Übergänge gestalten

Als ich gestern einkaufen war, sind sie mir überall begegnet. Die Schultüten und die Utensilien, die die Kinder für ihren Schulalltag irgendwie benötigen könnten. All das wurde in dem Geschäft sehr ansprechend präsentiert, um Eltern einzuladen etwas mit nach Hause zu nehmen. Ihr Kind auszurüsten, damit es für diesen neuen Lebensabschnitt scheinbar alles hat, was es benötigt.

Übergänge…

…in der Fachsprache werden sie Transitionen genannt. Schon zu Beginn erleben wir eine solche Transition. Wir wachsen im Bauch unserer Mutter heran und irgendwann sind wir bereit für den ersten durchaus gravierenden Übergang. Nicht nur, dass wir uns neu orientieren müssen. Bei diesem Übergang begeben wir uns sogar in ein anderes Element. So lassen wir die Schwerelosigkeit im Mutterleib hinter uns und treten ein in all das Neue, was uns fortan umgibt und was uns einlädt uns weiter zu entwickeln. In diesem Übergang passiert manches ganz schnell, wie zum Beispiel der erste eigenständige Atemzug. Anderes dürfen wir Schritt für Schritt entwickeln, wie die Bewegungen unseres Körpers und dessen Koordination.

Unter Transitionen versteht man Ereignisse, die bedeutsame Veränderungen mit sich bringen. Neben der eigenen Geburt kann das die Geburt eines Geschwisterkindes, der Besuch einer Krippe oder Kita, der Eintritt in die Schule, der Anfang oder das Ende einer Beziehung, der Beginn einer Ausbildung oder Studiums, das Loslassen der eigenen Kinder, der Renteneintritt und letztlich auch der Tod sein.

Übergänge begleiten unser ganzes Leben. Der Gedanke liegt nahe, dass wir regelrecht für Übergänge gemacht sind. Für Entwicklung, Wandlung und Veränderung. Mit entsprechenden Rahmenbedingungen können die jeweiligen Übergänge uns dann in unserer Entwicklung und Entfaltung unterstützen. Und so sind sich Psychologen einig, dass gut begleitete Übergänge die seelische Widerstandskraft und auch unsere Resilienz fördern. Letzte Woche hat sich die Osteopathin mein Pferd nochmal angeschaut, ob ihre Behandlung den gewünschten Lauf nimmt. Nach dem Termin hat sie mir noch Übungen genannt, wie ich das, was sie im Körper angestoßen hat, noch unterstützen kann. Und auf ihrem Behandlungsbogen stand dann: Übergänge zum Stärken der Muskulatur. Sehr treffend: gelingende Übergänge lassen unsere seelischen Muskeln wachsen und wir gewinnen an Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit.

Daher wollen wir uns heute anschauen, welche Rahmenbedingungen gebraucht werden, dass Übergänge gelingen können.  

  1. Verbundenheit und Exploration

Es ist äußerst hilfreich, wenn man sich immer wieder vor Augen führt, dass wir Menschen alle zwei Grundbedürfnisse haben. Wir sehnen uns nach Verbundenheit und nach Entwicklung oder Exploration. Und wir brauchen beides gleichermaßen. Das ist auch der Grund, warum viele Kinder und durchaus auch Erwachsene, wenn sie in eine neue Situation kommen, nach Verbundenheit suchen. Kinder klettern auf den Schoß ihrer Bezugsperson. Aber auch als Erwachsene versuchen wir in neuen und vor allem in herausfordernden Situationen uns zu versichern, ob wir noch ausreichend verbunden sind. Und dann gibt zum Beispiel die Nachricht einer guten Freundin vor einem spannenden Bewerbungsgespräch neue Kraft für dieses Gespräch.

