Sicher durch Veränderungen gehen

Als ich mich vor ein paar Tagen mit unserer Nachbarin unterhielt wie es bezüglich Schulbesuch für die Kinder weitergehen wird, wurde mir sehr deutlich, dass mich die Coronazeit etwas gelehrt hat. Es ist nicht so, dass ich es vorher nicht gewusst hätte. Doch da gelang es mir noch leichter zumindest zeitweise dieses Wissen in den Hintergrund zu drängen. Durch Corona ist das nun so nicht mehr möglich, weil es uns Woche für Woche vor Augen geführt wird: Leben ist Veränderung! Ob Penny, Kai und Jay im Juni tatsächlich wieder in die Schule gehen wird, wer weiß das schon. Möglicherweise hat sich bis dahin wieder alles verändert und wir müssen dann neue Wege finden.

Veränderungen…

Ich muss sagen, ich liebe Veränderungen nicht sonderlich. Es sei denn sie sind von mir initiiert. Aber der ständige Wandel vor den mich das Leben stellt, macht mir manchmal auch sehr zu schaffen. Aber damit bin ich wohl nicht alleine, sondern in guter Gesellschaft von 80% der Menschen. Ich glaube, dass das Thema Veränderungen und Sicherheit uns aufgrund der Crononakrise noch lange begleiten wird. Und so stellt sich die Frage, wie wir gestärkt durch diese Zeiten gehen können.

Bei Kindern kann man es sehr schön beobachten, dass sobald ihnen etwas nicht geheuer ist, ihr Bindungssystem aktiviert wird. Sie suchen Sicherheit durch „Bindung“ an ihre Bezugspersonen. Bestenfalls gehen die Erwachsenen auf ihren Bindungswunsch ein und geben ihnen Sicherheit und Geborgenheit. Sind sie wieder beruhigter, sind Kinder auch bereit sich erneut mit einer herausfordernden Situation zu beschäftigen.

Wir befinden uns quasi unser Leben lang in einem Spannungsfeld zwischen Bindung und Exploration. Wobei das Ziel nicht ist, sich konstant in der Mitte aufzuhalten. Denn auch hier trifft es zu, dass wir innerhalb dieses Spannungsfeldes ständig in Bewegung sind. Mal ist mehr Exploration oder Veränderung angesagt, dann brauchen wir mal wieder mehr Bindung und Sicherheit. Mir schenkte mal eine Frau dafür ein schönes Bild. Sie beschrieb ein Seil, dass vom Himmel auf die Erde reicht und an dem man hin und her schwingen kann. Dieses Schaukeln zwischen den beiden Polen Bindung und Exploration bzw. Vertrautes und Veränderung ist ein Ausdruck unserer Lebendigkeit. Für mich ein sehr eindrückliches Bild.

Zunächst kann man festhalten, dass Angst und Unsicherheit in Veränderungsprozessen erstmal ganz natürlich sind. Veränderungsprozesse sind in der Regel mit Anspannung und Aufregung verbunden. Sie aktivieren unser Bedürfnis nach Sicherheit, Geborgenheit und Vertrautem.

Wenn diese Unsicherheit und Anspannung jedoch überhandnimmt, passiert oft folgendes. Kehren wir nochmal zurück zu dem Bild des Seils an dem wir von einem Pol zum anderen schaukeln. Manchmal führt die Angst dazu, dass wir an der einen Seite von der Schaukel abspringen. Wir wollen nicht mehr zur anderen Seite. Wollen gerne in Sicherheit und Gewohntem bleiben. Je länger wir nun auf der einen Seite stehen, umso furchteinflößender kann uns die andere Seite erscheinen. Wir sind starr geworden, nicht mehr in Bewegung und die Lebendigkeit und Freude, die das übliche Schaukeln mit sich bringt, sind nicht zu spüren.

Gestern hatte ich ein Gespräch mit einer Frau, die durch die Coronakrise mit ihrem Familienbetrieb vor große Herausforderungen gestellt ist. Viele Veränderungen gab es schon und das für sie Beängstigende war, dass sie ahnt, dass noch etliche Veränderungen auf sie zukommen werden. Sie war aktuell verständlicherweise abgestiegen von der Schaukel.

