Coronafolgen

Heute beginnt bei uns in Hessen wieder der Unterricht für die Schüler ab der vierten Klasse. Zufällig hatte ich grade heute etwas an einer Schule zu erledigen und traf in einer der Pausen in der Schule ein. Und was ich da mitbekam, beschäftigt mich nachhaltig. Es ist mir sehr wichtig vorab zu betonen, dass es mir in diesem Artikel nicht um Kritik an Lehrern oder bestimmten Schulsystemen geht. Ich glaube, dass Lehrer und Erzieher momentan eine unheimliche herausfordernde Aufgabe haben, indem sie ihren Beruf ausüben und zusätzlich noch die geltenden Vorsichts- und Hygienemaßnahmen durchsetzen sollen. Das ist mir durchaus bewusst. Und so will ich einfach mal davon ausgehen, dass dieser Lehrer aus meiner Begegnung heute einfach schon einen sehr herausfordernden und schwierigen Tag hinter sich hatte.

Ich stieg also wie gesagt aus und schaute mich kurz auf dem Schulhof um. Alle Kinder und Aufsichtspersonen trugen Mundschutz. Während ich meinen Mundschutz grade umband, hörte ich wie zwei Lehrer einer Gruppe von Kindern, die nur wenige Meter von mir entfernt saßen (es waren mehr als 1,5m von mir entfernt😉), lautstark zuriefen: „Abstand! Abstand!“ Ein Lehrer machte sich direkt auf den Weg zu den Kindern, die schnell etwas weiter auseinanderrückten. Sie schienen gespielt zu haben. Der Lehrer war sichtlich aufgebracht als er den Kindern streng erklärte: „Ich hab es euch jetzt schon so oft gesagt! Wenn ihr nicht Abstand haltet, müsst ihr wieder nach Hause gehen! Dann könnt ihr nicht in der Schule sein, sondern müsst wieder zuhause bleiben!“ Ich lauschte seinen Erklärungen noch eine Weile und war sprachlos. Ja, ich war wirklich erschrocken. Als ich mich irgendwann von der Szene losriss und über den Schulhof ging, beschlich mich ein großes Unbehagen. Plötzlich wurde mir bei dem Gedanken, welche Auswirkungen die Coronakrise und unser aktueller Umgang damit für die Generationen nach uns haben werden, ganz anders.

Bisher bin ich davon ausgegangen, dass unsere Kinder keine nachhaltigen Folgen davon tragen werden. Sicherlich war mir klar, dass die Situation Kinder unsicher macht und auch Angst auslösen kann. Doch heute wurde mir schlagartig bewusst, dass diese ganzen Maßnahmen langsam das Potential haben, langfristig Schaden in der Seele unsere Kinder zu hinterlassen.

Das Tragische, was aktuell passiert und was auch mein Erschrecken ausgelöst hat, ist, dass wir grade von unseren Kindern etwas verlangen, was ganz entgegen unseres menschlichen Wesens ist. Wir haben das Bedürfnis nach Nähe, nach Kontakt, nach Verbundenheit. Durch das Lockern der Kontaktbeschränkungen und die dazugehörigen Vorsichts- und Hygienemaßnahmen können unsere Kinder nun wieder mit anderen Kindern in Kontakt kommen. Aber eben mit Abstand. Oder sogar mit Mundschutz und Abstand. Und hier sehe ich eine Gefahr. Nicht in die Schule oder den Kindergarten zu gehen, seine Freunde nicht treffen zu dürfen, etc. war für Eltern wie Kinder sicher eine Herausforderung. Mit der neuen Situation ergibt sich aber das Problem – und das wurde mir heute klar –  dass wir Kinder reglementieren und ihnen etwas verbieten, was zutiefst natürlich ist. Andre Stern sagt: „Spielen ist für Kinder so wichtig wie atmen.“ Das Besondere am Spiel ist ja grade, dass man sich ganz dort hinein gibt. Die Welt um sich herum vergisst und gemeinsam etwas ganz Eigenes kreiert. Nun tun das unsere Kinder z.B. auf dem Pausenhof, dabei vergessen sie genügend Abstand zu halten und werden korrigiert. Wenn ich Theo immer wieder wegen eines ganz natürlichen Verhaltens korrigieren und im schlimmsten Fall noch dafür bestrafen würde, was würde wohl bei ihm ankommen? Was passiert mit unseren Kindern, wenn wir sie jetzt immer wieder korrigieren oder mit Strafen drohen, weil sie etwas tun, was völlig normal ist? Meine Befürchtung ist, dass je kleiner sie sind, sie uns Erwachsenen glauben und am Ende noch davon ausgehen, dass sie „falsch“ sind.

