Der Zauber der Emphatie

Die beiden letzten Artikel haben wir über Konflikte geschrieben. Und das sie sich oft nur ganz kurzweilig oder gar nicht lösen lassen, weil es noch ein Thema hinter dem Thema gibt. Gelingt es den anderen zu sehen mit dem, was ihm eigentlich Not macht, entspannt sich die Situation merklich und man kann, falls das überhaupt noch nötig ist, wesentlich leichter eine Lösung finden.

Gestern haben wir die Grundlage dafür beschrieben: die Haltung mit der wir einander begegnen. In diesem Artikel soll es nun um ein paar praktische Anregungen gehen. Da Eltern in Kursen oder Gesprächen immer wieder die Frage äußern: „Aber wie genau macht ihr das denn jetzt? Was heißt es sich einfühlen? Wie mache ich das?“, wollen wir es hier möglichst konkret darstellen – mal schauen, ob es uns gelingt…

Es kommt also zu einer Konfliktsituation, in der noch etwas nicht gesehen wurde an Bedürfnissen und Gefühlen:

  • Für mich sorgen, dass ich möglichst präsent sein kann…

Zunächst sorge ich dafür, dass ich in der Lage bin für den anderen ganz da zu sein. Ich schaffe mir gute Bedingungen, damit ich möglichst entspannt sein kann. Es klingt so simpel und logisch, doch in Gesprächen mit Eltern beobachte ich, dass man im Affekt oft nicht daran denkt. Meiner Erfahrung nach kann man kein solches Gespräch führen, wenn die Reibekuchen grade angebraten werden und man gleichzeitig darauf achten muss, dass nichts anbrennt. Mir ist schon klar, dass es mit mehreren Kindern fast unmöglich ist eine völlig ruhige Atmosphäre zu schaffen. Dennoch sollte sie so sein, dass ich möglichst entspannt bin. Ich horche also nochmal kurz in mich selbst hinein: Kann ich grade präsent sein? Brauche ich noch etwas? Muss ich vielleicht noch schnell einen Schluck trinken? Den Herd ausstellen? Eine WhatsApp schicken, dass wir später kommen? Usw.

  • Weg von der Handlung, hin zu den Gefühlen und Bedürfnissen dahinter

Es geht nun nicht mehr vordergründig um das Geschehen und wer, wie, was getan hat, sondern darum welche Gefühle ausgelöst wurden. Dafür ist es grundsätzlich hilfreich sich mal mit Gefühlen und Pseudogefühlen zu beschäftigen (dazu vielleicht die nächsten Tage nochmal ein Artikel). Und sich die Fähigkeit anzueignen Gefühle differenziert in Worte fassen zu können. Wenn mein mein Gegenüber beschreibt, was passiert ist, versuche ich mich in ihn einzufühlen und frage ihn z.B.: „Hast du dich erschrocken als Theo dir einfach das Spielzeug aus der Hand gerissen hat?“ Mich leitet die Frage: Wie könnte der andere sich gefühlt haben als das passiert ist? Nun beginnt ein Tanz – zwei Schritte vor, einer zurück oder so ähnlich. Es ist überhaupt kein Problem, wenn man erstmal noch nicht das trifft, was dem anderen wirklich Not macht. Der andere spürt dennoch, dass ich mich bemühe ihn zu verstehen und ich ergründen will, was sein eigentliches Problem ist.

  • Welches Gefühl ist bei mir angekommen oder wird weitergegeben?

In den Beispielen der letzten Tage wurde es deutlich, dass versucht wird den Schmerz, den man empfindet, weiterzugeben. Wenn es mir sehr schwer fällt die Gefühle oder Bedürfnisse herauszufinden, schaue ich welches Gefühl bei mir angekommen ist (wie gestern in dem Beispiel mit Jay). Ich achte darauf, was zurück-/weitergegeben wird. Kreieren wir mal ein durchaus realistisches Beispiel: Penny stolpert und fällt hin. Sie hat sich nichts getan, ihr Sturz sah aber sehr lustig aus. Lotti beginnt darüber zu lachen. Penny wird nun richtig sauer und läuft hinter Lotti her und will ihr am liebsten irgendwie weh tun. Hier sagt mir, dass was Penny gerne zurückgeben will, etwas darüber wie sie sich wahrscheinlich fühlt. Ich unterbreche den Konflikt und frage sie: „Verletzt es dich, dass Lotti über dich gelacht hat?“ So haben wir dann zumindest schon mal einen Einstieg.

