Lob und Belohnung

Als Penny noch kein Jahr war, sprach ich mit einer Freundin übers Loben. Sie war für eine Woche mit ihrem ebenfalls noch kein Jahr alten Sohn bei uns zu Besuch. Ihr war aufgefallen, dass ich Penny viel lobte. Wenn sie es schaffte sich irgendwo hochzuziehen und mich mit strahlenden Augen ansah, legte ich los. Und ich weiß nicht wie oft das Wort „Super“ mir über die Lippen kam. Damals war ich etwas irritiert von ihrer Meinung man solle Kinder nicht loben und fand das auch irgendwie extrem. Vor allem aus dem Grund, weil ich es so verstanden hatte, dass nicht zu loben bedeuten würde, dass ich zum Beispiel ganz sachlich das Verhalten meines Kindes beschreibe. „Du hast dich am Schrank hochgezogen!“ sah ich mich dann im Tonfall einer Nachrichtensprecherin sagen und das empfand ich als völlig absurd. Doch irgendwie lies es mich nicht los, warum meine Freundin Belohnung und Lob mit Bestrafung gleichsetzte. Das Bestrafung sich auf das Selbstbild, Selbstvertrauen, unsere Bindung und die Beziehung zu meinem Kind nicht positiv auswirkt, leuchtete mir direkt ein. Doch Lob und Belohnung? Belohnung konnte ich auch noch nachvollziehen. Hatte ich doch einen Menschen vor mir, den ich als Gegenüber wahrnahm und keinen Hund, den es zu erziehen galt. Naja, es blieb die Sache mit dem Lob…

Das Thema beschäftigte mich weiter und mit dem Buch von Alfie Kohn „Liebe und Eigenständigkeit – Die Kunst bedingungslose Elternschaft jenseits von Belohnung und Bestrafung“ (sehr zu empfehlen!) stieg ich noch tiefer ein. Ich verstand worum es ging und konnte mein Bild vom „nicht Loben“ verändern. Als Lotti sich dann am Schrank hochgezog, hörte ich mich die Worte sagen: „Du hast dich am Schrank hochgezogen!“. Allerdings im Tonfall einer Fußballkommentatorin, die den Ausgleich in letzter Minute verkündet. Ich strahlte und vermute, dass meine Augen leuchteten und meine Freude ausdrückten, die ich empfand, wenn ich Lottis Begeisterung sah. 

Der Buchtitel von Alfie Kohn macht es bereits deutlich, dass eine bedingungslose Elternschaft, ein Annehmen und Lieben unserer Kinder so wie sie sind, nicht lebbar ist, wenn wir unsere Kinder gleichzeitig belohnen oder bestrafen. Eine bedingungslose Elternschaft beutet eben auch, dass wir sie respektieren als die, die sie sind und sein wollen. Und nicht die Intention haben sie zu etwas zu machen, was wir in ihnen sehen oder haben wollen.

Was macht Lob und Belohnung mit uns?

Mit Lob oder Belohnung reagiert ein Mensch darauf, dass der andere ein Verhalten gezeigt hat, dass er für richtig oder wünschenswert hält. Kinder lernen sehr schnell und wahrscheinlich werden sie sich in dem jeweiligen Kontext dementsprechend verhalten und das gewünschte Verhalten vermehrt zeigen. Zum Beispiel bekommt ein Kind für eine 1 in der Schule 5 Euro, für eine 2 noch 3 Euro, für eine 3 immerhin einen Euro und für alle anderen Noten nichts mehr. Das Kind lernt, je besser es ist, umso größer ist die Belohnung. Und – das ist der fatale Aspekt daran – es zieht den Rückschluss, dass es mehr gemocht wird und die Eltern und Großeltern sich mehr über das Kind freuen, wenn es gute Noten schreibt. Auch in anderen Fällen ist das so: Mama ist stolz auf mich, wenn ich aufs Töpfchen gegangen bin und keine Windel mehr brauche. Wenn ich mir die Zähne putzen lasse, findet Mama, dass ich das gut gemacht habe.

Hier wird deutlich, dass Belohnungen oder Lob den anderen immer bewerten. Ich glaube, dass unsere Kinder, wenn sie uns ein Bild schenken oder uns stolz eine gute Note präsentieren, keine Bewertung suchen. Stattdessen wollen sie gesehen und wahrgenommen werden. Oft versuchen wir dieses Bedürfnis mit Lob auszudrücken.

