Bindungsorientierte Spiele

Vor kurzem haben wir einen Artikel über hilfreiche Rahmenbedingungen für vertieftes Spielen geschrieben. Heute geht es darum wie das Spiel mit unseren Kindern die Beziehung positiv beeinflussen kann. Bindungsspiele sind für jede Familie eine Bereicherung. Sie tragen unter anderem dazu bei Anspannungen und Ängste zu lösen, belastende Erfahrungen zu verarbeiten und stärken das Selbstvertrauen. Ganz besonders werden sie Familien empfohlen, die mit problematischen Verhaltensweisen ihrer Kinder zu kämpfen haben. Was mir an diesem Ansatz so gefällt ist, dass man nicht gegen das Problem kämpft und mit immer mehr Druck in eine Negativspirale gerät. Beim bindungsorientierten Spielen setzt man sich mit Leichtigkeit und Freude für die Förderung von zu entwickelnden Fähigkeiten ein. Aletha J. Solter zitiert in ihrem Buch „Spielen schafft Nähe – Nähe löst Konflikte“ einen Ausspruch, der es nochmal anders beschreibt:

„Ich war bestrebt meinem Sohn mithilfe von Büchern etwas beizubringen. Er betrachtete mich nur mit verwirrter Miene. Ich bediente mich klarer Worte, um ihn zu maßregeln. Doch sie schienen nicht zu fruchten. Verzweifelt ließ ich von meinen Bemühungen ab. Wie komme ich nur an dieses Kind heran, dachte ich entmutigt. Da legte er den Schlüssel in meine Hände: Komm spiel mit mir, sagte er.“

Was sind bindungsorientierte Spiele? Welche Arten gibt es? Und wann setzt man sie ein?

Bei bindungsorientierten Spielen geht es darum die Beziehung zum Kind zu stärken. Sie fördern Spaß und vor allem Lachen. Eine wichtige Komponente, denn Lachen hilft dabei innere Spannungen abzubauen und angestaute Gefühle wie Wut und Angst zu entladen. Für Bindungsspiele benötigt man keine Anschaffungen und sie sind zu jederzeit an jedem Ort durchführbar. Außerdem  – und das ist sehr wichtig – gibt es keine Gewinner und Verlierer sowie keine vorgegebenen Regeln.

Aletha J. Solter unterscheidet neun Formen des Bindungsspiels und ich bin sicher, dass jeder solche Spiele bereits gespielt hat. Wir hoffen, dass wir durch das Vorstellen der verschiedenen Spielformen zwei Dinge erreichen. Zum einen das Bewusstsein schärfen, wie oft wir eigentlich mit unseren Kindern schon Bindungsspiele spielen und wie wertvoll das ist, was wir da tun. Zum anderen ist es uns ein Anliegen, dass wir die Spieleinladungen unserer Kinder in Zukunft vielleicht eher als solche erkennen und realisieren, dass sie uns damit einen entscheidenden Hinweis dafür geben, was sie grade brauchen. Die verschiedenen Formen sind:

  1. Nicht-direktive, kindzentrierte Spiele
  2. Symbolspiele mit problembezogenen Requisiten und Themen
  3. Kontingenzspiele
  4. Nonsensspiele
  5. Trennungsspiele
  6. Machtumkehrspiele
  7. Regressionsspiele
  8. Aktivitäten mit Körperkontakt
  9. Kooperative Spiele und Aktivitäten

Im Folgenden nochmal kompakt erklärt:

