Das eigene Potential entfalten

Vielleicht liegt es an meiner Liebe zur Natur, dass ich in letzter Zeit so oft über Pflanzen schreibe. So habe ich kürzlich wieder eine Entdeckung gemacht, die mich bewegt hat. Seit 13 Jahren leben mein Mann und ich nun zusammen. Und seit dem auch einige grüne Mitbewohner. Am Anfang unserer Ehe hatten sie es noch recht gut würde ich sagen. Doch spätestens ab Pennys Geburt wurde ihre Pflege nur noch auf das Nötigste reduziert. Dazu gehörte eben auch der Umstand, dass sie nun seit 8 Jahren nicht mehr umgetopft wurden. Ich muss sagen, sie sind wirklich treue Begleiter und trotz der kargen Pflege, überlebten sie zumindest. Und dann kam Corona. Nach dem mein Mann in ein „nun können wir endlich alles erledigen, was wir schon immer machen wollten“ verfallen war, packte es mich auch irgendwann und ich beschloss unseren grünen Mitbewohnern nun mal einen neuen Topf und neue Erde zu gönnen. Gesagt getan. Nach dieser Aktion geschah etwas Erstaunliches. Ungefähr zwei Wochen später begann der Zauber und man konnte erkennen wie wieder Leben in die Pflanzen kam. Es war mir gar nicht aufgefallen wie lebendig und doch irgendwie leer sie vorher gewesen waren. Erst jetzt erkannte ich, wie es um sie gestanden hatte. Ihre Farben veränderten sich und sie wurden wieder sattgrün. Sie begannen neu zu wachsen und überall zeigten sich die Triebe. Es war als wären sie wieder zu neuem Leben erwacht.

Dieses Erlebnis ist mir nachgegangen. Und zwei Gedanken haben mich noch länger beschäftigt.

  1. Es ist alles da

Lange haben meine Pflanzen vor sich hinvegetiert. Sie waren lebendig – aber waren sie wirklich lebendig? Unsere deutsche Sprache ist da sehr radikal. Entweder man ist tot oder man ist lebendig. Für etwas dazwischen fällt mir zumindest grade kein Wort ein. Doch genau in diesem Zustand dazwischen haben sie sich wohl befunden. Sie waren äußerlich noch am Leben, doch innerlich sah es anders aus. Sie verloren ihre Farbe, ihren Glanz und nichts Neues wuchs mehr. Sie hielten den Ist-Zustand am Laufen. Zu mehr waren sie nicht in der Lage.

Ich glaube, dass wir in unserem Leben auf uns Acht geben müssen, dass wir nicht in einen solchen Zustand verfallen. Funktionieren. Äußerlich lebendig, doch das Innere ist verkümmert, unbeweglich, starr oder leer. Man versucht den aktuellen Ist-Zustand aufrecht zu erhalten, doch für mehr reicht die Kraft nicht aus. Leidenschaft und sprühende Lebendigkeit sind auf der Strecke geblieben. Man hat sich eingerichtet, in seinem Topf und seiner Erde. So ein Leben kann von außen betrachtet sehr „erfolgreich“ aussehen.

Vor einigen Jahren traf ich auf eine Frau, die erfolgreich mit ihrem Mann ein Unternehmen leitete. Sie war die treibende Kraft und noch in vielen weiteren Bereichen ehrenamtlich aktiv. Unterstützte zudem ihre Kinder, indem sie sich intensiv um ihre Enkelkinder kümmerte. Nun kam sie und beschrieb genau das. Äußerlich war sie lebendig und aktiv, doch innerlich war es sehr leer geworden. Sie hatte ihren Glanz verloren, war ermattet und fragte sich nun, was aus ihrem Leben geworden war. Nach einiger Zeit fasste sie den Mut, gemeinsam nach Innen zu schauen und einen Blick in diese Leere zu wagen. Und erstaunlicherweise durfte ich miterleben wie mit ihr genau dasselbe geschah wie mit meinen Pflanzen. Sie machte sich auf den Weg und begann ihre äußeren Bedingungen zu verändern (dazu gleich mehr) und gleichzeitig fand sie längst verloren geglaubte Schätze wieder – ihre Kreativität, ihre Leichtigkeit, ihren Humor, ihre Zerbrechlichkeit und zarte Seite uvm.. Es war alles noch da. Wie meine Pflanzen, die als sie andere Bedingungen bekamen und umgetopft wurden, begannen wieder zu strahlen. Ihre Farbe kehrte zurück und sie wurde wieder durch und durch lebendig. Das passierte natürlich nicht von heute auf morgen und auf diesem Weg lag auch einiges an Trauer und Schmerz über all die Jahre, in denen sie sich Stück für Stück verloren hatte. Auch Wut und manche Tränen über die Umstände, die sie dazu gebracht hatten sich so zu verhalten. Doch je weiter sie diesen Weg ging, umso mehr zeigten sich all die Kostbarkeiten, die sie in sich trug. Dieses Jahr habe ich sie zufällig wieder getroffen und ich kann sagen, dass sie wieder blüht, durch und durch lebendig geworden ist und nun darauf achtet, dass sie ihre Lebendigkeit bewahrt.

