Das Thema hinter dem Thema

Gestern haben wir ja darüber geschrieben, dass es bei einem Konflikt meist noch ein Thema hinter dem eigentlichen Thema gibt.

Ein Beispiel dazu:

Letzte Woche Mittwoch kam es immer wieder zu Konflikten an denen Jay beteiligt war. Auch ich geriet öfters mit ihm in Konflikt. Es ging um ganz verschiedene Themen. Er ärgerte eines seiner Geschwister oder tat Dinge wie Im Wohnzimmer mit dem Ball zu kicken. Eigentlich hatten wir uns nach einigen zerbrochenen Gegenständen darauf geeinigt, dass Fußball in der Wohnung nicht stattfindet. Irgendwann hatte ich genug und nahm Jay zu Seite. Wir hatten bisher immer über die Situationen an sich gesprochen, doch das hatte an der Grundsituation nichts verändert, denn nach einigen Minuten gab es schon wieder den nächsten Konflikt. Scheinbar wurde etwas noch nicht gesehen oder gehört, was Jay alleine nur auf sozial eher unverträgliche Weise ausdrücken konnte. So begannen wir zu sprechen. Ich frage ihn, was eigentlich los sei? Der Raum war eröffnet, denn nun war klar, dass es nicht mehr um die Situationen an sich ging, sondern ich verstehen wollte, was in ihm los ist. Jay antwortete „Nichts“. Früher hätte ich an dieser Stelle vielleicht aufgegeben. Doch nach einigen Jahren Training war mir klar, dass er nicht dazu in der Lage war es in Worte zu fassen. Ja, dass er es vielleicht sogar selbst nicht wusste. Ich überlegte innerlich was er haben könnte. Wie fühlte er sich? Was hatte er für ein Bedürfnis? Ich hatte keine rechte Idee und begann zu überlegen, welches Gefühl ich in diesen Situationen am Morgen hatte. Bei mir war angekommen „es soll jetzt sofort aufhören – ich kann es nicht mehr aushalten“. Mein Empfinden in den Konflikten mit ihm fühlte sich so an wie „kurz vorm Explodieren, zum Zerreißen gespannt“. Ich versuchte es einfach mal und fragte ihn: „Bist du angespannt? Kannst du es nicht mehr aushalten?“ Jay`s Körper antwortete mir unmittelbar, indem Spannung entwich. Er rückte etwas näher an mich heran und sagte: „Jaaaa!“ Ich wusste immer noch nicht, was ihn so anspannte. Aber einen Schritt waren wir schon weiter. Ich dachte kurz nach, was heute Morgen alles passiert war und was heute noch anstand, dass ihn eventuell aufregen konnte. Ich probierte ein paar Sachen, lag aber daneben. Plötzlich fiel mir ein, dass Jay heute Morgen mitbekommen hatte – und er bekommt immer sehr viel mit – dass heute Abend Angela Merkel mit den Landesministern berät, welche Maßnahmen bezüglich Corona weiter getroffen werden sollen. Ich fragte Jay, ob er angespannt sei und es gar nicht mehr aushalten könne zu erfahren, ob er sich morgen wieder mit seinen Freunden treffen kann? Jetzt hatte ich auf einmal meinen neujährigen Sohn im Arm, der begann sich zu entspannen. Ja, das war es gewesen – das war sein eigentliches Problem. Wir sprachen noch eine ganze Weile darüber wie sehr er seine Freunde vermisst, wie er sich fühlen würde, wenn er sie morgen wieder sehen könnte und wie wenn nicht. Nach diesem Gespräch war die Luft wieder rein und der restliche Tag lief recht entspannt ab – zumindest mit Jay.

Alle Versuche die einzelnen Konfliktsituationen zu lösen, selbst das Anwenden irgendwelcher erzieherischen Maßnahmen wie Bestrafungen, die leider immer noch oft genutzt werden, sind nicht zielführend. Im schlimmsten Fall lernen die Kinder nur ihre Gefühle gut zu unterdrücken und sich angepasst zu verhalten. Doch irgendwo werden sich diese Gefühle wieder ihren Weg suchen.

