Systemrelevant

Grade habe ich ein Video angeschaut, das ich gestern zu Muttertag von einer Freundin geschickt bekommen habe. Der Titel des Clips lautet: Du als Mama bist wahrlich systemrelevant (auch schon vor Corona). Dann habe ich meine E-Mail gecheckt und eine Rundbrief der Traumatherapeutin Dami Charf erhalten, die mit den Worten schließt „Körper und Körperkontakt sind systemrelevant – das dürfen wir nicht vergessen!“

Systemrelevant…das scheint momentan das Wort der Krise zu sein…

Doch was bedeutet systemrelevant eigentlich? Was ist überhaupt ein System? Welche Auswirkungen kann es haben, wenn wir die Welt etwas systemischer sehen?

Systemrelevant bedeutet, dass etwas oder jemand für ein System bedeutsam ist. In der Coronakrise zum Beispiel ist uns bewusst geworden, wie wichtig Krankenschwestern und Pflegekräfte für unser Gesundheitssystem sind. Ich finde den Begriff systemrelevant etwas irreführend. Denn auch vor der Krise waren diese Berufsgruppen bedeutsam für unsere Gesellschaft. Dies war nur nicht so präsent und wurde uns durch die Krise erst nachdrücklich deutlich. Systemrelevant sind alle, die zu einem System dazugehören. Wenn ein System aus der Balance gerät, sprich eine Krise erlebt, bietet sich die Gelegenheit der Neuordnung. Manchmal wird durch eine Krise ein Ungleichgewicht auch erst aufgedeckt.

Ein kurzer Schwenk in die Systemtheorie. Unter einem System versteht man ein Ganzes, was aus miteinander im Austausch stehenden Teilen besteht. Zum Beispiel eine Familie bildet ein System. Unsere Bundesrepublik bildet ebenfalls ein System. Lebendige Systeme tauschen sich nicht nur untereinander, sondern auch mit ihrer Umwelt aus. Das zeigt ihre Lebendigkeit und ist ein natürlicher Prozess. Ein System ist in der Lage sich selbst zu regulieren und zu stabilisieren (Autopoiese). Außerdem tauschen sich alle Systemmitglieder ununterbrochen aus. Dieser Austausch passiert in zirkulären Prozessen, d.h. es gibt keine monokausale Ursache für ein Verhalten, denn alle beeinflussen sich gegenseitig. Hier kann man sich das Ganze nochmal eindrücklich anschauen…

Wenn wir also systemisch auf unser Leben blicken, ändert das in Vielem die Perspektive. Drei Dinge möchte ich heute betonen:

1. Wir können andere Menschen nicht verändern. Dadurch, dass wir uns selbst verändern, bringen wir das System in Bewegung.

Diesen Gedanken finde ich sehr spannend. In dem Video ist es anschaulich gezeigt wie das Verhalten eines Systemmitgliedes alle anderen beeinflusst. Ich benutzt in der Familienberatung oft das Beispiel eines Mobiles. Wenn man ein Teil davon bewegt, fangen meist alle an zu tanzen und sich neu zu positionieren. Das ist kein Vorgang, der bei allen Systemmitgliedern Freude auslöst. Ich denke zum Beispiel an eine Frau, die nun lernt ihre Grenzen wahrzunehmen und beginnt diese auch zu kommunizieren. Die anderen Systemmitglieder reagieren unterschiedlich darauf, manche wütend, manche irritiert, manche verständnisvoll. Aber alle geraten in Bewegung. Oder eine Frau beklagt sich, dass ihr Mann mehr Zeit mit den Kindern verbringen soll. Ihn kann sie nicht verändern, aber sie kannüberlegen, welchen Weg sie für sich selber gehen möchte. Das wird auch Auswirkungen auf alle anderen Systemmitglieder haben.