  1. Nicht – direktive, kindzentrierte Spiele

Bei den nicht-direktiven, kindzentrierten Spielen steigen wir in das Spiel unseres Kindes ein (natürlich nur mit Erlaubnis). In der Regel ist es ein Spiel mit irgendwelchen Gegenständen (Puppen, Autos, Figuren, Bauklötzen etc). Wichtig dabei ist, dass man sich einfach zur Verfügung stellt. Das Kind übernimmt die Regie. Es wird nicht bewertet, korrigiert oder moralisiert (z. B. keine Aussagen wie: „Oh, das tut dem Männchen aber weh!“). Merken Kinder diesen wertfreien Raum, sind sie bereit sich zu öffnen und in das Spiel die Themen einzubringen, die sie beschäftigen. In meiner systemischen Ausbildung kam der Haltung eine besondere Bedeutung zu. Unter anderem war die Absichtslosigkeit hier relevant. Ich löse mich von allen Absichten, dass ich irgendein Ziel erreichen muss oder den anderen an einen bestimmten Punkt bringen muss. Diese Form des Spielens mit Kindern erinnert mich daran. Mit dem Spiel verfolge ich kein Ziel. Es ist keine Erziehungsmethode. Es ist lediglich ein Beziehungsgeschehen bei dem wir uns leiten lassen und nehmen, was der andere uns anbietet.

Die Besonderheit beim nicht-Direktive, kindzentrieren Spiel ist neben den zu Beginn genannten allgemeinen positiven Aspekten, dass die Kinder den sicheren Raum erhalten sich mit ihren Themen zu zeigen. Aletha Solter empfiehlt sich regelmäßig Zeit für diese Art des Bindungsspiels zu nehmen (30 min./Woche). Ich habe bemerkt, dass es mir sehr hilft ganz bei dem Spiel zu sein, wenn ich mir einen Wecker stelle. Am Anfang erscheint es meist lange und wenn er dann klingelt, staune ich wie schnell die Zeit vergangen ist. Diese Spielzeit sollte nur für das Kind reserviert sein, d.h. kein Handy, kein Telefon, wenn möglich kein anderes Kind. Wenn ich manchmal so in die Runde Frage, was jeder gerne heute machen würde, kann ich ziemlich sicher davon ausgehen, dass Lotti sagen wird, dass sie mit mir spielen möchte. Für sie, besonders als mittleres Kind, ist diese Zeit alleine mit mir und in der ich mich auf alles einlasse, was sie gerne spielen mag, unheimlich kostbar. Und das ist auch meine Erfahrung aus Familien, die ich berate, dass Kinder diese Zeiten sehr schätzen und lieben.

  • Symbolspiele mit problembezogenen Requisiten und Themen

Bei Symbolspielen mit problembezogenen Requisiten oder Themen übernehmen die Erwachsenen mehr die Führung und laden ein bestimmte Themen mit in das Spiel einzubeziehen. Man merkt sehr deutlich, ob das Kind bereit ist sich seinen Themen zu nähern oder dieses Spiel eher abblockt. Symbolspiele eignen sich um schwierige Erfahrungen, Ängste und Probleme spielerisch zu thematisieren. Durch das Spiel kann sich das Kind damit auseinandersetzen, verschiedene Strategien ausprobieren und in sicherem Rahmen mit seinen Gefühlen experimentieren.

Meiner Erfahrung nach beginnen Kinder, wenn sie sich beim kindzentrierten Spiel sicher genug fühlen, ganz von selbst ihre Themen in das Spiel mit einzubeziehen. So wird es ganz automatisch zu dieser Spielform, wo ich dann auch ganz vorsichtig Spielvorschläge anbiete (wichtig auch hier ohne zu kritisieren, moralisieren oder zu bewerten) und schaue ob sich das Kind darauf einlassen möchte.

  • Kontingenzspiele

Fritz drückt meine Nase, ich rufe „Aua“ und er beginnt lauthals zu lachen. Das wiederholt sich noch viele Male. Dabei handelt es sich um ein Kontingenzspiel. Das Verhalten von einem Erwachsenen wird in Übereinstimmung mit dem kindlichen Verhalten zuverlässig wiederholt.

