Biomüll und Weltfrieden

Als ich heute Morgen die Wäsche in die Schränke räumte, hörte ich mehrere laute Schläge. Da wir mit drei Familien in einem Haus wohnen, ist es eigentlich nichts Ungewöhnliches – doch irgendwie klang es komisch. Bei genauerem Hinhören war ich mir sicher, dass das Klopfen aus unserer Wohnung kommen musste. Wo war eigentlich Fritz? Schnell ging ich den Geräuschen auf die Spur und stellte fest, dass Fritz einen Hammer aus Papas Werkzeugkiste geholt hatte und fleißig unsere Wände bearbeitete  – ganz wie Papa. Nun ja, ich unterbrach seine hingebungsvolle Arbeit und Fritz brach sofort in wütende Tränen aus. Nach kurzer Zeit ließ er sich dann in den Arm nehmen. Seine Reaktion kam mir allerdings irgendwie komisch vor. Zum einen weiß er eigentlich schon, dass unsere Wände nicht einfach vom Putz befreit werden. Und zum anderen kam mir dieses wütende Weinen so vor als stecke da noch mehr dahinter. Fritz wollte natürlich den Hammer wiederhaben. Ich hielt kurz inne und überlegte, was passiert war bevor Fritz in unser Wohnzimmer gegangen war. Penny und Lotti hatten gleich nach dem Aufstehen begonnen zu spielen. Zunächst durfte Fritz kurz mitmachen, dann setzte sich das Spiel aber in der Legoecke in Pennys Zimmer fort, in der alles fein säuberlich aufgebaut war und Fritz durfte nicht mehr mitspielen. Ich hatte noch aus dem Nachbarzimmer mitbekommen wie sie ihm klarmachten, dass er die Sachen immer umwirft und er ihnen nicht gut genug aufpasst. So musste er Pennys Zimmer verlassen. Scheinbar war er danach nach unten gegangen und hatte seinen Frust an der Wand ausgelassen. Also beschloss ich, dass es wenig Sinn macht weiter über den Hammer zu diskutieren und fragte Fritz, ob er traurig sei, dass er bei Penny und Lotti nicht mitspielen dürfe. Fritz nickte und aus den Tränen voller Wut wurde jetzt ein tieftrauriges Schluchzen. Jetzt waren wir angekommen bei dem eigentlichen Schmerz. Nachdem der versorgt war, konnten wir uns dann nochmal ganz anders über den Hammer und unsere Wände unterhalten. Als Fritz sich dann mit seinem Hammer draußen am Holz zu Werke machte, musste ich noch ein wenig über die Situation nachdenken.

 Ich glaube, dass Konflikte ganz oft damit zu tun haben, dass wir unseren eigentlichen Schmerz nicht spüren. Anstatt ihn selbst zu fühlen, geben wir ihn lieber direkt weiter, indem wir dem anderen auch wieder Schmerz zufügen.

Eine andere Situation, die eigentlich in den letzten Wochen fast täglich vorkommt: Kai und Theo fällt es besonders schwer keinen Kontakt mit ihren Freunden zu haben. So sind sie dann beide immer mal frustriert, ihnen ist langweilig und sie wissen nichts mit sich anzufangen. Dahinter steckt wohl die Trauer, dass sie sich grade einsam fühlen, gerne mit jemand in Kontakt kommen wollen, etwas Schönes erleben wollen, aber nicht wissen was. Ihre Strategie ist dann, dass sie anfangen einander oder Jay zu ärgern. Jay ist zum Beispiel am Puzzeln, dann kommt Kai und hält seinen Kopf so nah an die Puzzleteile, dass Jay ärgerlich wird, weil er eigentlich grade ganz entspannt in Ruhe puzzeln wollte. Nun ist die Frustration und der Ärger, den Kai in sich hat, auch bei Jay angekommen und der gibt ihn entweder an Nele weiter, indem sie wegen irgendwas ein Puzzleteil an den Kopf geworfen bekommt oder er fängt direkt an Kai zu beschimpfen. Dieser regt sich darüber natürlich auch wieder auf und würde man sie lassen, würden beide irgendwann auf dem Boden liegen und sich verprügeln. Wahrscheinlich würden danach beide weinen und wenn wir genauer hinschauen, kamen wir vermutlich wieder an den Punkt, dass Kai eigentlich traurig ist, weil er sich alleine fühlt, Jay grade nicht mit ihm spielen will und es ihm schwer fällt seine Langeweile auszuhalten.