2. Wo es nicht nur eine Ursache gibt, ergeben sich viele Möglichkeiten

In einem monokausalen Denken gibt es für ein Verhalten eine bestimmte Ursache. Das Kind ist aggressiv, weil es gewaltverherrlichende Computerspiele spielt. Das schafft eine Illusion von Machbarkeit und Kontrolle. Darf das Kind keine Computerspiele mehr spielen, müssten seine Aggressionen aufhören. Doch so einfach ist es leider nicht. Oder eher zum Glück nicht, denn unsere Welt ist bunt. Vielleicht spielt das Kind nur so gerne diese Computerspiele, weil es dort ein Gefühl von Kontrolle und Stärke hat und seine Hilflosigkeitsgefühle und Ohnmacht auf diese Art versucht abzubauen. Wenn man also nicht mehr die eine Ursache finden muss, sondern wahrnimmt wie wir alle einander beeinflussen, öffnet sich die Perspektive für neue Möglichkeiten. Man kann beginnen, dass Muster zu „verstören“. Den Kreislauf zu unterbrechen. Ein Beispiel: Beim Abendessen gibt es immer wieder Stress. Die Eltern ärgern sich darüber, dass vor allem Max nicht in der Lage ist am Tisch sitzen zu bleiben und zu essen. Dauernd fällt etwas runter, er steht doch wieder auf, bekommt einen Wutausbrauch etc. Dieses Muster hat sich gefestigt. Sitzt die Familie am Tisch, schauen alle schon angespannt auf Max und warten darauf, wann das Drama wieder seinen Lauf nimmt. Nun soll die Familie ihr Muster verändern. Sie bekommen die Aufgabe, dass der Vater sich vor dem Essen einen Zeitpunkt überlegen soll, an dem er sein Glas umstößt oder ihm etwas von seinem Essen auf den Boden fällt. Beim nächsten Gespräch berichten die Eltern, dass Max nun wesentlich ruhiger sei beim Essen, stattdessen gäbe es vermehrt Streit zwischen den Eltern, weil die Mutter gerne mehr Unterstützung hätte. Der Lösungsversuch dieses Systems, sich zu stabilisieren, indem Max sich anbietet die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, wurde verstört. Nun kann man sich das eigentliche Thema anschauen.

Um ein Problem zu lösen, muss ich nicht erst die Ursache finden. Steve de Shazer, der Begründer der lösungsorientierten Kurzzeittherapie, hat zum Beispiel Menschen therapiert ohne deren Problem überhaupt zu kennen.

3. Ein Krise bringt ein System in Bewegung und jeder kann die Bedeutung bekommen, die ihm zusteht

Wie eben schon angesprochen glaube ich, dass Pflegekräfte und Krankenschwestern schon immer sehr relevant für unser System waren, nur eben nicht so bewusst wahrgenommen wurde. Krisen bieten die Chance, dass Dinge neu sortiert werden. In persönlichen Krisen, merken wir oft, dass wir bestimmte Anteile unserer Persönlichkeit (auch als einzelner Mensch bin ich ein System) nicht würdigen. Zum Beispiel ein kindlicher Anteil, der mit Leichtigkeit leben will und Spiel und Spaß genießt. Habe ich eine Zeit lang vielleicht viel gearbeitet und diesen Teil nicht wahrgenommen, kann es zu einer Krise kommen. Man ist ausgebrannt und hat keine Energie mehr. Nun bemerkt man, dass dieser kindliche Anteil durchaus systemrelevant ist, zuvor aber „verdrängt“ wurde. Denn er hilft ein gutes Maß zu halten und schafft den Ausgleich zu Arbeit und Funktionieren. All unsere inneren Anteile sind systemrelevant. Ist uns das bewusst, leben wir vermutlich recht ausbalanciert. Wird ein Anteil abgespalten, gerät unser System irgendwann in Schieflage und wir dürfen wieder entdecken wie systemrelevant dieser Anteil doch ist, den wir nicht haben wollten oder auch in unserer Kindheit dachten nicht haben zu dürfen.

Zusammengefasst bringt mich das Nachdenken über Systemrelevanz heute zu drei Gedanken, die sich aufdrängen, wenn wir die Welt etwas systemischer sehen:

  1. Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst!
  2. Die Welt ist voller Lösungen!
  3. Krisen sind Chancen sich neu auszubalancieren!
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