Lotti hat zu Ostern ein „Pupskissen“ bekommen. Sie legt es unter meinen Stuhl. Ich komme, setze mich und bin natürlich ganz furchtbar erschrocken über meinen Pups. Dann gehe ich in die Küche. Sie positioniert das Kissen erneut. Ich komme wieder, setze und erschrecke mich. Lotti findet es unheimlich witzig und wir wiederholen es mehrfach. Ebenfalls ein Kontingenzspiel – mein Kind tut etwas und ich reagiere immer wieder in gleicher Weise darauf, was Lachen auslöst. Das spezielle an Kontingenzspielen ist, dass sie ein Gefühl von Sicherheit und Vorhersehbarkeit erzeugen. Zusätzlich stärken sie die Selbstwirksamkeit und das Gefühl von Einfluss (Solter nennt es in ihrem Buch Macht).

Für Fritz sind Kontingenzspiele grade ein wichtige Strategie. Er macht momentan öfters die Erfahrung, dass Penny und Lotti ihn mal mitspielen lassen, aber dann sind sie auch gerne wieder für sich. Eine Situation auf die Fritz keinen Einfluss nehmen kann und wo er seinen Weg finden muss, um damit umzugehen. Er erlebt in diesen Situationen Hilflosigkeit und Ohnmacht. Und so sucht er sich öfters Gelegenheiten für Kontingenzspiele bei denen er mit seinem Verhalten Einfluss ausüben kann. Zum Beispiel auf meinen Schultern zu sitzen und mit dem Lenken von meinem Kopf die Richtung zu bestimmen, wohin ich laufe.

  • Nonsensspiele

Als ich mit Lotti neulich eine anstrengende Diskussion hatte, lud sie mich danach zu einem Nonsensspiel ein. Sie meinte sie müsse auf Toilette. Auf dem Weg dorthin tat sie so als würde sie eine Ecke der Wohnung als Toilette nutzen und schaute mich schelmisch an. Bei Nonsensspielen wird ein bewusst absurdes Verhalten gespielt. Es werden zum Beispiel extra „Fehler“ gemacht oder es wird übertrieben. Diese Spiele eignen sich ganz hervorragend um angestaute Angst, Wut oder Frustrationen durch Lachen ein Ventil zu geben. Zusätzlich können sie helfen Ängste abzuarbeiten wie z.B. Lampenfieber vor einer Aufführung.

  • Trennungsspiele

Ich glaube die bekanntesten Bindungsspiele sind wohl Trennungspiele. Zum Beispiel Guck-guck und Verstecken. All diese Spiele simulieren Tennungssituationen. Sie können Kindern dabei helfen sich spielerisch mit Trennungen auseinanderzusetzen. Beim Verstecken zum Beispiel ist das Kind in seinem Versteck in großer Anspannung, wann und ob es gefunden wird. Von den Körperreaktionen ähnlich einer für das Kind unangenehmen Trennungserfahrung. Nur wird die Spannung hier mit etwas Positivem verbunden. Beim Auffinden löst sich die Anspannung wieder auf. Auf diese Art erlebt das Kind immer wieder die Anspannung während der Trennung und die darauf folgende Entspannung. Das bietet dem Kind die Chance sich mit diesem Thema in einem sicheren und für es kontrollierbaren Rahmen (es könnte jederzeit sein Versteck verlassen und muss nicht getrennt bleiben) auseinanderzusetzen.

  • Machtumkehrspiele

Machtumkehrspiele ähneln den Kontingezspielen. Auch hier geht es darum, dass das Kind die Erfahrung macht Einfluss zu haben. Wobei es bei Machtumkehrspielen noch mehr um die Erfahrung von Kontrolle und Stärke geht (Solter spricht von Macht). Ein typisches Beispiel ist die Kissenschlacht, bei der das Kind den Erwachsenen überwältigt. Dieser darf seine Rolle als Überwältigter dann auch überzeugend spielen.

