Löwenzahn – ein Sinnbild für Resilienz

Wenn ich etwas lese, entstehen oft Bilder vor meinem inneren Auge. Die Worte nehmen Gestalt an, rufen Erinnerungen wach oder lassen mich Neues entdecken. Heute Morgen habe ich etwas von Lilien auf dem Felde gelesen. Doch irgendwie formte sich kein Bild. Klar, Lilien kenne ich, doch in den Genuss sie auf dem Feld zu entdecken bin ich noch nicht gekommen. Was hingegen momentan kaum zu übersehen ist sind die Wiesen voller gelber Löwenzahnblüten.

Der Löwenzahn – irgendwie eine besondere Pflanze. Man hört selten, dass er für seine Schönheit bewundert wird. Wobei ich den Namen „Sonnenwirbel“, wie er wohl auch genannt wird, durchaus ansprechend finde. Die einen sehen in ihm ein nerviges Unkraut, welches sich unermüdlich ausbreitet. Und die anderen wissen um seine Heilkraft und schätzen seine vielseitige Wirkung auf die menschliche Gesundheit.

Ich verbinde mit Löwenzahn vor allem Hasenfutter, braune Flecken von denen man lange etwas hat und das Experimentieren mit Löwenzahnstengeln in Wasser, was so spannende Figuren ergibt. Doch heute fiel mir noch etwas anderes ein. Ruth Pfennighaus, eine erfahrene Kräuterfrau, hat mal gesagt, dass das, was wir brauchen, meist direkt vor unserer Nase wächst. Und irgendwie hat mich da der Löwenzahn nicht mehr losgelassen. Vielleicht sind es grade nicht die Lilien von denen wir etwas lernen können, sondern der Löwenzahn, der auf dem Felde wächst.

Für mich zeichnet den Löwenzahn seine ungeheure Widerstandsfähigkeit aus. Wenn ich ihn vermenschlichen und beschreiben würde, träfe für mich „das ist einer, der nie aufgibt“ auf ihn zu. Vielleicht bin ich auch zu sehr von Peter Lustig sozialisiert worden und habe den Löwenzahn, der sich durch den Asphalt kämpft und schließlich überall ausbreitet, stark verinnerlicht. Egal wie ich zu dieser Überzeugung gekommen bin – wenn ich einer Pflanze zutraue an den unwegsamsten, kargsten und aussichtslosesten Stellen zu wachsen, dann gehört der Löwenzahn auf jeden Fall dazu. Und trotz unwegsamer Bedingungen blüht er. Das finde ich erstaunlich. Ganz so als wolle er sagen, dass er sich von den Umständen nicht unterkriegen lässt.

So schaue ich heute am 1. Mai ganz bewusst auf die Wiesen voller Löwenzahn. Wenn sie dem Zitat folgend aktuell genau das sind, was wir brauchen, dann ist es neben ihrer entgiftenden Wirkung (hier unterstützt sie dabei das Ungesunde auszuscheiden – mehr dazu hier) wohl das Vorbild ihrer Widerstandskraft. So wird sie für mich ein Sinnbild für Resilienz. Und ich glaube, dass wir das in der aktuellen Situation gut gebrauchen können. Psychische Widerstandsfähigkeit, die uns hilft diese Krise und vor allem, dass was sie mit uns macht, zu bewältigen.

Man spricht von sieben Säulen der Resilienz. Monika Gruhl teilt sie in ihrem Buch „Die Strategie der Stehauf-Menschen“ in drei Grundhaltungen und vier Fähigkeiten ein. Ich will die Punkte heute nur kurz streifen. Zu den Grundhaltungen gehören Optimismus, Akzeptanz und Lösungsorientierung. Als Fähigkeiten sieht sie Selbstregulation, Verantwortung übernehmen, Beziehungen und Zukunft gestalten.

