Geliebt wie ich bin

Ein zweijähriges Mädchen hat eine Auseinandersetzung mit seiner Mutter. Es möchte etwas haben, was die Mutter ihm nicht geben will. Es ist ungeheuer wütend und wirft sich auf den Boden und beginnt zu schreien. Es schreit und schreit, rollt sich auf dem Boden hin und her und fühlt so große Wut. Irgendwann beruhigt es sich langsam. Was es etwas unsicher macht ist, dass es auf einmal gar keine Geräusche mehr um sich herum hört. In der Küche, wo die Mutter eben noch werkelte, ist es still geworden. Sie schreckt hoch, schaut sich um und bemerkt, dass keiner mehr da ist. Ihre Mama ist weg – sie ist alleine. Scheinbar ist ihre Mutter während ihrem Wutanfall gegangen. 42 Jahre später sitzt diese nun erwachsene Frau mir gegenüber und schildert mir, dass sie in ihrem Leben Probleme hat, weil sie nicht in der Lage ist „Nein“ zu sagen. Sie leidet darunter, dass es ihr nicht möglich ist dafür zu sorgen, dass respektvoll mit ihr umgegangen wird. Im Gespräch erzählt sie mir diese Geschichte, die ich freundlicherweise weitergeben darf. Ähnliches hat sie noch einige Male erlebt, wenn sie wütend wurde und etwas anders wollte als ihre Eltern. Mich wundert es ganz und gar nicht, dass sie heute so fühlt. Sie hat damals ganz clever gemerkt, dass es ihre Beziehung gefährdet, wenn sie ihre Wut zeigt und hat einen großen Schreck bekommen, dass sie dann alleine sein wird.

Diese Geschichte macht deutlich, dass uns heute manchmal Dinge Probleme machen, die früher mal sinnvoll waren (siehe „Unsere einzigartige Schönheit entdecken“). Und sie zeigt, dass hier ein bestimmtes Gefühl konsequent abgelehnt wird. So steht die konstruktive Kraft der Wut dieser Frau leider ebenfalls nicht mehr zur Verfügung und sie darf nun erst neu lernen die Wut als hilfreiches Gefühl wieder in ihr Leben zu integrieren.

Heute soll es darum gehen wie so etwas passieren kann. Welches Verhalten kann bei Kindern bewirken, dass sie lernen, dass bestimmte Gefühle nicht sein dürfen?

Vorab will ich nochmal kurz zwei Dinge betonen. Es geht hier nicht um irgendwelche Schuldzuweisungen. Wenn wir als Eltern uns auf einer der Arten verhalten, die ich gleich beschreibe, hat das seinen guten Grund. Vielleicht wurde mit uns schon auf diese Art und Weise umgegangen. Im Kontext der eigenen Geschichte ein verständliches Verhalten. Doch heute will ich gerne den Blick darauf richten, wie es auf unsere Kinder wirken kann. Zum anderen bin ich sicher, dass kein Mensch unbeschadet durch dieses Leben geht und nur positive Erfahrungen macht. Und ebenso sicher bin ich, dass wir als Eltern immer wieder Dinge tun, die wir rückblickend gerne anders hätten. Bei den Dingen, die ich aufliste geht es nicht um ein einmaliges Verhalten, weil man grade mal keine andere Möglichkeit gesehen hat, sondern um ein sich regelmäßig wiederholendes Muster. Und sollte es der Fall sein, dass man eines dieser Muster bei sich bemerkt, besteht die Möglichkeit es zu verändern und seinen Kindern, selbst wenn sie bereits größer sind, neue Erfahrungen diesbezüglich zu ermöglichen.

Im Folgenden sind nun ein paar Punkte aufgelistet:

Zum einen gibt es die Verhaltensweisen, die Kindern irgendwie Angst machen. Wie oben im Beispiel, dass die Mutter einfach geht. Ich habe es schon mehrfach auf dem Spielplatz erlebt, dass Eltern zu ihren Kindern sagen, dass sie nun gehen, wenn sie nicht mitkommen. Ich habe noch kein Kind gesehen, das nicht verzweifelt hinterhergerannt ist, wenn die Eltern tatsächlich gegangen sind. Sogar die Mama von Bobo Siebenschläfer, die ich eigentlich wirklich gerne mag, will auf dem Spielplatz ohne Bobo gehen, weil dieser nicht nach Hause möchte. Für mich ist das ein Spielen mit der Angst meines Kindes (Verlassenheitsangst).