Viel hilfreicher ist es zu dem Thema hinter dem Thema durchzudringen. Das sorgt für Entspannung, man kommt wieder mit sich in Kontakt und ins Reine, lernt sich besser kennen, verstehen, innerlich in Balance bringen und es stärkt die Beziehung.

Was kann dazu beitragen?

Zunächst ist es sehr wichtig, dass Kinder den Erwachsenen vertrauen können, dass alles was sie äußern so sein darf. Sie werden nicht korrigiert, zurechtgewiesen oder ihre Wahrnehmungen werden ihnen ausgeredet. Sie müssen wissen, dass sie alles sagen und zeigen können, was in ihnen ist und das von den Erwachsenen gewürdigt und angenommen wird. Es darf sich zeigen wie es ist. Der Erwachsene schaut mit darauf und muss an dem, was sich zeigt nichts „machen“. Es geht nicht darum, dass die Kinder etwas von sich zeigen und wir stürzen uns direkt darauf und versuchen es zu verändern. Haben Kinder diese Befürchtung, werden sie ihr Innerstes hüten und das, was wirklich ist, nicht zeigen. Wenn ich daran teilhaben darf, dass Menschen sich anschauen was in ihnen ist und auch mir einen Blick darauf gewähren, habe ich höchsten Respekt davor. Ich achte es als großes Geschenk, dass mir der andere macht und weiß um seine Verletzlichkeit und das Vertrauen, was er mir grade entgegenbringt. Das nehme ich sehr dankbar an. Gefühle verändern sich von ganz alleine, wenn sie sein dürfen. Solange wir noch wie Jäger ansitzen, die darauf warten, dass die Gefühle sich zeigen und wir sie dann schnappen und ausschalten können, wird es meiner Meinung nach sehr schwierig.

Ich glaube, dass diese Atmosphäre und Haltung die Grundlage und gleichzeitig das „Schwerste“ an der ganzen Sache ist. Denn, wenn wir diese Haltung lernen wollen, dann hat das auch etwas damit zu tun wie wir mit uns und unseren Gefühlen umgehen. Man sagt, dass man das, was man sich selbst nicht erlauben kann, auch anderen nicht zugestehen kann. Das heißt wenn ich mich mit der ganzen Farbenpracht meiner Gefühle nicht annehmen kann, wird es mir schwer fallen bestimmte Gefühle bei meinem Kind da sein zu lassen ohne den Impuls das Gefühl jetzt „wegmachen“ zu müssen. Ich werde die Trauer eines anderen zum Beispiel nur aushalten und nicht vertrösten müssen (wirklicher Trost lässt die Trauer zu), wenn ich meine eigene Trauer auch fühlen kann. Sonst wird mich die Trauer meines Kindes immer antriggern und ich werde gestresst versuchen es möglichst schnell wieder fröhlich zu stimmen, damit es dieses „schlimme Gefühl“ nicht länger ertragen muss.

Morgen werden wir ein paar konkrete Tipps beschreiben wie man sich dem eigentlichen Thema nähern kann. Doch heute wollen wir uns ganz bewusst nur auf die Haltung konzentrieren, denn damit steht und fällt das ganze Gespräch.

Zusammenfassend:

  • Ich schaue mich selbst liebevoll an und habe Zugang zu meinen Gefühlen
  • Ich übe mich darin, mich mit meinen Gefühlen anzunehmen und selbst zu regulieren
  • Ich entwickle Vertrauen, dass sich Gefühle, die angenommen und integriert werden auch verändern
  • Ich bin da und nehme den anderen und wie er sich zeigt an so wie es ist – ich muss/will es nicht verändern
  • Ich achte und würdige das große Vertrauen, dass der andere sich mit seinem Inneren mir zeigt
  • Ich bin da, ich gehe mit und unterstütze wo es gewünscht ist
  • Ich halte eine gesunde Abgrenzung – ich fühle mit, leide aber nicht mit. Ich lasse dem anderen seine Gefühle und mache sie nicht zu meinen eigenen

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