Wenn uns der Löwenzahn die Anfrage wie es um unsere Resilienz bestellt ist so unter die Nase reibt, wollen wir heute dazu einladen nach Antworten zu suchen. Sich vielleicht eins der Themen auszuwählen und zu bewegen. Dazu formulieren wir nun ein paar Fragen und wünschen euch eine löwenzähnische Hartnäckigkeit eine für euch stimmige Antwort zu finden.

  • Optimismus:

Was sehe ich aktuell positiv? Wo erkenne ich in meiner aktuellen Situation eine Chance? Welche rückblickend wahrscheinlich wertvollen Erfahrungen darf ich grade/durfte ich schon machen?

  • Akzeptanz:

Was kann ich aktuell verändern und fällt in meinen Einflussbereich und was nicht? Bin ich bereit, was sich meinem Einfluss entzieht, anzunehmen? Wo kann ich in diesem Prozess weitere Schritte gehen, indem ich meine Gefühle zulasse wie Angst, Trauer, Wut etc.? Zeigt sich mir vielleicht schon ein Sinn in diesen Erfahrungen, der mich das Schwere etwas leichter annehmen lässt?

  • Lösungsorientierung:

Wie kreiere ich mir meine Wirklichkeit? Ist mein Glas halb voll oder halb leer? Was kann ich tun, um mehr mit der Lösung und meinen Möglichkeiten in Kontakt zu kommen? Wie muss ich mich verhalten um meine Situation noch schlimmer zu machen (sehr hilfreich, denn man kann sich selbst dann dabei ertappen, wenn man das grade tut)? Kann ich darauf vertrauen, dass ich das Problem nicht analysieren muss, um es zu lösen? Welche Fähigkeiten, Eigenschaften oder auch bisherigen Erfahrungen unterstützen meine Überzeugung, dass ich über Ressourcen verfüge und „es“ schaffen werde?

  • Selbstregulation:

Was brauche ich aktuell? Eher Beruhigung oder Aktivität? Wie kann ich in Balance kommen? Wer oder was erfüllt mein Bedürfnis, so dass ich wieder ausgeglichen sein kann?

  • Verantwortung übernehmen

Was von meiner aktuellen Situation fällt in meinen Einflussbereich? Was könnte ich verändern? Was brauche ich noch, um es auch tatsächlich zu tun? Wo sehe ich mich noch als Opfer meiner Umstände (siehe dazu auch Lebendigkeitsräuber)? Welche Person kenne ich real oder aus Buch, Film etc., die sich dadurch auszeichnet, dass sie die Verantwortung für ihr Leben übernimmt? Was würde diese Person in meiner Situation tun?

  • Beziehung gestalten

Welche Beziehungen geben mir Kraft? Wo fühle ich mich verstanden und wertgeschätzt? Ist es stimmig, was ich in diese Beziehungen investiere? Wie bringe ich mich in Beziehungen ein? Wo fühle ich mich zugehörig und weiß um die Sicherheit dieser Beziehung? Welche Beziehungen möchte ich intensiver leben? Welche tun mir nicht gut?

  • Zukunft gestalten

Bin ich in der Lage über die aktuelle Situation hinauszudenken? Kann ich mir vorstellen, dass sich die Situation verändern wird und auf das Beste hoffen? Wodurch kann ich heute positiven zukünftigen Entwicklungen den Weg ebnen? Welche neuen Möglichkeiten sehe ich in der Zukunft? Wo gibt es noch welche zu entdecken? Gestalte ich meine Zukunft pro-aktiv und ergreife die Initiative?

Viele Fragen…ich hoffe der kleine Resilienzcheck macht dankbar für das, was schon da ist und Mut zu neuen Schritten. Denn Resilienz kann man entwickeln! Und wieder taucht das Bild aus dem Vorspann von Peter Lustig`s Löwenzahn in mir auf. Er wird immer mehr. Der Löwenzahn vermehrt sich bis er schließlich überall wächst. Das wünsche ich mir, dass wir heute einige der Löwenzahnpflanzen entdecken, die schon da sind und diese Resilienz sich stetig weiter vermehrt und ausbreitet.

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