Hilfreiche Rahmenbedingungen für kindliches Spiel

Eben kam die Meldung, dass die Kontaktsperre nun noch bis zum 11. Mai verlängert wird. Puh…

Wir wollen gerne auf diese Situation mit ein paar praktischen Anregungen reagieren. Deshalb geht es heute um Spielen und welche Rahmenbedingungen Kindern helfen vertieft spielen zu können. Vielleicht ein Experiment für die nächsten Wochen…

Die Anregungen, die wir heute weitergeben sind ein breites Sammelsurium. Die letzten 10 Jahre haben wir uns der Frage gewidmet, welche Rahmenbedingungen Kinder in ihrem Spiel unterstützen. Wir haben viel getestet, uns mit diversen pädagogischen Konzepten beschäftigt und unter verschiedensten Bedingungen mit Kindern gespielt und ihnen einen Rahmen für ihr Spiel geschaffen. Aus all dem haben wir das übernommen oder beibehalten, was wir für wertvoll erachten. Daher können wir unsere Empfehlungen keinem bestimmten Konzept zuordnen. Wir hoffen, dass vielleicht ein paar hilfreiche Anregungen dabei sein werden. Am besten einfach austesten, Gutes behalten und das andere verwerfen. In diesem Sinne, schaut mal, ob etwas Interessantes dabei ist:

  • Raum und Zeit für Spiel

Diesen Punkt kann man eigentlich momentan außer Acht lassen, da die Situation uns ja die Gelegenheit gibt über etwas zu verfügen, dass bisher immer Mangelware war – Zeit. Von daher schätze ich, dass Kinder aktuell Zeit haben zum freien Spielen und ihr Tagesablauf Raum dafür lässt.

  • Weniger ist mehr

Um zu spielen und sich in ein Spiel zu vertiefen braucht man nicht viel. Ganz im Gegenteil – manchmal ist das Zuviel an Spielsachen auch ein Hindernis. Wir empfehlen zu schauen, mit welchen Spielsachen überhaupt noch gespielt wird. Alles was mehrere Wochen nicht angerührt wurde, wird eine zeitlang verabschiedet. Sozusagen ein Spielsachenrotationssystem. Ca. alle 8 Wochen wird umgeräumt (am besten findet man da seinen eigenen Rhythmus).  Das Spielzeug, was nicht mehr bespielt wird, kommt erstmal weg. Dann können die Spielsachen auf Wunsch immer wieder ausgetauscht werden. Volle Kinderzimmer sind nämlich keine Garantie oder Unterstützung für vertieftes Spielen. Wenn ich eine anregende Umgebung gestalte und meinem Kind je nach Entwicklung und Interesse Materialien zur Verfügung stelle wäre alles irgendwann völlig überfrachtet. Daher kommt man nicht umhin konsequent immer wieder andere Spielsachen „in den Urlaub zu schicken“. Mit größeren Kindern gestalten wir den Prozess gemeinschaftlich. Aufgrund der Tatsache, dass unser räumliche Platz begrenzt ist, ist es für die Kinder nachvollziehbar, dass die Spielsachen nicht alle da sein können, sondern beständig getauscht werden.

  • Wandelbare Materialien

Ich bin ein großer Fan von wandelbaren Materialien. Damit meine ich „Spielsachen“, die man für verschiedene Spiele nutzen kann. Sehr beliebt ist unser Korb mit diversen Tüchern – der war glaub ich auch noch nie „im Urlaub“. Diese Tücher werden für alle möglichen Spiele gebraucht. Aktuell werden sie als Wiesen, Berge, Wasser benutzt und bilden so eine Landschaft in der verschiedene Tiere leben. Aus den größeren Tücher und Decken werden regelmäßig Hütten gebaut. Außerdem gehören dazu Verkleidungsmaterialien, Seile (natürlich auf Verletzungsgefahr achten), Wolle und bei uns auch Papier, Stifte, Kleber und Schere. Die Letzteren sind zwar keine wandelbaren Materialien an sich, ermöglichen aber das schnelle Herstellen von Dingen, die plötzlich noch für das Spiel nötig sind. Für die Tierlandschaft fehlte zum Beispiel noch eine Schildkröte, die es bei uns nicht von Schleich oder Playmobil gab und so wurde sie schnell gebastelt. Sie ermöglichen es kreativ ein Spiel zu ergänzen und es zu beleben, daher nenne ich sie auch hier.

  • Anregende Umgebung

Damit ist eine Umgebung gemeint, die das Kind zum Spielen einlädt. Sie ist so „anregend“ gestaltet, dass man am liebsten sofort losspielen möchte. Ich besitze ein ganzes Sortiment an diversen Körben und Schalen. Wenn ich bemerke, dass sich eines der Kinder für etwas Bestimmtes interessiert, kommen diese Spielsachen in die Körbe und werden bereitgestellt. Ich merke zum Beispiel, dass Nele sich für Puzzle interessiert, dann suche ich ein Puzzle aus und eventuell noch Spiele in denen Sachen zusammengesteckt werden oder ähnliches und stelle es in den Körben in ihr Regal. Sie kann es also sehen und direkt loslegen. Penny und Lotti spielen momentan sehr gerne Rollenspiele. Hund und Tiger sind hoch im Kurs. Dass, was sie für dieses Spiel gebrauchen können steht für sie bereit (Hundegeschirr, Leinen, Verband, Bürsten, Napf für Essen und Trinken, Arztkoffer etc.). Mich erinnert dieser Punkt immer ans Essen. Man sagt ja, das Auge esse mit. Beim Spielen empfinde ich es ähnlich. In einer schönen, geordneten und „anregenden“ Umgebung fangen Kinder meiner Erfahrung nach meist sofort an zu spielen.

