Würdevoll leben

Irgendwie kommt es mir dieses Jahr so vor als gäbe es besonders viele Mohnblumen. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass ich in letzter Zeit in meinen Gedanken oft an ihnen hängen geblieben bin. Außerdem habe ich dieses Jahr noch keinen Blumenstrauß bekommen, in dem eine Mohnblume zu finden war. Das zeigt mir, dass unsere Kinder größer werden und gleichzeitig scheinen sie das Geheimnis der Mohnblume erfasst zu haben. Die Mohnblume besticht mich durch ihre zerbrechliche Schönheit. So strahlend und anmutig schmückt sie die Feldränder in der Nähe unserer Häuser. Eine Schönheit, die genossen werden und mit uns in Kontakt kommen will. Und genauso ist es eine Schönheit, die nur in Freiheit und Autonomie bestehen kann. Sobald man sich die Mohnblume und ihre Schönheit zu Eigen machen möchte, ist sie in kürzester Zeit dahin. Diese Erfahrung durften unsere Kinder in den letzten Jahren sammeln. So wunderschön in ihrer Freiheit. Zuhause angekommen hat sie bereits oder verliert umgehend ihre roten Blütenblätter.

Die letzten Wochen habe ich mich intensiv damit beschäftigt wie Beziehungen gelingen können. Wie es möglich ist so miteinander zu leben, dass man sich gleichzeitig verbunden und autonom fühlen kann. Verbunden und frei sich zu entwickeln. Der Hirnforscher Gerald Hüther ist der Meinung, das Geheimnis eines solchen Miteinanders sei unsere Würde. Unsere Würde ist unantastbar, fällt mir direkt dazu ein. Die Würde ein schützenswertes Gut. Angeblich kommt jeder Mensch mit einem Gefühl für seine Würde zur Welt. Leider geht sie uns dann im Laufe des Lebens Stück für Stück verloren. So das wir erst wieder zurückfinden müssen zu unserer Würde, wenn wir sie schützen wollen.

Hüther meint, dass wir würdelos leben, wenn wir andere Menschen zum Objekt machen. Wenn wir einander nicht mehr als Subjekte begegnen, sondern den Anderen zum Objekt unserer Pläne, Hilfe, Bewertungen, Unterstützung etc. machen. Es ist wirklich sehr erschreckend – oder zumindest habe ich mich erschreckt – zu beobachten wie oft ich andere zum Objekt mache. Ein Mensch, der seine Würde entdeckt, lässt sich hingegen nicht mehr zum Objekt machen und macht auch andere nicht zum Objekt.

Es gibt leider momentan noch ein paar hinderliche Rahmenbedingungen für ein solches Miteinander. Zum einen sind das etliche Strukturen in denen wir leben und die darauf aufbauen, dass Menschen zu Objekten gemacht werden. Zum anderen unsere Entwicklung und Sozialisierung, die vermutlich die meisten durchlaufen haben. Denn sehr viele Menschen, die ich kenne, haben es unheimlich oft erlebt, dass sie von einem anderen zum Objekt gemacht wurden. Die Reaktion darauf ist unterschiedlich. Klar ist aber, dass es für Menschen unerträglich ist. Man hat Menschen Szenen vorgespielt, in denen jemand zum Objekt gemacht wurde (z.B. eine Bewertungssituation oder Mobbing) und dabei geschaut, welche Hirnareale aktiv sind. Und siehe da: es sind dieselben Hirnareale aktiv wie bei körperlichen Schmerzen. Dasselbe Schmerzsystem, das benutzt wird um zu signalisieren, dass im Körper etwas nicht stimmt. Das soll uns dann dazu bringen, dass wir die Situation verändern. Können wir sie nicht auflösen, passiert folgendes: Die einen reagieren darauf, indem sie andere auch zum Objekt machen (Mama: „Du bist aber auch immer so ungeschickt!“ Kind: „Blöde Mama!“). Die anderen machen sich selbst zum Objekt und versuchen so das Dilemma aufzulösen. Sie beginnen sich selbst ständig zu bewerten und mit sich so umzugehen, dass sie sich selbst zum Objekt machen. Auf diese beiden Arten kann die Inkohärenz (Unstimmigkeit) aufgelöst werden und das unglückselige Muster, unter dem wir alle mehr oder weniger leiden, bleibt erhalten.

Wenn es uns dagegen gelänge einander als Subjekte zu begegnen, könnten wir gleichzeitig verbunden und frei sein.

Das ist herausfordernd! Ich finde sogar sehr!

Doch ich glaube tatsächlich, dass es das ist, wonach wir alle suchen. Als Subjekt behandelt zu werden. Mit dem anderen wirklich in Kontakt zu kommen und uns zu entwickeln.

Und genau dafür ist die Mohnblume mir dieses Jahr zum Symbol geworden. Ihre zerbrechliche Schönheit – ihre Würde. Sobald ich sie zum Objekt mache, zerbricht diese Schönheit in kürzester Zeit. Und ich frage mich, ob nicht in uns allen so eine zerbrechliche Schönheit zu finden ist. Unsere Einmaligkeit. Unsere Subjekthaftigkeit. Unser Ich. Wunderschön, schützenswert und unantastbar. Das berührt mich und weckt Begeisterung für ein würdevolles Leben. Ich will mich einladen lassen von den Mohnblumen meine Würde und die anderer zu schützen, damit meine Schönheit, die der anderen und unserer Welt erhalten bleibt!

Zum Weiterdenken:

Gerald Hüther, Würde – Was uns stark macht als Einzelne und als Gesellschaft, Pantheon Verlag; Auflage: 5 (27. Mai 2019)

https://www.wuerdekompass.org/

https://www.youtube.com/watch?v=kAneXsi-EdQ (Vortrag beginnt ab Minute 12)

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