Über Ohnmachtsgefühle und Selbstwirksamkeit

In den letzten Wochen habe ich eine Entdeckung gemacht, die für mich sehr eindrücklich war und wirklich ein Aha-Erlebnis. Wie das manchmal so ist. Da hat man Sachen schon oft gehört und auf einmal bekommen sie eine Relevanz und erscheinen wie das fehlende Puzzleteil. So ging es mir…

Ich hörte beim Wäsche in die Schränke räumen ein Interview von Gerald Hüther zum Thema Glück. Es war ein nettes und interessantes Gespräch. Und irgendwie kam die Interviewerin auf Stress zu sprechen und erklärte ihre Meinung am Beispiel von Managern, die ja sicher sehr gestresst seien. Doch Gerald Hüther war da ganz anderer Meinung und widersprach ihr. Er sagte, dass er das nicht so sehe. Denn die meisten Manager hätten zwar viel zu tun, aber würden sich als Gestalter ihres Lebens wahrnehmen. Der entscheidende Punkt ob man Stress empfindet oder sogar Glücksgefühle hat, sei vielmehr der, inwieweit man sich einer Situation oder dem Leben gegenüber ausgeliefert fühlt. Der gravierendste Stress geschieht in unserem Hirn, wenn wir uns ohnmächtig fühlen. Irgendwie traf mich diese Aussage wie ein Blitz. Als habe man eine Dominoreihe aufstellt und schiebt den ersten Stein an und alles kommt ins Rollen. Das machte so viel Sinn!

Wenn ich an meine Klienten denke, an Freunde oder an mein eigenes Leben, dann haben so viele Themen etwas damit zu tun, dass wir irgendwie versuchen mit unseren Ohnmachtserfahrungen umzugehen. Ich denke, dass kein Mensch durch dieses Leben gehen kann ohne Ohnmachtserfahrungen zu machen. Ich nenne mal ein paar Beispiele:

Da ist die Frau, die einen Konflikt mit ihrer Schwiegermutter hat und weiß, dass egal wie sie damit umgehen wird, es ihrer Schwiegermutter vermutlich nicht recht sein wird. Sie klagt über Traurigkeit und depressive Verstimmungen. Momentan ihr Versuch die Situation irgendwie aufzulösen. Schaut man genauer hin, fühlt sie sich hilflos und ohnmächtig. Sie möchte eigentlich gerne eine gute Beziehung, hat aber keine Idee oder Vorstellung davon, was sie tun kann.

Ich denke an ein junges Paar, was sich sehnlichst ein Kind wünscht. Mit jedem Monat und der einsetzenden Periode wird aus der Sehnsucht eine Last, die jeden Einzelnen und die Beziehung bedrückt. Ohnmächtig stehen die beiden vor dieser Situation, nachdem sie alles getan haben, was man tun konnte. Ein immenser Stress – eine krasse Ohnmachtserfahrung.

Da ist der junge Mann, dessen Vater an Demenz erkrankt ist. Hilflos und ohnmächtig muss er dabei zusehen wie sein Vater durch diese Krankheit verändert wird. Und nicht nur der Vater verändert sich und „verschwindet“ dem Gefühl des Mannes nach immer mehr, sondern damit verändert sich eben auch ihre Beziehung. Der junge Mann steht diesem Wunsch, die Krankheit aufzuhalten, ohnmächtig gegenüber.

Oder ich denke an einen den Ärzten nach völlig gesunden Mann, der jedoch immer wieder fürchtet, dass ihn eine Krankheit treffen könnte. Dauernd versucht er zu kontrollieren, ob alles in Ordnung ist mit ihm. Im Gespräch wird klar, was er fürchtet, ist eine Krankheit zu bekommen, der er ohnmächtig gegenüber steht. Die ihm sein Leben raubt und er kann nichts dagegen tun.