Fritz zum Beispiel liebt es ja momentan an seinen Turnkünsten auf dem Karussell unseres Spielplatzes zu feilen. Er ist wirklich voller Begeisterung und hochkonzentriert bei der Sache. Wenn ihm dann eine neuer Move auf dem sich möglichst schnell drehenden Karussell gelingt, ruft er freudig: „Mama, guck mal!“ Ich glaube, dass es ihm nicht darum geht von mir zu hören, ob er das gut oder schlecht macht. Vielmehr geht es ihm darum gesehen zu werden. Mir Anteil zu geben an seiner Freude über seine neue Errungenschaft – seine neue Lernerfahrung. Er zeigt es mir nochmal und ich bin ebenfalls völlig begeistert. Schon beim Zuschauen wird mir schwindelig. Allein die Vorstellung ich solle mich in dieses drehende Karussell hineinsetzen, lässt meinen Magen leicht verkrampfen. Dass er dabei noch fähig ist zu turnen, bringt mich zum Staunen. Ich beschreibe begeistert, was ich ihn tun sehe. Mit stolz geschwellter Brust springt er bei voller Fahrt ab und lacht mich an. Ich lache mit und wir freuen uns beide. Fritz ist glücklich gesehen und wahrgenommen worden zu sein mit dem, was grade in ihm lebendig ist.

Neben dem Rückschluss, dass man von Mama und Papa geliebt wird, wenn man sich so verhält wie sie es gerne möchten und eben nicht bedingungslos geliebt ist, hat Lob und Belohnung noch weitere Folgen. So zum Beispiel den „Effort-Effekt“, den die Psychologin Carol Dweck von der Stanford Universität beschreibt.

„Sie suchte willkürlich Fünftklässler aus und gab ihnen eine relativ einfache Aufgabe zu lösen. Die Kinder wurden in Gruppen aufgeteilt – eine Gruppe (A) wurde nach dem Lösen der Aufgabe gelobt mit „Du bist wirklich schlau!“, die andere Gruppe (B) mit „Du hast dich wirklich angestrengt!“ Eigentlich kein großer Unterschied – möchte man meinen. Doch die Rückmeldungen unterschieden sich durchaus – in Gruppe A wurde eine (vermeintliche) Eigenschaft des Kindes gelobt, in Gruppe B wurde allein das Verhalten des Kindes hervorgehoben. Allen Kindern wurde eine weitere Aufgabe zur Wahl gestellt – sie sollten wählen, ob diese schwerer oder leichter sein sollte, als die vorherige. Die Schüler der Gruppe A wählten überwiegend die leichtere Aufgabe, die Kinder der Gruppe B wählten zu 90% die schwierigere Aufgabe. Offenbar wollten die Kinder, die für ihre Intelligenz gelobt wurden, kein Risiko eingehen, diesen „Status“ zu verlieren, während die Kinder, die für ihre Bemühungen Anerkennung bekamen, diese gleich erneut unter Beweis stellen wollten. In einem anderen Experiment wurde den Kindern nach der Lösung der ersten Aufgabe keine Wahl gelassen – sie bekamen eine sehr schwierige, für sie kaum lösbare Aufgabe. Die Kinder der Gruppe B strengten sich an und versuchten verschiedene Lösungswege. Trotz des Scheiterns gaben sie an, dass ihnen die Suche der Lösung Spaß bereitet hätte. Die Kinder der Gruppe A hingegen zweifelten offenbar durch das Scheitern an ihrer zuvor bescheinigten Intelligenz und gaben die Lösungssuche deutlich schneller und vor allem schlechtgelaunter auf. Nach der schwierigen Aufgabe bekamen alle Kinder abschließend noch eine weitere, der ersten ähnliche Aufgabe gestellt. Die Kinder der Gruppe B schnitten bei der Lösung 30% besser ab im Vergleich zur ersten Aufgabe, die Kinder der Gruppe A hingegen 20% schlechter – offenbar wirkte sich die zwischenzeitliche Neueinschätzung der eigenen Intelligenz nach dem Scheitern bei der zweiten Aufgabe negativ auf die nachfolgende Aufgabe bei ihnen aus. Der Test wurde weiter variiert und brachte weitere erstaunliche Unterschiede hervor. Nach der Lösung der ersten Aufgabe wurde den Kindern angeboten, entweder zu erfahren, wie sie im Vergleich mit den anderen Kindern abgeschnitten hatten oder eine Lösungsstrategie für die nächste Aufgabe vorgestellt zu bekommen – Gruppe A entschied sich überwiegend für den Vergleich, Gruppe B für die Lösungsstrategie. Während also die für ihre Intelligenz gelobten Kinder hauptsächlich daran interessiert waren, ihren Intelligenzstatus im Gruppenvergleich zu prüfen, war für die andere Gruppe wesentlich interessanter, wie die nächste Aufgabe besser gelöst werden kann. “[1] 

