Unsere einzigartige Schönheit entdecken

Als ich dieses Bild gestern Abend entdeckt habe, hat es mich berührt. Für mich drückt es auf ganz wunderschöne Art und Weise aus, dass uns unsere Wunden und schmerzhaften Erfahrungen zu etwas Besonderem machen. Dass wir grade durch sie eine individuelle Schönheit erhalten. Sie lassen unser Einzigartigkeit erkennbar werden und gehören zur unsere Persönlichkeit.

Ich habe darüber nachgedacht, welche Voraussetzungen es braucht, dass dies möglich ist und will heute etwas davon teilen.

Gestern ist es ja schon mal angeklungen, dass es in der Regel nicht gelingt uns auf Knopfdruck zu verändern. Die meisten Menschen, die ich kenne hadern mit irgendetwas, dass sie in ihrem Leben erlebt haben, aktuell erleben oder wie sie sind. Die Liste ist lang: eine gescheiterte Beziehung, der Tod eines geliebten Menschen, ein unerfüllter Kinder- oder Partnerwunsch, eine Krankheit, eine traumatische Kindheit usw. Gleichzeitig auch Dinge, wo wir mit uns selbst kämpfen: die eigene Ungeduld, Wutausbrüche, Sorgen, Ängste, Perfektionismus, Pessimismus, die eigene Körperlichkeit – ganz allgemein etwas Bestimmtes von unserer Art zu Denken, Fühlen oder Handeln.

Ich habe mich dann gestern etwas über Wunden bei Bäumen informiert. Meine Recherchen ergaben, dass die gängige Meinung darin besteht, dass kleinere Wunden eines Baumes in der Regel alleine heilen. Problematisch wird es bei größeren Wunden. Denen muss man sich zuwenden und sie versorgen, da sonst die Gefahr besteht, dass der Baum daran zugrunde geht.

Wie können wir mit unseren Wunden umgehen, um nicht einzugehen?

Ich glaube ein wesentlicher erster Schritt ist, dass wir uns der Wunde zuwenden. Dass wir hinschauen und sehen, dass uns da etwas verletzt hat und nicht einfach weitermachen wie bisher. Wenn wir bereit sind die Verletzung zu sehen, kann man überlegen, welche Versorgung die Wunde braucht. Oft handelt es sich um Trauerarbeit. Ich schreibe dieses Wort ganz bewusst, weil es für mich ausdrückt, dass Trauern ein sehr intensiver Prozess ist und man dort hart arbeitet. Es ist ein schwerer Weg, aber er dient der Gesundheit und Heilung. Hier gäbe es jetzt noch vieles zu sagen über Trauerprozesse, was heute jedoch den Rahmen sprengen würde. Dazu etwas an anderer Stelle…

