Druck braucht Gegendruck

Vor zwei Wochen haben wir etwas über Druck und Gegendruck geschrieben. In dem Artikel ging es im Kern um das Phänomen, dass Andere meist mit Gegenwehr reagieren, wenn man sie unter Druck setzt. Dies tun sie, um sich zu schützen und ihre Integrität und Würde zu wahren. Anstelle von Druck empfiehlt es sich daher, für mein Gegenüber als Person erkennbar zu werden und die Verantwortung für mich und meine Bedürfnisse zu übernehmen.

Nun war ich heute beim Zahnarzt. In den letzten Jahren beschäftigt mich zunehmend die Frage, ob ich meine Zähne nochmal, im wahrsten Sinne des Wortes, in Ordnung bringen lassen soll. Der begonnene Prozess, dass sich meine Zähne verschieben, wird nämlich vermutlich nicht stagnieren, sondern weiter fortschreiten. Doch noch bin ich unsicher, wieviel mir das ganze Vorhaben wert ist. Jedenfalls teilte ich meinem Zahnarzt heute meine Besorgnis mit, die er fachlich und emphatisch mit mir besprach. Und unter anderem erklärte er mir Folgendes: Meine Zähne drücken alle nach vorne. Solange sie nun in „Reihe“ stehen, gleicht sich der Druck quasi aus, indem die anderen Zähne mit ihrem Gegendruck reagieren. Nun hat sich aber vor allem ein Zahn aus dieser Reihe gelöst. Jetzt drücken die anderen Zähne nach vorne und haben keinen Gegendruck mehr. Dadurch verschieben sie sich nun immer weiter.

Während er so sprach, fiel mir unser letzter Artikel ein: Druck erzeugt Gegendruck. Er erklärte mir jetzt grade: Druck braucht Gegendruck.

Zunächst scheinen sich die beiden Aussagen zu widersprechen. Doch schaut man genauer hin, kann man entdecken, dass beide Aussagen eigentlich genau dasselbe meinen. Das Wort Druck wird nur unterschiedlich gefüllt. In dem letzten Artikel habe ich damit gerungen, wie ich den Unterscheid erklären kann von Druck ausüben und Verantwortung übernehmen. Und mein Zahnarzt hat es mir heute eindrücklich präsentiert. Andere Menschen oder speziell Kinder wollen keinen Druck. Stattdessen brauchen sie Menschen, die sich zeigen und ihnen als Gegenüber begegnen („Druck“). Laut meinem Zahnarzt: Druck braucht Gegendruck. Meine Zähne wollen einander spüren. Sie brauchen die anderen Zähne neben sich, um ihre Position zu halten.

Nochmal etwas ausführlicher…

Wenn wir mit Druck reagieren, dann tun wir das oft, weil wir denken man müsse, sollte, es gehöre sich so, es sei unmöglich, dass… Unsere Kinder passen nicht in unser Bild oder bewirken, dass wir durch ihr Verhalten in einen Rollenkonflikt kommen. Dass wir plötzlich nicht mehr dem Mama- oder Papa-Ideal entsprechen, welches wir von uns haben. Dieser innere Druck wird dann oft weitergegeben. Darauf reagieren Kinder wie oben beschrieben aus Selbstschutz mit Gegendruck.

Jesper Juul rät Eltern in seinen Büchern immer wieder, dass sie eine persönliche Sprache nutzen und persönliche Grenzen setzen sollen. Anstelle von „Mama will, dass du jetzt damit aufhörst. Das macht man einfach nicht!“ hieße es dann „Ich will, dass du damit aufhörst, weil mir wichtig ist, dass meine Blumen ganz bleiben!“. Im zweiten Satz wird die Mutter für ihr Kind erkennbar. Sie zeigt sich mit dem, was ihr wichtig ist. Und ich glaube sie macht damit genau das, was ich mir von meinen Zähnen wünschen würde. Sie bezieht Stellung und wird als Person für ihr Kind erfahrbar. Sie versteckt sich nicht hinter irgendwelchen Regeln, Formulierungen, Belohnungen oder Strafen. Sie macht einfach deutlich, was ihr wichtig ist. Nun ist ihr Kind eingeladen auch Stellung zu beziehen. Man kann in Kontakt und ins Gespräch kommen und schauen, welche Bedürfnisse da sind und wie sie sich erfüllen lassen.

Ich glaube, dass sich Kinder oft genau nach diesem Spüren des Anderen sehnen. Wenn Kinder ihre Eltern nicht mehr „finden“, weil diese irgendwie versteckt sind, indem sie zum Beispiel versuchen die „perfekte Mama“ zu sein oder von den Kindern verlangen zu leben „wie man das macht“, wird vermutlich die Beziehung darunter leiden. Manche Kinder rebellieren auch und „schlagen quer“ – ganz wie mein Zahn – weil sie sich nach ihrer Mama und ihrem Papa als echtes, spürbares Gegenüber sehnen. Echt, authentisch, kongruent und die Verantwortung für sich übernehmend. Dann kann man mit dem anderen in Kontakt kommen und sich gegenseitig „spüren“. „Reibung erzeigt Wärme“ sagt man bei Konflikten oft tröstend. Ich glaube, dass dies nicht nur bei Konflikten der Fall ist, sondern es immer „warm“ wird, wenn wir uns wirklich begegnen. Wo ich hingegen nicht „erkennbar“ bin, kommt es zu einer „Vergegnung“, ich laufe ins Leere und verliere meinen Halt.

So wurde ich heute bei meinem Zahnarztbesuch nochmal erinnert, dass Kinder und Menschen generell, den wirklichen und authentischen Kontakt brauchen und suchen. Und ich bin ermutigt mich zu zeigen, um dem Anderen wirklich zu begegnen.

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