Bedürfnissen auf der Spur

Ich bin immer wieder fasziniert wie wunderbar wir Menschen geschaffen sind. Es begeistert mich, dass wir mit so vielem ausgestattet sind, was für ein ausgewogenes und gesundes Leben nötig ist. Gestern ging es um Gefühle und ich finde, dass wir mit ihnen ganz hervorragende Warnleuchten bekommen haben, die uns darauf hinweisen wie es um unseren „Bedürfnistank“ bestellt ist. Haben wir Gefühle, die wir in der Regel als unangenehm beschreiben, informieren sie uns darüber, dass wir ein unerfülltes Bedürfnis haben. Haben wir „angenehme“ Gefühle, wissen wir, dass wir oder jemand anderes grade etwas tut, was ein aktuelles Bedürfnis von uns erfüllt.

Die Gewaltfreie Kommunikation geht davon aus, dass der Grund für jegliches Verhalten der Versuch ist, so unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Diese Bedürfnisse sind universell.

In der Gewaltfreien Kommunikation sind sie sozusagen das Herzstück. Mit ihnen wieder in Kontakt zu kommen, bringt uns auch in Kontakt mit unserer Lebendigkeit, die wir erleben, wenn unsere Bedürfnisse erfüllt werden.

Marshall Rosenberg, der Begründer der GFK, hat in Anlehnung an den chilenischen Ökonomen Manfred Max-Nee, neun Bereiche von grundlegenden Bedürfnissen unterschieden. Dazu zählt er:

  1.     unser körperliches Wohlbefinden
  2.     Sicherheit
  3.     Liebe
  4.     Empathie, Einfühlung
  5.     Kreativität
  6.     Geborgenheit
  7.     Spiel, Erholung
  8.     Autonomie, Selbstbestimmung

Um uns diese Bedürfnisse zu erfüllen, bedienen wir uns verschiedener Strategien.

Mein Mann und ich erfüllen uns beide abends öfter unser Bedürfnis nach Entspannung. Für ihn sieht das so aus, dass er sich eine  – meiner Bewertung nach spannende – Feuerwehrdoku anschaut. Ich setze mich gerne hin und lese ein – seiner Bewertung nach kompliziertes – Sachbuch. Beide brauchen wir Entspannung und irgendwie auch ein bisschen Inspiration, Lernen, Wachstum. Doch unsere Strategien sind völlig verschieden. Würde einer von uns jetzt verlangen, dass wir nur eine Strategie benutzen um zu entspannen (wir schauen beide Feuerwehrdoku), käme es ganz sicherlich zum Konflikt.

Ich finde daran wird deutlich, dass nicht unsere Bedürfnisse das Problem darstellen, sondern die Art und Weise wie wir denken sie erfüllen zu können. Die GFK ist davon überzeugt, dass es unzählige Strategien gibt, um ein Bedürfnis zu erfüllen. Wenn wir auf der Strategieebene bleiben, muss jeder seine Strategie verteidigen. Gehen wir auf die Ebene von Gefühlen und Bedürfnissen, entsteht Mitgefühl und es wird möglich sich mit dem Bedürfnis des anderen zu verbinden.

Am Rande erwähnt führt das auch dazu, dass wir sehen lernen, dass jeder Mensch versucht, sich mit seinem Verhalten die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Wenn jemand also auf meine Bitte mit Nein reagiert oder sich für etwas anderes entscheidet als das, was mir lieb gewesen wäre, tut er das, weil er sich damit ein Bedürfnis erfüllt.

Ich denke an ein Paar, das heftig in Konflikt geraten war, weil der Mann sich so sehr für seine Arbeit engagierte. Er ließ dort all seine Kraft, so dass er Zuhause nur noch in den „Funktionsmodus“ umschaltete. Als wir angeschaut haben, welche Bedürfnisse er sich damit erfüllt und deutlich wurde, dass dies eigentlich nicht seinen persönlichen Werten entspricht, wuchs auch bei ihm der Wunsch nach einer Veränderung. Als ihm dann auch noch dämmerte, dass es sich hier um eine Strategie handelte, die er so von seiner Familie übernommen hatte und er gar keine andere Idee hatte, wie er sich sein Bedürfnis nach Wirksamkeit und Wertschätzung sonst noch erfüllen konnte, wollte er etwas Neues ausprobieren. Auch seiner Frau half es sehr zu sehen, welches Bedürfnis er sich mit all seiner beruflichen Anstrengung zu erfüllen versuchte. Und vor allem, dass es nicht an ihr lag, sondern an diesen Bedürfnissen, die in seiner Kindheit einfach sehr wenig Aufmerksamkeit bekommen hatten. Auch dem Mann half es, die Bedürfnisse seiner Frau nach Verbundenheit, Leichtigkeit, Austausch und Ausgewogenheit wahrzunehmen. Und es war ihm sogar möglich sich ebenfalls mit einigen davon zu verbinden. Ich vermute sie würden heute noch darüber streiten, warum er immer so viele Überstunden macht und dass sie und die Kinder ihm ja gar nicht wichtig sind. Auf der Ebene von den Bedürfnissen wurde etwas Neues möglich und vor allem wieder erste Schritte zueinander.