Außerdem kommt mir noch eine Frau in den Sinn, die als Kind von ihrem Vater immer wieder korrigiert wurde, wenn sie etwas sagte. Ihre Meinung und Wahrnehmung wurde selten stehen gelassen und wirklich gehört, sondern auseinander genommen und stets war etwas nicht richtig daran wie sie die Dinge sah. Heute will sie daran arbeiten sich in Gruppen zu Wort zu melden. Sie wünscht sich, ihre Meinung sagen zu lernen. Was fürchtet sie? Sich wieder so ohnmächtig und hilflos zu fühlen wie das kleine Mädchen, was von seinem Vater dauernd korrigiert wurde.

Als letztes fällt mir noch eine Frau ein, in deren Wohnung eingebrochen wurde. Sie war nicht Zuhause und konnte es auch nicht verhindern. Nun hat sie erlebt, dass jemand in ihr Eigenes eingedrungen ist und ihre Grenzen nicht gewahrt wurden. Eine Ohnmachtserfahrung, die sie erlebt hat. Sie konnte es nicht verhindern. Der Einbruch hat sich ereignet und kann nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Ihr Weg führt nun in die Angst und das Bestreben nie wieder eine solche Ohnmachtserfahrung zu machen.

Es ist ganz interessant, wenn man sich die Krisen, mit denen man in seinem Leben konfrontiert war oder auch grade ist, mal diesbezüglich anschaut. Ist da eine Ohnmachtserfahrung mit an Bord? Fühle ich mich in der Situation hilflos? Hat dieses Maß an Hilflosigkeit und Ohnmacht etwas mit dem Empfinden zu tun wie schwer diese Krise für mich ist?

Nun ist es so, dass wir wie schon gesagt im Leben immer wieder Ohnmachtserfahrungen machen. Der Weg vieler Menschen, die ich begleitet habe, führt nach einer solchen Erfahrung in die Angst oder den Versuch das Leben zu kontrollieren. Situationen werden gefürchtet oder gemieden von denen man meint, dass man dort wieder eine Ohnmachtserfahrung machen könnte. Und das Interessante und eben zugleich Tragische ist, dass man mit diesen Ohnmachtserfahrungen die ganze Zeit weiter beschäftigt ist. Man richtet sein Leben immer mehr danach aus, dass man so etwas nicht wieder erlebt. Oder man denkt doch die ganze Zeit darüber nach und versucht doch eine Möglichkeit zu finden, wie man die Ohnmacht aufheben kann und das gewünschte Ergebnis erhält. Und mit diesem Verharren und der ständigen Auseinandersetzung (wenn auch unbewusst) mit den Ohnmachtserfahrungen, steigt man oft in eine Negativspirale ein. Man ist nicht mehr so sehr mit den Bereichen seines Lebens in Kontakt, wo man gestaltet und selbstwirksam ist. Und ich glaube, dass dies eigentlich nach einer Ohnmachtserfahrung die große Sehnsucht ist: Wieder zu erleben, dass man handlungsfähig ist. Dass man wieder zum Gestalter seines Lebens wird. Diese erschreckende Ohnmacht und Hilflosigkeit wahrzunehmen und wenn nötig dieses Erleben nachzuversorgen, um es integrieren zu können. Und gleichzeitig wieder zurück ins Leben zu finden. Denn ich glaube, dass ein eine Ohnmachtserfahrung uns auf unserem Lebensweg immer ins Straucheln bringt. Wie sehr ist völlig individuell. Manche kommen nur kurz aus dem Tritt, ein anderer muss sich erstmal setzten. Die Frage ist, was brauchen wir, um uns wieder handlungsfähig und selbstwirksam zu fühlen? Und somit auch zurückzufinden in das Vertrauen, dass wir unser Leben bewältigen können. In unserem Artikel „Zeit zu gesunden“ geht es um die Salotugenese, die diesen Punkt der Handlungsfähigkeit und Bewältigbarkeit des Lebens als wesentlich für Gesundheit ansieht.