Viele Eltern, die ich begleitet habe, geben zu, dass es ihnen manchmal wirklich schwer fällt, wenn ihr Kind „anhänglich“ wird. In neuen Situationen, wie zum Beispiel einer Eingewöhnung in der Kita, sind die Kinder dann ganz konzentriert auf die Mutter oder den Vater anstatt den Kindergarten zu erkunden und mit den Erzieherinnen in Kontakt zu treten. Die Reaktion der Eltern besteht oft darin, dass sie die Kinder ermutigen sich umzuschauen, mit anderen in Kontakt zu kommen und irgendwie versuchen ihre Kinder zum explorieren „zu bringen“. Doch oft funktioniert das nicht so wirklich – zum Glück. Kinder brauchen Verbundenheit und Exploration. Sie wollen beides von ganz alleine. Genauso unnatürlich wie sein Kind mitten im explorieren zu unterbrechen, um es auf den Schoß nehmen zu wollen, ist es auch, sein Kind von seinem Schoß „runterbekommen“ zu wollen, damit es exploriert. Wenn ein Kind genügend Sicherheit und Verbundenheit „getankt“ hat, wird es gerne explorieren. Das entspricht der Natur eines Kindes. Ich glaube, wenn wir unseren Kindern wieder beginnen zu vertrauen, dass sie in dieser Pendelbewegung von Verbundenheit und Exploration ganz genau wissen, welche Seite grade für sie stimmig ist, stärken wir ihr Vertrauen in sich selbst ungemein. Das bedeutet also für mich als Elternteil, dass ich da bin. Ich nehme mein Kind, wenn es zu mir schwingt liebevoll auf, gebe ihm die Sicherheit, die es braucht und lasse es freudig wieder los zum Explorieren.

Diese Dynamik ist darum so wichtig, weil Kinder, sobald ein Übergang ansteht, ganz oft in Richtung Verbundenheit schwingen. Wenn man beginnt gegen diese Dynamik anzukämpfen, erschwert man den Prozess. Denn das Kind bekommt nicht das, was es braucht, wenn es angeschwungen kommt und kann demnach eben auch nicht wieder losschwingen zur Exploration, weil es dauernd damit beschäftigt ist, dass es irgendwoher die Sicherheit bekommt, die es braucht. Der innere Stress wird nicht abgebaut und in der Nähe der Bezugsperson beruhigt.

Festzuhalten bleibt: In Übergängen wird das Bedürfnis nach Verbundenheit besonders stark. Das Kind braucht nun etwas, was ihm in all den Veränderungen in ihm und um es herum, Sicherheit, Geborgenheit und Halt gibt. Wird dieses Bedürfnis von den Bezugspersonen angenommen und gestillt, kann das Kind sich wieder auf sein anderes Bedürfnis nach Exploration ausrichten. Gleichzeitig weiß es, dass es bei Bedarf immer wieder in seinen „sicheren Hafen“ kommen kann.

So kann ich mich bei Übergängen fragen: Was gibt grade Halt? Wo fühle ich mich sicher? Welche Möglichkeiten zur Rückversicherung gibt es? Welche Bedingungen braucht mein Kind, dass sein Bedürfnis nach Verbundenheit gestillt werden kann? Usw.

2. Selbstaktiv und handlungsfähig

In einem unserer letzten Artikel ging es um Ohnmachtsgefühle und Selbstwirksamkeit. Dieses Thema ist grade für Übergänge sehr bedeutsam. Um an Übergängen wachsen zu können, braucht man die Erfahrung, dass man selbst in dieser neuen Situation handlungsfähig ist. In welchen Bereichen und in welcher Form kann ich diesen Übergang mitgestalten?

Als Lotti letzten Sommer in den Kindergarten gekommen ist, war es für sie sehr wichtig, dass sie diesen Übergang mitgestalten kann. Vor allem war die Frage für sie von Bedeutung, welche Möglichkeiten sie in der neuen Situation hat, wenn sie sich nicht mehr wohl fühlt. Als sie entdeckte, welche Handlungsmöglichkeiten ihr zur Verfügung stehen und in welcher Form sie selbst aktiv zu ihrem Wohlbefinden beitragen kann, war sie völlig entspannt. Gemeinsam mit den Erzieherinnen sprachen wir ab, dass sie diese um Hilfe bitten kann, wenn sie sich nicht wohl fühlt. Wenn es das noch nicht besser macht, würde sie mich anrufen und ich dann gegebenenfalls zu ihr kommen. Sie hat noch nie angerufen. Es genügt ihr völlig, dass sie weiß, welche Möglichkeiten sie in dieser für sie damals neuen Situation hat, wenn es ihr mal nicht gut geht. Für Lotti war die Information entscheidend, wie sie ihre Situation verändern kann. Theo zum Beispiel hatte die gleichen Informationen und hat davon auch mehrmals Gebrauch gemacht. Für ihn war entscheidend nicht nur um seine Handlungsfähigkeit zu wissen, sondern diese auch zu erproben. Und so ist er immer mal wieder zurückgeschwungen, hat sich beruhigt und ist dann wieder los. Diesbezüglich ist jeder Mensch unterschiedlich, was sicher auch mit unseren bisher erlebten Übergängen zu tun hat (würde ich jetzt hier die Geburtsgeschichten von Lotti und Theo beschreiben, könnte man sehr deutliche Parallelen erkennen).

