Ich kann’s nicht mehr aushalten …

Gestern hatte ich zwei Gespräche mit verschiedenen Müttern und beide handelten von einem ähnlichen Thema. Die eine Mutter berichtete mir, dass ihr Sohn sich selbst einen Smoothie machen wollte. Da die Mutter aber gleich die Küchenmaschine zum Kochen brauchte und sie eine Menge an Reinigungsarbeit der Küche auf sich zukommen sah, sagte sie ihrem Sohn, dass sie ihn jetzt keinen Smoothie machen lassen möchte. Der Sohn wurde sehr ärgerlich und zeigte das auch. Darauf sagte die Mutter: „Ich kann das einfach nicht mehr aushalten! Ich will ihn ja begleiten und er darf ja auch wütend sein, aber ich halt es nicht mehr aus!“

Da ich vormittags wie gesagt schon mit einer anderen Mutter ein ähnliches Gespräch geführt hatte, wurde ich hellhörig und fragte sie, was sie denn mit aushalten meine. Wir unterhielten uns weiter darüber und plötzlich zeigte sich, dass wir von „aushalten“ eine ganz unterschiedliche Auffassung hatten. Irgendwie wusste sie zwar, dass ihr Kind wütend sein darf und sie es begleiten will, gleichzeitig glaube sie aber, dass sie sich darum kümmern müsse, dass es ihrem Kind wieder besser geht. Sie müsse sich bemühen, dass seine Wut aufhört – sie wegmachen, indem sie sich anstrengt und ihn begleitet.

Die Themen die sich in dieser Situation verbergen sind Grenzen und Verantwortung. Die Mutter fühlt sich dafür verantwortlich, dass ihr Sohn nicht mehr wütend ist. Hier sind Verantwortung und Grenzen verschoben. Indem sie sich so anstrengte die Wut ihres Sohnes zu verändern, indem sie versuchte ihm Emphatie zu geben, würde sie immer genervter bis sie selbst irgendwann richtig wütend war.

Der Idealfall wär: Kinder dürfen alle ihre Gefühle zeigen. Es sind ihre Gefühle. Ich als Mutter bin in Kontakt mit mir und meinen Gefühlen. Ich muss die Gefühle meines Kindes nicht verändern oder wegmachen. Ich muss das nicht tun – das passiert von ganz alleine, wenn die Zeit dafür da ist und sie gehört wurden. Dadurch, dass ich ganz bei mir selbst bin, kann ich auch ganz bei dem anderen sein und ihn sehen. Das klingt etwas paradox. Die Mutter ist bisher so damit umgegangen, dass sie sich für die Gefühle ihres Sohnes verantwortlich fühlte. Sie bemühte sich dieser Verantwortung nachzukommen. Als ihr Sohn dann aber nicht entsprechend reagiert, wird sie selbst wütend und gibt ihm die Verantwortung für ihre Wut in etwa so: „Jetzt hör sofort auf damit. Ich kann es nicht mehr hören! Dein Rumgemecker macht mich so sauer!“ oder ähnlich. Jeder übernimmt hier die Verantwortung für die Gefühle des anderen und befindet sich nicht innerhalb seiner Grenzen.

Ist jeder in seinen Grenzen – ich stelle mir manchmal eine Blase vor, die einen umgibt – kann man einen anderen in seinen Gefühlen gut begleiten. Man fühlt sich nicht verantwortlich und leidet nicht mit. Stattdessen kann man in einer Haltung der Annahme, Präsenz und Wertschätzung mitfühlend mit dem anderen in Kontakt sein. Dann halte ich aus, was in dem anderen passiert. Ich bin die ganze Zeit über aber nicht mit seinen Gefühlen identifiziert. Dieses „aushalten“ ist zwar durchaus auch intensiv, aber nicht anstrengend und es steckt mich nicht mit Gefühlen an.

Ich glaube, das ist ein ganz wichtiges Thema in Eltern-Kind-Beziehungen. Gestern haben wir ja schon auf den Film Balance verwiesen. Ganz ähnlich ist es auch mit der Verantwortung. Wenn ich die Verantwortung für mich und meine Gefühle nicht übernehme, wird dies ein anderer im Familiensystem tun. Und wenn jeder irgendwo für die anderen Verantwortung übernimmt, sind wir auf einmal alle ganz verstrickt. Natürlich sind Eltern für ihre Kinder verantwortlich und auch für die Qualität der Beziehung. Für die emotionale Befindlichkeit eines anderen verantwortlich zu sein, indem man meint seine „negativen“ Gefühle wegmachen zu müssen, ist aber etwas anders. Ich glaube, dass die persönlichen Grenzen unserer Kinder zu respektieren auch bedeutet, ihnen ihre Gefühle zu lassen und ihnen wirklich zu erlauben diese haben zu dürfen. Wenn jeder in seinen Grenzen bleibt, können wir unsere Kinder begleiten und werden erleben wie sich Gefühle automatisch verändern. Das schafft Nähe und Verbindung.

