Meine Kinder und mich selbst trösten lernen

Vorgestern waren wir mit den Fahrrädern auf dem Weg nach Hause. Theo war etwas erschöpft von unserem Ausflug. Mit seinen letzten mobilisierten Kräften strampelte er sich vorwärts. Es waren nur noch wenige Meter bis zum Ziel. Irgendwie kam ihm Kai plötzlich sehr nah, Theo konnte nicht mehr reagieren, stieß mit Kai zusammen, flog über sein Fahrrad und landete auf dem Asphalt. Er war ganz erschrocken und weinte vor Schmerzen.

Würden wir in diesem Moment einen Ausflug in sein Körperinneres machen, könnten wir feststellen, dass dort einiges los ist. In unserem letzten Artikel haben wir beschrieben, welche körperlichen Vorgänge unter anderem in solchen Situationen ablaufen. Theo braucht jetzt Trost und Beruhigung. Und das zeigte er auch. Er wollte auf den Arm, seine Wunde sollte versorgt werden, Zuhause wollte er noch zusätzlich in eine Decke eingekuschelt werden und nochmal erzählen wie alles genau passiert war. Langsam beruhigte und stabilisierte er sich innerlich wieder.

Wenn man sich anschaut was Theo wollte, fällt auf, dass er genau die Dinge machte, von denen man weiß, dass sie Trost spenden und beruhigen. Er suchte das, was seinen Körper anregte Oxytocin zu produzieren durch die Nähe zu seiner Mama, die Gespräche mit ihr und ihr Mitgefühl. Gleichzeitig bat er seine Mama, dass sie Dinge tun sollte, die seinen Vagusnerv anregen wie Berührungen von ihr und zusätzlich schützend in eine Decke gekuschelt zu sein. (Zur Bedeutung von Oxytocin und Vagusnerv siehe den Artikel „Ganz bei Trost sein“.)

Ganz instinktiv tat er, was für ihn und seine Seele wichtig war, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen.

Und genau darum soll es heute in unserem Artikel gehen. Wie wir unseren Kindern helfen können, durch Trost ihr inneres Gleichgewicht wiederzufinden. Wie ebenfalls im letzten Artikel erwähnt, wurde die überwiegende Anzahl der Kinder grade zu Zeiten des Nationalsozialismus aus ideologischen Gründen nicht getröstet. Das führt mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu – es sei denn man versorgt es bewusst nach – dass diese ungetrösteten Kinder später mit der Tröstung ihrer eigenen Kinder und deren körperlichen oder seelischen Schmerzen überfordert sind. Und so wird dieser Mangel von Generation zu Generation weitergeben, wenn man sich nicht bewusst um ihn kümmert und sich diesbezüglich „nährt“ oder „nachnähren“ lässt. Auch darum soll es heute gehen. Wie man als Erwachsener, der vielleicht an manchen Punkten im Leben ungetröstet geblieben ist, diese Fähigkeit nachlernen kann.

Doch vorab möchten wir zwei Dinge vorausschicken. Zum einen haben wir letztes Mal erklärt, dass in einer unsicheren Eltern-Kind-Bindung wenig Oxytocin ausgeschüttet wird, was dazu führt, dass die Stresshormone nicht in dem Maße „gebunden“ werden können, um zu einer Beruhigung und Entspannung zu führen. In neuen, sicheren Bindungserfahrungen ist es jedoch möglich, dass diese Dinge nachreifen und man neue Erfahrungen machen darf. (Hier ist der Artikel „Konflikte und Bindungsverhalten Teil 4“ wahrscheinlich interessant). Zum anderen handelt sich bei dem Vagusnerv eigentlich um einen Strang feiner Nervenfäden, die in den Körper verlaufen und so das Signal für Entspannung in den ganzen Körper tragen können. Der Vagusnerv kann ähnlich einem Muskel trainiert werden. Und das nicht nur in konkreten Stresssituationen, sondern eben auch durch positive Erfahrungen von Nähe, Vertrauen, Geborgenheit, Schutz, Berührung etc.. Ihn zu „trainieren“ braucht Zeit und Übung, aber es ist durchaus möglich dadurch in seiner Fähigkeit sich selbst trösten und beruhigen zu können – sprich in der Kunst der Selbstregulation – zu wachsen.

