, vertrauen sie anderen Menschen an und dürfen den neuen Freiraum ihres Ermessens nach gestalten. Heute wollen wir jedoch vor allem die Seite der Kinder betrachten und überlegen, wie man sie bei diesem Schritt bindungs- und bedürfnisorientiert begleiten kann.

Für die Eingewöhnung gibt es verschiedene Konzepte, wobei es sich bei dem Berliner und dem Münchner Eingewöhnungsmodell wohl um die Bekanntesten handelt. Beide haben gute Ansätze und verschiedene Vorzüge. In unseren letzten 6 Jahren Erfahrung in Begleitung von Familien und Kitas ist allerdings auch deutlich geworden, wie dehnbar Konzepte sind und wie sehr sich die aktuelle Praxis dann manchmal doch von den konzeptionellen Grundlagen einer Einrichtung unterscheidet. Daher werden wir in dem Artikel die gemachten Erfahrungen in vielen verschiedenen Kindertagesstätten sowie die Fragen und Unsicherheiten der Eltern zur Grundlage nehmen.

Wir Menschen sind auf Beziehungen angelegt und ohne die Bindung an unsere Bezugspersonen wäre ein Überleben für uns nicht möglich. Je kleiner das Kind, umso relevanter ist die Bezugsperson. Und umso jünger das Kind, je abhängiger ist es von eben dieser. Damit der Übergang in eine Krippe oder Kita gelingen kann, benötigt das Kind die Gelegenheit zu mindestens einer/m Erzieher/in eine tragfähige Bindung auszubauen. Das ist meines Erachtens nach der wesentliche Prozess, um den es bei der Eingewöhnung geht. Und bereits hier wird deutlich, dass dieser Prozess sich ganz individuell gestaltet, da wir alle unsere ganz eigene Art und Tempo haben mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Für die Kinder – und ich betone nochmal: je jünger, umso relevanter – ist die Beziehung zu einer der pädagogischen Fachkräfte so entscheidend, weil sie das Gefühl brauchen, dass sie gesehen und verstanden werden und die entsprechende Person sich feinfühlig um ihre Bedürfnisse kümmert. Dann kann sich die Sicherheit einstellen: „ja, hier kann ich ohne Mama oder Papa sein, denn hier ist jemand anderes, der sich um mich kümmert wie ich es brauche – hier bin ich gut aufgehoben!“ Es liegt ja auf der Hand, dass ein Kind, welches mit einem Jahr zur Tagesmutter oder in die Krippe kommt, komplett darauf angewiesen ist, dass die dort arbeitende Fachkräft es versteht und sich entsprechend um es kümmert. Es ist abhängig von diesem Menschen und ihm, zugespitzt formuliert, „ausgeliefert“. Werden die Kinder älter, nimmt die Abhängigkeit etwas ab. Mir ist durchaus bewusst, dass dies vielleicht krass klingt, doch meiner Erfahrung nach, entstehen viele Probleme von Kindern genau aus diesem Grund – die Sicherheit hat sich nicht eingestellt. Die entsprechende Einrichtung kann dann noch so schön ausgestattet sein und ein sehr attraktives Programm für die Kinder haben, wenn ein Kind dort niemanden findet, mit dem es eine Beziehung eingehen kann, wird die Zeit in der Einrichtung mit viel Stress verbunden sein (den man den Kindern manchmal gar nicht anmerkt – siehe dazu den Artikel zum unsicher-vermeidenden Bindungsverhalten).

Das heißt für die Wahl einer Einrichtung ist es entscheidend, dass dort bindungsorientierte Erwachsene zu finden sind. Menschen, die bereit sind, sich auf mein Kind einzulassen und mit ihm wirklich in Kontakt zu gehen. Denn hier kann im Gegensatz zu „Beaufsichtigung“ Beziehung entstehen und geistige, emotionale und soziale Entwicklungsprozesse werden möglich (auch geistige, denn „Wenn das Herz Angst hat, kann der Kopf nicht lernen“ (Cornelia Pfeiffer)).