Um neuen Mut und Vertrauen zu entwickeln wieder aufzusteigen, ist es hilfreich sich diesem Bedürfnis nach Sicherheit und Verbundenheit liebevoll und mitfühlend zuzuwenden. Wie gesagt, ist die Unsicherheit und Anspannung völlig verständlich. Es ist ganz und gar nicht hilfreich mit sich selbst nun auch noch kritisch und abwertend zu sprechen, weil man vielleicht grade nicht so mutig und souverän im Wandel des Lebens weiterschaukeln kann. Ganz so wie wir auch mit einem verunsicherten Kind umgehen würden, dürfen wir uns nun auch um unser Bedürfnis liebevoll sorgen. Und uns darum bemühen Sicherheit und Geborgenheit zu „tanken“. Mich hat mal eine Freundin in einem für mich großen Veränderungsprozess gefragt, wie ich nun mit einem Kind umgehen würde, was sich so fühlt wie ich. Ich antwortetet ihr, dass ich es ihm vermutlich erstmal ganz gemütlich machen würde. Eine kuschelige Ecke einrichten, eine Wärmflasche machen und einen warmen Kakao. Dann würde ich mich zu dem Kind setzen und es in den Arm nehmen. Ihm zuhören, was ihm auf der Seele liegt. Ich würde es im Arm halten bis es seine Ängste ausgesprochen hat. Wenn es beginnt zu weinen, würde ich da sein und ihm durch meine Nähe Trost anbieten. „Und dann?“, fragte sie mich. Ich war etwas irritiert – was sollte ich denn noch machen? Ich überlegte kurz und musste lachen. „Na, dann würde dieses Kind vermutlich wieder weiter spielen wollen.“

Indem wir uns dafür bekämpfen, dass wir mit einer Situation vielleicht nicht so einfach klar kommen wie wir es von uns erwarten würden, blockieren wir uns zusätzlich. Gehen wir hingegen auf dieses Bedürfnis nach Rückversicherung ein, trauen sich die meisten schon bald wieder zu schaukeln.

Dieses Schaukeln auch bei unseren Kindern und ihrem Umgang mit Veränderungen in Erinnerung zu behalten, ist sehr empfehlenswert. Ein aktiviertes Bindungssystem beruhigt man nicht, indem man sein Kind auffordert sich doch nicht so anzustellen, sondern indem man ihm Trost und Sicherheit schenkt. Dann wird es von ganz alleine wieder beginnen zu explorieren. Wir müssen Kinder nicht zum explorieren drängen. Wir dürfen ihr Bedürfnis nach Bindung erfüllen und sie dann freigeben. Denn der Wunsch nach Exploration gehört ebenso zu ihrem Wesen wie der nach Verbundenheit. Schon im Mutterleib ist dies für sie der gewohnte Zustand. Sie sind eng mit einem anderen Menschen verbunden und sie wachsen ständig über sich hinaus. Hier spielen natürlich die jeweiligen Bindungsmuster mit hinein (auf dem Blog zu finden unter der Kategorie Bindung). Aber ursprünglich braucht jedes Kind Verbundenheit und will explorieren. Dieses Bindungsbedürfnis bei unseren Kindern zu erfüllen und sie aufzutanken ist für sie das Entscheidende um sich wieder ihren Herausforderungen zuwenden zu können. Dies kann man unter anderem auch mit Regressionsspielen tun (siehe dazu mehr hier).

Sind wir also mit Veränderungen konfrontiert, die uns nicht leicht fallen, können wir uns sowohl bei uns selbst als auch bei unseren Kindern dafür einsetzen, dass wir unserem Bedürfnis nach Verbundenheit nachkommen. Nicht gegen die Unsicherheit ankämpfen und sie verändern wollen, sondern schauen, was wir für mehr Sicherheit tun können. Wahrscheinlich ist klar, dass das nicht einmal passiert und dann „gut“ ist. Sondern genauso wie der Wandel und Entwicklung zu unserem Leben gehört, braucht es auch immer wieder das Rückversichern.

Haben wir dieses Bedürfnis erfüllt, können wir irgendwann wieder aufsteigen und weiter schaukeln. Und wie es bei so einer großen Schaukel ist, machen die Veränderungen, wenn wir beruhigt sind, irgendwann ein wohliges Kribbeln im Bauch und lassen uns vor Freude jauchzen.

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