Die große Frage, mit der wir uns heute in Ansätzen beschäftigen, lautet: Wie können wir wieder oder vermehrt zu Gestalter/innen unseres Lebens werden?

Ich mag den Begriff Empowerment sehr gerne. Denn für mich drückt er ganz passend aus, worum es geht. Wieder zurückzufinden in seine Kraft – Gestalterkraft. Albert Bandura hat in den 1970er Jahren den Begriff der Selbstwirksamkeit geprägt. Selbstwirksame Menschen sind davon überzeugt, dass sie das, was im Leben auf sie zukommt, irgendwie bewältigen können. Und dadurch setzen sie oft eine Positivspirale in Gang, wenn sie nämlich etwas Schwieriges für sich zufriedenstellend lösen, stärkt dies wiederum ihre Überzeugung, dass sie für die Herausforderungen des Lebens Lösungen finden werden.

Wir wollen euch nun noch zwei Impulse zu mehr Handlungsfähig- und Selbstwirksamkeit mitgeben.

  • Ist das, was ich grade tue hilfreich?

Mein Ausbilder in systemischer Beratung Dietmar Pfennighaus, pflegte zu sagen, dass wir alle eigentlich keine Sorgen haben wollen und sie dennoch in Serie produzieren. Die Frage ist, ob ich damit, was ich grade tue, meine Situation positiv verändere? Bin ich mehr in Kontakt mit dem Problem oder mit der Lösung?

Wenn wir zu dem Schluss kommen, dass es nicht hilfreich ist, was wir gerade tun und denken, können wir überlegen, ob wir mal ausprobieren wollen etwas anderes zu tun.

Als die Dominosteine in meinem Kopf anfingen zu fallen, fiel mir eine eindrückliche Situation ein, die ich hier auf dem Blog in das Leben feiern in Ansätzen bereits beschrieben habe. Ich bin vor 5 Jahren von meinem Pferd gestürzt. Dabei wurde ich ohnmächtig im wahrsten Sinne des Wortes. Zum Glück kam ich mit einem angebrochenen Beckenring und Kreuzbein davon, welches durch Ruhe wieder heilte. Aber mit meiner Seele sah es ganz anders aus. Ich überlegte mein Pferd zu verkaufen. Die Geschichte wie ich zu meinem Pferd gekommen bin, ist für mich sehr bewegend und eindrücklich, so dass ich auch zögerte, da ich mir eigentlich so sicher war, dass dies genau das richtige Pferd für mich ist. Ich führte einige Gespräche, suchte Rat und überlegte viel. Und entschied mich nicht sofort aufzugeben und begann gemeinsam mit meinem Pferd eine Therapie, um meine Angst vor einer neuen Ohnmachtserfahrung zu verlieren. Die Therapie war gut und hilfreich. Ich traute mich zumindest wieder mit einer anderen Person auszureiten, die ein sehr schrecksicheres Pferd hatte. So blieb es. Die Freude stellte sich nicht wieder ein und jedes Mal war es für mich eine Überwindung und der Gedanke, dass ich vielleicht nachher wieder im Krankenhaus liegen könnte, bedrückte mich sehr. „Reiten ist Leben“ habe ich zu der Zeit in mein Tagebuch geschrieben, denn für mich warf diese Krise zusätzlich sehr viele Lebensfragen auf. Wie will ich leben? Muss immer alles „sicher“ sein? Darf man Fehler machen im Leben? Risiken eingehen? Darf man sich einfach ausprobieren? Kann ich das Leben annehmen mit allem, was kommt und passiert? Werde ich dafür eine Lösung finden? Wie gehe ich generell mit den Ohnmachtserfahrungen des Lebens um? usw. Naja, dann kam ja letztes Jahr die Reitpause für mein Pferd aufgrund zu einseitiger Bemuskelung. Das Thema Reiten war für 8 Wochen beendet. Keine Überwindung mehr. Kein mich durchkämpfen trotz meiner Bedenken. Und dann passierte etwas, was ich erst rückblickend verstand. Ich beschäftigte mich mit meinem Pferd bei seinem Training und merkte, dass ich handlungsfähig bin. Ich fand neues Vertrauen. Meine Angst vor einer erneuten Ohnmachtserfahrung, indem mein Pferd sich wieder erschreckt und ich mich nicht mehr halten kann, wurde kaum merklich immer geringer. Sie wurde auch von mir einfach nicht mehr beachtet, weil sie grade irrelevant war. Ich konzentrierte mich lediglich darauf, dass es meinem Pferd wieder besser ging. Kein Gedanke ans Reiten und meine Ängste diesbezüglich. Als wir dann nach mehreren Wochen so durch den Wald liefen, spürte ich plötzlich den Wunsch mich auf seinen Rücken zu setzen. Und ich tat es und nach sechs Jahren ritt ich das erste Mal wieder alleine mit meinem Pferd aus. Und ich fühlte mich sicher! Das fiel mir letzte Woche passend zu dem Interview ein. Was hatte ich nicht alles versucht. Was alles unternommen, um endlich wieder mit Freude ausreiten gehen zu können (Beratungen, Therapie, Aufstellung). Ich bin dankbar für diesen Weg und die Erfahrungen, die ich darauf machen konnte. Das Entscheidende ist für mich jedoch an dem Punkt passiert, indem ich mich auf das Hier und Jetzt konzentriert habe und wieder Vertrauen fassen konnte in meine Möglichkeiten. Im Bild gesprochen kam es mir so vor als sei ich immer wieder gegen eine Tür gerannt, die aber verschlossen war. Ich hab mich abgemüht und wollte sie aufbekommen. Irgendwann haben mich die Umstände bei meinen Anstrengungen und Bemühungen gestoppt und ich hab mich umgeschaut in dem Raum. Und dabei bemerkt, dass es in dem Raum noch eine andere Tür gibt, die offen steht.

