Von Weltentdeckern und kleinen Helden

Immer mal wieder beschäftigt es mich, wenn ich mitbekomme, dass Kinder Medien der realen Welt vorziehen. Wenn Theo frustriert ist, bestand seine Lösungsidee lange Zeit darin, dass er heftig weinend einforderte jetzt Tablet zu schauen oder Süßigkeiten essen zu dürfen. Die „Ich will Tablet oder Süßigkeiten“ – Phase hat sich mittlerweile etwas verändert. Dennoch ist es spannend mal genauer hinzuschauen, was genau Medien für Kinder und durchaus auch für Erwachsene so anziehend macht. Vor allem Computerspiele sind sehr beliebt und statistische Erhebungen bestätigen, dass vor allem Jungs solche sehr gerne spielen.

Ich halte nichts davon, wenn Medien generell verteufelt werden. Grade in unserer heutigen Gesellschaft braucht es meiner Meinung nach Kinder, Jugendliche und Erwachsene die einen bewussten und kompetenten Umgang mit Medien entwickelt haben. In diesem Artikel wollen wir unser Augenmerk aber vor allem darauf richten, was Kinder und Jugendliche sich unter anderem durch Medienkonsum erfüllen. Und schauen, wie es gelingen kann, dass sie dies auch im realen Leben erfahren dürfen.

Der Neurobiologe Gerald Hüther ist der Meinung, dass Kinder und Jugendliche lösbare Aufgaben brauchen an denen sie wachsen können. Aufgaben, an denen man wachsen kann…

Haben meine Kinder Aufgaben an denen sie wachsen können? Wo dürfen sie Verantwortung übernehmen? Wo gestalten sie unsere Familie mit? Laut Gerald Hüther gehören zu diesen Aufgaben nicht Müll rauszubringen oder die Küche aufzuräumen. „Hirngerecht“ sind diese Aufgaben für ihn dann, wenn sie folgende Kriterien erfüllen (nachzulesen hier):

  1. sie sind sinnvoll und bedeutsam für das Kind
  2. es werden dabei eigene Erfahrungen gemacht unter emotionaler Beteiligung
  3. das „Ergebnis“ wird als nützlich und vorteilhaft angesehen

Als Neele zum Beispiel das erste Mal geschafft hat die Türklinke mit ihrer Hand zu erreichen, diese herunterzuziehen und gleichzeitig auch noch leicht gegen die Türe zu drücken und diese sich öffnete, war sie hin und weg. Es war eine sehr bedeutsame Erfahrung für sie, die sie selbst machen durfte und in ihr große Begeisterung auslöste, da sich für sie nun ungeahnte Möglichkeiten auftaten, indem sie sich selbstbestimmt durch das gesamte Haus bewegen konnte. Der Begeisterungssturm über diese gelöste Aufgabe versetzt ihr Gehirn in einen rauschähnlichen Zustand und aktiviert die emotionalen Zentren. Das wiederrum bewirkt, dass ihre Erfahrung in ihr Hirn eingearbeitet wird.

Die Beteiligung der emotionalen Zentren in unserem Gehirn versuchen wir oft anders zu erreichen als durch Begeisterung. Nämlich durch Belohnung oder Bestrafung.  Auch das funktioniert, führt aber dazu, dass unsere Kinder anhängig werden von Belohnung oder Bestrafung und eben nicht mehr aufgrund ihrer Begeisterung aus sich selbst heraus lernen. Zu Belohnung und Bestrafung aber nochmal mehr in einem anderen Artikel.

Ich glaube, dass Kinder und Jugendliche in Computerspielen und Filmen unter anderem genau das finden, wonach sie sich im realen Leben sehnen. Etwas Bedeutsames und Sinnvolles tun zu dürfen. Etwas, was „unter die Haut“ geht und für sie selbst oder für die Gemeinschaft in der sie Leben nützlich ist.

Hier stelle ich mir öfter die Frage, ob meine Kinder die Möglichkeit haben, dass sie diese Erfahrungen auch real machen dürfen. Wo sind sie mit solchen Aufgaben konfrontiert, die die Kriterien erfüllen?