  • Eigenständiges Arbeiten ist möglich

Dieser Punkt hängt eng mit der anregenden Umgebung zusammen. Die Spielsachen und Materialien werden den Kindern so zur Verfügung gestellt, dass sie selbstständig damit „arbeiten“ und spielen können. Der Farbkasten steht zum Beispiel mit Malkittel, Wasserbecher, Pinseln und Blättern gemeinsam bereit. So kann sich auch Fritz schon seit einiger Zeit selbstständig alles herrichten und loslegen. Übrigens tausche ich auch hier regelmäßig nach Interesse aus. Mal steht die Knete im Regal, dann die Fingerfarben, mal die Steckperlen, dann wieder Stempel etc. Ich habe noch nicht wirklich entschlüsselt, woran es genau liegt, aber es macht es einen Unterschied, ob die Materialien alle in einem Schrank liegen und man könnte sie sich holen oder einen Erwachsenen darum bitten, oder ob sie offen bereit liegen und einladen loszulegen.

  • Beobachten und zur Verfügung stellen

Welche Materialien stellt man zur Verfügung? Wenn man bemerkt, dass sich ein Kind für etwas interessiert, kann man ihm diesbezüglich Spielmaterialien zur Verfügung stellen. Eine Freundin erzählte mir, dass ihre vierjährige Tochter sich aktuell dafür interessiert Namen zu schreiben. Mit ihrer Anlauttabelle kann sich nun damit spielen (ich trenne ganz bewusst nicht in spielen und lernen). Fritz hat gestern immer wieder eine Schere geholt und sie dazu benutzt damit Dinge zu greifen und zu transportieren. Leider haben nicht alle Gegenstände der Schere standgehalten. Daher habe ich heute Morgen sein Regal etwas umgeräumt und mit einigen „Greifern“ – wie er es nennt – bestückt. Penny und Lotti haben kürzlich ein recht spannendes Buch gelesen, in dem ein Löwe und ein Tiger vorkamen. Seit Tagen beschäftigen sie sich im Spiel damit. Daher habe ich gestern manches in den „Urlaub geschickt“, so dass wir jetzt Platz haben, um Höhlen und Gehege für Tiger und Löwe zu bauen. Das heißt, ich beobachte, wohin das Interesse meines Kindes geht und stelle ihm dann Materialien als Angebot zur Verfügung, falls es sich weiter mit diesem Thema beschäftigen möchte.

  • Chaos aushalten lernen

Kreatives Spielen läuft selten völlig geordnet ab. Als Penny und Kai noch kleiner waren und irgendwo zusammen spielten, wurde der Begriff „Künstleralarm“ unser Codewort. Wenn mein Mann dann manchmal von der Arbeit kam, wurde er schon mit den Worten „Achtung, es ist Künstleralarm“ von mir begrüßt und ihm war sofort klar, dass man sich nicht so einfach in der Wohnung fortbewegen kann. Oder als die beiden ganz vertieft spielten und ich dann im Bad den „Künstleralarm“ entdeckte. Das ganze Bad war voll von tollen Straßen aus Toilettenpapier auf denen die Autos und Tiere nun langfuhren (damals gab es noch ja noch genug Toilettenpapier ;-)). Mittendrin zwei überglückliche Kinder. Das klingt jetzt als würde bei vertieftem Spielen immer völliges Chaos ausbrechen. Dem ist nicht so. Doch ich kann versichern, dass es nachher eben nicht mehr nach anregender, sondern nach bespielter Umgebung aussieht.

  • Respektvolle Haltung

Ich nehme es so wahr, dass das kindliche Spiel auch heute noch oft gering geschätzt wird. Es wird als Zeitvertreib abgetan. So als haben Kinder ja sonst nichts Besseres zu tun.

Ich bin überzeugt, dass Spiel die Grundform des Lernens ist.  Ich glaube, wenn wir Lernen und Spiel nicht derart voneinander getrennt hätten, dann würden wir Erwachsenen heute wahrscheinlich viele unserer Tätigkeiten mit spielerischer Leichtigkeit tun.

Ich erinnere mich noch daran wie ich als Kind mein eigenes Bügelbrett und ein Bügeleisen hatte, was wirklich warm wurde. Als ich etwas größer war, durfte ich mit Mamas Bügeleisen Taschentücher bügeln. Für mich war das ein Spiel. Und auch heute noch liebe ich Bügeln. Es bringt mich noch immer zum Staunen wie es zischt und leicht dampft, wenn ich das Kleidungsstück vorher bisschen eingesprüht habe. Die Begeisterung ist geblieben wie vorher alles verknittert ist und nachher wieder seine Form gefunden hat. Bis heute bügele ich mit spielerischer Leichtigkeit und freue mich immer, wenn es wieder soweit ist. Was ich damit sagen will: Ich glaube wir sollten viel mehr Achtung und Respekt vor dem Spiel unserer Kinder zeigen! Ihm begegnen wie wir unserem Partner begegnen würden, wenn er im Home-Office arbeitet. Wertschätzen, dass da etwas Bedeutendes vor sich geht. Wer sich mehr dafür interessiert, dem empfehlen wir das Buch von Andre Stern „Spielen um zu fühlen, zu lernen und zu leben“.

Wir hoffen, dass die Rahmenbedingungen eine kleine Unterstützung sein können für die nächsten Wochen. Weil wir spielen für so wichtig halten, werden wir es die bald nochmal aufgreifen und bindungsorientiertes Spielen mit Kindern einen Artikel widmen…

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