Selbstwahrnehmung stärken

Wie angekündigt wollen wir uns heute nochmal intensiver damit beschäftigen welche Möglichkeiten es gibt die eigene Selbstwahrnehmung zu stärken und warum dies von Vorteil ist.

Die Selbstwahrnehmung ist ein entscheidender Bestandteil des Selbstbewusstseins. Wenn ich mir meiner Selbst bewusst bin und weiß wer ich bin, führt dies in der Regel zu Vertrauen in mich und meine Fähigkeiten. Ein schlechtes Selbstbewusstsein verbinden wir gemeinhin oft mit wenig Selbstvertrauen. Man ist sich in diesem Sinne einiger seiner Fähigkeiten noch nicht bewusst. Es fehlen noch bestimmte Eigenschaften, die man noch nicht an sich entdeckt hat, um sich selbst in diesem Bereich vertrauen zu können und sich dem jeweiligen Thema mutig zu stellen. Eine gute Selbstwahrnehmung trägt also erheblich dazu bei, dass mein Selbstbewusstsein gestärkt wird und ich Vertrauen in mich selbst entwickle.

Für alle Menschen ist die Selbstwahrnehmung von großer Bedeutung. Wir Erwachsenen haben mittlerweile bereits ein Selbstbewusstsein entwickelt. Wie es darum bestellt ist, variiert von Mensch zu Mensch. Und sicherlich hätten einige Menschen nichts dagegen noch mehr von und in sich wahrzunehmen, was ihr Selbstbewusstsein noch erweitert.

Wenn wir die Ehre haben Kinder als Eltern, beruflich oder auch ehrenamtlich in ihrem Leben zu begleiten, dürfen wir an dem Prozess der Bildung des Selbstbewusstseins der Kinder ein Stück teilhaben. Wir haben die Möglichkeit ihnen Räume und Begegnungen mit uns anzubieten, in denen sie sich selbst wahrnehmen und mit uns sowie sich selbst in Kontakt kommen können. Ich denke, dass wir hier eine ehrenvolle Aufgabe erhalten, der wir mit Respekt und Freude begegnen dürfen. Denn wir können diejenigen sein, die dazu beitragen, dass Kinder sich möglichst umfassend selbst bewusst werden. Natürlich lernt man lebenslang immer wieder neue Seiten an sich kennen. Doch in den ersten Jahren unseres Lebens sind es besonders intensive Erfahrungen, die wir machen und die in uns ein Bild von der Welt und uns selbst entstehen lassen.

Wenn ich mich mit Kindern unterhalte und sie mir erzählen, dass die Lehrerin immer zu Max sagen würde, dass er auch nur „rumkaspern“ könne und Lenis Papa sagt, dass sie bei jedem bisschen weine, dann blutete mir das Herz. Und ich wünsche mir Menschen, die Max dabei unterstützen, dass er sich der Stärke in diesem Verhalten ebenfalls bewusst wird und er diese in sich wahrnehmen lernt. Erwachsene, die Leni den Raum geben auch ihre Stärke und Tapferkeit wahrzunehmen und in ihr Selbstbewusstsein zu integrieren. Und natürlich Menschen, die ihr helfen die Kostbarkeit ihrer Sensibilität zu entdecken und zu schauen, wie diese ihr Leben und das anderer bereichern kann. So ist es in jeder Begegnung, die wir mit Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen haben, die Frage, was wir wahrnehmen. Und um jemand zu sein, der andere einlädt sich wahrzunehmen und sich seiner Selbst bewusst zu werden, ist es wichtig, dass wir persönlich auch über diese Fähigkeiten verfügen. Wenn ich zum Beispiel keinen Zugang zu meiner eigenen Sensibilität habe und ich diese nicht wahrnehmen kann, ist es sehr wahrscheinlich, dass ich sie auch in anderen nicht wahrnehme oder sogar ablehne. So lädt jemand, der gut mit sich selbst in Kontakt ist eben auch die anderen ein mit sich in Kontakt zu kommen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass es das eigene Leben und auch das Leben anderer bereichert, wenn wir gut mit uns in Kontakt sind.

