Kinder vor sexueller Gewalt schützen

Ich sitze hier und mir fehlen die Worte mit denen ich diesen Artikel beginnen kann. Als wir gestern in den Nachrichten von dem organisierten Kindesmissbrauch in Münster erfuhren, stockte uns der Atem und mir fallen keine passenden Worte ein, die das Unfassbare hinreichend beschreiben, womit diesen Kindern solche Qualen und seelischer Schaden zugefügt wurden. Und dies zusätzlich noch genutzt wurde, um anderen Menschen in ihrer krankhaften Neigung „Futter“ zu bieten. Eine Geschichte des Grauens!

Vor fast genau zwei Jahren erlebten auch wir eine Geschichte des Grauens. Einige Meter neben unserem Haus wurde eines unserer Kinder auf dem 70m langen Nachhauseweg (wo man sogar von einem Haus zum anderen Blickkontakt aufnehmen kann) sexuell missbraucht. Dieses Geschehen hat die Welt des Kindes sehr durcheinandergebracht und die von uns anderen natürlich auch. Aufgrund dessen haben wir begonnen uns intensiv mit diesem Thema zu beschäftigen, und uns vorgenommen zu sensibilisieren und Menschen präventiv zu beraten. Vieles davon fließt in unseren Blog schon automatisch mit ein. Mehrere Themen, die wir beschrieben haben, sollen Bindung und Beziehung stärken. Darüber hinaus gehören sie aber eben auch zu „Schutzmaßnahmen“ hinsichtlich sexueller Gewalt. Und darum soll es heute gehen.

In einem Vortrag von einer Organisation, die sich um Prävention bezüglich sexueller Gewalt kümmert, wurde berichtet, dass ein Kind, welches Opfer von sexueller Gewalt geworden ist, sich sieben Mal versucht jemandem anzuvertrauen, bis ihm eine Person glaubt. Auch in dem Fall von Münster war eine Familie wohl schon früher dem Jugendamt bekannt, weil bei dem Stiefvater der Besitz von kinderpornographischem Material festgestellt wurde. Trotzdem entschied man, das s Kind nicht aus der Familie herauszunehmen.

Ich hoffe, dass dieser Fall dazu beiträgt, dass unsere Gesellschaft diesbezüglich weiter sensibilisiert wird!

Das Erlebnis, welches unser Kind machen musste, gibt es wohl nur ganz selten. Die überwiegende Anzahl der Kinder wird von Menschen aus ihrem nahen oder erweiterten Umfeld sexuell missbraucht. Und als wir damals durch diesen Prozess gegangen sind, das Erleben irgendwie zu verarbeiten, wurde uns eines klar. Und zwar was wir dazu beitragen können, um unsere Kinder vor sexueller Gewalt zu schützen: sie stärken! Und sie dabei unterstützen „starke Persönlichkeiten“ zu werden. Oder vielleicht besser gesagt, sie nicht schwächen, sondern sich entfalten lassen. Die Beraterin meinte damals zu uns: „Natürlich lassen sie ihr Kind auch weiterhin Strecken alleine laufen. Vielmehr geht es darum die Kinder von innen stark zu machen.“ Und da wollen wir heute ein wenig von weitergeben, was hier präventiv als Schutz vor sexueller Gewalt wirken kann:

  • Bindung stärken

Erlebt ein Kind sexuelle Gewalt ist es immer verstört und irritiert. Und in manchen Kindern streiten dann ganz ambivalente Gefühle. Vor allem auch dann noch, wenn der Täter dem Kind vermittelt, dass es Mama oder Papa nichts davon erzählen darf, weil… Um dem Kind zu erleichtern sich einem Menschen anzuvertrauen hilft es ihm, wenn es zuvor in seinem Leben die Erfahrung gemacht hat, dass es sich mit allem seinen Eltern anvertrauen kann, weil es von ihnen gehört wird und diese versuchen es zu verstehen. Mal ein Beispiel: Wenn mein Kind die Erfahrung macht, dass ich bei jedem kleinen Missgeschick sehr aufgebracht reagiere und ihm Vorwürfe mache, dann wird es mir vermutlich nichts von seinem Erlebnis erzählen. Vor allem dann nicht, wenn es sich selbst auch noch „mitschuldig“ fühlt, was sehr oft der Fall ist oder sogar von Tätern noch geschürt wird. Meinem Kind also bereits in alltäglichen Situationen zu vermitteln, dass es immer zu mir kommen kann und sich mir anvertrauen darf, ist eine wichtige Grundlage für schwierigere Situationen, die es erlebt.