2. Umstände verändern

Parallel zu dem Wiederentdecken des eigenen Potentials, hat diese Frau ihre Umstände verändert. Seit ich die gewaltfreie Kommunikation versuche zu leben, ist es in meinem Leben durchaus bunter geworden. Und immer wieder erinnere ich mich selbst daran, dass es jetzt nicht nur ein Entwederoder gibt, sondern unzählige Möglichkeiten und man eigentlich nichts „muss“ – außer irgendwann diese Welt verlassen. Unsere Umstände lassen sich verändern. Die Frau, von der ich eben berichtet habe, beschloss unter anderem jemand einzustellen, der eine ganz bestimmte Arbeit übernehmen sollte, die ihr besonders viel abverlangte. Einen großen Teil der frei gewordenen Zeit reservierte sie für sich – zur freien Verfügung. Jahrelang hatte sie sich selbst angetrieben, dass sie dies doch nicht machen könne. Jetzt – einige Jahre vor ihrer Rente – fand sie endlich den Mut, weil der Leidendruck zu groß geworden war. Ich glaube es gibt ganz viele innere „Müssen“ in unseren Köpfen, die es sich im Dienste unserer Lebendigkeit sehr lohnen würde zu hinterfragen. Als mich eine Freundin das erste Mal fragte, ob ich es okay finden würde, dass mein Mann 40 Stunden in der Woche arbeitet oder es mir nicht lieber wäre, dass er seine Stelle reduziert, um mehr Zeit für sich, uns und die Kinder zu haben, war ich etwas verstört wie sie auf so eine Idee kommen konnte. Mittlerweile hat sich das verändert und ich durfte lernen, dass Lebensumstände flexibel an die aktuellen Bedürfnisse angepasst werden können und nicht umgekehrt. In den letzten Artikeln ging es immer mal wieder um Handlungsfähig- und Selbstwirksamkeit. Dieses „müssen“ in unseren Köpfen ist diesbezüglich leider kontraproduktiv. Denn es führt in Ohnmacht und Hilflosigkeit – „ich muss ja und kann nicht anders“. Ich bin wirklich überzeugt, dass das in mindestens 80 Prozent der Fälle nicht korrekt ist. Ganz, ganz viele Umstände kann man gestalten.

Wenn ich mir jetzt meine wachsenden Pflanzen so ansehe, steigen in mir Fragen auf: Bin ich aktuell noch ganz lebendig? In welchen Bereichen meines Lebens funktioniere ich äußerlich und wo bin ich mit ganzem Herzen bei der Sache? Gibt es vielleicht sogar einen bestimmten Punkt in meinem Leben, wo ich innerlich begonnen habe immer leerer zu werden? Was kann ich verändern, dass ich wieder beginne zu blühen? Welche Umstände lassen sich anders gestalten? Welche Bedürfnisse habe ich eigentlich? Wo und wie kann ich mich mit diesen Bedürfnissen wieder neu verbinden, dass ich damit in Kontakt bin, was ich mir erfülle und nicht damit, was ich „muss“? Wo ist das Leben, von dem ich immer geträumt habe? Was hält mich davon ab diesen Traum oder zumindest Teile davon zu realisieren? Oder welches Bedürfnis steckt hinter diesem Traum und gibt es noch andere Wege es zu erfüllen?

Viele Fragen…

Ein ganzer Fundus aus dem man wählen kann. Vielleicht trifft eine der Fragen das eigene Herz und bleibt dort hängen. Dann lohnt es sich ihr nachzugehen.

Und all denen, die aktuell blühen und wachsen, wünschen wir viel Freude an der eigenen Lebendigkeit. Die übrigens ansteckend und sehr einladend ist…Wer sich noch mehr für das Thema Bedürfnisse und „müssen“ interessiert kann mal hier reinlegen..

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