Heil sein – Gedanken aus einem Briefwechsel

Gestern Abend musste ich noch schnell etwas erledigen. Auf dem Rückweg sah ich am Straßenrand etwas liegen und als ich mit meinem Fahrrad näher kam, erkannte ich, dass es sich um eine kranke Kohlmeise handelte. Ich hatte zufällig von dem momentanen „Meisensterben“ gelesen und mit Hilfe unseres freundlichen Nachbarn, der zufällig auch dort entlangkam, meldeten wir unseren traurigen Fund. Die kleine Meise tat mir sehr leid wie sie dort um Luft rang. Gerne hätten wir ihr irgendwie geholfen. Doch der Mann vom Naturschutzbund machte uns am Telefon keine Hoffnung. Und er meinte hier müssten wir der Natur ihren Lauf lassen.

Mich hat dieses Erlebnis noch eine Weile beschäftigt. Im Angesicht einer Krankheit, die zu Tode führen wird, spürt man auf einmal die Kostbarkeit des Lebens um ein vielfaches mehr. Es ist schon sonderbar, dass grade das Bewusstsein einer Begrenzung (hier der Tod) jeden einzelnen Tag unseres Lebens bedeutungsvoller macht. Und während ich so vor mich hinphilosopierte, kam mir ein Briefwechsel mit meiner ehemaligen Dozentin und mittlerweile geschätzten Freundin in den Sinn. Ich hatte mich damals aufgrund eines Unfalls und dessen Folgen an sie gewandt. Sie schrieb mir auf humorvolle Art unter anderem Folgendes: „Meine liebe Magdalena, als meine ehemalige Schülerin bist du mit mir sicherlich einer Meinung, dass zum Leben Freude und Trauer, Krankheit und Gesundheit, Erfolg und Misserfolg, Leben und Sterben dazugehört, stimmts? Das zusammen macht das Leben vollständig (lat. heil). Nun wundere ich mich schon ein bisschen, warum du bzw. ein Teil von dir so ein „unvollständiges“ Leben führen will? Eines, was kein Versagen, keine Schuld, keine Fehler etc. zulässt? Wie ist das möglich?“

Natürlich kannte sie meine Antworten auf ihre Fragen. Ich stimmte ihr voll zu, dass all das zum Leben dazugehört. Sie hatte mir mit ihren Worten eindrücklich vor Augen geführt, dass ich das zwar generell so dachte und auch anderen so weitergab, mit mir selbst aber anders umging. Ich war dankbar, dass sie mir aufgezeigt hatte, dass es hier etwas zu integrieren gab. Dass wir gesund bzw. heil sind, wenn wir das Leben in seiner Spannung annehmen und leben. Letztlich schenkt uns genau diese Spannung ein Gefühl von Lebendigkeit. Die progressive Muskelentspannung nach Jacobsen bedient sich ja auch genau diesem Phänomen. Nach einer Anspannung kann man die Entspannung noch intensiver wahrnehmen. Oder nach einiger Zeit ohne Schokolade, schmeckt die erste Praline besonders köstlich.

Heil sein, bedeutet für mich „ganz zu werden“. Das Leben mit all seinen Facetten anzunehmen.

Leider fallen wir –zumindest sehr viele Menschen – immer mal wieder dem Missverständnis anheim, dass wir glauben wir wären glücklich, wenn alles „Negative“ abwesend wäre. Wir untereilen das Leben in angenehme/gute und unangenehme/schlechte Umstände. Ebenso machen wir das auch in unserem Inneren. Bestimmte Gefühle sind gut und andere wollen wir lieber nicht. Wir möchten am liebsten nur Tage erleben an denen wir uns stark, kraftvoll, lebendig und fröhlich fühlen. Das führt dazu, dass wir beginnen die anderen Tage zu „bekämpfen“. Vorkehrungen gegen die unangenehmen Umstände zu treffen. Natürlich sehne ich auch keine „schlechten Zeiten“ herbei. Dennoch glaube ich, dass es heilsam ist, wenn wir liebevoll mit unserem schwachen, müden, unansehnlichen, traurigen, wütenden, erschöpften Sein umgehen. Erst wenn wir das auch annehmen und mitfühlend betrachten, können wir ein „ganzer“ Mensch sein. Wo ich Ja zu mir oder auch zu meinen Lebensumständen sagen kann, ergeben sich neue Möglichkeiten. In einem anderen Brief schrieb mir die besagte Freundin zu meinem Hadern mit bestimmten Lebensumständen: „Welche Sinnantwort willst du darauf geben, dass deine Lebensumstände grade so und nicht anders sind? Wofür ist das vielleicht gut? Wofür wirst du dich entscheiden, dass es für dein weiteres Leben gut ist? Könnte sich darin vielleicht auch ein Hinweischarakter für deine Bestimmung in der Welt verbergen? Was ist der Aufgabencharakter in deinem Schicksal? Keine Aufgabe ohne Verheißung! Ich sage manchmal: Dass du diese Umstände hast, dafür kannst du nichts. Aber du kannst etwas dafür (tun, entscheiden) wie du jetzt damit umgehst…du kannst Opfer sein…du kannst aber auch sagen: Das ist unwürdig, dafür bin ich mir zu schade…also will ich jemand sein, der sein Leben grade deshalb würdig gestaltet und aus seinem Leid eine „Lebensleistung“ macht. Hier fängt die Sinnsuche an, die für und nicht gegen einen ist…das ist manchmal sehr schwer, weil man nicht gleich eine Antwort findet, dann muss man seinen „Suchradius“ erweitern…

Ich will weiter lernen freundlich und liebevoll auf mich zu schauen. Auch wenn etwas nicht funktioniert, ich Fehler mache, ich mich „nicht gut fühle“. Ich will nicht mehr gegen meine aktuellen Lebensumstände kämpfen und mit denen, die ich bisher hatte nicht mehr hadern. Ich will sie annehmen, mit all den Gefühlen, die sie in mir auslösen und will daran festhalten, dass genau sie mich zu dem Menschen formen, als der ich gedacht bin. Ich will kein „unvollständiges“ Leben führen, sondern weiter auf dem Weg gehen die ganze Palette der Gefühle als Bereicherung und dem Leben dienlich lieben zu lernen.

Auf dem Weg immer mehr zu einem vollständigen (im Sinne von heilen/ganzen) und lebendigen Mensch zu werden – die zu sein, die ich bin…

Passend dazu werden wir in den nächsten Tagen einen Artikel über Gefühle und Pseudogefühle schreiben sowie darüber, wie man herausfindet, welches Bedürfnis man eigentlich hat und warum es hilfreich sein kann dieses zu entdecken.

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