Druck erzeugt Gegendruck

In der letzten Woche hatten wir Besuch von meiner Freundin mit ihren beiden Kindern. Eines Abends unterhielten wir uns über ihr Elterntraining, an welchem sie ein Jahr lang teilgenommen hatte. Die Inhalte des Kurses hatten ihr sehr zugesagt. Doch irgendwie hatte die Art und Weise wie die Inhalte vermittelt wurden, bei ihr dazu geführt, dass sie sich als Mutter sehr „schlecht und unfähig“ gefühlt hat. So verschloss sie sich innerlich und reagierte mit Abwehr, was zur Folge hatte, dass sie erst Jahre nach der Ausbildung Zugang zu den an sich hilfreichen Inhalten fand. Wir rätselten ein wenig, warum sie so reagiert hatte und was sie stattdessen gebraucht hätte. Als uns klar wurde, woran es wohl gelegen haben mag. Die beiden Trainerinnern dieser Weiterbildung wollten die Eltern gerne dazu bringen, sich so zu verhalten wie sie es für „richtig“ hielten. Die Eltern sollten erkennen, wie wertvoll die Methoden und Haltungen sind. Es herrschte keine Absichtslosigkeit, sondern unterschwellig gab es einen Veränderungswunsch und meine Freundin und auch andere Eltern hatten diesen Druck sehr fein wahrgenommen und darauf mit Gegendruck reagiert. Sie waren gar nicht mehr frei Hilfreiches für sich mitzunehmen, sondern mussten sich schützen vor Menschen, die andere verändern oder an einen bestimmten Punkt bringen wollten.

Für mich war das sehr eindrücklich. Das, was wir anderen Menschen sagen oder vermitteln, kann nur gehört und angenommen werden, wenn es ein Angebot darstellt bei dem der andere entscheiden darf, was und wieviel er davon nehmen möchte. Ich glaube, dass diese Dynamik für alle unsere Beziehungen sehr relevant ist. Wo wir einen Menschen mit Druck verändern wollen, wird er sich weigern. Wenn er keine andere Wahl hat, beugt er sich vielleicht dem Druck, gibt diesen aber bei nächster Gelegenheit an Schwächere weiter oder richtet ihn gar gegen sich selbst.

In Beziehungen mit anderen Erwachsenen ist diese Haltung der Absichtslosigkeit, d.h. ich muss den anderen nicht verändern, schon oft schwer genug. In einem Artikel in den nächsten Wochen werden wir nochmal auf dieses Thema in Bezug auf Partnerschaften eingehen. In der Beziehung mit Kindern ist es noch zusätzlich erschwert durch die Frage inwieweit Eltern dafür verantwortlich sind, was aus ihren Kindern wird und in wieweit Kinder, die werden dürfen, die sie werden wollen. Mir ist daran gelegen, dass es in Familien ein Miteinander gibt, was die Beziehung der einzelnen Mitglieder untereinander stärkt. Und welches gleichzeitig die Grenzen und Bedürfnisse jedes Einzelnen wahrt und ernst nimmt. Um dies zu gewährleisten gibt es meiner Ansicht nach einen entscheidenden Unterschied zwischen Verantwortung und Druck, dem es sich lohnt mal nachzuspüren.

