Ganz bei Trost sein…

An diesem Pfingstwochenende feiern Christen, dass Jesus wie versprochen einen „Tröster“ gesandt hat. Einige Zeit nach der Himmelfahrt Jesu mussten seine Freunde noch auf das Versprechen vertrauen und ausharren und nun an Pfingsten war es endlich soweit – der Heilige Geist kam zu den aufgewühlten Jüngern. Ich muss sagen, dass mir dieser Gedanke an Pfingsten besonders gut gefällt. Gott, der die Menschen erschaffen hat, weiß scheinbar sehr genau, dass seine Geschöpfe in dieser Welt einen Tröster und Ermutiger brauchen.

Prof.Dr.med. Monika Fröschl schreibt in ihrem Buch „Gesund durch Vertrauen“, dass das Thema Trost bisher in der gesundheitswissenschaftlichen Forschung sowie den Lehrbüchern der Psychosomatischen Medizin gänzlich fehlt. Sie prangert dies an, weil sie Trost ebenso wie Vertrauen für eine Grundbedingung gesunden Lebens hält. Beschäftigt man sich mit unserer deutschen Geschichte, wird dieser Mangel ein wenig nachvollziehbarer. Denn vor allem im nationalsozialistischen Gedankengut, wurden Menschen, die Trost bedürfen, als schwächlich angesehen. Schon von klein auf sollte den Kindern durch Härte und Unbeugsamkeit der Mutter das Bedürfnis nach Trost ausgetrieben werden. Wer Trost brauchte galt als schwach. So empfiehlt die Ärztin Johanna Haarer in ihrem Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ ganz strategisch den Bedürfnissen des Kindes nach Trost Widerstand zu leisten, um sie nicht zu „verzärteln“[1]. Dazu gehörte, dass man das Kind nicht aus dem Bett holen sollte, weil es sich sonst daran gewöhnen könnte und beginnen würde die Eltern zu manipulieren. Auch auf kleinere Verletzungen z.B. beim Hinfallen, sollte man nicht eingehen. Ganz zu schweigen davon, wenn das Kind irgendetwas möchte. Ihrer Empfehlung nach lernen Kinder schnell dies zu unterlassen, wenn man sie in einem anderen Zimmer „kaltstellt“[2] – vermutlich hat hier die Auszeit oder stille Treppe ihren Ursprung. Es ist wirklich überaus erschreckend, wenn man liest, wozu Eltern angehalten wurden und es quasi offiziell als „gutes elterliches Verhalten“ galt, dass Kinder reihenweise traumatisiert wurden. Dieses Buch wurde übrigens von den Alliierten verboten, dann aber unter dem Titel „Die Mutter und ihr erstes Kind“ weiterveröffentlicht und ging 1987 in die letzte Auflage. Die tragischen Folgen mögen das Buch wohl leider noch weit überdauern.

Kein leichtes Thema – der Trost und seine Geschichte in unserem Land. Ganze Generationen wuchsen mehrheitlich trostlos heran. Blieben ungetröstet und standen irgendwann vor der Herausforderung mit dem Schmerz ihrer Kinder umgehen zu müssen, welcher natürlich auch den eigenen ungetrösteten Schmerz jedes Mal wieder antriggerte. Pfingsten spricht da eine andere Sprache und ich freue mich, dass wir das feiern. Denn hier wird ganz klar, dass das menschliche Leben zerbrechlich ist und vulnerabel. Daher bedarf es dringend eines Trösters, den die Menschen geschickt bekommen und der sogar in ihnen sein soll. Das heißt immer zur Verfügung steht. Spannend…