Wichtig ist: Wie kann der Mensch, der den Übergang erlebt, den Prozess gestalten? Nicht zum Objekt werden, mit dem etwas passiert. Die Handlungsfähigkeit und das aktive gestalten, machen den Übergang händelbar. Man ist ihm nicht ohnmächtig ausgeliefert und sammelt Selbstwirksamkeitserfahrungen.

3. Die Gefühle willkommen heißen

  • Übergänge thematisieren

Letzte Woche hatte ich ein Gespräch mit einem Vater über den anstehenden Auszug seiner Frau aus dem Haus der Familie. Seine Frau hat einen anderen Mann kennengelernt und entschieden sich von ihm zu trennen. Gemeinsam haben sie ein Kind. In drei Wochen soll der Auszug stattfinden, doch der Sohn der beiden ist immer noch nicht informiert. Als ich den Vater fragte, warum er mit seinem Sohn nicht darüber spricht, meinte er, dass er ihn nicht aufregen wolle. Und im Laufe des Gesprächs merkte er dann, dass er auch Angst vor der Trauer und Wut seines Sohnes hat. Interessanterweise stellte er selbst fest, dass sein scheinbar fürsorgliches Verhalten, seinem Sohn leider nicht hilft. Sondern eher ihn selbst schützt mit den Gefühlen seines Sohnes und dann vermutlich auch seinen eigenen konfrontiert zu sein. Sein Sohn wäre ohne Vorbereitung mit diesem Übergang konfrontiert. Er müsste mit seiner Trauer und Wut irgendwie klar kommen. Der Vater traf für sich den Entschluss, dass er gerne wirklich fürsorglich handeln will. Und so erzählte er seinem Sohn von dem anstehenden Umzug. Er übernahm die Verantwortung und begleitet ihn in seinen Gefühlen. Ich bin gespannt, wie es den beiden miteinander geht, wenn der Übergang sich vollzogen hat. Aber ich vermute, dass sich die Qualität ihrer Beziehung positiv verändern wird und beide an der Veränderung wachsen.

Dieses Beispiel ist kein Einzelfall. Oft höre ich die Sorge vor dem Ansprechen eines Übergangs. Meine Erfahrung ist, dass es hilfreich und auch respektvoll ist, wenn man sein Kind darüber informiert, was passieren wird. Das gibt dem Kind die Möglichkeit sich in einer sicheren Beziehung mit dem Neuen auseinanderzusetzen. Dies kann man übrigens auch ganz hervorragend mit bindungsorientierten Spielen begleiten.

  • Empathie

Wenn die Übergänge thematisiert werden, zeigen sich in der Regel irgendwann auch die Gefühle, die der Übergang auslöst. Meist löst ein Übergang nie nur angenehme Gefühle aus. Denn in ihm steckt immer etwas Ungewisses und Neues. Wenn ein Kind sich mit seinen Gefühlen zeigt, macht es der betreffenden Person ein Geschenk. Ein Geschenk des Vertrauens. Ich vertraue dir und zeige mich mit meinem Inneren. Ich gewähre dir einen Blick darauf, was in mir vor sich geht. Die Gefühle „gehören“ weiterhin meinem Kind. Das Vertrauen ist das Geschenk. Und hier dürfen wir nun mit ihm dieses Gefühl anschauen, annehmen und dabei sein, wenn sie sich wandeln. Mehr dazu in unserem Artikel Der Zauber der Empathie und Meine Kinder und mich selbst trösten lernen.

Sicherlich gäbe es noch vieles mehr zu dem Thema zu sagen. Wir haben es heute bewusst sehr offen gelassen und Haltungen beschrieben. Wir glauben, dass diese drei Haltungen dabei helfen können seinen individuellen Weg zu finden. Sie sind sozusagen das Angebot von einem Sieb, durch das man seine Entscheidungen und sein Verhalten immer wieder durchlaufen lassen kann. Dass, was ausgesiebt wird, unterstützt Übergänge und trägt dazu bei, dass wir gestärkt aus ihnen hervorgehen.

Am Ende der Sommerferien werden wir nochmal einen eigenen Artikel zu dem Übergang in den Kindergarten schreiben. In dem es darum geht, wie man eine Eingewöhnung bindungs- und bedürfnisorientiert gestalten kann…

Ein Kommentar zu “Übergänge gestalten

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