In dem Artikel „Endlich mal wieder nur Mama sein“ haben wir über eine Familie geschrieben, die gemeinsam ein Beet und später noch eine Kräutergarten angelegt haben. Alle Kinder waren begeistert bei der Sache, weil dieses Familienprojekt für sie als Familie genau die drei Kriterien oben erfüllt hat. Es müssen nun nicht alle einen Nutzgarten anlegen, denn ich glaube, dass jeder in dieser Hinsicht seinen ganz individuellen Weg finden darf. Letzten Samstag zum Beispiel waren Kai und Penny eigentlich den ganzen Tag beschäftigt. Sie hatten morgens die Idee, dass sie für alle Muffins backen wollten. Damit hatten sie dann bis nachmittags alle Hände voll zu tun. Nachmittags zum Kaffee durften wir dann alle herrlich verzierte, leckere Muffins genießen, die sie völlig selbstständig gebacken hatten. Wir alle haben uns gefreut – Penny und Kai hingegen waren begeistert über das, was sie vollbracht hatten. Noch ein Beispiel – neulich wollte ich eine Wand streichen und fragte Kai ob er sich vorstellen könne mir schnell die Wand zu vermessen und auszurechen wieviel Farbe ich bestellen muss. Kai griff freudig zum Zollstock und im Nu wusste ich welche Fläche ich zu streichen hatte. Oder Lotti – sie liebt Schleim und Matschen. Wenn ich sie bitte, ob sie mit ihren Händen den Pizzateig kneten kann, tut sie das voller Begeisterung.

Meinen Kindern solche Aufgaben anzubieten oder ihrer Begeisterung für etwas zu folgen und ihnen den Raum zu geben, ist für mich immer wieder ein neues Lernfeld. Ich glaube, wenn unsere Kinder zu Menschen heranwachsen sollen, die sich mit Kreativität neuer Herausforderungen annehmen und unbekannte Probleme lösen, ist es ein Geschenk, wenn man zulässt, dass sie sich diesen natürlichen Weg ihrer Begeisterung zu folgen beibehalten. Jedes kleine Kind lebt uns vor wie dies funktionieren kann. Doch ich merke eben auch oft genug wie sehr ich ein Kind meiner Zeit bin und wie fremd mir eine Entwicklung und Lernen ist, welches von Begeisterung geleitet ist. Und daher hilft es mir, mich hin und wieder zu hinterfragen, wo meine Kinder im realen Leben die „Helden“ sein können, die sie in ihrer Lieblingssendung so faszinieren? In welcher Form können sie „Influencer“ sein und dürfen beeinflussen? Wo lasse ich sie sich Herausforderungen stellen, an denen sie wachsen können? Wo finden sie lösbar und bedeutsame Aufgaben?

Ein Hinweis noch zum Schluss: Ich halte es für unheimlich wichtig, bevor man seinem Kind die Möglichkeit gibt sich solchen Aufgaben zu stellen, zu überprüfen, ob man grade genügend Kapazitäten hat um den Rahmen dafür zu ermöglichen. Wenn Theo und Lotti einen Kuchen backen wollen, weiß ich, dass sie dabei noch Unterstützung brauchen und es nachher auch wüst aussehen wird. Selbst wenn sie die Küche nach ihren Vorstellungen wieder herrichten, brauche ich noch etwas mehr Sauberkeit. Wenn ich nun noch Neele und Fritz bei mir habe, die sich wohlmöglich auch noch öfters streiten, werde ich den Wunsch der Beiden ablehnen. Denn ich weiß, dass ich nachher gestresst sein werde und der Druck sich dann irgendwo entladen wird wo er nichts zu suchen hat. So würde ich sehr wahrscheinlich unfair und unfreundlich werden. Und das Ei, was dann doch auf dem Boden landet, während Fritz Neele draußen an den Haaren zieht, würde das Fass dann zum Überlaufen bringen. Daher ist es empfehlenswert bei allem guten Willen seinem Kind diese beschriebenen Erfahrungen machen zu lassen, immer auch gut mit sich selbst in Kontakt zu sein, ob es aktuell möglich ist oder vielleicht auch nicht. Ein ständiges über seine Grenzen gehen, weil man seinem Kind ganz viele Erfahrungen ermöglichen will, bezahlt man meiner Erfahrung nach später mit der Qualität der Beziehung. Dazu findet man auch nochmal mehr in unserer Reihe „Die Kunst Nein zu sagen“…  

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