Nochmal zusammengefasst liegt der Fokus der Eingewöhnung also auf der Beziehungsgestaltung zu zumindest einer erwachsenen Person der Einrichtung. Außerdem mit zunehmendem Alter auch auf der Aufnahme von Beziehungen zu den anderen Kindern sowie dem Kennenlernen der Rahmenbedingungen, Tagesabläufe etc.

Wie gesagt gehen die pädagogischen Einrichtungen sehr unterschiedlich mit diesem Prozess um, daher beschreiben wir im Folgenden ein paar hilfreiche Schritte auf dem Weg, die, falls sie nicht von der jeweiligen Einrichtung vorgeschlagen werden, durchaus von den Eltern initiiert werden können.

  • Einrichtung besuchen

Wir empfehlen allen Eltern die Einrichtung der Wahl gemeinsam mit ihrem Kind einen Tag lang zu besuchen. Ich weiß, dass manche Einrichtungen dies nicht gerne sehen. Während dem Besuch kann man anschauen, ob die praktische Umsetzung des pädagogischen Konzeptes dem entspricht, was man sich für sein Kind wünscht. Als ich auf der Suche nach einem Kindergarten für meine Tochter war, empfahl mir eine Freundin, die ebenfalls als Erzieherin in einer Kindertagesstätte arbeitet, folgendes: „Wenn du den Tag in der Kita verbringst, dann achte vor allem auf die stressigen Zeiten. Zum Beispiel, wenn es nach draußen geht und alle Kinder angezogen werden oder vor dem Mittagessen. Schau dir an wie Konflikte in der Kita gelöst werden. Wie mit Kindern umgegangen wird, die sich nicht an dort herrschende Regeln halten.“ Dieser Rat hat mir sehr geholfen und ich muss sagen, dass ich wirklich sehr vieles gesehen habe. Von stillen Stühlen auf denen die Kinder zur Bestrafung sitzen, bis zu sehr bedürfnisorientiertem Konfliktmanagement, um nur einen Bereich zu nennen. Dies kann einem dann dabei helfen die Entscheidung zu treffen, was man für sein Kind möchte.

Es ist der Eingewöhnung eines Kindes sehr zuträglich, wenn die Eltern hinter der Einrichtung und deren Pädagogik stehen. Zum einen gelingt ihnen das Loslassen leichter, weil sie überzeugt sind, dass ihr Kind hier wirklich gut aufgehoben ist. Und die Kinder spüren dieses Vertrauen ebenfalls, welches die Eltern der Einrichtung entgegenbringen.

Noch ein kleines Plädoyer für die pädagogischen Fachkräfte: Es geht mir nicht darum, nach einer Einrichtung zu suchen, in der perfekte Menschen arbeiten, die perfekt mit meinem Kind umgehen würden. Ganz im Gegenteil! Mich persönlich stört es überhaupt nicht, wenn jemand mal gestresst, genervt, wütend, traurig etc. ist oder einfach einen schlechten Tag hat. Und ich wünsche mir sogar, dass meine Kinder in einer Einrichtung auf „echte“ Menschen treffen, die eben auch mal Sachen machen oder sagen, die „doof“ sind (dann fühlen sie sich ja wie Zuhause 😉 ). Gleichzeitig ist es mir wichtig, dass die dort arbeitenden Menschen in der Lage sind, sich selbst gut zu regulieren und die Verantwortung für sich und die Beziehung zu den Kindern zu übernehmen. Meinem Verständnis nach ist genau das eine entscheidende Fachkompetenz, die Erzieher/innen mitbringen sollten. Das ist wirklich harte Arbeit und erfordert ein sehr hohes Maß an Selbstwahrnehmung und – bewusstsein, sowie emotionaler und sozialer Kompetenz. Gelingt dies, können Kinder davon meiner Ansicht nach ein Leben lang profitieren.

  • Elterngespräch mit den Erziehern/innen

Es ist unterstützend, wenn es vor der Eingewöhnung ein Elterngespräch gibt, in dem die Erzieher die Eltern, Familie und das Kind (aus Perspektive der Eltern) kennen lernen. Dieses Gespräch hilft wieder sowohl den Eltern als auch dem Kind. Die Eltern können das Vertrauen entwickeln, dass die Erzieher/innen ihr Kind schon etwas kennen und über relevante Erlebnisse, Eigenschaften, Vorlieben etc. informiert sind. Den Erzieher/innen erleichtert dieses Wissen über das Kind mitunter den Beziehungsaufbau.

