Gefühle und Pseudegefühle

Kai und Jay streiten sich. Wir versuchen darüber zu reden und Jay legt los: „Kai hat mich total provoziert. Ich hatte den Ball zuerst und dann hat er ihn mir abgenommen und mich voll abgeschossen. Ich hab versucht ihm noch was zu sagen, aber er hat mich nur ignoriert.“ Darauf Kai: „Jay hat mich extra getäuscht. Als er gesehen hat, dass ich zu dem Ball wollte, ist er losgerannt und hat ihn zuerst genommen.“ Wieder Jay: „Ja, aber du akzeptierst nie, wenn ich Stopp sage. Ich war eben schneller. Und dann bedrohst du mich gleich und fängst an zu kämpfen.“ Soweit mal ein kurzer Ausschnitt…

Beide Jungs sind sehr aufgebracht und hitzig. Sie präsentieren hier scheinbar eine Vielzahl von Gefühlen. Sie fühlen sich provoziert, ignoriert, getäuscht, nicht akzeptiert und bedroht. Die Gewaltfreie Kommunikation basiert auf vier Schritten. Wenn man sich also gewaltfrei ausdrücken möchte, nennt man zuerst seine Beobachtung (nicht Bewertung) einer Situation. Dann äußert man ein Gefühl. Darauf folgen noch Bedürfnis und Bitte. Wichtig ist ein wirkliches Gefühl zu äußern und nicht eine Interpretation des Verhaltens meines Gegenübers oder der Situation. Diese Interpretationen, Vermutungen oder Unterstellungen erwecken den Eindruck der andere sei verantwortlich für meine Gefühle und das dahinter liegende unerfüllte Bedürfnis.

Jay interpretiert Kais Verhalten als Provokation. Und bewertet, dass Kai ihn ignoriert. So könnte man nun noch weiter schauen, denn dieses Beispiel oben erhält kein einziges wirkliches Gefühl. Besprechen wir jetzt einen Konflikt auf dieser Grundlage, gleicht es eher einem Verhör und man fühlt sich als Mutter oder Vater ähnlich wie ein Richter, der nun hier Recht sprechen soll. Wer hat Schuld? Wer hat sich falsch verhalten? Das führt uns auf der Beziehungsebene leider nicht zueinander. Es sorgt zwar scheinbar für Gerechtigkeit, aber eben nicht gleichzeitig für Verbundenheit. Ganz im Gegenteil kann auch ein solcher Umgang mit Konflikten (wir finden den Schuldigen) sich negativ auf die Beziehung auswirken, denn der „Schuldige“ wird in der Regel nicht mit seinem Gefühl und Bedürfnis gehört. Und ich gehe davon aus, dass der „Schuldige“ sein Verhalten nicht aus Bosheit gezeigt hat, sondern weil er glaubte so sein eigenes Bedürfnis erfüllen zu können und dies als beste Lösungsmöglichkeit gesehen hat. Wesentlich beziehungsfördernder ist herauszufinden, wie sich beide Konfliktpartner fühlen und welche Bedürfnisse sie eigentlich haben.

Ein hilfreicher Trick um zu klären, ob man ein wirkliches Gefühl oder ein Gedanken/Bewertung ausdrückt ist folgendes. In der Regel folgen auf den Satz: „Ich habe das Gefühl, dass… oder „Ich fühle mich (von Dir)…“ keine echten Gefühle sondern Interpretationen. Ich hab das Gefühl, es ist alles sinnlos. Ich hab das Gefühl, dass mich keiner mag. Oder ich fühle mich als ob ich Luft für sie wäre.  Dann kann man den Satz durch „ich bin“ ersetzen. D.h. „ich bin sinnlos“ oder „ich bin keiner mag“ ergeben keinen Sinn. Ergibt der Satz nach diesem Ersetzen keinen Sinn, handelt es sich um kein echtes Gefühl. Und ist somit durch den Gefühlscheck durchgefallen.

Außerdem gibt es noch eine weitere Hilfe. Wenn man ein Pseudogefühl äußert und nicht weiß, welches echte Gefühl sich dahinter verbirgt, kann man sich die Frage stellen: Wie fühle ich mich, wenn ich denke, dass alles sinnlos ist? Oder wie fühle ich mich, wenn ich denke, dass keiner mich mag?