Um jemand anderen oder sich selbst zu trösten, ist die eigene Haltung ganz wesentlich. Hier gibt es drei Punkte, die wir für besonders wichtig erachten:

  1. Selbstregulation und Selbstständigkeit werden durch Co-Regulation erlernt

Ich habe schon einige Gespräche mit Eltern geführt, die ihre Angst bekundeten, dass ihre Kinder unselbstständig werden, wenn sie zu sehr auf sie eingehen. Aussprüche wie „er kann ja auch nicht immer haben was er will“ oder „es ist ja auch nicht immer jemand da, der sie dann tröstet“ zeigen diese Angst. Und ja, es stimmt beides. Vermutlich wird im Leben nicht alles so laufen wie man sich das wünscht und hoffentlich hat man das große Glück als Kind, dass man Eltern hat, die einem dies auch nicht „vorgaukeln“, sondern präsent sind und ihre persönlichen Grenzen ausdrücken. Dann wird es vermutlich so sein, dass das Kind zum Beispiel nicht jetzt sofort den Bagger bekommt, den es auf der Stelle haben möchte oder nicht das zweite Eis etc. Gleichzeitig ist es, wenn man auf die Bedürfnisse eines jeden achtet und nach Lösungen sucht, nicht nötig, dass künstlich Szenarien geformt werden, die das Kind lehren sollen, dass nicht immer alles so passiert wie es sich das wünscht. Ein „jetzt bekommt er mal etwas nicht, weil er ja sonst denkt er könne immer alles haben“ oder das Kind wird nicht getröstet, weil es ja auch irgendwann alleine mit seinem Schmerz umgehen lernen muss, sind völlig kontraproduktiv. Diese Kinder geben irgendwann sicherlich auch „Ruhe“, doch nicht aus Beruhigung, sondern aus „Unterwerfung“ und Erschöpfung. Und das Tragische ist, dass sie ganz und gar nicht gelernt haben sich zu beruhigen. Wenn ich also möchte, dass mein Kind lernt auch mit Frustration umzugehen, kann ich es darin begleiten und seinen Schmerz hinter der Wut dann in dem Prozess der Co-Regulation irgendwann – wenn gewollt – trösten. Sich selbst zu beruhigen lernt ein Kind, indem es immer wieder durch seine Bindungspersonen beruhigt wird.

Und auch für Erwachsene ist das relevant. Eine Freundin, die in der Schule Mobbing erlebt hat, kommt in eine Lebenssituation, in der sie von zwei bekannten Frauen ihrer Meinung nach ignoriert wird. Sie ist ganz aufgewühlt und neben der aktuellen Situation ist nun auch die „alte Geschichte“ wieder an Bord. Sie versucht sich zu beruhigen. Erst noch etwas verständnisvoll, dann immer ungeduldiger fordert sie sich selbst auf „sich doch nicht so anzustellen“. Die Beruhigung hat nicht den gewünschten Erfolg. Als wir miteinander sprechen, wird ihr beim Erzählen klar, dass es in der Situation damals keine Beruhigung oder Trost für sie gegeben hat. Sie erkennt, dass ihr Vagusnerv da vielleicht noch etwas Training bedarf. Ich biete ihr an, dass sie mich in solchen Situationen anrufen kann und ich ihr eine Weile zur Seite stehe, um sie bei ihrem Training zu unterstützen, indem ich sie von außen co-reguliere. Auch das ist möglich. Sich als Erwachsener für bestimmte Themen, einen Menschen seines Vertrauens zu suchen, der einen bei der Co-Regulation zu Beginn ein wenig unterstützt. Irgendwann wusste sie schon genau, was ich ihr sagen würde und sie musste gar nicht mehr anrufen oder schreiben, bis sie sich schließlich bezüglich dieses Themas selbst regulieren konnte.

  • Den Schmerz oder Beunruhigung überhaupt wahrnehmen

Noch eine ganz wesentliche Vorrausetzung um zu trösten oder auch Trost zu erfahren, besteht darin den eigenen Schmerz überhaupt wahrzunehmen bzw. den Schmerz des anderen zu sehen. In unserem Bericht über unsicher-vermeidendes Bindungsverhalten haben wir von dem Vater erzählt, der mit gewissem Stolz darauf schaute, dass sein Sohn seinen Schmerz nicht zeigte. So ist Trost unmöglich. Um zu trösten oder getröstet zu werden, bedarf es vielmehr einer Haltung, die bereit ist dem Schmerz und dem Verletzt werden ins Auge zu sehen. Mich dahin zu entwickeln, dass ich bereit bin den Schmerz meines Kindes oder auch meinen eigenen anzusehen und anzunehmen. Ja, ich gestehe mir ein, dass der Zerbruch dieser Beziehung mich verletzt. Ich nehme es an, dass die Reaktion eines anderen Menschen Traurigkeit in mir auslöst. Dass der geplatzte Urlaub mich wütend und gleichzeitig auch traurig macht. Hier wird deutlich, dass diese drei Punkte ganz eng miteinander verwoben sind. Wenn ich Sorge habe, dass mein Kind „zu weich“ oder unselbstständig für das Leben wird, werde ich seinen Schmerz nicht wahrnehmen wollen und ihn so interpretieren wie ich es für richtig halte, wo wir bei dem dritten Punkt wären.