  • Kennen lernen der Einrichtung, Kinder und Erwachsenen dort

Fall es die Einrichtung und der Zeitplan der Eltern zulässt, ist es hilfreich, wenn man schon vor der Eingewöhnung hier und da der Krippe oder Kita mal einen Besuch abstattet. Vielleicht mal mit draußen dabei ist oder an „offenen Veranstaltungen“ der Kita teilnimmt, wie zum Beispiel einem Laternenumzug. So kann die Krippe/Kita immer mehr Einzug halten in die jeweilige Familie und kann von dem Kind ganz frei kennen gelernt werden. Denn manchmal entsteht bei Eltern oder Kindern der Druck „Jetzt schau dir das alles an. Hier sollst du jetzt bald alleine bleiben.“, der für die Eingewöhnung eher hinderlich sein kann.

Dann beginnt die Eingewöhnung mit dem ersten „offiziellen“ Besuch in der Einrichtung. Die Dauer des Besuchs richtet sich nach dem jeweiligen Kind und seinen individuellen Bedürfnissen. Wobei es meiner Erfahrung nach empfehlenswert ist, sich lieber dann langsam zu verabschieden, wenn das Kind noch bei guter Laune und Energie ist, als dann zu gehen, wenn man merkt, dass die Kapazitäten des Kindes am Ende angekommen sind. Auf diese Weise kann die Einrichtung nämlich eher mit positiven Gefühlen assoziiert werden, wo man dann auch wieder gerne hingehen möchte. Die Bezugsperson des Kindes bleibt so lange bei dem Kind, bis eine Beziehung zu einem Erwachsenen aufgebaut ist. Im Idealfall würde sich das Kind einen Erwachsenen seines Vertrauens aussuchen. Da das aber strukturell in der Regel nicht möglich ist, empfiehlt sich das Konzept eines/r „Bezugserziehers/in“. Diese konstante Person gestaltet den Aufbau der Beziehung zum Kind.

Wichtig sind mir hier zwei Dinge. Zum einen wollen wir Eltern ermutigen, sich in diesem Prozess selbst zu vertrauen. Sie kennen ihr Kind am besten und können vermutlich am ehesten einschätzen, wann ihr Kind sich in der Beziehung zu einem anderen Erwachsenen sicher verhält. Auch wenn den Eltern von Fachkräften nahe gelegt wird, dass sie doch nun für eine Zeit gehen sollten, ermutige ich Eltern hier sehr feinfühlig auf ihr Gespür zu achten. Der Aussage, dass man ruhig auch gehen kann, wenn die Kinder weinen und diese sobald die Eltern weg sind schon aufhören, stehe ich sehr kritisch gegenüber. Denn ich sehe darin eher die Gefahr eines unsicher-vermeidenden Bindungsverhaltens und befürchte, dass diese Kinder einfach aufhören zu weinen, weil sie wissen, dass es ja sowieso keinen Sinn hat weiter zu weinen – Mama/Papa werden nicht zurückkommen. Sobald man als Eltern noch unsicher ist, rate ich dazu den Druck rauszunehmen, sich irgendwie Zeit zu verschaffen und sein Kind weiter zu begleiten. (Randnotiz: Sicher gibt es auch Fälle, wo sich die Eltern sehr schwer tun und die Kinder mit ihnen durch ihr Weinen kooperieren, was man dann in einem Elterngespräch aufgreifen und eventuell durch eine Familienberatung begleiten sollte.)

