Endlich ich…

…Zeit für mich – so beginnt ein Lied der Gruppe PUR. Der Sommer ist da. Die Ferien ebenfalls. Eine Zeit, in der sich viele Menschen nach Erholung und Entspannung sehnen. Zur Ruhe kommen. Doch wenn alles um uns herum etwas ruhiger wird, passiert es nicht selten, dass es in uns lauter wird.

Im Alltag stehen wir vor vielen Herausforderungen und allerhand verlangt unsere Aufmerksamkeit. In Zeiten, in denen es etwas langsamer zugeht, merken wir oft erst wirklich wie es um uns steht. Etliche Menschen kennen das Phänomen, dass sie im Urlaub oder wenn sie beginnen zu entspannen erstmal eine Erkältung oder ähnliches bekommen. Plötzlich meldet sich die Erschöpfung, Dinge, die uns auf dem Herzen liegen, wir reagieren gereizt, machen uns Sorgen, die im Alltag nicht so präsent sind. Nun könnten wir direkt wieder weitermachen wie zuvor. Erneut in Aktionismus verfallen. Und das ist durchaus auch in unserer Freizeit oder Urlaub möglich mit all den interessanten Freizeitangeboten, die auf uns warten. So würden wir erneut „weglaufen“ und schließlich versucht unser Körper oder unsere Psyche dann doch irgendwann uns auf sich aufmerksam zu machen.

Daher wollen wir heute anschauen was dabei hilfreich sein kann, etwas mehr zur Ruhe zu kommen.

  1. Es ist völlig normal

Wenn wir zur Ruhe kommen und beginnen zu realisieren, was da alles in uns los ist, ist das völlig normal. Es zeigt, dass wir wieder mit uns in Kontakt kommen. Uns wahrnehmen, spüren und fühlen. Im Gespräch meinte eine Frau vor einigen Monaten zu mir „Ach nein, für mich ist das nichts mit dieser Ruhe. Ich kann einfach nicht abschalten. Wenn ich es versuche, werde ich eigentlich nur noch unruhiger oder fühle mich müde.“ Sie beschreibt sehr treffend, was viele Menschen erleben, wenn sie beginnen sich selbst wahrzunehmen. All das, was im Alltag nicht an die Oberfläche darf, weil wir „funktionieren“, wittert nun seine Chance. Eine andere Frau hat es mal so beschrieben, dass sie Sorge habe in ein tiefes Loch zu fallen, wenn sie beginnt sich selbst zu spüren. Oder andere beschreiben es als eine Tür, die aufgestoßen wird und wo man sich fürchtet, was da wohl alles in diesem Raum verborgen ist. Diese Sorgen und Ängste sind völlig normal. Viele Menschen haben Angst sich wahrzunehmen. Und für etliche fühlt es sich erstmal komisch und fremd an. Und eben ganz und gar nicht ruhig. Ich denke mit der Ruhe und Selbstwahrnehmeung verhält es sich wie in der Geschichte von Jim Knopf als er auf Turtur den Scheinriesen trifft. Von weitem erscheint Turtur riesig. Als Lukas und Jim ihm mutig entgegentreten, schrumpft er immer weiter in sich zusammen. In meiner Praxis erlebe ich genau das. Ganz oft kommen Menschen mit ihren „Scheinriesen“, die ihren Alltag beeinträchtigen. Schaut man näher hin und wendet sich ihnen zu, sind bisher alle zusammengeschrumpft. Die Sorgen oder Ängste bezüglich einem zur Ruhe kommen, verhalten sich genauso. Von daher: es muss sich nicht direkt gut anfühlen! Und es muss auch nicht ruhig sein! Das ist völlig normal und gehört dazu! Es ist im Gegenteil ganz erfreulich, wenn sich Dinge oder Gefühle melden, denn das zeigt, dass uns etwas auf der Seele lag, was nun endlich Raum und Aufmerksamkeit bekommt.

