Von der Freiheit genug zu haben und zu sein – ein paar Gedanken zum Thema „Verzicht“

Als ich Julias Artikel gelesen habe, kam mir der Gedanke, dass es bei Nachhaltigkeit irgendwie auch immer um das Thema Verzicht geht. Und das Gefühl beschlich mich, dass die ganzen „guten Tipps“ wohl zu kurz greifen, wenn man dieses Thema nicht ganzheitlich betrachtet. So tippte ich letzte Woche noch schnell die Zeilen „über dieses Thema demnächst mehr in einem Artikel“ mit hinein. Zu dem Zeitpunkt war mir noch nicht bewusst, wie umfassend dieses Thema doch ist, denn ich glaube, dass es ganz eng mit unserer Identität verbunden ist. Daher heute ein paar Impulse, die in keinster Weise den Anspruch auf Vollständigkeit haben…

In der letzten Woche hat Fritz eine für ihn bahnbrechende Erkenntnis gemacht. Er schaute mich an und meinte: „Mama, ich kann meine Nase nicht sehen. Aber du kannst meine Nase sehen. Und du kannst deine Nase nicht sehen, aber ich kann deine Nase sehen.“ Er fand es faszinierend, dass er so einiges von sich nicht sehen kann – sein Gesicht mit Nase, Augen, Ohren, Mund etc. – und ich das bei mir selbst auch nicht kann. Dass wir unsere Gesichter selbst nicht sehen können, aber eben die der anderen. Da mich die letzten Tage die Themen Nachhaltigkeit, Verzicht und Identität beschäftigt hatten, wurde mir das etwas Wertvolles in dieser kleinen Begebenheit deutlich.

Martin Buber war der Meinung, dass wir am Du zum Ich werden. Das heißt, wir brauchen den anderen, um wir selbst zu werden. Um uns ganz sehen zu können. Natürlich haben wir durch Spiegel diesem Problem Abhilfe geschaffen. Doch ohne solche Hilfsmittel, bräuchten wir den anderen, um das, was uns fehlt, wahrnehmen zu können. Das bedeutet unsere Identität vollzieht sich im Zusammenspiel von „innen“ und „außen“. Für Vertreter der Bindungstheorie ist es ebenfalls selbstverständlich, dass wir die Beziehung zu anderen brauchen, um uns zu entfalten. Das heißt, dass wir für unsere Identitätsbildung immer auch den Austausch mit einem Du brauchen. Wir brauchen jemand, der unsere Nase sieht, der unsere Augen wahrnimmt und versteht, was unser Mund sagen möchte.

Das, was wir sind, hat auch etwas damit zu tun, das es andere Menschen gab, durch die und mit denen wir die werden konnten, die wir sind. Unsere Identität ist also offen für äußere Einflüsse. Und ich glaube, dass genau hier etwas ganz Entscheidendes passieren kann. Die Frage ist nämlich, was wir nun in diese Öffnung hineinlassen bzw. mit was wir in Austausch gehen. Wer und was das- oder diejenigen sind, von denen wir uns beschreiben lassen wie unsere Nase so ist oder unsere Augen.

Mir scheint es, dass dieser Bereich sehr störanfällig ist. Im Idealfall haben wir die Erfahrung gemacht und machen sie immer wieder, dass da jemand ist, der mit uns in Kontakt geht und uns vermittelt, dass unsere Nase genau richtig ist. Dass wir genug sind, so wie wir sind. Ja, und sogar nicht nur dass wir genügen, sondern dass wir ganz einzigartig, wunderbar und bezaubernd sind. Dass wir nichts mehr brauchen, um „perfekt“ Ich zu sein.