Wir wollen nun darauf eingehen wie man seine Fähigkeit sich selbst wahrzunehmen und mit sich in Kontakt zu sein stärken kann. Dabei wollen wir versuchen die Ideen für Kinder als auch für Erwachsene zu beschreiben – mal schauen…

  • Unseren Körper wahrnehmen

Alle Erfahrungen, die wir machen sind auch Körpererfahrungen. Denn alles, was wir erleben, erfahren wir immer in unserem Körper. Manchmal ist das ganz deutlich zum Beispiel bei einem Sturz oder sinnlichen Erfahrungen wie Berührungen. Bei anderen ist es erstmal nicht so offensichtlich wie dem Mobbing in der Schule, der Vorfreude auf den eigenen Geburtstag, der Begeisterung über einen Schmetterling, den man am Wegrand entdeckt hat. Die Angst, Vorfreude und Begeisterung lösen zusätzlich zu all den Hormonen, die aktiv sind, auch Körperempfindungen aus. Die Angst schnürt uns die Kehle zu, die Vorfreude sorgt für eine angenehme Anspannung im ganzen Körper, die Begeisterung lässt uns vielleicht hüpfen und springen oder bewirkt für ein wohliges Kribbeln im Bauch. Daher ist es sehr hilfreich um mit sich selbst in Kontakt zu kommen, wenn man sich spürt und seinen Körper wahrnimmt. Für Kinder kann das bedeuten, ihnen die Möglichkeit zu geben sinnlich-körperliche Erfahrungen zu machen. Hier gibt es natürlich unzählige Möglichkeiten wie Babymassagen, angenehme Berührungen, Matschen, alle Formen von Bewegung, Raufen, generell Erfahrungen in der Natur usw. Oft haben Erlebnisse, in denen wir unseren Körper spüren auch etwas mit dem Wahrnehmen unserer Grenzen zu tun. Bei der Babymassage wird das Baby angenehm an seiner körperlichen Grenze, seiner Haut, berührt. Dadurch spürt es diese besonders intensiv. Beim Klettern fühlt man seine Kraft, die Muskeln sind angespannt, der ganze Körper arbeitet zusammen und gleichzeitig merkt man auch irgendwann, dass die Muskeln müde werden und die Kraft zuneige geht. Somit sind Grenzerfahrungen sehr wichtige Erfahrungen in denen wir etwas über uns selbst lernen. Daher sollten wir unseren Kindern ruhig Erfahrungen gönnen, bei denen sie ihre Grenzen spüren dürfen. Uns Erwachsenen natürlich auch sowie die nötige Fehlerfreundlichkeit, wenn wir unsere Grenze mal zu spät wahrgenommen haben.

Für Erwachsene ist der Körper genauso eine große Hilfe um sich wahrzunehmen. Auf körperlicher Ebene mit sich selbst Kontakt aufzunehmen, indem man zum Beispiel eine Hand auf den Bauch legt. Oder auch auf sein Herz. Indem man seine Atmung bewusst vertieft. Nachspürt wie die Füße den Boden berühren. Diese Wahrnehmung kann man dann noch intensivieren, indem man in seinem Körper hineinspürt, wo er sich grade vielleicht angespannt anfühlt, wo leicht, wo warm und weich, wo kalt und wo fest?

Indem wir uns in unserem Körper spüren, kommen wir wieder mehr bei uns an und mit uns in Kontakt. Wenn wir uns fragen, was in uns grade los ist, kann das verorten im eigenen Köper ein erster hilfreicher Schritt sein.

  • Gefühlssprache entwickeln

Für Kinder ist es enorm wichtig, dass sie Menschen um sich haben, die sie dabei unterstützen eine Sprache zu entwickeln für das, was in ihnen vor sich geht. Das sie entdecken, dass es sich Wut nennt, wenn sie das Gefühl haben zu explodieren und am liebsten irgendetwas kaputt machen wollen. Und so lernen die Wahrnehmung ihres Innenlebens in Worte fassen zu können. Wenn wir das, was in uns vorgeht wahrnehmen und benennen können, wird es möglich uns etwas besser zu verstehen. Sich selbst zu verstehen wiederum, fordert das Selbstbewusstsein und das Selbstvertrauen.  