Zum anderen ist mir bewusst, in welch einer herausfordernden Situation sich Erzieher/innen oft befinden. Der Betreuungsschlüssel ist hoch und man kommt manchmal zu gar nicht mehr als die Kinder irgendwie zu versorgen und zu deeskalieren. Prof. Dr. Karl-Heinz Brisch erklärte in einem Seminar auf eine Frage einer Teilnehmerin, dass bei einem Betreuungsschlüssel in der Krippe von 1:2 eine sichere Bindung möglich sei. Alles darüber sei sehr schwierig. Leider ist dieser Betreuungsschlüssel fernab jeder Realität. Wenn ich hier also die Latte so hoch lege, dass ich zusätzlich auch noch Beziehungsarbeit voraussetze, ist mir klar wie immens dieser Anspruch ist und er sehr oft auch an strukturellen Gegebenheiten scheitert. So kann manchmal die Frau oder der Mann, die/der aus Herzblut und Leidenschaft Erzieher/in geworden ist, nicht so wie sie gerne würde, weil es aufgrund der Rahmenbedingungen einfach nicht möglich ist. Auch diesen Aspekt, sollte man in seine Entscheidungsfindung mit berücksichtigen.

  • Schrittweises Verabschieden

Auf die erste Zeit des Beziehungsaufbaus folgt dann irgendwann das schrittweise Verabschieden. Ich habe bewusst das Wort verabschieden gewählt, weil es beinhaltet, dass das Kind über die anstehende Trennung informiert wird. Es ist nicht ratsam sich, wenn das Kind vertieft spielt, leise „rauszuschleichen“, um möglichen Trennungsgefühlen aus dem Weg zu gehen. Hierin besteht nämlich viel eher die Gefahr, dass das Kind seine Sicherheit und sein Vertrauen verliert und für sich den Schluss daraus zieht, dass es demnächst besser aufpassen muss bzw. nicht mehr so vertieft spielen kann, weil die Mama/der Papa sonst vielleicht plötzlich weg sind. Das heißt die Eltern verabschieden sich und je nach Alter des Kindes erklären sie ihm, wann sie wieder zurück sein werden, um es abzuholen. Ist die Beziehung zur Bezugserzieherin stabil, erlebt das Kind in dieser Zeit der Abwesenheit der Eltern, dass es von der Erzieherin seinen Bedürfnissen entsprechend begleitet wird und fasst weiter Vertrauen. Dies macht die Anwesenheit der Eltern immer weniger nötig bis dann irgendwann völlig überflüssig.

  • Kontakt und Austausch pflegen

Nach der Eingewöhnung empfiehlt es sich den Austausch mit den Erziehern/innen über regelmäßige Gespräche zu pflegen. Öfters kommt es vor, dass Kinder nach einiger Zeit, die sie gerne in die Einrichtung gegangen sind, beginnen Unmut zu äußern. Oft passiert es zum Beispiel, dass Kinder zunächst „recht schnell“ alleine in einer Einrichtung bleiben wollen und nach ca. drei Monaten auf einmal nicht mehr gehen möchten und es einer zweiten Eingewöhnung bedarf. Wir haben hier auf dem Blog des Öfteren schon das Prinzip von Bindung und Exploration beschrieben. Ein wieder-nicht-mehr-alleine-in-der-Kita-bleiben-wollen kann einen solchen Regressionsschritt darstellen. Hier bedarf es dann wieder der Rückversicherung und Bindung, auf die dann meist ein nächster Entwicklungsschritt folgen wird. Konkret heißt das, ich versuche zunächst herauszufinden, woran es liegt, dass mein Kind nicht mehr in die Einrichtung möchte. Gibt es Konflikte mit einem anderen Kind, Unstimmigkeiten in der Beziehung zu den Erziehern (oder zwischen Eltern und Erziehern, auf die das Kind reagiert), ein anderes Bedürfnis oder Erlebnis. Falls es nicht zu verbalisieren ist, suche ich das Gespräch zu den Pädagogen/innen und begleite mein Kind erneut in die Einrichtung bis es wieder Sicherheit gefunden hat.

Ich bin davon überzeugt, dass Kinder hinaus in die Welt wollen! Und sie können das, wenn Bindungssicherheit vorhanden ist. Kinder sind von Natur her neugierige Entdecker. Wenn ein Kind sich also weigert in eine Einrichtung zu gehen, dann hat es dafür einen guten Grund! Diesen gilt es herauszufinden, Lösungen zu suchen und einen Weg, den die Eltern und das Kind gehen können.

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