Mein Mann – mein bester Freund

Es war schon spät und ich war ziemlich müde als ich die Treppe von den Kinderzimmern hinunterging. Es war ein anstrengender Tag gewesen. Am Esszimmertisch saß mein Mann und las Nachrichten. Ich setzte mich zu ihm und er unterbrach sein Lesen. Innerhalb weniger Sätze, die wir miteinander wechselten, wurde schnell klar, dass scheinbar noch ein paar Themen angeschaut werden wollten. Wir begannen darüber zu diskutieren wie wir gemeinsam Entscheidungen treffen und waren beide schnell genervt. Den Gedanken, dass es nicht sinnvoll ist abends nach 22:00 Uhr noch schwierige Themen zu besprechen, wischte ich schnell beiseite, denn nun wollte ich das Begonnene weiter besprechen. Also machten wir uns gemeinsam auf die Suche, was unser eigentliches Problem war. Das brauchte einige Zeit, doch irgendwann konnten wir in Kontakt kommen mit dem jeweiligen Bedürfnissen des anderen. Irgendwie war durch diesen Weg, den wir gegangen waren, Nähe zwischen uns entstanden. Ich war neu berührt von seiner Liebe und dem Wissen, dass ihm so viel an mir gelegen ist. Wir sprachen noch etwas weiter über alltägliche Dinge und genossen die Verbundenheit, die durch die letzte Stunde Konfliktgespräch zwischen uns entstanden war. Plötzlich hörten wir auf der Treppe Schritte. Zwei kleine nackte Füße tapsten die Treppenstufen hinunter. Auf einmal stand Penny vor uns. Ich fragte sie etwas irritiert, ob sie schlecht geträumt habe. Sie verneinte verschlafen. Ich suchte weiter nach dem Grund ihrer Erwachsens, aber Durst, Hunger oder auf Toilette müssen waren es ebenfalls nicht. „Warum bist du denn aufgewacht?“ beschloss ich schließlich meine Fragen. „Ich hab Papa und dich so laut lachen gehört, da bin ich aufgewacht.“

Wir brachten Penny wieder in ihr Bett und legten uns auch hin. Wie jeden Abend war mein Mann innerhalb einer Minute – wenn es überhaupt so lange dauert – eingeschlafen. Ich brauchte noch ein bisschen, weil mir noch viele Gedanken durch den Kopf gingen. Unter anderem das, was Penny gesagt hatte. Und irgendwie war ich ganz berührt, dass es nun eine Erinnerung in ihrem Leben gab, wo sie sagen kann, ich bin abends aufgewacht, weil Mama und Papa zusammen am Esstisch saßen und so laut gelacht haben.

Ich liebe meinen Mann. Gleichzeitig ist er mein bester Freund. Er ist der Mensch, dem ich am meisten vertraue und ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass ich ohne ihn nicht die wäre, die ich heute bin (und er wohl auch nicht der, der er ist). Bei dem Gedanken, dass neben Liebe unsere Ehe auch Freundschaft auszeichnet, fiel mit John M. Gottman ein. Gottman ist ein amerikanischer Psychologe, der behauptet mit 90%tiger Wahrscheinlichkeit vorhersagen zu können, ob eine Beziehung bestehen bleibt oder scheitert. Darüber hat er viel geforscht und meint, dass man schon in den ersten Minuten eines Streites erkennen kann, ob eine Beziehung noch Zukunftschancen hat. Ich bin kein Freund von mathematischen Berechnungen und Wahrscheinlichkeiten. Und ich glaube, dass es auch immer noch die Möglichkeit gibt, dass alles anders kommen kann. Trotzdem habe ich in seinen Theorien viel Sinnvolles entdeckt. Unter andrem ist er eben davon überzeugt, dass das, was Paare ihre Beziehung langfristig als glücklich erleben lässt, ihre Freundschaft zueinander ist.

Außerdem entstand aus seinen Forschungen die Gottman-Konstante. Bei glücklichen Beziehungen beträgt das Verhältnis von positivem zu negativem Verhalten 5:1. Das ermutigt mich, positive Erinnerungen zu schaffen. In unsere Beziehung und Freundschaft zu investieren.

Freundschaft zeichnet für mich unter anderem aus, dass man weiß wie es dem anderen geht. Man ist sich nahe, weiß was der andere so macht und teilt, was einen beschäftigt. Man stützt sich gegenseitig, ist füreinander da, hat Interesse aneinander und verbringt Zeit miteinander. Mal angenommen, man würde seinen Partner behandeln wie seinen besten Freund oder seine beste Freundin, wie würde man sich dann verhalten? Würde ich so wie ich mit meiner Frau/meinem Mann rede auch mit meiner besten Freundin/besten Freund reden? Würden wir dann anders miteinander kommunizieren? Ich meine/n Partner/in mit anderen Augen sehen?

Weiß ich, was meinen Partner grade beschäftigt? Habe ich mich heute schon für sie/ihn interessiert? Wann haben wir das letzte Mal etwas gemeinsam gemacht? Oder gemeinsam gelacht?

Ich denke ein entscheidender Unterschied von Freundschaften und Liebesbeziehungen ist, dass man in Freundschaften den anderen in der Regel so sein lässt wie er ist. Man will den anderen nicht verändern. Man ist einfach gerne mit ihm in Kontakt und dadurch, dass man sein Leben teilt, beeinflusst man sich automatisch. In einer Liebesbeziehung beginnt man oft den anderen ab einem bestimmten Punkt verändern zu wollen. Oft sind grade die Eigenschaften, die einen an dem anderen zu Beginn so angezogen haben, diejenigen an denen man sich nun am meisten reibt. Und dann passiert etwas ganz Spannendes und irgendwie auch Tragisches. Dadurch, dass man einander verändern will, entsteht ein „Kampf“ und die Freiheit ist dahin. Wo das gemeinsame Wachsen und gegenseitig beeinflussen in einer Freundschaft so nebenbei geschieht, leuchtet in einer Beziehung plötzlich hinter den Versuchen den Partner zu verändern, die Frage auf, ob man von dem anderen wirklich so geliebt ist wie man ist. Ich glaube, dass das die große Kunst der Liebe ist. Einen anderen Menschen so zu lieben wie er ist und ihn auch so sein zu lassen. Durch dieses Freigeben und Annehmen kann wieder eine Öffnung entstehen aufeinander zuzugehen. Druck hingegen erzeugt Gegendruck. Gottman beschreibt es mithilfe von vier Kommunikationsmustern, die er apokalyptische Reiter nennt, weil sie den Einfluss haben, die Beziehung zu ihrem Ende zu führen. Das sind bei ihm Kritik, Verteidigung, Rückzug („Mauern“) und Verachtung.

Vielleicht ist hier folgende Frage hilfreich:

Wenn ich mir vorstelle, mein/e Mann/Frau und ich fallen heute Abend in einen tiefen Schlaf. Über Nacht geschieht ein Wunder und am nächsten Morgen wachen wir als beste Freunde auf. Wie würden wir in den Tag starten? Was würden wir miteinander besprechen? Was wäre anders als sonst? Wie würde ich mich verhalten? Woran würden unsere Kinder merken, dass heute Nacht ein Wunder passiert ist?

Natürlich sind Paarbeziehungen ein hochkomplexes Thema und wir haben hier heute nur einen kleinen Aspekt beleuchtet. Doch ich glaube es ist vielleicht nur eine Kleinigkeit, kann aber viel bewirken, wenn wir in unsere Liebesbeziehungen etwas freundschaftlicher leben.

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