  • Auf Körperreaktionen achten

Wenn ich Penny dann frage und sie sich schon ein wenig darin wiederfindet, was ich gefragt habe, wird ihre Körperspannung nachlassen. Außerdem wird sie beginnen mir Aufmerksamkeit zu schenken und mit mir in Kontakt gehen. Ist das noch nicht so, suche ich weiter: „Macht es dich wütend, dass Lotti über dich gelacht hat?“ Oft ist es auch so, dass sich ein Gefühl nochmal richtig zeigt, wenn es endlich Raum bekommt. Es könnte gut sein, dass Penny nun erneut wütend wird und wieder versucht auf Lotti loszugehen. Ich würde sie davon abhalten und fragen: „Würdest du Lotti jetzt am liebsten ganz weh tun?“ Ich schätze sie würde darauf mit Ja antworten und etwas entspannen. Dann würden wir noch eine Weile sprechen. Es käme vermutlich noch zur Sprache, dass sie sich geschämt hat, dass sie sich weh getan und auch erschrocken hat. Bei dem Punkt, dass sie sich verletzt hat, wird sie meiner Einschätzung nach nochmal losweinen. Dann reden wir weiter…

  • Was hättest du eigentlich gebraucht?

…darüber, was sie eigentlich gebraucht hätte. In diesem Beispiel: „Hättest du eigentlich gebraucht, dass dich jemand tröstet?“ Hier ist es ganz ähnlich, dass wir schauen, welches Bedürfnis sie eigentlich gehabt hätte: Trost, Unterstützung, Mitgefühl, Nähe, Fürsorge etc. Gefühle und Bedürfnisse müssen natürlich nicht voneinander getrennt werden. Wenn man darüber spricht, dass sie wütend ist, weil sie sich so hilflos gefühlt hat, ist es durchaus möglich danach zu fragen, ob sie Unterstützung gebraucht hätte. Wichtig dabei ist, dass die Gefühle den Raum bekommen, den sie brauchen und nicht schnell übergangen werden um zur Entspannung zu kommen. Wie gestern schon beschrieben ist das ein Trugschluss. Gefühle verändern sich erst, wenn sie sein dürfen. Natürlich sollte man sie auch nicht unnötig in die Länge ziehen.  

Ist man durch diesen Prozess gegangen ist es gut möglich, dass Penny das schon ausreichen würde und sie weiter spielen könnte – sogar mit Lotti. Vielleicht ist es ihr aber auch wichtig, dass Lotti, die ja unter Umständen diesen Prozess sowieso mitbekommen hat, nochmal hört wie es sich für Penny angefühlt hat und was sie eigentlich gebraucht hätte. Lotti bekommt dann ebenfalls Raum zu sagen, was sie empfunden hat. Sie hat sich möglicherweise auch hilflos gefühlt und wusste nicht recht, was sie tun sollte. Oder sie fand es einfach witzig und war nicht damit in Kontakt, dass es für Penny schmerzhaft war. Wenn beide Lust haben kann man überlegen, wie man das nächste Mal reagieren könnte.

Penny hätte so die Möglichkeit gehabt sich selbst ein Stück besser kennen zu lernen und herauszufinden, was sie braucht und das auch auszudrücken. Lotti hätte auch Raum für ihre Gefühle bekommen. Und beide hätten einander besser verstehen gelernt. Ich denke ihre Beziehung hätte sich vertieft durch die Erfahrung, dass sie sich zeigen dürfen und gesehen werden vom anderen.

Und das ist es, warum ich es – auch wenn es manchmal anstrengend und erstmal aufwendiger erscheint – so bereichernd finde. Man lernt sich selbst und den anderen besser kennen. Man begegnet sich von Herz zu Herz wie es in der Gewaltfreien Kommunikation heißt und vertieft die Beziehung…

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