2. Unruhe annehmen

Diese Unruhe darf nun willkommen geheißen werden. Indem man nämlich immer weiter versucht ruhig zu werden, verstärkt sich die Unruhe nur. Wie wenn man einen Ball unter Wasser halten will. Man ist ständig damit beschäftigt und muss ihn dauert herunterdrücken. Heißt man hingegen die momentane Unruhe willkommen, nimmt sie an und lässt sie sein, ist der erste Schritt dafür getan, dass Ruhe einkehren darf. Mir ist durchaus bewusst, dass dies etwas paradox klingen mag, durch das Annehmen der Unruhe zur Ruhe zu kommen. Doch all das, was ich nicht haben will, bläst sich in der Regel auf. Was ich annehme, kann sich verändern und wandeln. Von daher: „Ah, ich fühle mich grade unruhig etc.. Herzlich willkommen Unruhe! So ist es jetzt und so darf es sein!“

3. Atmen

So simpel und doch so wirksam. Interessanterweise glauben Christen, dass Gott als er den Menschen schuf, ihm den Lebensodem einhauchte. Gott haucht Leben in einen Mensch und dieser beginnt zu atmen und wird lebendig. Unser Atmen ist etwas Besonderes. Er hält uns lebendig und vollzieht sich in einem festgelegten Rhythmus. Spannend, dass uns das Atmen dabei unterstützt wieder bei uns anzukommen. Uns zu spüren. Unseren Körper. Unsere Lebendigkeit.

Sich selbst wahrzunehmen über den Atem oder unseren Körper unterstützt das In-Kontakt-kommen. Und es hilft gleichzeitig dabei nicht in dem, was da vielleicht grade noch alles unruhig ist oder sich meldet, zu verschwimmen. Wahrnehmen, annehmen, atmen…

4. Gegenwartsanker

Im Prinzip hilft das Atmen und Verorten im eigenen Körper schon dabei im Hier und Jetzt zu sein. Wem das guttut, der kann dies noch intensivieren. Und zwar indem man sich umschaut und wahrnimmt, wo man sich grade befindet. Was noch in dem Raum ist. Man kann sich dann zum Beispiel einen Gegenstand aussuchen, den man genauer betrachtet und drei Eigenschaften finden, die ihn kennzeichnen. So verankert man sich quasi in der Gegenwart. Diese „Technik“ unterstützt es als handlungsfähige Erwachsene im Hier und Jetzt zu bleiben. Und so kann man, falls sich etwas in unserem Inneren „melden“ sollte, diesem gut begegnen ohne damit zu verschwimmen. Bei allem, was ich in mir wahrnehme oder den Gedanken, die sich melden, immer wieder zurückzukehren zum Atmen und Ankern.

5. In Ordnung kommen

Setzt man sich auf diese Art und Weise Ruhe aus, bemerken viele Menschen bald folgendes Phänomen. Die Seele beginnt sich zu „ordnen“. Wie ein vom Sturm aufgewühltes Meer darf nun Ruhe einkehren. Der Sand, Muscheln, Steine dürfen sich jetzt langsam wieder nach unten auf den Meeresgrund herabsinken. Holz, Müll, etc. bleibt an der Oberfläche. Dieser Prozess ereignet sich von ganz alleine. Mit unserem Innehalten, wahrnehmen, Atmen und Ankern bieten wir den Raum dafür, dass unsere Seele sich sortieren darf. Was schwimmt weiterhin oben, was sinkt herunter.

Ich bin Meister darin mein inneres Meer, wenn ich mal bei dem Bild bleibe, immer wieder ordentlich aufzuwühlen. Ich will Dinge gerne lösen, erklären, analysieren und bearbeiten. Vermutlich steckt dahinter meine Angst einer Situation ausgeliefert zu sein. Und so möchte ich es lieber „in Griff bekommen“ (das klingt noch etwas freundlicher als Kontrolle, was es ja eigentlich ist). So arbeite ich mich in meinem Leben öfters an Themen ab, die man eben nicht in Griff bekommen kann. Und letztlich ist ja das Leben an sich unkontrollierbar und eben auch nicht zu sichern. An dem Vertrauen, dass Dinge sich auch ohne mein Zutun einfach mal zum Guten entwickeln und spontan verändern können, fehlt es mir manchmal etwas. Und so war der Rat einer guten Freundin mir sehr wertvoll, dass ich die Dinge doch einfach mal zur Ruhe kommen lassen soll. Und ich merkte danach in meinem Alltag wie oft ich versucht bin, dass Meer wieder aufzuwirbeln . Und nun lerne ich Raum zu schaffen, indem sich mein Innerstes ordnen kann. Wahrnehmen, Annehmen, Im Hier und Jetzt sein, sich ordnen lassen…