  • Die Deutungsmacht obliegt dem Verletzten/Verunsicherten

Was einen Menschen verletzt fühlt nur er. Wie stark der Schmerz ist und wieviel Trost es braucht, kann lediglich der Betreffende selbst entscheiden. Ich beobachte manchmal, dass ein Kind hinfällt und die Bezugsperson darauf reagiert mit „Ach, ist doch gar nicht schlimm! Du hast dir ja gar nichts getan!“ Möglicherweise sieht das innere Erleben dieses Kindes ganz anders aus.

Ich glaube, dass jeder sicher gebundene Mensch sich gerne wieder dem Leben und der Autonomie zuwenden möchte. Dementsprechend nicht länger getröstet werden will als es eben nötig ist. Und es so einer Haltung des Respekts und der Wertschätzung entspricht, wenn wir uns kein Urteil darüber erlauben wie andere Menschen mit ihren Verletzungen, die ihnen im Leben widerfahren, umgehen. Es gibt übrigens nicht nur die Version, dass man den Schmerz eines anderen bagatellisiert oder irgendwann der Meinung ist, dass es nun aber endlich doch mal gut sei. Auch in die andere Richtung kann ich die Deutungsmacht an mich reißen. Ich durfte irgendwann lernen die Reaktion meines Kindes abzuwarten, wenn es zum Beispiel hinfällt. Anstatt schon sofort bei ihm zu sein und es mit „Oh du bist hingefallen“ etc. trösten zu wollen, durfte ich lernen auf seine Reaktion zu warten und da zu sein, wenn es mich brauchte. Oder wenn Fritz Neele ihr Spielzeug wegnimmt, warte ich heute auf Neeles Reaktion. Denn oft genug dachte ich, das müsse für sie jetzt schlimm sein und es war gar nicht so. In anderen Situationen weint sie bitterlich, wenn Fritz zum Beispiel zu ihr sagt sie sei noch „zu klein“ um auf das Klettergerüst zu klettern (wohlgemerkt trennen die beiden lediglich drei Monate) und braucht in dieser Situationen, die ich jetzt nicht sofort so interpretieren würde, ganz viel Trost. Also weder den Schmerz zu dramatisieren als ihn zu bagatellisieren ist unser „Recht“.

Wenn ich mit dieser Haltung mir selbst oder meinem Kind in Situationen begegne, die mich körperlich oder seelisch verletzt haben, ist dies wohl die beste Grundvoraussetzung und schafft den Raum für eine sichere Bindungserfahrung, die dann wiederrum Oxytocin ausschüttet, wodurch die Stresshormone verringert werden.

Was kann man konkret noch tun?

  • Den Schmerz verbalisieren und Empathie schenken

Wird der Schmerz wahrgenommen, kann er in dem Tröstungsprozess auch nochmal verbalisiert werden. Diese Verbalisierung unterstützt das Kind dabei zu verstehen, was passiert ist und auch einzuordnen, was in ihm los ist. Manchmal ist zum Beispiel der Schreck bei einem Sturz für das betreffende Kind viel schlimmer als das aufgeschürfte Knie. Hier zu erfragen und zu verbalisieren, was in dem Kind vor sich geht, stärkt die Selbstwahrnehmung und die Fähigkeit sich zu verstehen. Dies bringt ein Kind dann auch wieder mehr ins Hier und Jetzt. Manchmal „heilen“ sich Kinder förmlich, indem sie die Situationen noch ganz oft erzählen und emotional mit der Bindungsperson wiederholt durchgehen.

Auch für uns Erwachsene ist dieses Verbalisieren und die Selbstempathie ein wichtiger Schritt. Um nochmal das Beispiel mit meiner Freundin aufzugreifen, bedeutete dies für sie, dass sie sich dahingehend besser verstehen lernte, dass die Situation mit ihren Freundinnen sie an die Mobbingerfahrung früher erinnerte. So konnte sie ihre Gefühle und Empfindungen plötzlich auf einer anderen Ebene einordnen. Verstand sich, dass sie sich sofort wieder hilflos und ausgeliefert fühlte usw.. Das führte bei ihr zu einer ersten Beruhigung.

  • Berührung

Alle Erfahrungen die wir machen sind Körpererfahrungen, weil wir nie ohne unseren Körper sind. Meine Freundin hatte sofort wieder einen Kloß im Hals und ein flaues Gefühl im Magen. Von einer Bindungsperson in den Arm genommen zu werden, angenehm berührt, zärtlich gestreichelt oder sanft hin und hergewiegt zu werden aktiviert unseren Vagusnerv und hilft unserem Körper wieder in Balance zu kommen.

