Auf frischer Tat ertappt…

Als wir vor fast 9 Wochen den Blog ins Leben gerufen haben, wollten wir gerne dazu beitragen, diese besondere Zeit als Chance zu nutzen. Menschen zu ermutigen die alltäglichen Probleme, Herausforderungen, Krisen – wie auch immer man es nennen mag – als Gelegenheiten zu sehen, sich persönlich weiterzuentwickeln. An- und miteinander zu wachsen. Das ist auch immer noch unser Ziel. Ermutigen und Inspirieren.

Wir hoffen sehr, dass die Artikel nicht dazu beitragen den Druck zu erhöhen. Keinen Perfektionismus fördern oder ein schlechtes Gewissen. Denn wir schreiben sie nicht, weil all diese Gedanken bei uns immer 100%tig gelebt werden. Sie entspringen unseren eigenen Krisen, Problemen und Herausforderungen vor die wir bereits gestellt waren oder grade gestellt sind.

Wie oft erlebe ich Situationen im Alltag, wo ich dann selbst über mich schmunzeln muss. Gestern noch habe ich es in einem Artikel geschrieben und nun gelingt es mir nicht so wie ich es gerne hätte. Ich versuche das als Gelegenheiten zu nutzen mich in Fehlerfreundlichkeit und Humor zu üben. Und auch darin, liebevoll auf mich zu schauen und meinen Entwicklungsweg, der hinter mir liegt und auch noch vor mir.

Gestern hatte ich wieder mal die Möglichkeit das zu tun. Denn ich wurde auf frischer Tat ertappt. Hatte ich mittags doch noch einen Artikel über Grenzen und Verantwortung verfasst, so erhielt ich abends direkt ein weiteres Lehrstück:

Zwei unserer Kinder spielten gestern Abend noch in Julias Garten. Da wir ganz nah beieinander wohnen, ging ich schnell los um meine Kinder zum Abendessen zu holen.  Sie waren noch ganz ins Spiel vertieft. Vor allem ein Kind war mit Eifer bei der Sache. In der Hand hielt es eine Schüssel in der es etwas sammelte. Als ich erkannte, was sich in der Schüssel befand war ich nicht sonderlich erfreut. Mein Kind hatte fleißig die noch grünen Johannisbeeren abgeerntet. Da ich weiß, dass Julia und ihre Familie diese Beeren sehr gerne essen oder verwerten, wenn sie reif sind, sagte ich meinem Kind es solle sofort damit aufhören. Wir gingen nach Hause und ich begann mit meinem Vortrag: dass es doch wisse, dass es diese Beeren nicht vorher abpflücken sollte, dass sie jetzt nicht mehr reif werden, dass sie doch einfach Grassamen oder ähnliches für ihre Suppe hätten nutzen können und keine wirklichen Früchte usw. Mir war die Situation durchaus unangenehm. Mein Kind entgegnete mir, dass es einfach nicht daran gedacht habe. Zuhause setzte ich meinen Monolog fort. Ich erklärte ihm, dass ich es gut finden würde, wenn es Julia oder ihrem Mann Bescheid geben und sich entschuldigen würde. Mein Kind sagte, dass es das nicht machen wolle. Das sei ihm peinlich und unangenehm. Ich fragte es wie es sich fühlen würde, wenn bla bla bla und erklärte wie ich mich fühlen würde, wenn in unserem Garten bla bla bla. Außerdem, verkündete ich, sei mir Höflichkeit wichtig und dazu gehöre für mich auch, dass man sich entschuldige, wenn man etwas von jemand anderem kaputt gemacht hat usw. Mein Kind entgegnete mir nun schon sichtlich genervt, dass es aber kein höfliches Kind sein wolle. Ich ließ nicht locker und meinem Kind platzte der Kragen: „Mama, das ist doch meine Sache! Warum mischt du dich denn da ein?“ Mittlerweile kamen ihm die Tränen: „Wenn du dich entschuldigen willst, dann ruf doch an!“ Ich antwortete: „Naja, ich hab die Beeren ja nicht abgerissen, deshalb muss ich ja auch nicht anrufen.“ Darauf mein Kind: „ Genau! Und warum mischt du dich dann dauernd ein?“  – Stille – Es hatte mich erwischt. Mein Kind hatte vollkommen Recht. Es war gar nicht mein Problem und auch nicht meine Verantwortung. Ich hatte es zu etwas bewegen wollen und seine Grenze nicht respektiert. Es wollte auf seine eigene Weise mit dieser Situation umgehen und es auf seine Art klären. Soviel zu Verantwortung überlassen und Grenzen respektieren. Ich sagte ihm, dass es Recht hätte. Das sei unlogisch, dass ich nichts damit zu tun habe, mich aber dort einmische.

Sicher hätte ich mich in einer anderen Situation ganz anders verhalten. Mein Kind vermutlich aber auch. Mit Julia und ihrer Familie sind wir allerdings so eng verbunden, dass ich mich dazu entschied mich nicht in die Beziehung einzumischen. Ich denke Julia oder ihr Mann und mein Kind werden die Sache unter sich klären. Da bin ich mir aufgrund unserer Verbundenheit sicher.

Ich bin froh, dass mein Kind eingefordert hat, dass es seine Beziehungen selbst gestalten will. Dass es die Verantwortung übernehmen möchte, es auf seine eigene Art zu klären. Und ich halte es für einen perfekten Rahmen, in dem das auch möglich ist. Trotzdem fällt es mir nicht leicht. Vielleicht sollte ich mir nochmal die Tipps von dem gestrigen Artikel zu Gemüte führen 😉

Was will ich mit dieser Geschichte sagen?

Ich glaube wir sind alle unterwegs. Unsere Reise hat irgendwann einmal begonnen. Nehmen wir das, was uns begegnet als Inspiration. Nicht als Maßstab wie gut oder richtig wir etwas gemacht haben oder machen. Freuen wir uns über jedes Mal, wenn wir uns selbst ertappen. Versuchen wir es mit Humor und Gelassenheit zu nehmen. Uns nicht zu zermürben über den Konflikt, den es heut wieder gab, die Art wie ich mich heute verhalten habe oder wenn etwas eben nicht so war wie ich es mir wünschen würde. Stattdessen liebevoll und barmherzig mit uns selbst umzugehen. Mit allem, was schon möglich ist und eben auch allem, was noch in seinem Tempo wachsen darf. Ich denke damit tun wir uns selbst, unseren Mitmenschen und Kindern den größten Gefallen. Auf die gleiche Art wie ich mit meiner Freundin umgehen würde, die frustriert ist, dass etwas nicht so war wie gewünscht, so sollten wir auch mit uns selbst reden. Freundlich, liebevoll, fürsorglich, verständnisvoll und ermutigend.

Schritt für Schritt weitergehen. Ein jeder in seinem Tempo. Den anderen als Stütze, nicht als Konkurrenz. Meinen ganz eigenen Weg finden. Stimmig und lebendig sein. Dazu wollen wir uns und alle unsere Leser immer wieder ermutigen!

Übrigens ist die ganze Sache grade auch ohne mein Einmischen auf einem ganz meinem Kind entsprechenden Weg der Klärung, daher habe ich die Erlaubnis bekommen den Artikel anonym veröffentlichen zu dürfen 😉

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