Es ist wirklich etwas herausfordernd zu beschrieben. Denn grade dadurch, dass man die Gefühle nicht verändern will oder muss, verändern sie sich. Dadurch, dass jeder bei sich ist, können wir uns nahe sein.

Wenn es schwer fällt bei sich zu bleiben und sich nicht für die Gefühle anderer verantwortlich zu fühlen, hat das ganz oft mit der eigenen Geschichte zu tun. Von dieser einen Mutter weiß ich nun zufällig, dass sie sich als Kind schon oft für das emotionale Befinden ihrer Mutter verantwortlich gefühlt hat und sich angestrengt hat, dass ihre Mutter sich besser fühlt. Durch die Wut ihres Sohnes wird sie direkt wieder daran erinnert und vermutlich auch an all die aussichtslosen Versuche, die sie als kleines Mädchen unternommen hat und die weit über ihre Kraft gingen. Hier hat es also schon früh angefangen, dass Grenzen und Verantwortung verschoben waren. Vielleicht schon über viele Generationen.

Zum Abschluss nun noch ein paar Tipps für alle, die bemerkt haben, dass sie dazu tendieren Verantwortung für die Gefühle anderer zu übernehmen. Diese Anregungen können im Umgang mit (heftigen) Gefühlen anderer eine Hilfe sein:

  • Atmen, atmen, atmen! Ich richte meine Aufmerksamkeit auf meinen Atem und meinen Körper. Versuche wieder bei mir anzukommen. Den Boden unter meinen Füßen zu spüren und meine Körpergrenzen.
  • Ich stelle mir meinen Raum vor. Für manche Menschen kann es durchaus nützlich sein, wenn sie sich vorstellen, dass sie in eine durchsichtige Blase eintreten. Oder einen Schutzanzug anlegen, durch den sie alles sehr gut wahrnehmen können, aber wo nichts hindurchdringt.
  • „Das ist seine Wut. Nicht meine!“ Dieser Satz kann dabei unterstützen die Gefühle des anderen immer wieder zu ihm zu „bringen“. „Das ist seine Trauer – nicht meine!“ Hier kann man sich auch fragen, wie man sich selbst grade fühlt. „Fritz ist traurig. Ich bin grade entspannt.“
  • Druck herausnehmen. Als ich begonnen habe mich bezüglich Grenzen und Verantwortung zu üben, hat es mir geholfen, dass ich mir zu Beginn von heftigen Gefühlen meiner Kinder gesagt habe. „Ok, wir werden jetzt hier eine Stunde sitzen und Penny wird die ganze Zeit wütend sein. Ich muss ihre Wut nicht verändern.“ Mir hat die zeitliche Dimension geholfen, mir den Gedanken zu erlauben, dass es auch lange dauern darf. Natürlich hat es in der Regel keine Stunde gedauert. Und ab dem Punkt, wo ich es da sein lassen könnte, durfte ich dabei sein wie sie durch einen Prozess der Gefühle hin zu innerem Frieden ging. Vielleicht ein wenig wie eine Hebamme. Da sein, unterstützen, doch das Kind zur Welt bringen macht die Frau selbst, nicht die Hebamme.
  • Die eigene Geschichte bezüglich Verantwortung für das emotionale Befinden anderer oder Grenzüberschreitungen beginnen aufzuarbeiten. Wenn man zum Beispiel als Kind bereits die Verantwortung dafür gefühlt hat, wenn Mama traurig war oder erschöpft etc., dann werden in ähnlichen Situationen (z.B. mein Kind ist traurig) die Gefühle von damals auch noch mitschwingen. Verständlicherweise macht das die Situation nicht leichter. Die eigenen Themen anzuschauen und nachzuversorgen, bewirkt, dass man mit dem Damals Frieden schließt und mehr im Hier und Jetzt sein kann. Die alten Geschichten schleichen sich dann nicht mehr mit solcher Vehemenz in die heutigen Themen hinein.

Es ist intensiv andere Menschen in ihren Gefühlen zu begleiten, aber es ist nicht anstrengend. Anstrengend wird es, wenn die Grenzen verschwimmen und ich Verantwortung für das emotionale Befinden des anderen übernehme.

Ich träume davon und versuche mich dafür einzusetzen, dass Eltern und Kinder eine sichere Bindung entwickeln. Dass sie sich nahe und verbunden fühlen. Kinder emphatisch und liebevoll begleitet werden. Ich plädiere in diesem Text nicht für eine kühle Gleichgültigkeit – das sei ferne. Ich glaube allerdings, dass nur wer gut bei sich ist, auch wirklich bei dem anderen sein kann. Und so schafft eine Abgrenzung Nähe – wirkliche Nähe, wo man sich begegnet und gleichzeitig jeder bei sich sein darf und ganz er/sie selbst ist.  

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