Von Herzen geben

Eine befreundete Mutter ruft mich an. Ihre Stimme klingt brüchig und ihre höre, dass sie weint. Etwas erschrocken frage ich sie was passiert ist. Sie erzählt mir, dass sie grade so laut geworden sei und ihren zweijährigen Sohn richtig ausgeschimpft habe. Sie ist über sich selbst erschrocken und traurig, dass das passiert ist. Ich stelle ihr ein paar Fragen und sie schildert mir wie alles abgelaufen ist. Darauf frage ich sie, ob vorher schon irgendetwas vorgefallen ist und wie sie den Vormittag sonst gestaltet haben. Sie meint, es sei nichts gewesen. Daraufhin bitte ich sie mir doch mehr über den Vormittag zu erzählen. Als wir ihn gemeinsam durchgehen, fällt ihr plötzlich auf, dass es mehrere Situationen gegeben hat, wo sie eigentlich hätte Nein sagen wollen, es aber aus verschiedenen Gründen nicht getan hat. So hat sie ihrem Sohn etwas gegeben und ermöglicht, was nicht von Herzen kam. Bei ihr hing es mit ihrem Anspruch eine „gute Mutter“ sein zu wollen und ihrer Angst vor Konflikten zusammen.

In der Gewaltfreien Kommunikation versteht man so etwas als „Gewalt“. Meine Freundin ist gewaltsam mit sich selbst umgegangen. Sie hat von sich selbst verlangt Dinge zu tun, die sich eigentlich nicht wollte aus Angst vor den Konsequenzen. Irgendwann war das Maß dann voll und ihre Wut hat sich entladen.

Noch ein anderes Beispiel: Kai, Penny, Theo und Lotti haben heute Pferd gespielt. Als die Rollen verteilt wurden, hatten sie sich überlegt, dass Theo der Besitzer von einem der Pferde sein soll. Alle waren sich einig – außer Theo. Der wollte dann nämlich plötzlich nicht mehr mitspielen. Nach ein bisschen Begleitung waren sie bereit, dass jeder seine Rolle frei wählen darf. Theo entschied sich, dass er nun der Besitzer sein will.

Ich musste schmunzeln. Doch genauso ist es, wenn wir uns frei fühlen. Dann tragen wir gerne zum Wohlergehen anderer bei. Wenn wir etwas „müssen“ und scheinbar keine Wahl haben, werden wir früher oder später ärgerlich und die Beziehung nimmt schaden.

In Seminaren vergleiche ich es oft mit einem Geschenk. Ein Geschenk, dass man machen muss, weil es jemand anderes von einem erwartet, verschenkt man mit ganz anderen Gefühlen als ein Geschenk, was man verschenkt, um einem anderen eine Freude zu machen.

Die letzten Tage haben wir über die Gewaltfreie Kommunikation geschrieben. Heute wollen wir dieses Thema beschließen, indem wir nochmal deutlich machen, was es mit einer Kommunikation, die auf Gewalt verzichtet auf sich hat.

In unserer Gesellschaft ist es leider ziemlich üblich, dass wir „Gewalt“ ausüben, d.h. Leute dazu bringen etwas zu tun, was wir gerne möchten. Gängige Methoden dazu sind zum Beispiel Liebesentzug. Wenn mein Kind sich nicht so verhält wie ich es mir wünsche, reagiere ich abweisend oder vielleicht auch gar nicht mehr. Auch in Partnerschaften weit verbreitet. Wenn der andere sich nicht so verhält wie ich es will, lasse ich ihn das emotional spüren, zeige ihm die kalte Schulter usw. Generell Erpressung zählt ebenfalls dazu – „wenn du jetzt nicht…, dann…“ oder die emotionalere Version  „Wenn du jetzt nicht mitkommst, bin ich aber ganz traurig!“. Auch mit bewertende Aussagen oder Vorwürfe übt man Gewalt aus wie z.B. „Immer gehst du mit deinen Freunden aus, ich bin dir ja scheinbar gar nicht wichtig!“ oder „Wenn ich dir wirklich etwas bedeuten würde, hättest du doch … getan.“ Innere Antreiber und eigene Erfahrungen sind häufig der Grund, warum wir mit uns selbst gewaltsam umgehen. Bedauerlicherweise gibt es vermutlich noch weit mehr Formen der „Gewalt“.