Um noch ein wenig tiefer in das Thema Trost einzusteigen, ist es ganz interessant sich anzuschauen was beim Trösten eigentlich mit bzw. in uns passiert. Eine Stressreaktion, die nicht beruhigt wird, kann zu langanhaltenden Folgen führen. Manche Psychologen sind sogar der Meinung, dass es zu lebenslangen Beeinflussungen des Stressempfindens kommt. Dazu ist hilfreich zu wissen, was bei einer Stressreaktion im Körper vor sich geht. Ganz grob beschrieben, wird bei Stress Adrenalin ausgeschüttet. Tritt keine Beruhigung ein, folgt das Hormon Corticoliberin, was wiederrum vermehrt Adrenocorticotropin freisetzt. Dieses Hormon regt die Produktion von Cortisol in der Nebennierenrinde an. Hat man längere Zeit größere Mengen Cortisol im Körper wirkt sich das gesundheitsschädigend aus. Um das Cortisol zu binden, braucht man Oxytocin. Oxytocin ist vereinfacht ausgedrückt ein „Bindungshormon“. In einer sicheren Eltern-Kind-Bindung wird beim Kind durch die Beruhigung des Elternteils und deren Trost Oxytocin freigesetzt, was unter anderem als Andockstelle für das Cortisol dient und den Stress reduziert. Wird nicht getröstet, kommt es zu keiner oder eben nur geringer Ausschüttung von Oxytocin, was zu einem dauerhaft erhöhten Cortisolspiegels führt.

Oxytocin bindet nicht nur das Cortisol, sondern stimuliert auch unseren Vagusnerv, quasi unser körpereigenes Stressregulationssystem. Und hier passiert etwas, was viele Menschen aus vergangen Generationen durch ihre Eltern nicht erleben durften. Durch äußere Stimulation des Vagusnervs, sprich Trost, „erlernt“ er diese „Arbeit“ und kann die Aufgabe dann später auch ohne äußere Stimulation tun. Davon spricht man unter anderem bei Co-Regulation. Wenn Kinder von ihren Eltern Co-reguliert werden, befähigt sie das immer mehr dazu, sich irgendwann selbst regulieren zu können.

An diesen Vorgängen in unserem Körper sieht man, dass es tatsächlich so ist, dass wir Trost brauchen. Wir kommen auf die Welt und sind mit unserer eigenen Bedürftigkeit, Verletzlichkeit und der Zerbrechlichkeit des Lebens konfrontiert. Und um damit umzugehen, brauchen wir jemand, der uns hilft und uns wenn nötig immer wieder tröstet und beruhigt. Jemanden an den wir uns binden können. Der für uns da ist und uns reguliert. So lange, bis wir selbst dazu in der Lage sind.

So verbinde ich dieses Jahr mit Pfingsten unsere Trostbedürftigkeit. Und es zeigt mir wieder einmal, dass zum Leben Stärke und Schwäche gehören und beides seinen Platz hat. Sich in seiner eigenen Schwäche, Verzweiflung, Hilflosigkeit, Trauer oder ähnliches jemandem anzuvertrauen und sich trösten zu lassen, solange bis das eigene Herz wieder Mut gefasst hat, gehört zum Wesen von uns Menschen. Und wenn wir irgendwann selbst genug Trost gefunden haben und unser Vagusnerv „gut gelernt“ hat, werden wir wohl selbst zu Tröstenden. Ich glaube, dass die Welt dadurch reicher wird. Und vielleicht auch friedvoller – was ja sehr schön zu dem Bild der Taube an Pfingsten passt, die ja auch für Frieden steht. Getröstet schließen wir wieder Frieden mit uns, unserem Geworden- Sein und dem Leben in dieser Welt und können andere dabei begleiten, dass sie ebenfalls Trost und damit ihren Frieden finden.

In diesem Sinne wünschen wir euch ein Pfingsten, an dem ihr ganz bei Trost (nach seiner Bedeutung innerlich gestärkt) seid!

Wie man jemand anderen/seine Kinder trösten oder seinem eigenen Vagunsnerv nachreifen lassen kann, um sich selbst trösten zu lernen, damit beschäftigen wir uns demnächst in einem Artikel…


[1] Haarer, 1939, S.170

[2] Haarer,1939, S.265

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