Vom Verlieren und der Hoffnung auf etwas Neues

Heute Nacht hat Penny ihren Wackelzahn verloren oder besser gesagt im Schlaf verschluckt. Sie kam irgendwann weinend zu mir und erzählte, dass sie ihren Zahn verloren und einen schrecklichen Alptraum gehabt hat. In dem Alptraum hatte sie interessanterweise auch etwas verloren, was für sie sehr bedeutsam war, indem es von einer Kuh aufgegessen wurde. Ich musste ein wenig schmunzeln wie unsere Seele doch so funktioniert und Dinge verarbeitet. Jedenfalls war sie glücklich und traurig zugleich. Sie freute sich, dass sie ihn endlich los war und gleichzeitig fühlte sich die Lücke, die nun da war, für sie noch neu und wie sie sagt „komisch“ an. Nach kurzer Zeit war sie dann aber wieder eingeschlafen und ich irgendwann auch. Schon die letzten Tage hatte sie ihr Zahn ziemlich beschäftigt und sie vor allem beim Essen sehr eingeschränkt. Aber auch ihr ganzes Verhalten war die letzten Tage irgendwie „wackelig“.

Ich muss sagen, dass es für mich sehr hilfreich war zu wissen, dass es eine „Wackelzahnpubertät“ gibt und ich dann noch ein Buch entdeckte, was den passenden Titel „Wackeln die Zähne – wackelt die Seele“ trägt. Als ich letzte Woche dann mitbekam, dass Penny`s Zahn nun sehr stark wackelt und bald ausfallen wird, stellte ich mich innerlich schon darauf ein, dass es möglich sein kann, dass die nächsten Tage für sie emotional ebenfalls wackelig verlaufen könnten. Und so war es auch. Sie wirkte sehr beschäftigt mit sich und einfach nicht so „fest“, präsent und stimmig wie sonst – emotionale Hoch und Tiefs sowie Wutausbrüche inbegriffen.  

Als ich heute Morgen die letzten Tage innerlich nochmal bewegte, kam mir der Gedanke, dass es auch wirklich nicht leicht ist, was da passiert. Etwas zu verlieren, was einem zuvor Stabilität gegeben hat und einen auch dabei unterstützt hat sich sein Bedürfnis zu erfüllen, ist herausfordernd. Man sieht Penny an, dass sie die letzte Woche eine „Zahndiät“ gemacht hat und es eben nicht mehr so gut möglich war ganz normal zu essen.

Und dann fiel mir ein Gespräch mit einer Freundin ein, was ich die letzten Tage geführt habe. Diese Freundin hatte mir nochmal davon berichtet, wie es ihr ergangen war als sie sich nach dem Tod ihres Vaters bewusst eine mehrere Wochen dauernde Auszeit genommen hatte. Sie erzählte wie sie durch viele innere Prozesse des Trauerns und Loslassen gegangen war. „Und dann“, sagte sie „war da auf einmal eine große Leere.“ Eine Leere – erstmal war noch nichts Neues da.

Ganz oft erlebe ich es in Beratungsprozessen, wenn wir mit herausfordernden Gefühlen arbeiten und diese da sein und sich verändern lassen, dass sich dann irgendwann eine Leere einstellt.

Und irgendwie war Pennys Zahn heute ein Bild für mich. Ein Bild für Situationen, in denen wir merken, dass wir uns von etwas lösen müssen, weil es nicht mehr zu unserem jetzigen Leben passt. Oder Situationen, wo sich unser Leben so entwickelt, dass wir etwas verlieren. Ich glaube, dann kommt irgendwann ein ganz herausfordernder und spannender Punkt in diesem Prozess. Und zwar der Punkt, wo wir uns entschließen, dass wir nicht länger versuchen das Verlorene wieder zurückholen zu wollen. Wo wir die Situation annehmen wie sie ist und uns trauen die Gefühle zu empfinden, die das auslöst. Und so dahin gelangen, dass man aufhört gegen das Erlebte anzukämpfen, die Waffen streckt und seinem Schicksal zustimmt. Dieser Schritt kostet sehr viel Mut, denn es bedeutet eben auch der Leere ins Gesicht zu sehen. Zu merken, dass dort eine Lücke ist, die nicht direkt wieder gefüllt werden kann. Ich glaube, dass eigentlich jeder solche Situationen kennt und bereits durchlebt hat. Ein Lebenstraum, der sich nicht erfüllt. Der Verlust eines lieben Menschen. Eine Beziehung, die sich verändert. Oder das Aufarbeiten der eigenen Geschichte, wo sich manche Lücken und Verluste zeigen. Ich glaube, dass diese Zeit, wo das Alte weg ist und das Neue noch wachsen muss besonders inzensiv ist. In unserem Artikel „Die Wegmitte“ haben wir bereits einen Blick auf diese Veränderungsprozesse geworfen. Wenn man in solch einer Situation steckt, spürt man allerdings oft nur die Lücke.

Penny fühlt nur die Lücke. Da dies nicht ihr erster Zahn ist, den sie verloren hat, weiß sie ja schon aus eigener Erfahrung, dass sich die Lücke auch wieder füllen wird. Vermutlich haben wir das auch schon öfters erlebt, dass etwas Altes weggebrochen ist und nach einer Zeit der Leere etwas Neues wachsen konnte. Es kann aber auch gut sein, dass diese Leere und das Nichts grade schwer auszuhalten sind. Genau in solche Situationen möchten wir heute einen Funkten der Hoffnung hineinsprechen. Denn wir sind sicher, dass sich die Lücke wieder füllen wird. Etwas Neues wird wachsen. Es wird nicht der alte Zahn sein. Der ist verloren. Bei Penny werden wir ihn vermutlich diesmal auch nicht mehr finden – oder nur unter größerem, etwas unappetitlichem Aufwand. Heute Morgen fand sie den Gedanken allerdings ganz tröstlich, dass sie den Zahn jetzt noch ein wenig bei sich hat und langsam Abschied nehmen kann. Die anderen Zähne werden aufgehoben und so als kostbare Erinnerung bewahrt. Die Erinnerung an das Verlorene gestalten. Dem Vergangenen einen Platz geben in meinem Leben. Und dann die Leere aushalten mit der Zuversicht, dass sie sich füllen wird. Dass etwas Neues heranwächst. Jetzt sehen wir es vielleicht noch nicht, doch es wird Gestalt annehmen. Diese Zahnverlustgeschichte kann uns ermutigen, wenn wir uns von ihr auffordern lassen: „Trau dich das Alte/Vergangene/Verlorene/Erlittene loszulassen. Schenk der Erinnerung daran einen Platz in deinem Leben und wenn du möchtest in deinem Herzen. Trau dich in die Leere hinein. Sie anzunehmen und auszuhalten. Und sei gespannt auf das Neue, was entsteht und heranwächst. Die Leere wird sich füllen.

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