Bei den Punkten, wo wir mit uns selbst hadern, verhält es sich ein wenig anders. Hier sind wir diesen Dingen ja meist sehr zugewandt. Und wir arbeiten daran und überlegen hin und her wie wir sie endlich loswerden. Die Ängste sollen verschwinden – wir kämpfen gegen sie an. Wir wollen endlich positiver denken und strengen uns an, dass die negativen Gedanken weniger werden. Leider bewirken all diese Bemühungen langfristig eher das Gegenteil. Kurzzeitig reicht die Disziplin vielleicht aus, aber auf lange Sicht nimmt das, wogegen wir ankämpfen immer mehr Raum in unserem Leben ein. Damit diese „Wunden“ ebenfalls unsere einzigartige Schönheit wiederspiegeln können, ist es notwendig den Blick darauf zu verändern. Und das ist gestern bereits angeklungen – ich konzentriere mich nicht länger darauf, dass das Problem verschwindet, sondern gehe davon aus, dass dieses Verhalten, diese Gefühle oder auch Gedanken psycho-logisch sind. Sie ergeben in Verbindung mit meiner Geschichte einen Sinn. Noch gewagter ausgedrückt sind sie möglicherweise die bisher beste Lösung, die ich finden konnte. Durch diesen Perspektivwechsel kann es gelingen, dass ich aufhöre gegen etwas an oder in mir zu kämpfen. Ich beginne freundlicher auf mich zu sehen. Wage den Gedanken, dass meine Angst mir etwas sagen möchte oder meine negativen Gedanken irgendwann mal ein für mich sinnvolles Verhalten dargestellt haben. Und ich beginne mich auf die  Reise zu machen, mich selbst besser verstehen zu wollen. Vielleicht entdecke ich, dass ich nicht gelernt habe oder es früher auch nicht erlaubt war, dass ich mich abgrenze. Auch heut gelingt mir das nur schwer und ich kann kaum Nein sagen. Irgendwann platzt mir dann der Kragen. Oder meine Angst macht mich auf etwas aufmerksam, was nicht sein darf. Ein bestimmtes Gefühl und ich meine so meine Beziehung zu sichern. Meine negativen Gedanken geben mir eventuell das Gefühl wenigstens alles getan zu haben, um möglichst viel Kontrolle zu haben. Oder ich spiele die schlimmsten Szenarien bereits durch, um mich darauf vorzubereiten, weil ich nicht erlebt habe, dass, wenn es schlimm wurde, jemand für mich da war. Ich entdecke möglicherweise, dass ich immer dann beginne Süßigkeiten zu essen, wenn ich mich traurig oder einsam fühle und eben nicht erfahren habe, dass Menschen mich trösten. Ich kann keine Entscheidungen treffen, weil ich nicht gelernt habe, dass es nicht perfekt sein muss und man auch durchaus Fehler machen darf aus denen man vieles lernen kann. Auch diese Liste ist lang und ganz individuell.

Aber ich denke das Prinzip ist klar. Ich gebe dem Problem einen neuen Rahmen. Höre auf es zu bekämpfen und stelle mir die Frage, was es mir sagen würde oder für mich tut, wenn ich ihm eine positive Absicht unterstelle. Auf diesem Weg lerne ich es zu würdigen als Versuch, der vermutlich irgendwann mal meinem Leben gedient hat. Und kann die eigentliche Wunde versorgen. Für die beschriebenen Beispiele hieße das: Ich darf Nein sagen und mich abgrenzen. Meine Wut kann mir helfen meine Position zu beziehen. Oder ich darf lernen unerlaubte Gefühle zuzulassen. Schwäche, Wut, Trauer, Hilflosigkeit dürfen sein. Wo habe ich mich in einer schlimmen Situation alleine gefühlt, dass ich beschloss ab jetzt alles unter Kontrolle behalten zu müssen? Wie kann dieser innere Anteil heute versorgt werden? Wie kann ich heute lernen mich in meiner Trauer und Einsamkeit zu trösten?

Diese Wundbehandlung bedarf manchmal zusätzliche Hilfe von vertrauten Menschen, Seelsorgern, Beratern und Therapeuten.

Ich glaube dass ein solcher Weg eine Möglichkeit darstellt wie die Wunden endlich versorgt werden können. Die Versorgung und die Heilung brauchen Zeit. Doch irgendwann verschließen die Wunden sich immer mehr. Sie gehören dazu. Werden immer sichtbar sein. Sie machen uns zu ganz besonderen Menschen und trägen zu unserer Schönheit bei. Ja, ich würde wagen zu behaupten, dass sie uns erst wirklich schön machen!

Zum Abschluss will ich eine kleine Geschichte erzählen. Eine Frau hat in ihrer Kindheit viele für sie schlimme Situationen erlebt. Ich lade sie zu einer Imaginationsübung ein, in der sie sich in ihrer Vorstellung einen sicheren Ort kreiert. Das tut sie und unter anderem gibt es an diesem Ort ein Sofa. Darauf liegt das kleine Mädchen von damals. Es liegt dort und weint. Es weint all die Tränen, die zu weinen es damals nicht in der Lage war. Die Tränen für die einzelnen Verletzungen werden aufgefangen und wie von Zauberhand verwandelt. Aus den Tränen, stellt sie sich vor, formt ein Engel ganz verschiedene Edelsteine. Neben dem Engel liegt eine Krone und er setzt die einzelnen Edelsteine in die Krone ein. In der Krone funkeln schon mehrere Edelsteine von bezaubernder Schönheit. Und das kleine Mädchen weiß, dass diese Krone einst sein Haupt wundervoll zieren wird…

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