Für Erwachsene (vielleicht auch möglich bei manchen Kindern), da man nicht immer eine vertraute Person in seiner Nähe hat, bietet sich als Alternative auch ein tröstendes Bad an. Denn Wärme kann sich durchaus positiv auswirken. So kommt eine warme Decke einer Umarmung nahe und das warme Wasser, was einen einhüllt, ähnelt Streicheleinheiten von Kopf bis Fuß.

  • Musik

Der Geiger Yehudi Menuhin, der für vom Krieg Verwundete und vertriebene Menschen spielte, war der Meinung „Musik heilt, Musik tröstet, Musik bringt Freude“. Musik berührt unser Innerstes auf eine unbeschreibliche Art und Weise. Und die passenden Texte verbalisieren dann vielleicht auch noch genau unseren Schmerz und spenden so Trost. Grade etwas melancholische Lieder oder bewegende Texte bewirken etwas in uns, dass dem Sehen des Schmerzes und in Worte fassen, was in uns vorgeht, sehr nahe kommt.

  • Schönheit

Ähnlich wie Musik kann auch Schönheit Trost spenden. Und ebenso kann uns Schönheit auf eine tiefe Art und Weise berühren. So als wären wir für Schönheit geschaffen und verspüren, wenn wir mit wahrer Schönheit in Berührung kommen, wieder einen Funken Hoffnung. Immer wieder erlebt man wie Menschen aktiv werden um trostlosen Orten Schönheit und damit auch Leben einzuhauchen. An die Stellen im Leben, wo wir mit tiefer Trauer konfrontiert werden, tragen wir Blumen. Auf diese Art kann Schönheit etwas Tröstliches vermitteln und Hoffnung wecken in das Gute und Schöne.

  • einen persönlichen, kreativen Ausdruck finden

Kinder tun dies oft ganz automatisch nachdem sie Erfahrungen gemacht haben, die sie ins Ungleichgewicht gebracht haben. Sie beginnen zu spielen und diese Erfahrungen im Spiel zu verarbeiten oder auch in Form von Gemälden, die sie anfertigen. Auch für Erwachsene kann es tröstend sein den eigenen Verletzungen Ausdruck zu verleihen. Ich durfte vor kurzem ein Bild von einem Mann anschauen, der berichtete in seiner größten Krise im Leben mit dem Malen begonnen zu haben und uns erlaubte dieses Bild anzusehen. Es hat mich tief berührt und es war mehr als ein Bild. Es war auch nicht die Schönheit, die mein Herz bewegt hat – auch wenn es schön anzusehen war. In diesem Bild lag eine Geschichte, darin wohnten Schmerz und Tränen. Aber es war auch Trost zu finden. Ein Hoffnungsschimmer.

Hier gilt es seinen ganz persönlichen Weg zu entdecken. Nähen, malen, schreiben, töpfern, holzarbeiten, musizieren etc.. Das Spannende ist, dass ich beginne etwas mit meinem Schmerz zu tun. Dass ich ihm eine Gestalt gebe und vielleicht erleben darf wie er sich wandelt.

Mit der beschriebenen Haltung und den einzelnen tröstenden Punkten darf jeder Mensch seinen eigenen Weg des Trostes finden. Und dieser ist völlig individuell. Da wir selbst dort unterwegs sind, sind wir uns sicher, dass es kein leichter Weg ist. Gleichzeitig sind wir voller Hoffnung, dass dieser Weg das Leben sehr bereichert und befriedet. Und weiter dazu beiträgt, dass trostlosen Orte in unserem Inneren, aber auch im Außen wieder Leben eingehaucht wird.

Zur Einordnung: Trost ist ein großes Thema. Wir erleben alltägliche Situationen, die uns ins Ungleichgewicht bringen, uns verletzen oder beunruhigen. Von solchen Situationen gehen wir in diesem Artikel aus. Sicher spielt Trost auch eine entscheidende Rolle in Trauerprozessen, wo aber eben zusätzlich noch andere Phasen ihren Raum haben wie Verdrängung, Wut etc.. Auch in traumatischen Erlebnissen benötigen wir Trost und die genannte Haltung und auch die einzelnen Anregungen können hier sicher eine Hilfe sein. Jedoch bedarf es bei solchen Erfahrungen nochmal differenzierter Unterstützung und Integrationshilfen. Sowohl Trauerprozesse als auch traumatische Erfahrungen sind nicht die, wovon wir hier allgemein ausgehen und denen dieser Artikel mit seinen Anregungen auch sicher nicht gerecht werden würde.

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