Daher will ich heute dafür appellieren, dass wir uns in Geduld und Verständnis üben. Es ist mir wirklich ein Herzensanliegen, dass vor allem auch Menschen die nun beruflich mit Kindern zu tun haben und sich eben an diese Regelungen halten müssen, versuchen ein Übermaß an Geduld aufzubringen. Ich stelle es mir sehr schwer vor, doch ich hoffe so sehr, dass es zum Wohle unsere Kinder gelingt. Dass wir immer im Hinterkopf haben, dass auch wenn wir es schon so oft gesagt haben, die Kinder es „nicht extra machen“. Sobald wir sie miteinander spielen lassen, werden sie vergessen Abstand zu halten. Das ist ganz normal und natürlich. Und es ist ein zutiefst gesundes Verhalten, was wir momentan unterbrechen. Das sollte uns bewusst sein. Nicht das, was die Kinder tun ist verwerflich, sondern was wir aktuell von ihnen verlangen müssen, ist unnatürlich. Es wäre so kostbar, wenn wir genau das unseren Kindern immer wieder aufs Neue spiegeln: Es ist völlig ok, dass das jetzt passiert ist und ganz „normal“, dass ihr es vergessen habt. Leider müssen wir euch wieder daran erinnern.

Am liebsten würde ich natürlich jetzt darüber schreiben, welche anderen Maßnahmen vielleicht sinnvoller wären wie zum Beispiel ganz kleine festgelegte Lerngruppen, die dann auch ohne Mundschutz und ohne Abstandsregel Zuhause oder auch zu verschiedenen Zeiten in der Schule unterrichtet werden. Die Möglichkeit sich mit zwei Familien zusammen zu schließen und ohne Mundschutz und Abstand sich in der Kinderbetreuung abzuwechseln oder ähnliches. Doch mit diesen Gedanken und Ideen müssen wir uns dann eher an eine andere Stelle wenden. Hier geht es uns heute darum, dass wir schauen wie wir aus der aktuellen Situation das „Beste“ machen können.

Das heißt zum einen abzuwägen, wo man mit seinen Kindern hingeht oder sie hingehen lässt. Was ist wirklich nötig? Bei welchen Aktivitäten ist es vielleicht noch ganz gut möglich Abstand zu halten und wo eher nicht. D.h. die Situationen zu minimieren, in denen meine Kinder in ihrem natürlichen Spiel- und Beziehungsverhalten korrigiert werden.

Und zum anderen eben immer im Hinterkopf zu haben, dass Kinder nicht in der Lage sind, diese Regeln zu beherzigen und gleichzeitig wirklich zu spielen. Das ist ähnlich, wenn ich mein Kind in weißer Kleidung auf einen Spielplatz schicke und von ihm erwarte, dass es sich nicht dreckig macht. Sobald es rutscht, im Sand spielt oder klettert hat es hoffentlich seine Kleidung vergessen. Alles andere wäre eher bedenklich. Daher ist es ein großer Vorteil, wenn es uns gelingt unsere Kinder freundlich und verständnisvoll immer wieder darauf hinzuweisen – falls man sich mit ihnen eben doch in so einer Situation befinden sollte.

Was wir grade von unseren Kindern verlangen, ist ihrem kindlichen Wesen zuwider. Dadurch, dass wir sie in Situationen bringen, wo sie sich entscheiden müssen zwischen ihrem natürlichen und gesunden Verhalten oder unseren Anweisungen, bringen wir unsere Kinder in ein großes Dilemma. Ich hoffe sehr, dass meine Prognose zu düster ist und ich mit meiner Einschätzung falsch liege. Das es vielleicht doch gelingt, dass bei den Kindern ankommt, dass sie „richtig“ sind mit dem was sie wollen und tun und eben gleichzeitig grade ein solches Verhalten gefordert ist. Hoffen wir es und tun was wir können, damit es so wird…

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