Auch wenn Eltern die Wutanfälle ihrer Kinder ignorieren, gehe ich davon aus, dass das den Kindern Angst macht. Sie merken, sobald sie ein bestimmtes Verhalten zeigen, gehen die Eltern aus dem Kontakt mit ihnen und sind nicht ansprechbar. Erst dann wieder wenn sie z.B. die Wut ablegen. Auch hier geht es wieder darum, dass für das Kind die Beziehung zu seinen Bezugspersonen existenziell ist und jeder Abbruch von deren Seite vom Kind als bedrohlich erlebt wird. Es wird erfolgreich sein und die Kinder werden sehr wahrscheinlich ihr Verhalten einstellen – doch zu welchem Preis?

Auch das Ausreden von Gefühlen ist durchaus geläufig. „Du brauchst keine Angst zu haben! Ach, da muss man doch nicht traurig sein! Du hast gar keinen Grund hier so rumzumotzen!“ Diese oder ähnliche Aussagen vermitteln einem Kind den Eindruck, dass das Gefühl, was es grade empfindet, nicht richtig ist. Erlebt es immer wieder, dass ihm bestimmte Gefühle ausgeredet werden, wird es diese zunehmend weniger äußern.

Bestrafen und Drohen erklären sich vermutlich von selbst. Hier wird ganz offensichtlich Angst gemacht. Ich erinnere mich noch gut an einen Geburtstag als die Eltern ihrem aufgeregten Kind drohten, wenn es jetzt nicht aufhöre mit seinem Verhalten, könne es den weiteren Geburtstag alleine im Auto verbringen. Es hat funktioniert – das Kind war ruhig. Ich schätze es hat gelernt, dass es gerne bei seinen Eltern sein darf, aber nur, wenn es so ist wie diese es haben wollen.

Auch Ironie und Sarkasmus will ich noch erwähnen. Auch leider sehr effektiv um Kinder dazu zu bringen bestimmte Gefühle abzulehnen. Ein Kind, das gefallen ist und von seiner Mutter wieder als „unser kleiner Tollpatsch“ den anderen vorgeführt wird, passt nächstes Mal wahrscheinlich besser auf oder sucht keinen Trost mehr bei seiner Mutter.

Die bisher beschrieben Verhaltensweisen haben gemeinsam, dass sie mit der Angst von Kindern vor Beziehungsabbruch und Liebesentzug spielen. Und dieses starke Bedürfnis eines Kindes nach Zugehörigkeit, Verbindung und Kontakt als Druckmittel genommen wird. Das traurige ist wirklich, dass es funktioniert. Doch es hat – wie ich finde – sehr unschöne Konsequenzen und weitreichende Folgen.

Nun will ich noch drei weitere Verhaltensmuster nennen, von denen man auf der ersten Blick vielleicht nicht denken würde, dass sie letztlich einen ähnlichen Effekt haben. Dazu gehört das „Vertrösten“, Ablenken und der generelle Versuch Konflikte zu vermeiden. Wichtig ist mir, dass es nicht darum geht, dass man sein Kind tröstet oder ihm etwas Kommendes in Aussicht stellt, worauf es sich freut. Ich meine hier Situationen, in denen Eltern in Stress kommen, weil sie die Gefühle ihres Kindes nicht aushalten können und daher schnell etwas dagegen unternehmen „müssen“.