Und bei dieser Frage „Ist das, was ich grade tue, hilfreich?“ geht es genau darum. Mal kurz von seinen Bemühungen und Anstrengungen bezüglich eines Themas abzulassen, inne zu halten und sich umzusehen. Vielleicht zeigt sich ja noch eine andere Tür…

  • Was kann ich momentan gestalten?

Das Hier und Jetzt steht mir zur Verfügung. Was kann ich momentan tun? Was sind meine Möglichkeiten? Und was kann ich gestalten? Tun ist für mich mit einer aktiven Handlung verbunden. Dazu gehört meiner Meinung nach zum Beispiel auch das „Lassen“. Ich entscheide mich aktiv etwas zu lassen oder auch loszulassen. Und gestalte dieses lassen. Wenn mir das schwer fällt, kann ich mich fragen wie ich mich verhalten würde, was ich tun würde, wie leben, wenn ich es losgelassen hätte?

Dieser Moment, indem man von der Tür ablässt, die sich nicht öffnen lassen mag und damit auch seine Ohnmacht annimmt, inne hält und beginnt sich im Raum umzusehen, halte ich für sehr entscheidend. Das Entdecken der Türen, die jeden Tag für uns geöffnet sind, ist dann meist gar nicht mehr so schwierig. Den sinnlosen Kampf an der verschlossenen Türe aufzugeben ist wohl der herausforderndste Prozess. Reinhold Niebuhr hat folgendes formuliert:

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und die Weisheit das eine vom anderen zu unterscheiden.“

In diesem Sinne wünschen euch ein neues Entdecken von den offenen Türen in eurem Leben und den Gestaltungsmöglichkeiten, die euch gegeben sind!

Gedanken wie die Selbstwirksamkeit von Kindern gestärkt werden kann, findet man übrigens in dem Artikel „Von Weltendecker und kleine Helden“.

Ein Kommentar zu “Über Ohnmachtsgefühle und Selbstwirksamkeit

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