Leider ist dies nicht immer der Fall gewesen. Bedauerlicherweise sind wir Menschen sogar vielen Botschaften ausgesetzt, die uns genau das nicht vermitteln bzw. nicht vermittelt haben. Schaut man Werbung, bekommt man in Serie Sachen präsentiert, die einem dabei helfen sollen, doch endlich glücklich und perfekt zu sein. Uns wird beharrlich vor Augen geführt, was wir alles noch nicht haben und wie wir eben nicht sind. Wobei es dazu oft auch gar keiner Werbung bedarf, sondern hier ein vergleichender Blick zum*r Kollege*in, Freund*in, Nachbar*in schon genügt. Und all diese Anregungen zu Konsum und Optimierung funktionieren vielleicht genau darum so gut, weil wir Menschen eben nicht sicher sind, dass wir genug sind und haben. Wenn wir doch dies oder das noch hätten oder wären, dann könnten wir wirklich rundum glücklich sein – zumindest bis zum nächsten Werbespot oder Treffen mit XY 😉

Wenn ich nun über Verzicht nachdenke, dann erscheint mir das alleinige Verzichten viel zu kurz gegriffen. Denn damit lasse ich lediglich meine „Lückenfüller“ weg, was für mich aber keine Lösung darstellt. Getreu dem heilpädagogischen Grundprinzip „Nicht gegen den Fehler, sondern für das Fehlende!“, geht es mir vielmehr um eine Suchbewegung nach dem, was uns in unserer Identität fest gegründet sein lässt und die Lücken wirklich dauerhaft ausfüllt. Von daher ist für mich Verzicht nicht das treffende Wort. Stattdessen möchte ich im Weiteren lieber über Freiheit nachdenken – die Freiheit genug zu sein und zu haben.

  1. Von der Freiheit, genug zu sein

Ich glaube, dass Konsum identitätsstiftend erscheint. Wobei ich Konsum hier gerne noch wesentlich weiter fassen würde. Auch Bildung, Beziehungen, Freizeitaktivitäten etc. können dazu dienen, meine Identität zu stabilisieren. Und ja, sogar ein minimalistischer, nachhaltiger, ökologischer und fairer Lebensstil kann etwas Identitätsstiftendes haben. Das heißt, wenn ich mein Studium beendet und meine Doktorarbeit geschrieben habe, dann bin ich endlich gut genug. Wenn ich möglichst beliebt bin, dann bin ich „richtig“. Besonders viele Erlebnisse und Reisen machen mich besonders. Ich habe weder ein Problem mit Akademikern, Reisen oder Ähnlichem. Ich will damit lediglich den inneren Zusammenhang deutlich machen. Tue ich diese Dinge, weil sie die Lücke in meiner Identität auffüllen sollen oder weil es das ist, wo ich mich in meinem Element befinde und wo mein Herz für schlägt (was wohlweißlich ein sehr schmaler Grat sein kann). Ein kurzes Beispiel: ich habe eine Frau begleitet, die anderen Menschen leidenschaftlich gerne hilft. Doch dieses Helfen hatte für sie etwas Identitätsstiftendes und als es aufgrund körperlicher Beschwerden nicht mehr so möglich war wie zuvor, brach sie in sich zusammen. Sie steckte mitten in einer Krise und erkannte schmerzlich, dass sie geglaubt hatte durch ihre soziale Aktivität bedeutsam zu sein. Ja, sie meinte sogar, dass sie erst dann, wenn sie anderen hilft, bedeutsam wird. Heute hilft sie anderen wieder leidenschaftlich entsprechend ihrer körperlichen Möglichkeiten. Aber eines ist anders: sie hat erkannt, dass sie bedeutsam ist. Sie hat ihre Identität und ihren Wert entdecken dürfen. Sie tut es nun nicht mehr, weil sie es für sich tun muss. Stattdessen würde sie es heute mit einem Geschenk vergleichen, was sie anderen Menschen macht. Was sie tut ist sehr ähnlich und dennoch ist es ein himmelweiter Unterschied. 

Meiner Erfahrung nach füllen die verschiedenen Dinge diese Lücke immer nur für sehr kurze Zeit aus und dann benötigt man den nächsten „Lückenfüller“. Denn – zumindest vermute ich das – die eigentliche Sehnsucht besteht darin, dass da jemand gewesen wäre/ist, der unser Gesicht wahrnimmt. Ja, der uns sieht und uns als zutiefst liebenswert befindet.