Ich frage meine Kinder manchmal in einer ruhigen Minute wie sie sich grade fühlen. Penny antwortet mir dann meist sehr differenziert. In ihr ist grade Freude, weil… und noch ein wenig Traurigkeit, weil… und ein ganz kleines bisschen Wut, weil…  Lotti hingegen antwortete meistens erstmal mit „gut“, was ja, wie wir in dem Artikel „Gefühle und Pseudogefühle“ beschrieben haben, kein Gefühl ist. Für sie ist das Wahrnehmen ihres Körpers ganz wichtig um bei sich ankommen zu können. Interessanterweise hat Lotti früher auch viel öfters zu körperlichen Beschreibungen gegriffen und über diese körperliche Symptome ihre Gefühle artikuliert. Wenn sie zum Beispiel sagte sie habe Bauchweh und ich sie dann fragte, ob sie aufgeregt sei, begann sie meist zu erzählen und das Bauchweh löste sich auf. Für Lotti war es ein wichtiger Schritt sich selbst mehr wahrzunehmen. Da sie sehr sensibel ist, unheimlich viel im Außen wahrnimmt und zusätzlich auch eher harmoniebedürftig ist, verhalf ihr der Zuwachs an Selbstwahrnehmung dazu, dass sie nun meist in der Lage ist, sich bevor sie eine Entscheidung trifft zu fragen, was sie wirklich will. So merkt sie dann schon vorher, was sie braucht und was ihr wichtig ist. Das gelingt ihr mittlerweile öfters auch ausdrücken und sie muss nicht mehr hinterher ärgerlich werden, weil sie etwas getan hat, was sie eigentlich nicht wollte, nur damit der andere nicht wütend wurde oder ähnliches. Das zeigt wieder ganz anschaulich, dass es einem dabei hilft ein stimmiges Leben zu führen, wenn man gut mit sich in Kontakt ist.

  • Was ist in mir lebendig?

Die Frage „Was ist in mir lebendig?“ bietet viel Raum. Anders als bei der Frage „Wie fühle ich mich“, haben hier auch Gedanken, Urteile und Bewertungen ihren Raum. Wahrzunehmen, was einen grade beschäftigt. Worum kreisen meine Gedanken? Fühle ich irgendetwas? Hier geht es darum einfach wahrzunehmen, was in mir los ist. Was denke ich? Wie fühle ich mich? Was möchte ich tun? Oder auch grade nicht tun?

Wem das schwerfällt, der kann wieder seinen Körper zur Hilfe nehmen. Und zum Beispiel in einen Bereich, in dem er Anspannung fühlt hineinspüren. Manche Menschen unterstützt es auch, dass sie sich vorstellen genau dorthin zu atmen. Vielleicht stellt sich so auch eine Gedanken, eine Erinnerung oder andere Assoziation ein.

Hier kann man dann weiter schauen, was man eigentlich braucht. Dieses in Kontakt sein mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen, versetzt einen dann in die Lage, dass man die Verantwortung übernehmen und sein Leben aktiv gestalten kann. Ich höre oft von Klienten, dass sie sich gelebt fühlen. Wenn man die Verantwortung für sich übernimmt, verändert sich dies und man fühlt sich wieder lebendiger.

Wer hier noch tiefer einsteigen möchte, der kann sich unsere Artikel „Gefühle und Pseudogefühle“ sowie „Bedürfnissen auf der Spur“ gerne nochmal anschauen.

  • Termin mit sich

Manche Menschen unterstützt es, wenn sie sich im Laufe des Tages einen oder mehrere Fixpunkte setzen, an denen sie sich selbst kurz wahrnehmen möchten. Zum Beispiel immer bei einer bestimmten Tätigkeit wie beim Trinken oder Duschen. Manche nehmen sich morgens oder abends bewusst Zeit nachzuspüren wie es ihnen geht. Grade für den Anfang kann ein festgesetzter Zeitpunkt, an dem man sich selbst wahrnimmt, durchaus hilfreich sein. Wenn es einem dann noch gelingt dies über einen längeren Zeitraum zu pflegen, wird man feststellen, dass es zunehmend einfacher wird, man auch zu anderen Tageszeiten näher bei sich ist und man sich selbst besser kennen und somit auch verstehen lernt.

  • Tagebuch schreiben

Sich hinzusetzen und sein Inneres zu Papier zu bringen kann ebenfalls die Selbstwahrnehmung stärken. Sicher eine Typsache und von daher vielleicht einfach mal ausprobieren. Ich kenne einige Menschen, denen es gut tut Tagebuch zu schreiben und sich dadurch auf sich zu besinnen.

So weit – so gut…

Vielleicht war die eine oder andere Anregung dabei. Wichtig ist, dass jeder seinen Weg findet. Für den einen ist es vielleicht ein tägliches Date mit sich und für den anderen ein spontanes tiefes Durchatmen mit der Frage: Was grade in mir unterwegs ist. Ich glaube, dass es wertvoll ist, egal wie wir es nun angehen. Sowohl für uns selbst, unsere Mitmenschen als auch für unsere Kinder. Denn dann können auch andere wirklich mit mir in Kontakt kommen, weil ich ganz da bin und man mich heute bei mir antreffen kann.

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