Wenn ich Verantwortung für meine Bedürfnisse übernehme, schadet das der Beziehung zueinander keinesfalls. Im Gegenteil vertieft sich die Qualität der Beziehung oft noch, wenn die unterschiedlichen Bedürfnisse gesehen werden und man gemeinsam Lösungen findet, die diese Bedürfnisse berücksichtigen. Bin ich hingegen mit meinem inneren Druck in Kontakt oder versuche eine Lösungsstrategie, die ich für richtig halte, mit Druck durchzusetzen, gibt es am Ende eigentlich nur „Verlierer“. Dazu ein Beispiel: Wie gesagt war meine Freundin mit ihren Kindern zu Besuch. Am letzten Tag wollten wir nochmal etwas Schönes unternehmen. Am Tag zuvor waren noch Kai, Jay und Theo zum Spielen dazugekommen. Nun beschloss Penny schon am Morgen, dass sie ihr Filmprojekt von gestern weiter verfolgen wollte und verabredete sich erneut mit Kai, Jay und Theo. Der Sohn meiner Freundin wollte allerdings nicht mitmachen. Penny war etwas hin und her gerissen und erklärte dann, dass sie heute Vormittag mit den drei Jungs spielen und dann heute Nachmittag mit den Kindern meiner Freundin noch Zeit verbringen will. Als der Nachmittag kam, klingelte es an der Tür und Jay wollte sich wieder mit Penny verabreden. Ab diesem Zeitpunkt geriet ich nun langsam aber sicher unter Druck. Penny erklärte mir, dass sie nun weiter mit den Drei spielen wolle, weil ihr das Projekt so wichtig sei. Sie habe sich „umentschieden“. Ich redete – mit Druck – auf sie ein, dass das doch heute der letzte Tag sei und sie doch immer mit Kai, Theo und Jay spielen könne, zumal der gemeinsame Urlaub mit ihnen auch direkt vor der Tür stand. Rückblickend frage ich mich, ob sie überhaupt gehört hat, was ich ihr gesagt habe, oder ob sie direkt mit Gegendruck reagiert hat. Jedenfalls war nichts zu machen und sie machte mir sehr deutlich, dass sie alleine entscheiden wolle, wie sie ihren Nachmittag verbringt und mit wem sie spielt. Langsam kam ich zur „Besinnung“ und mir wurde klar, dass ich hier nicht die Verantwortung für mich übernahm, sondern unter Druck geraten war, weil mich ein innerlicher Satz „sowas kann man doch nicht machen“ blockierte. Ich sprach kurz mit meiner Freundin und es stellte sich schnell heraus, dass es für sie und ihren Sohn überhaupt kein Problem war, wenn Penny sich jetzt so entscheidet. So realisierte ich, dass hier nur ich unter Druck stand von meinen Überzeugungen, was sich „gehört“ und was eben nicht. Nachdem ich mich anfänglich ganz schön in meiner Vorstellung verrannt hatte und dadurch unter Druck geraten war, konnte ich nun meinen eigentlichen Antrieb auf die Schliche kommen: das es allen gut gehen sollte und niemand ärgerlich würde. Gut gemeint ist bekanntlich ja nicht gleich auch gut gemacht und so machte ich es mal anders. Denn dieser Antrieb war nichts anderes als eine Strategie wie ich hoffte, dass die anderen mich mögen bzw. ich ihnen zeigen wollte, dass ich sie mag. Ich klärte die Beziehung zu meiner Freundin und konnte Penny dann auch froh ziehen lassen. Die Welt wurde wieder weiter und wir verbrachten alle einen schönen Nachmittag mit dem, was jedem individuell wichtig war.

Ich dieser Situation konnte ich sehr deutlich den Unterschied zwischen Druck und was will ich bzw. brauche ich eigentlich wirklich spüren. Um aus diesem Kreislauf von Druck auszusteigen, der sich nur allzu schnell ergibt, ist es sehr hilfreich im Alltag gut mit sich in Kontakt zu sein und anzufangen den Unterschied zu erspüren. Dann wird man ihn irgendwann immer schneller und auch immer deutlicher wahrnehmen. Warum tue ich das nun? Aus Druck und weil ich denke ich oder man müsste? Was will ich grade wirklich? Was ist mir wichtig?