Werden wir bewertet, führt es also eher zu vergleichen und der Angst das Bild von sich wieder zu enttäuschen, was Druck und Stress erzeugt. Wird ein Verhalten beschrieben, scheint dies hingegen zu motivieren und man hat Spaß an den Herausforderungen. Sehr spannend dies mal für unser aktuelles Schul- und Bewertungssystem weiterzudenken.

Auch hier kann es wie bei der Bestrafung hilfreich sein sich vorzustellen, was es mit einer Liebesbeziehung machen würde, wenn man den anderen belohnt und lobt, falls er etwas getan hat, was einem gefällt. „Ach, heute hast du aber schön deine Socken in den Wäschekorb geworfen. Das war ja super! Weiter so…“ oder „Super, dass du mir in der Küche hilfst. Du bist wirklich schon eine große Hilfe!“. Ganz besonders freuen würde der Andere sich sicher auch über sowas wie „Mensch, was bist du ein starker Mann, dass du schon so gut den Müll rausbringen kannst!“. Ich denke, dass wir es eigentlich alle nicht gerne mögen, wenn wir bewertet werden. Vor allem nicht, wenn wir gelobt werden, weil jemand uns manipulieren möchte, zum Beispiel um zu erreichen, dass man den Müll immer rausbringt.

Was kann man stattdessen tun?

Der Wunsch aller Kinder ist es gesehen und wahrgenommen zu werden. Eltern zu haben, die sie bedingungslos lieben und zu ihnen stehen. Die sich über ihre Erfolge und Entwicklungen mit ihnen freuen und die da sind, wenn etwas nicht funktioniert. Eltern die Kinder nicht als Objekte behandeln und bewerten, sondern diese als Gegenüber respektieren. Mit ihnen in Beziehung treten und die anstatt die Kinder zu beurteilen durch Bestrafung, Belohnung oder Lob ihnen Empathie schenken und ihre Werte vertreten und Bedürfnisse ausdrücken.

Konkret heißt das unter anderem:

  • Beschreiben statt zu bewerten oder beurteilen

Diesen Punkt haben wir in den Beispielen schon mehrfach aufgegriffen. Ich nehme begeistert war, was mein Kind begeistert. Hier ist natürlich wichtig, dass es authentisch ist. Wenn Fritz zum fünften Mal die Rutsche herunterrutscht und vorher ruft: „Mama!“, reicht manchmal auch ein „Ja! Ich sehe dich!“. Es geht bei diesem Punkt nicht um Sachlichkeit – worin ja mein anfängliches Missverständnis lag. Ich fand die ganze Sache so verrückt, weil ich ja gerne meine Freude ausdrücken und mit meinem Kind in Kontakt gehen wollte. Als ich entdeckte, dass dies auch mit einer Sprache möglich ist, die den anderen nicht bewertet, war das eine geniale Erkenntnis für mich.

  • Nicht loben um zu manipulieren

Neben dem angesprochenen Wunsch durch Lob ein bestimmtes Verhalten zu verstärken, kann Lob oder Belohnung auch eingesetzt werden, um einem Konflikt aus dem Weg zu gehen. Hier ermutigen wir nochmals klar zu kommunizieren was man möchte. Ein „Ich möchte dir jetzt die Zähne putzen.“ ermöglicht den Kindern mit uns in Kontakt zu gehen eventuell auch in Form eines Konfliktes. „Wenn du dir nun brav die Zähne putzen lässt, kannst du danach auch noch das Sandmännchen anschauen.“ hingegen ist ein Verstecken hinter einer Belohnung oder bei nicht erwünschtem Verhalten Bestrafung, indem kein Sandmännchen geschaut wird.