Ich erlebe, dass diese Spielform sehr gerne von Kindern genutzt wird, die erleben mussten in einer Situation hilflos ausgeliefert zu sein. Die Machtumkehrspiele können dabei unterstützen wieder ein Gefühl von Einfluss zu bekommen, da den Kindern hier die Kontrolle über das Spiel und auch über den Erwachsenen gelassen wird. Ich erinnere mich an die Geschichte meiner Traumadozentin, von einem Mädchen welches immer wieder Verstecken spielen wollte mit der Vorgabe, dass die Therapeutin sie nicht finden durfte. Das tat sie viele Male und durfte dabei die Erfahrung machen, dass sie die Kontrolle behalten darf und nicht ausgeliefert ist. Als sie sich dessen sicherer war, war sie bereit für den nächsten Schritt.

  • Regressionsspiele

Es gibt die Weisheit, dass jeder Fortschritt auch mit einem Rückschritt verbunden ist. Mein Kind geht alleine in den Kindergarten, wacht aber nachts plötzlich wieder öfters auf und braucht mehr Nähe als sonst. Oder es hat sichtbar einen Entwicklungsschritt gemacht und beginnt auf einmal wieder in „Babysprache“ zu sprechen. Hier bieten sich Regressionsspiele an bei denen das Kind ein Verhalten zeigt, welches eigentlich einem jüngeren Kind zuzuordnen wäre. Die Geburt eines Geschwisterkindes kann z. B. auch über Regressionsspiele begleitet werden. Plötzlich wird mein Kind zu einem Baby. Als Penny in die Schule kam und nun „ganz groß“ wurde, traute sie sich beim Zubettbringen den Wunsch nach einem Regressionsspiel zu äußern. Da das bis heute unser „Geheimspiel“ ist, darf ich es hier leider nicht näher ausführen.

Durch den Rückzug auf eine frühere Entwicklungsstufe badet das Kind in Sicherheit und ganz Vertrautem. Das hilft ihm den Mut und das Selbstvertrauen für neue Entwicklungsschritte zu sammeln. Darüber hinaus können mit dieser Spielform Belastungen aus früheren Entwicklungsstufen nachgeholt werden.

  • Aktivitäten mit Körperkontakt und
  • Kooperative Spiele und Aktivitäten

Diese beiden Formen können auch in eines der anderen Spiele einfließen. Bei Aktivitäten mit Korperkontakt geht es darum, dass ein respektvoller Körperkontakt der Beziehung und uns Menschen generell gut tut. Jay, Theo und Kai lieben es mit ihrem Papa am Boden zu rangeln. Kreuz und quer rollen sie sich dann durchs Zimmer, bilden Sandwiches etc. Übrigens gehört „Auskitzeln“ nicht zu den Bindungsspielen. Kitzeln wird sehr schnell zu einem Machtspiel. Das Kind kann sich nicht wehren, fühlt sich ohnmächtig, muss aber dennoch aufgrund des körperlichen Reizes lachen, wodurch es wiederum nicht „Stopp“ sagen kann. Obwohl die Kinder Lachen kann es in Wirklichkeit zu starken Angst- und Hilflosigkeitsgefühlen kommen. Das ist zu vermeiden und sollte man bei Körperorientierten Spielen im Hinterkopf haben.

Kooperative Spiele sind auch bei den anderen Formen schon vorgekommen. Es geht dabei darum, dass es die Bindung fördert, wenn es nicht um Gewinnen oder Verlieren geht, sondern um das Zusammenspiel. Hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt und manch bekannte Spiele lassen sich sicher auch in Kooperative umwandeln.

Wir hoffen ihr seid auf ein paar Aha-Erlebnisse gestoßen und habt entdeckt, wo ihr schon überall durch euer Spielen etwas für die Bindung zu eurem Kind getan habt. Möglicherweise macht es auch Lust noch mehr zu spielen und so in die Bindung zu investieren. Wir schätzen es jedenfalls als zusätzliche Möglichkeit zur Unterstützung der Bindung und erproben neuer Verhaltensweisen.

In diesem Sinne wünschen wir fröhliches Spielen…

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