Bitte hier berücksichtigen, dass es um ein generelles Muster geht. Wenn ich mal genervt reagiere, wenn meinem Kind ein Glas umfällt oder ähnliches, ist dies einfach menschlich. Es geht hier um eine generelle Haltung und Atmosphäre.

Darüber haben wir bereits in einem Artikel geschrieben (link in Überschrift). Selbstwahrnehmung ist darum so wichtig, weil sie ein Wahrnehmen der eigenen Grenzen ermöglicht und der Gefühle, die man momentan hat. Diese Gefühle empfinden und beschreiben zu können, ist eine große Unterstützung dabei, dann auch Nein oder Ja sagen zu können.

  • Freundlichkeit nach Maß

Mit Kai habe ich mal eine Situation erlebt, die ich diesbezüglich sehr eindrücklich fand. Kai war mit dem Laufrad unterwegs und ich zu Fuß. Er fuhr etwas vorweg und kam an einer Bank vorbei auf der ein älteres Ehepaar saß. Ich kam langsam darauf zu und hörte, dass der Mann auf Kai einredete. Bei der Bank angekommen, erkannte ich, dass der Mann gerne wollte, dass Kai zu ihm kommt. Er hatte eine Schüssel Kirschen und wollte Kai welche davon abgeben. Der Mann war mittlerweile schon etwas ungehalten über das „unfreundliche Kind“, was nämlich einfach nur schaute und den Anweisungen des Mannes nicht Folge leistete. Wir sprachen nachher noch öfter über diese Situation und ich sagte Kai, dass ich sehr stolz darauf bin, dass er so mutig gehandelt hat und auf sein Gefühl gehört hat. Der Mann war ihm unheimlich und schon aus Entfernung wurde deutlich, dass er die Grenzen eines Kindes nicht bereit war zu respektieren. Von daher war es überaus weise, dass Kai sich in sicherem Abstand zu dem Mann aufgehalten hat.

Mir persönlich ist es wichtig freundlich mit anderen zu sein und ich möchte auch gerne freundlich behandelt werden. Doch nur solange wie ich meine Grenzen auch wahren kann bzw. diese respektiert werden. Ich denke, dass Kinder hier mit einem sehr guten Gespür auf die Welt kommen. Und ich glaube, dass man ihnen Mut machen kann auf diese Intuition auch zu hören. Und manchmal heißt das eben auch nicht das zu tun, was eine andere Person als freundlich bewerten würde oder von einem möchte.

  • Sich selbst und seinen Körper kennen lernen

Den eigenen Körper zu kennen ist ein großer Schatz. Sich in ihm Zuhause zu fühlen und vor allem zu wissen, dass dieser Körper nur einem selbst gehört. Ich darf über meinen Körper entscheiden! Hier gibt es sicher Grenzbereiche, wie zum Beispiel ein Arztbesuch, wo es besonderes Feingefühl bedarf. Im Kindergarten hatten unsere Kinder vor Corona ein Projekt zur Prävention sexueller Gewalt. Hier ging es unter anderem um Berührungen. Welche Berührungen empfinde ich als angenehm, welche nicht? Wo will ich angefasst werden und wo soll mich keiner anfassen? Und der Fokus lag natürlich darauf, dass das Kind darüber entscheiden darf.

Seinen Körper kennen zu lernen bedeutet eben auch seine Körperteile benennen zu können, wozu selbstverständlich auch die Geschlechtsteile gehören. Wenn schon die Bezeichnung der Geschlechtsteile für ein Kind mit Scham belegt ist, wird es natürlich wesentlich schwieriger zu erzählen, wenn jemand an diesen Stellen auch noch etwas Komisches oder Unangenehmes (und Verbotenes!!!) getan hat. Hier also sicher zu werden und über Penis und Scheide so natürlich reden zu können wie über Arme und Beine, wäre hilfreich. Dazu eine kurze Geschichte: Eine Freundin und ihr Mann erwartetet ihr erstes Kind. Der Mann meiner Freundin war in einer Familie aufgewachsen, in der über Sexualität nicht gesprochen wurde. Dementsprechend war es ihm auch etwas unangenehm und irgendwie „peinlich“, wenn jemand in der Öffentlichkeit die Namen seiner Geschlechtsteile benutzte. Da die beiden einen kleinen Jungen erwarteten und es ihnen wichtig war, dass bei ihnen „unten rum“ nicht schamhaft ausgeklammert würde, starteten sie eine Desensibilisierung. Der Mann ergänzte seinen Wortschatz um die Begriffe Penis, Hoden, Erektion etc. und durchbrach sein anerzogenes Tabu, dass man über solche Themen nicht spricht. Bis heute übrigens ganz erfolgreich!