Wir findet man nun seine Bedürfnisse heraus?

Gestern haben wir ja schon beschrieben, dass die echten Gefühle dafür entscheidet sind. Sie weisen auf die Bedürfnisse hin. Leider besteht unsere Kommunikation oft darin, dass wir sagen wie wir uns fühlen und dann dem anderen die Verantwortung für unsere Gefühle geben. „Ich bin traurig, weil du… Es macht mich so wütend, dass du…“ Die Gewaltfreie Kommunikation legt ganz großen Wert darauf, dass wir nicht für die Gefühle anderer verantwortlich sind. Gleichzeitig sind aber auch die anderen nicht für unsere Gefühle verantwortlich, sondern wir dürfen selbst die Verantwortung übernehmen für unsere Bedürfnisse zu sorgen. Dies kann geschehen, indem wir unser Gefühl mit unserem Bedürfnis verbinden.

Dann wird aus „Ich fühle mich traurig, weil du nie da bist!“ der Satz „Ich fühle mich traurig, weil ich Gemeinschaft/Nähe/Kontakt/Austausch brauche.

Das heißt:

1. Wir übernehmen die Verantwortung für unsere Gefühle und Bedürfnisse: „Ich bin…, weil ich…brauche.“

2. Bedürfnisse sind immer abstrakt. Bei allem was man tun kann, was konkret oder sinnlich wahrnehmbar ist handelt es sich um eine Strategie.

3. Urteile, Kritik, Diagnosen und Interpretationen des Verhaltens anderer Menschen sind lediglich entfremdete Äußerungen der eigenen Bedürfnisse. Um die Bedürfnisse zu entlarven kann man die Gegenteilmethode nutzen. Wenn wir Kritik hören z.B. unser Kind sagt: „Immer bestimmst du alles!“, dann wandelt man diese Kritik in ihr Gegenteil „immer bestimme ich alles!“. So lässt sich erkennen, welches Bedürfnis dann erfüllt wäre. Und wir haben eine Idee, welches unerfüllte Bedürfnis zu dieser Kritik motiviert. Vermutlich wäre das Bedürfnis in diesem Fall Selbstbestimmung. Oder jemand wirft mir vor: „Ich bin dir gar nicht wichtig!“. Das Gegenteil wäre: „Ich bin dir sehr wichtig!“. Bei dem Bedürfnis dahinter kann es sich um Verbundenheit, Nähe, Aufmerksamkeit, Gemeinschaft, Kontakt handeln. Auch für mich selbst kann ich das natürlich nutzen, wenn ich merke ich komme z.B. in eine Gruppe und denke „keiner beachtet mich!“. Das Gegenteil wäre in etwas sowas wie „Ich werde beachtet!“. Damit erfüllt sich für mich das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Wertschätzung etc.

Ist man im Kontakt mit dem eigenen Bedürfnis führt das oft schon zu einer leichten Entspannung. Man nimmt sich wahr, ist gut in Kontakt mit sich  – es fühlt sich kongruent/stimmig an. Auch bei Kindern oder in anderen Konflikten, bringt die Verbindung mit den Bedürfnissen eine erste Entspannung und man öffnet sich wieder für den Kontakt mit dem anderen. Manchmal ein regelrechtes Aha-Erlebnis, wenn man z.B. erfährt, dass er andere aggressiv reagiert hat, weil er sich hilflos fühlt. Das schafft Bereitschaft sich wieder zu verbinden und auch eine freiwillige Motivation dazu beizutragen das Bedürfnis eines anderen zu erfüllen.

Ist das Bedürfnis gefunden, ist Kreativität gefragt. Nun darf aus dem riesigen Pool der Strategien gewühlt und die Passende gefunden werden (siehe dazu den Artikel hier).

Ich mache wirklich Mut hier kreativ zu werden. Ich habe schon etliche Male erlebt wie es möglich war mehrere ganz unterschiedliche Bedürfnisse zu verbinden, d.h. eine Lösung zu finden, die alle Bedürfnisse erfüllt. Kinder sind da unheimlich kreativ – manchmal kreativer als wir Erwachsenen, weil sie noch nicht so viel „müssen und sollten“ im Kopf haben.

Probiert es einfach mal aus…

Ein Kommentar zu “Bedürfnissen auf der Spur

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