Das Herausfiltern von den echten Gefühlen ist darum so wichtig, weil Schuldzuweisungen generell einen Impuls zur Verteidigung auslösen. Und so beginnt jeder sich zu schützen und wir kommen nicht mehr wirklich zueinander. Wenn die Interpretationen aufhören, können wir uns ganz anders begegnen. Ich empfinde es selbst immer so, dass man sich viel verletzlicher zeigt, wenn man seine wirklichen Gefühle ausdrückt. Das erfordert Mut. Ebnet aber auch den Weg, dass wir einander wirklich sehen können mit dem, was wir empfinden. Es ist ein himmelweiter Unterschied, wenn jemand zu mir sagt, dass er sich von mir im Stich gelassen fühlt. Oder mir jemand sagt, dass er Angst hat, weil er gerne mit mir in Kontakt sein möchte und unsicher ist, ob er irgendetwas getan hat, dass ich mich anders verhalte.

In der Gewaltfreien Kommunikation gibt es viele sehr interessante Listen mit den verschiedenen Gefühlen. Ich finde es hilfreich, um sich mal anzuschauen, welche Ausprägungen und feine Nuancen Gefühle haben können. Denn oft ist es ja grade der feine Unterscheid, auf den es ankommt. Ist es jetzt eher eine Verlustangst oder eine Versagensangst. Fühle ich mich eher hilflos oder ohnmächtig. Bin ich traurig, betrübt, enttäuscht, niedergeschlagen oder bedrückt – alles gehört zum Bereich der Trauer. Für den Anfang ist es jedoch eine große Erleichterung, wenn man sich erstmal auf die fünf Grundgefühle fokussiert und diese dann später weiter differenziert. Zu den Grundgefühlen gehören Angst, Wut, Trauer, Scham und Freude.

Bei dem Beispiel oben würde ich am ehesten zu Wut und eventuell Trauer tendieren. Hier würde ich Jay dann fragen: Macht es dich wütend, dass Kai dir den Ball abgenommen hat? Ganz korrekt würde man hier eigentlich die Frage so formulieren: Macht es dich wütend, wenn du denkst, dass Kai dir den Ball extra abgenommen hat? Ich frage meistens nicht in dieser Form, weil ich den Eindruck habe, dass es für das Kind erstmal wichtig ist, dass ich ganz in seine Perspektive eintauche. So baut sich der Druck etwas ab, wenn es sich verstanden fühlen (eigentlich auch kein Gefühl, denn sie denken, dass sie jemand versteht und sie fühlen sich dann ruhig, zufrieden etc.). Wie man dann von den jeweiligen Gefühlen zu den Bedürfnissen kommt, darüber werden wir morgen berichten.

Gefühle geben uns einen Hinweis darauf wie es uns aktuell geht. Sie zeigen an, ob unsere Bedürfnisse erfüllt sind oder nicht. Wenn wir herausfinden, was wir brauchen, können wir beginnen uns zu überlegen wie wir uns dieses Bedürfnis erfüllen können und uns selbst oder andere darum bitten. Aber wie gesagt dazu morgen nochmal mehr…

Zum Abschluss noch eine amüsante Anekdote. In den ersten Jahren unserer Ehe beantwortete mein Mann die Frage wie es ihm geht generell mit „gut“. Manchmal kamen noch als Alternativen müde und erschöpft dazu. Tatsächlich ist er ein Mensch, der die Fähigkeit besitzt sich sehr gut um seine eigenen Bedürfnisse zu kümmern und daher oft Gefühle empfindet, die man hat, wenn die eigenen Bedürfnisse erfüllt sind. Als ich dann eines Tages von einem Seminar nach Hause kam und ihm verkündetet, dass es sich bei „gut“ um kein Gefühl handle und es daher ab heute leider nicht mehr als Antwort auf sein emotionales Befinden zähle, ging für uns eine spannende Reise los. Heute muss ich manchmal sehr schmunzeln, wenn wir zusammen in Gruppen sitzen und ich erlebe wie er durch seine Fragen andere begleitet zu ihren wirklichen Gefühlen durchzudringen. Und alles hat damit begonnen, dass „gut“ aus dem Gefühlsrepertoire gestrichen wurde….

Wer gerne noch ein wenig mehr über dieses Thema anschauen mag, den verweisen wir auf folgendes kurzes Video von Klaus Karstädt, einem GFK-Trainer, der leider bereits verstorben ist. Ich schätze Klaus Karstädt sehr für seine Fähigkeit Dinge sehr anschaulich und strukturiert zu vermitteln. Daher verweisen wir darauf. Zu dem Film mit vielen Beispielen geht es hier….

Ein Kommentar zu “Gefühle und Pseudegefühle

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