Ein kleiner Junge sieht auf dem Spielplatz, dass ein anderes Kind mit einem Laufrad fährt. Er will auch unbedingt Laufrad fahren und beginnt zu weinen. Die Mutter fragt das Kind, dem das Laufrad gehört, ob ihr Sohn mal fahren darf. Das Kind sagt nein und möchte sein Laufrad für sich haben. Der Junge ist untröstlich. Und jetzt kommt der feine Unterschied. Die Mutter gerät nun in Stress. Das Weinen und der Frust sind für sie so unangenehm, dass sie alles versucht, dass der Junge wieder aufhört zu weinen. Sie bietet ihm Kekse an, würde sogar Bonbons verteilen, verspricht Zuhause könne er seinen Lieblingsfilm anschauen etc. (vertrösten, ablenken) Am nächsten Tag als sie sieht, dass das Kind mit seinem Laufrad wieder auf dem Spielplatz ist, macht sie einen Bogen um den Spielplatz (Konfliktvermeidung).

Zugegeben ist es nicht sofort ersichtlich, warum ein solches Verhalten dazu führen kann, dass Kinder lernen bestimmte Gefühle abzulehnen. Ich glaube, dass der Junge ganz genau merkt wie bedrohlich sein Weinen und sein Frust für seine Mutter sind. Er spürt ihren Stress und ihre Versuche diese Gefühle wieder „weg zu bekommen“. Es kann es dem Kind die Botschaft vermitteln, dass es doch bitte anders sein soll. Mama kann das nicht aushalten, wenn du dann so sehr weinst – sei bitte wieder fröhlich und zufrieden. Und das Tragische ist, dass diesem Jungen etwas Wichtiges genommen wird. Nämlich die Erfahrung, dass man solch heftige Gefühle haben darf und jemand bei einem ist UND diese Gefühle sich dann auch verändern. Ihm bleibt das Glück verwehrt zu fühlen, wie befreiend und reinigend es sein kann, wenn man seinen Schmerz ausweinen darf, wirklichen Trost findet (der Schmerz darf hier sein und muss nicht aufhören) und dann wieder in Kontakt kommt mit seiner Lebendigkeit und Kreativität (möglicherweise hätte er einen Stock gefunden, mit dem er spielt, dass dieser sein Laufrad sei oder ähnliches). Die Gefahr bei diesem Muster ist, dass die Kinder sehr irritiert davon sind, dass ihre Eltern so in Stress geraten wegen ihren Gefühlen und sich wohlmöglich sogar davon anstecken lassen. Dass Mama oder Papa sich als „gute Eltern“ infrage gestellt fühlen, selbst traurig werden, überfordert sind uvm. Das kann Kindern Angst machen und dazu führen, dass sie beginnen Verantwortung für ihre Eltern zu übernehmen. Und was werden sie dann tun? Genau, diese Gefühle versuchen nicht mehr zu fühlen, damit es Mama oder Papa nicht so schlecht geht.

Was kann man stattdessen tun?

Lernen die Gefühle meines Kindes auszuhalten und zu begleiten. Es darf alle seine Gefühle zeigen. Ich gebe ihm einen sicheren Rahmen und achte darauf, dass niemand Schaden nimmt. Ich bin da, halte mit aus, begleite, schenke Empathie – gehe den Weg mit durch das Gewitter bis die Wolken sich verziehen und die Sonnenstrahlen sich langsam wieder zeigen. Mit allem was ich tue, sage und fühle versuche ich zu verkörpern: Unsere Bindung bleibt! Ich bin da! Du darfst so sein wie du bist! Du darfst diese Gefühle jetzt haben – das ist ok! Ich fühle mit dir (anstatt mitzuleiden), achte auf meinen inneren Raum um mich nicht anstecken zu lassen (von deiner Wut z.B.) und gemeinsam können wir schauen, was eigentlich los ist (siehe dazu auch die Themen „Biomüll und Weltfrieden“ und Folgende).

Ich hoffe, dass sich dadurch Kinder zu Erwachsenen entwickeln, die wissen, dass sie so geliebt sind wie sie sind. Die sich annehmen können und ihre Gefühle wahrnehmen, angemessen ausdrücken und regulieren können. Die das Leben wagen mit all seinen Höhen und Tiefen und wissen, dass sie nicht alleine sind, egal was kommen mag.

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