Als ich ein Bild für dieses Phänomen gesucht habe, fiel mir irgendwie nur unser Biomüll ein (der Dampfkessel ist irgendwie schon so ausgelutscht). Ich finde immer, je länger ich ihn nicht ausleere, umso ekliger wird es. Bringe ich ihn täglich in die Tonne, ist es noch eine ganz erträgliche Sache. Ich glaube mit unserem Inneren ist es manchmal ähnlich. Je länger wir bestimmte Gefühle, Verletzungen und Wunden wegdrücken, umso mehr fangen sie an zu stinken, eitern, sich zu entzünden.

Bei meinen Kindern ist es mir meist so eindrücklich. Wenn ich sehe wie einer sich verletzt fühlt und wütend wird und dann den anderen auch wieder verletzt. Wir Erwachsenen gestalten das wohl etwas subtiler und gesellschaftskonformer. Das ließe sich jetzt über persönliche Konflikte weiterdenken bis zu Streitigkeiten zwischen Ländern oder sogar Kriegen.

Was kann ein Weg sein zu einem friedlicheren Miteinander? Ich denke: Den Müll regelmäßig rausbringen! Wenn uns jemand verletzt hat, innezuhalten und den Schmerz zu fühlen ohne vorher schon verbal zurückzuschlagen.

Natürlich ist das kein Plädoyer dafür alles mit sich machen zu lassen. Es geht mir nur darum, dass die Spirale von Schmerzverteilung unterbrochen wird. Und wir uns nicht an Nebenschauplätzen verausgaben, sondern wir für das eigentliche Problem eine Lösung finden. Ich hätte mit Fritz lange über den Hammer diskutieren können. Letztlich hätte sein wirklicher Schmerz nicht mitspielen zu dürfen aber keinen Raum bekommen und sich vermutlich danach wieder in anderer Form zeigen müssen. Als wir über die Situation gesprochen haben, gab er seiner Trauer Raum und „leerte sich aus“. Danach konnte er wieder fröhlich spielen und die Welt war in Ordnung – wohlgemerkt durfte er immer noch nicht mitspielen. Auch Kai und Jay sind in der Lage stundenlang darüber zu diskutieren was wie ungerecht war und wer wie angefangen hat etc. Sehr, sehr mühsam und es bringt letztlich überhaupt nicht viel, denn 15 Minuten später geht es mit etwas anderem weiter. Die Lage entspannt sich, wenn Kai bereit ist zu sehen, was eigentlich los ist. Dann kehrt Ruhe ein und man kann nun auch erst wirklich überlegen wie es weitergehen soll.

Immer wenn etwas anfällt, den „Müll“ auszuleeren ist eine sehr intensive und durchaus auch anstrengende Begleitung. Doch ich glaube, dass es zwar mal eine Zeit mühevoller ist, es aber auf lange Sicht sehr das Familienleben bereichert, wenn man dahingehend investiert. Die Familienatmosphäre wird sich entspannen und die Kinder können emotional und sozial unheimlich davon profitieren. Auch in einem größeren Zusammenhang gesehen, leistet man damit Friedensarbeit. Hilfe, dass Menschen wieder mit sich ins Reine kommen und lernen sich selbst immer wieder auszubalancieren. Die kleinen Spiralen von sich hochschaukelnder Aggression und Gewalt zu unterbrechen. Eine wirklich traumhafte Vorstellung für mich, wenn Generationen heranwachsen, die diese Fähigkeiten mitbringen.

Für uns Erwachsene gilt das natürlich ebenso. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich zum Beispiel beginne genervt auf meine Kinder zu reagieren. Wenn ich dann innehalte und mich frage: „Was ist denn eigentlich los?“, fällt mir ganz oft auf, dass es gar nichts mit der Situation und mit meinen Kindern zu tun hat. Ich habe unter Umständen grade die Nachricht einer Freundin erhalten, die mich ärgert. Und jetzt war ich dabei diesen Ärger und Frust schon an den Nächsten weiterzugeben.

Wer hätte gedacht, dass unser Biomüll für mich eines Tages noch zum Symbol dafür wird, mich für Frieden einzusetzen. Und natürlich ist er mir nur als Beispiel in den Sinn gekommen, weil ich daran vorbeigelaufen bin und er schon langsam beginnt eklig zu werden. Daher setze ich nun mal einen Punkt und bringe ihn in die Tonne. Und beim nächsten Konflikt, werde ich an ihn denken…  

Morgen nochmal mehr dazu, was hilfreich sein kann um zu dem Eigentlichen durchzudringen und wie man dann mit der Situation umgehen kann.

Ein Kommentar zu “Biomüll und Weltfrieden

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