Julia befindet sich auf der ganz anderen Seite. Beschäftige ich mich selbst noch mit den Steinen und Muscheln etc., die eigentlich, wenn ich sie in Ruhe lassen würde, zum Meeresboden absinken würden, kann Julia sogar das, was offensichtlich auf dem Meer treibt einfach lassen und sich mit anderen Dingen beschäftigen. Daher brauch es bei ihr manchmal erst einen Sturm, der sie dazu bringt ihr inneres Meer zu beachten. Und dann eben auch zu bemerken, was so an der Oberfläche auftaucht. Beides sind Extreme. Und es gibt Menschen, die mehr zu dem einen und welche die mehr zu der anderen Seite tendieren. Menschen, denen es schwerer fällt Dinge auch mal gut sein zur lassen und es leicht zu nehmen und Menschen, für die es eine Herausforderung ist, überhaupt mit sich selbst in Kontakt zu sein.

In diesem Punkt kommt beides zusammen. Den Weg zu gehen und sich wahrzunehmen, mit sich in Kontakt zu kommen. Aber sich auch nicht in den Themen zu verlieren. Daher annehmen, wahrnehmen, im Hier und Jetzt bleiben und beobachten, was sich von alleine an der Oberfläche zeigt…

6. Kümmere dich um das, was sich meldet

Bei diesem Artikel geht es mir nicht nur um ein zur Ruhe kommen für eine bestimmte Zeit. Sondern darum immer wieder mit sich in Kontakt zu kommen, um irgendwann innerlich immer beruhigter zu werden. Ich glaube, dass es dafür wichtig ist, dass man innehält, sich wahrnimmt und dann, wenn sich etwas zeigt, was eben nicht absinken möchte, auch handelt. Ich denke, diese Verantwortung sind wir unserer Seele schuldig. Dass wir uns dessen, was sie uns beharrlich zeigt auch annehmen und schauen, wie wir in diesem Thema Lösungen finden können, die uns langfristig beruhigen. Es ist ganz unterschiedlich, ob sich überhaupt etwas zeigt, was Aufmerksamkeit bedarf und wie dies dann aussehen kann. Diese innere Arbeit oder manchmal auch Veränderung äußerer Bedingungen sorgt langfristig für Frieden. Ein zur Ruhe kommen. Und führt uns interessanterweise auch immer mehr zu unserem Ich. Ich kenne ein paar Menschen, die diesen Weg gehen und die mir bestätigen (und ich kann es auch von außen sehen), dass sie sich lösen von Dingen, die irgendwann in ihrem Leben mal sinnvoll waren, aber ihnen heute keinen guten Dienst mehr leisten. Hier denke ich zum Beispiel an einen jungen Mann, der in der seiner Familie in der Regel dafür gesorgt hat, dass aufkommende Konflikte schnell beruhigt werden. Das war damals für ihn eine gute Lösung, um in seiner Familie zu leben. Heute in seiner eigenen Familie löst er sich von diesem Verhaltensmuster, weil er merkt, dass in seinem Meer sonst irgendwann immer wieder die Wut und Frustration nach oben schwimmen, wenn er versucht andere zu besänftigen anstatt seine Position zu vertreten. Und so ist er auf dem Weg endlich Ich zu werden.

Vielleicht klingt der beschriebene Weg nach Anstrengung und gar nicht so sehr nach Entspannung und Erholung. Wenn man nur den Moment sieht, ist das auch zunächst so. Doch ich glaube, dass die Themen so oder so da sind und es auch anstrengend ist sie dauerhaft zu unterdrücken oder zu übertönen. UND – es ist noch nicht mal im Sinne unserer körperlichen und seelischen Gesundheit. Das, was wir hier beschrieben haben, ist manchmal „Arbeit“. Doch ich glaube sie steht im Sinne unserer Lebendigkeit und setzt auf lange Sicht wesentlich mehr Energie frei, da wir nicht mehr so viele Bälle unter Wasser drücken müssen.

In diesem Sinne wünschen wir euch jetzt einen schönen Start in die Ferien mit einigen Momente der Ruhe, Erholung und vor allem Lebendigkeit!

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