  • Grenzen
    • Mein Körper gehört mir

Das Thema Grenzen ist ja auch in unseren Artikeln schon immer wieder angeklungen. Zum Beispiel in der Hinsicht, dass wir nicht die Verantwortung für die Gefühle anderer tragen, sondern für unsere eigenen Gefühle verantwortlich sind. Dabei handelt es sich um eine gesunde Grenze. Auch über den eigenen Körper zu entscheiden und zu bestimmen, wo und ob ein anderer mich berühren darf, ist ein Deutlichmachen einer Grenze. Dieser Punkt ist äußerst spannend. Wenn ich will, dass mein Kind lernt, dass es über seinen Körper bestimmen darf, bedeutet das eben auch, dass wir als Eltern dies ebenfalls respektieren. Hier merke ich oft in Beratungen, dass Eltern gerne hätten, dass ihre Kinder bei anderen die Grenzen ihres Körpers schützen, aber für sich selbst hätten sie es lieber etwas einfacher. Denn dieses Thema wirft wahrlich viele Fragen auf zu denen es sich zu positionieren gilt. Wie zum Beispiel das Thema Essen – darf  ein Kind sagen, was es nicht essen möchte oder muss es probieren? Darf mein Kind entscheiden wie viel es essen möchte oder muss es aufessen? Und hier gibt es noch viele Bereiche mehr, auf die es sich auswirkt, wenn mein Kind über seinen Körper entscheiden darf. Dies führt dann im besten Falle zur Suche nach Lösungen. Denn auch ich habe Grenzen und Werte. Das macht das Zusammenleben dann durchaus spannend 😉

  • Ich sage Nein

Lottis Lieblingsbuch ist „Das kleine und das große NEIN“ von Gisela Braun und Dorothee Wolters. In dem Buch lernt das kleine Nein sich zu einem großen Nein zu entwickeln, dass seine Grenzen verteidigt und Stopp sagt.

Um meine Grenzen zu schützen, muss ich diese ausdrücken. Wenn Kinder das in einer Familie ganz selbstverständlich lernen, stärkt sie das auch, bei anderen Menschen ihre Grenzen zu schützen. Wir haben uns zum Beispiel gemeinsam darauf geeinigt, dass wir sofort „unterbrechen“, wenn jemand Stopp sagt. Auch im Spiel der Kinder, signalisiert jemand mit Stopp, dass seine Grenze grade überschritten wird und dann halten wir inne und versuchen zu klären, was los ist. Aber auch generell im Miteinander die Freiheit zu haben „Nein“ zu sagen. Solche Kinder sind eben nicht immer „bequem“, aber genau das hilft ihnen auch dabei sich selbst zu schützen.

  • Gute und schlechte Geheimnisse

Meinen Kindern zu erklären, dass es „gute“ Geheimnisse und „schlechte“ Geheimnisse gibt, ist auch eine präventive Maßnahme, die man ergreifen kann. Ganz kurz erklärt bedeutet das, mit seinen Kindern zu besprechen, dass es zwei Arten von Geheimnissen gibt. Gute Geheimnisse, wie die Geburtstagsüberraschung für Mama, machen „gute Gefühle“ (hier wird wieder deutlich, wie wichtig es ist, dass Kinder eine emotionale Kompetenz entwickeln). „Schlechte Geheimnisse“ hingegen machen „schlechte Gefühle“. Und diese schlechten Geheimnisse darf man immer weitererzählen!

Sicher gäbe es noch weitere Anregungen. Wir haben nun aus unserem eigenen Erleben mit diesem Thema die Strategien herausgegriffen, die uns wichtig geworden sind. Kinder mit „starken Persönlichkeiten“ ins Leben zu begleiten ist eine spannende Entdeckungsreise und gleichzeitig wahrscheinlich das Herausforderndste, was man je in seinem Leben getan hat. Wir wünschen euch neben den Erfahrungen, wo man seine eigenen Grenzen kennen lernt und sich weiterentwickeln kann, auf diesem Weg auch ganz viel Freude an- und miteinander.

Auf das Kinder mehr respektiert werden, ihre Grenzen geachtet und ihre Würde unangetastet bleibt! Fangen wir damit an…

Bei weiteren Fragen kann man sich auch an folgende Adressen wenden:

Hilfeportal – Missbrauch

Pro Familia

Zartbitter

Wildwasser

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