Ich glaub an dich

Nach einiger Zeit kam Fritz heute auf die Idee, dass wir mal wieder das Rutschbrett an unser Picklerdreieck bauen. Gesagt, getan und los ging ein fröhliches Spiel. Ich saß neben ihm und schaute ihm zu. Plötzlich – als er grade oben über das Dreieck geklettert war, verlor er das Gleichgewicht und drohte rücklings herunterzufallen. In letzter Sekunde und bereits halb abgestürzt, fand er neuen Halt. Er schaute mich an und fing vor Schreck an zu weinen. Ich nahm ihn in den Arm, tröstete ihn und dann sollte es weiter gehen. Erstmal ging er nun auf Nummer sicher und kletterte sehr vorsichtig. Dann fasste er neuen Mut und wollte es nochmal auf die Art versuchen, bei der er eben gestürzt war. An der wackligsten Stelle wurde er auf einmal unsicher, hielt inne und schaute kurz zu mir rüber. Da ich voll davon überzeugt war, dass er über die nötigen Fähigkeiten verfügt und auch der Schaden eines Absturzes sich in einem erträglichen Maß halten würde, nickte ich ihm aufmunternd zu. Daraufhin wagte er es erneut und war stolz als er dieses Hindernis sicher überwunden hatte.

Mich hat diese Szene noch eine Weile beschäftigt. Dieser fragende Blick und seine Reaktion als sein Blick ein Gegenüber gefunden hatte, was fest an ihn glaubt. Ich denke, dass hier eine Sehnsucht aufgeblitzt ist, die alle Menschen teilen. Die Sehnsucht Menschen zu begegnen, die an einen glauben. Die, wenn wir auf unserem Lebensweg zögern oder zu straucheln beginnen, uns wissen lassen: Geh weiter! Ich bin da! Ich glaub an dich! Der Wunsch, dass Menschen uns ermutigen weiterzugehen, da sind wenn etwas nicht funktioniert und manchmal mehr in uns sehen als wir selbst sehen können (siehe auch den Artikel über sichere Bindungsmuster).

Diese Woche habe ich mit einer lieben Freundin telefoniert. Wir haben uns berichtet, was uns grade so beschäftigt. Und ich hab ihr von etwas erzählt, was mir ganz neu bewusst geworden ist und wo ich etwas an mir entdecken durfte, zu dem ich zuvor noch wenig Zugang hatte. Ihre Reaktion darauf war: „Ach, ehrlich gesagt habe ich nie daran gezweifelt. Ich habe das schon immer in dir gesehen – seit ich dich kenne!“ Sie hat mehr in mir gesehen als ich zu diesem Zeitpunkt in der Lage war wahrzunehmen. Und so hat sie auch früher schon oft an mich geglaubt und war fest davon überzeugt, dass ich Dinge bewältigen kann, wenn ich unsicher war.

Ich empfinde es als unheimliches Geschenk, wenn solche Menschen ein Teil des eigenen Lebens sind oder einmal waren. Und aufgrund dieser Erfahrung, dass mir solche Menschen schon oft so gut getan haben, weckt es in mir den Wunsch ebensolch ein Mensch zu sein. Ein Mensch, der an andere glaubt, ihnen Mut macht ihr Leben zu wagen. Der Augen dafür hat, welche Potenziale im Anderen schlummern, die vielleicht noch nicht zu voller Blüte gekommen sind. Etwas davon wahrzunehmen wie der Andere ist – sein wirkliches Wesen. Eine Kollegin hat mir mal erzählt, dass sie manchmal in Beratungen eine Übung für sich nutzt. Sie visualisiert den „heilen Menschen“. Das heißt sie fragt sich: Wie wäre dieser Mensch jetzt, wenn er optimale Bedingungen gehabt hätte? Wo entdecke ich Heiles in ihm? Etc. Und ich weiß wie sie bei ihrer Arbeit immer wieder darum ringt einen Zugang zu ihren Klienten zu bekommen. Und das sind viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene, bei denen bereits die meisten die Hoffnung auf Veränderung aufgegeben haben. Sie tut es nicht. Sie kämpft um diese Menschen, versucht zu ihnen durchzudringen und sieht nicht die Probleme und Diagnosen, sondern den Menschen. Diese Haltung begeistert und ermutigt mich meinen Mitmenschen auf eine ähnliche Art zu begegnen. Das Heile im Anderen zu sehen.

Zum Abschluss will ich in dem Zusammenhang noch eine Geschichte weitergeben, die mich immer wieder bewegt:

Eines Tages kam Thomas Edison von der Schule nach Hause und gab seiner Mutter einen Brief. Er sagte ihr: „Mein Lehrer hat mir diesen Brief gegeben und sagte mir, ich solle ihn nur meiner Mutter zu lesen geben.“ Die Mutter hatte die Augen voller Tränen, als sie dem Kind laut vorlas: „Ihr Sohn ist ein Genie. Diese Schule ist zu klein für ihn und hat keine Lehrer, die gut genug sind, ihn zu unterrichten. Bitte unterrichten Sie ihn selbst.“ Viele Jahre nach dem Tod der Mutter, Edison war inzwischen einer der größten Erfinder des Jahrhunderts, durchsuchte er eines Tages alte Familiensachen. Plötzlich stieß er in einer Schreibtischschublade auf ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Er nahm es und öffnete es. Auf dem Blatt stand geschrieben: „Ihr Sohn ist geistig behindert. Wir wollen ihn nicht mehr in unserer Schule haben.“ Edison weinte stundenlang und dann schrieb er in sein Tagebuch: „Thomas Alva Edison war ein geistig behindertes Kind. Durch eine heldenhafte Mutter wurde er zum größten Genie des Jahrhunderts.“

Ich glaube, da gibt es nichts mehr hinzuzufügen…

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