  • Ausdrücken, wie der andere grade zu meinem Leben beigetragen hat

Auch die Gewaltfreie Kommunikation bietet eine beziehungsorientierte Alternative zum Loben. In unserem Artikel „Von Herzen geben“ haben wir uns damit auseinandergesetzt, dass jeder Mensch von Herzen geben möchte und gerne frei zum Glück anderer oder zum Wohle der Gesellschaft beiträgt. Die GFK bietet dazu drei Schritte an, um die Wertschätzung auszudrücken für das, was der andere getan hat. Und zwar:

1. Beschreibung des Verhaltens

2. Gefühl

3. erfülltes Bedürfnis

Das könnte dann zum Beispiel so aussehen: „Das du heute gemeinsam mit mir den Tisch abgeräumt hast, hat mich gefreut, weil ich gerne Arbeiten gemeinsam erledige und weil ich Unterstützung brauchte.“ Oder „Dass du mir heute Bescheid gegeben hast, dass du eine Stunde später nach Hause kommst, hat mich beruhigt, weil ich mir Zuverlässigkeit wichtig ist.“

  • Fragen

Bringt mir Neele ein Bild, dass sie gemalt hat und schenkt es mir freudig, kann ich anstatt „Oh danke für das schöne Bild!“ so reagieren, dass ich sage: „Oh, du hast ein Bild gemalt. Ist das ein…?“ Oder auch: „Wie bist du auf die Idee gekommen?“ etwas so oder so zu malen. Wenn Theo seine Schokolade mit den anderen teilt, könnte ich reagieren mit „Wolltest du den anderen gerne eine Freude machen?“ anstatt „Das ist aber lieb von dir, dass du deine Schokolade mit den anderen teilst!“. Diese Fragen schaffen die Möglichkeit wirklich in Kontakt zu kommen und zu sehen, was den anderen bewegt. So kann das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Anerkennung eher erfüllt werden als durch eine bewertende Aussage.

Bedingungslose Elternschaft ohne Bestrafung, Belohnung oder Lob ist eine spannende Entdeckungsreise. Vielleicht klingt es erstmal etwas sperrig, was wir hier beschreiben und man stößt sich auch daran. So ging es uns zu Beginn auch. Und falls das so ist, macht es Sinn sich weiter mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Zum Beispiel auch mit den Büchern von Katja Saalfrank „Kindheit ohne Strafen“ oder von Justine Mol und Hildegard Höhr „Aufwachsen in Vertrauen. Erziehen ohne Strafen und Belohnung. Gewaltfrei miteinander leben“. Ich höre oft Eltern, die Sorge haben, dass durch eine bedingungslose Elternschaft alles beliebig werden würde. Dass Kinder keine Werte mehr haben und sich asozial verhalten. Da können wir nur beruhigen, dass Kinder Werte nicht durch Belohnungen oder Bestrafungen verinnerlichen. Werte zu entwickeln passiert, indem ich mich mit diesen Werten und mit Menschen, die sie vertreten auseinandersetze. Ebenso soziales Verhalten, was aufgrund von Belohnung gezeigt wird oder aus Angst vor einer Strafe, ist leider nur so lange vorhanden, wie die Belohnung verlockend oder die Strafe furchteinflößend genug ist. Von einer intrinsischen Motivation und wahrer Empathie ist ein solches Verhalten weit entfernt. Seine Kinder ohne Belohnung, Lob und Bestrafung zu begleiten, schafft den Raum miteinander in Kontakt zu gehen. Sich zu zeigen mit seinen Werten und Bedürfnissen und sich darüber auszutauschen.

Es ist durchaus möglich, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema dazu führt, dass man sich selbst intensiver wahrnimmt und beobachtet wo man Bestrafungen, Lob und Belohnungen anwendet. Und auch beginnt hier und da andere Wege auszuprobieren. Wir wünschen ganz spannende Erfahrungen dabei!

Es  ist uns nochmal wichtig zu erwähnen, dass man sich von Herzen mit seinem Kind und auch über sein Kind freuen darf. Diese Begeisterung darf und sollte unbedingt ausgedrückt werden!

Soviel heute von uns zu diesem spannenden Thema…

Am Wochenende endet für uns die Coronazeit in der Form, dass wir mit allen sieben Kindern Zuhause sind. Penny, Kai und Jay werden ab nächster Woche wieder zur Schule gehen. Aus fünf Wochen wurden 11. Wie es hier auf dem Blog weitergehen wird, dazu morgen mehr…


[1] https://www.gewuenschtestes-wunschkind.de/2014/04/manipulation-kind-warum-lob-und-loben-kindern-schadet.html

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