Von daher finde ich es sehr interessant die Frage mit in den Alltag zu nehmen und zu beobachten, wo ich meine Sehnsucht mit anderen Dingen fülle. Wenn man diesen Lückenfüllern ein wenig auf die Schliche kommt, können sie uns einladen zu der Sehnsucht unserer Herzen durchzustoßen, die ihre ganz individuelle Antwort fordert. Dann kann man sich auf die Suche nach Quellen und Antworten für diese Sehnsucht machen. Auf den Weg zu der Freiheit, genug zu sein.

2. Von der Freiheit, dass zu suchen und zu haben, was ich brauche

Neulich habe ich in einem Film mal die Szene gesehen, in der eine Frau sehr unglücklich war und darauf reagierte, indem sie shoppen ging. Die Frau aus dem Film war kurz aufgeheitert, doch schon Zuhause holte sie ihre innere Leere wieder ein.

Ich glaube, dass wir oft nicht in Kontakt sind, mit dem, was wir wirklich brauchen und Konsum bietet sich neben vielem anderen einfach hervorragend als Ersatzbefriedigung an. Leider, oder im Sinne der Wirtschaft zum Glück, ohne nachhaltigen Erfolg. Ich habe eine Freundin, die bei Müdigkeit oder unangenehmen Gefühlen regelmäßig zu Schokolade und Süßigkeiten greift und sehr darunter leidet. Eigentlich sehnt sie sich nach Ruhe und Erholung oder jemandem, der ihre Traurigkeit und ihren Frust mit ihr teilt und sie in ihren Gefühlen „aushält“. Das durfte sie leider nie erleben. Stattdessen wurde sie schon als Kind mit Süßigkeiten und „morgen sieht die Welt schon anders aus“ vertröstet. Für sie war es sehr befreiend zu merken, was sie eigentlich wirklich gebraucht hätte und heute noch immer braucht und zu erkennen, dass sie sich selbst heute noch immer lediglich vertröstet. So kämpft sie sich Schritt für Schritt durch in die Freiheit, sich um ihre wirklichen Bedürfnisse zu kümmern und zwar mit Strategien, die ihre Seele nähren anstatt ihren Körper. Sicher ist das nur ein Beispiel und jeder hat seine ganz eigenen Strategien entwickelt. Wenn man jedoch anfängt dahin zu schauen, was man eigentlich braucht, dann entwickelt sich langsam eine neue Freiheit. Man beginnt immer mehr die Wahl zu haben, ob man die Ersatzbefriedigungen  – manchmal vielleicht auch eher Betäubungen – nutzen möchte. Und möglicherweise kommt man irgendwann an den Punkt, dass man sich nach neuen Wegen sehnt, wie man seine Bedürfnisse auf eine nachhaltige, sozial verträgliche und gesundheitsfördernde Art und Weise befriedigen kann.

Die Freiheit genug zu sein und zu haben – ein Thema mit unheimlich vielen Facetten, was wir hier nur angerissen haben. Wir hoffen trotzdem, dass für den/die eine/n oder andere/n vielleicht ein Gedankenanstoß enthalten ist. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann würde ich mir wünschen, dass alle Menschen auf dieser Welt erleben würden, dass sie geliebt, würdevoll, kostbar und wundervoll gemacht sind. Ich stelle mir vor, dass dieses Bewusstsein unsere Welt fairer und friedvoller machen würde, da wir keine „Lückenfüller“ mehr brauchen würden und andere Menschen dann hoffentlich mehr haben könnten als es jetzt der Fall ist. Und nebenbei wären wir wahrscheinlich auch insgesamt dankbarer, glücklicher und zufriedener. Ein Traum…

Doch wie sagt schon Arielle, die Meerjungfrau „Wer sagt, dass meine Träume, Träume bleiben müssen?

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