Gerade Kinder werden häufig Opfer von diesen eben beschriebenen Arten. Glücklicherweise ist es heute verboten Kinder körperlich zu verletzen und sie werden dies wohl auch weniger als in vergangenen Generationen. Allerdings ist die verbale und emotionale Gewalt nicht weniger wirksam und hinterlässt ebenfalls tiefe Spuren in einer Kinderseele.

Wenn Menschen gewaltsam dazu bewegt werden etwas zu tun, handeln sie aus Angst, Schuld oder Scham. Die GFK ist davon überzeugt: handelt ein Mensch aus ebensolchen Bewegründen, beeinträchtigt dies die Qualität der Beziehung negativ. Durch eine gewaltfreie Kommunikation hingegen ist es möglich Beziehung zueinander (selbst in Konflikten) zu vertiefen.

Ich wünsche mir vertrauensvolle Beziehungen in denen man sich verbunden fühlt. Vor allem die Haltung der Gewaltfreien Kommunikation, aber auch die Methode an sich, hat mir dabei sehr geholfen. Und ich erinnere mich wirklich oft daran, dass es für die Beziehung nicht gut ist, wenn jemand etwas tun muss und die Qualität der Beziehung darunter leiden wird. Auch für das, was ich in Beziehungen gebe, habe ich gelernt, dass ich der Beziehung nichts Gutes tue, wenn ich meine eigenen Grenzen überschreite und aus Angst, Schuld oder Scham handele anstatt etwas von Herzen zu geben.

Wenn wir unseren Beziehungen etwas Gutes tun wollen, wäre es also hilfreich keine „Gewalt“ mehr auszuüben. Und – denn das geht Hand in Hand – die Verantwortung für unser eigenes Befinden zu übernehmen und nicht mehr andere dafür verantwortlich zu machen. Wenn wir beginnen uns um unsere eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu kümmern, wird es uns immer mehr möglich sein den anderen frei zu geben. Die Not „Gewalt“ auszuüben, weil wir denken der andere müsse unsere Bedürfnisse erfüllen, wird wesentlich geringer werden. Erst diese Freiheit schafft wirklich Nähe!

Daher – nur Mut!

Zum Abschluss möchte ich noch eine Geschichte weitergeben, die Marshall B. Rosenberg in seinem Buch „Gewaltfreie Kommunikation – eine Sprache des Lebens“ erzählt:

„Dort (in der Wartehalle) sah ich einen älteren Mann, der wie ein wandernder Landarbeiter gekleidet war. Er hatte eine Orange auf dem Schoß. Es war alles, was von seinem bescheidenen Lunchpaket, das er offensichtlich grade gegessen hatte, übrig geblieben war. Auf der anderen Seite des Raumes beobachtete ein in den Schoß der Mutter gekuscheltes Kind den Mann und starrte auf die Orange. Als der Mann den Blick des Kindes bemerkte, stand er sofort auf und ging zu ihm. Als er näher kam, schaute er die Mutter des Jungen an, und mit einer Geste fragte er um ihre Erlaubnis, ob er dem Jungen die Orange geben dürfe. Die Mutter lächelte. Kurz bevor er das Kind erreichte, blieb er stehen, wiegte die Orange in beiden Händen und küsste sie. Dann gab er sie dem Kind.

Ich setze mich neben den Mann und sagte ihm, dass mich das, was ich ihn hatte tun sehen, sehr bewegt hat. Er lächelte und schien erfreut, dass sein Tun gewürdigt wurde. „Besonders berührt hat mich, dass Sie die Orange geküsst haben, bevor Sie sie dem Jungen gegeben haben“, fügte ich hinzu. Er war für einige Minuten schweigsam, sein Ausdruck ernsthaft, bevor er schließlich antwortete: „Ich bin jetzt 65 Jahre alt und wenn es eine Sache gibt, die ich gelernt habe, ist es die, nie etwas zu geben, wenn es nicht von Herzen kommt.“

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