Druck hat für mich immer etwas „Übergriffiges“. Man muss sich etwas beugen und kommt nicht wirklich mit dem anderen in Kontakt. Verantwortung und Positionierung schafft die Chance für eine echte Begegnung. Interessanterweise ist das „Ergebnis“ oft identisch. Doch die Auswirkungen auf die Beziehungsqualität unterscheiden sich deutlich. Grade mit kleineren Kindern ist dies nicht immer so einfach, da sie die Verantwortung für ihr Handeln in einigen Bereichen noch nicht übernehmen können, weil sie noch nicht in der Lage sind, die Konsequenzen zu überblicken. Fritz zum Beispiel will manchmal abends nicht die Zähne putzen. Hier kann ich nun mit Druck reagieren und ihn einfach dazu zwingen seine Zähne zu putzen. Ich halte ihn fest und putze seine Zähne, weil man das machen muss. Er würde sich sehr wehren und wir würden uns nachher vermutlich beide scheußlich fühlen, aber die Zähne wären sauber. Stattdessen übe ich mich darin, mich zunächst mit dem zu verbinden, was mir wichtig ist. Ich möchte, dass seine Zähne geputzt werden, weil mir die Gesundheit seiner Zähne wichtig ist. Hier bringt es auch wenig auf ihn einzureden und ihm zu erklären, dass er sonst Karies bekommt. In dem Moment ist das einem grade dreijährigen meiner Erfahrung nach völlig egal, ob er dann in einiger Zeit vielleicht mal Karies hat. Ich bin ganz klar, in dem was ich möchte. Allerdings ohne Druck – das ist möglicherweise etwas schwer nachzuvollziehen, doch im Alltag mal auf diesen Unterschied zu achten, kann hier wirklich hilfreich sein. Für mich steht fest, dass die Zähne geputzt werden. Ich bin in diesem Fall nicht absichtslos, da ich glaube, dass er die Folgen seines Handelns noch nicht überblicken kann (dazu bräuchte er vielleicht erst eine Zahnbehandlung von Karies, um entscheiden zu können, was er lieber möchte) – Lotti und Penny sind dazu in diesem Bereich im Gegensatz zu Fritz bereits in der Lage. In dem von mir vorgegeben Raum suchen wir nun gemeinsam nach Lösungen. Ich bemühe mich herauszufinden, warum Fritz sich seine Zähne nicht putzen lassen mag. Tut es ihm weh wie ich putze? Will er einfach noch nicht schlafen und lieber spielen? Ist er wegen etwas anderem ärgerlich? Möchte er zunächst selbst putzen? Etc. Ich versuche ihn zu verstehen und mich einzufühlen. In der Regel kann dann meist eine Lösung gefunden werden und die Zähne sind im Nu sauber. Dasselbe Ergebnis wie im ersten Beispiel, aber im zweiten Fall wächst das Vertrauen zueinander und Kreativität sowie das Selbstbewusstsein, die dabei helfen Lösungen zu finden.

Von daher will ich mir wieder einmal neu bewusst machen, dass Druck Gegendruck hervorbringt und versuchen mich stattdessen mehr mit dem zu verbinden, was ich brauche und mir wirklich wichtig ist. Und das natürlich auch im Umgang mit mir selbst. Ohne Druck, denn auch in unserer Beziehung zu uns selbst sind wir am besten beraten, wenn wir mit uns voller Verständnis und Annahme umgehen. Andernfalls erzeugt man Gegendruck und Veränderung sowie Wachstum werden mühsam und schwer…

Soweit für heute – nächste Woche starten wir mit dem ersten Artikel in unserer neuen Kategorie FairAntwortung, der von dem Thema Kleidung handelt.

In dieser Kategorie wird es allgemein darum gehen, wie wir unseren Kindern und nachfolgenden Generationen eine Welt hinterlassen können, in der sie auch noch gut leben können. Sowie darum, dass dies bestenfalls für alle Menschen möglich ist und wie wir es verringern unser Wohlergehen auf Kosten anderer Menschen zu leben. Sich diese Zusammenhänge anzuschauen ist nicht immer angenehm, daher werden wir in den Artikeln unseren Fokus verstärkt darauf richten, was man konkret tun bzw. ändern kann. Wir sind gespannt…

Quelle Beitragsbild: hier klicken

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